Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1916)
- Date
- 1916-06-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 25 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 201 Unser Dichter Zum 25jährigen Dichter-Jubiläum Bialiks Wenn für die Große des Dichters sein Weltgefüllt, seine prometheische Titancnstiinmung und die betörende Weißglut seiner Sprache von Bedeutung ist, so hat unser Bialik seinen Platz,;m der Tafel der (irollen unseres Zeitalters zu beanspruchen. Aber nicht die für die Außenwelt bestimmte :Wertung des jüdischen Genius, nicht die Aufdvckimg eines unserer (irollen vor aller Welt licet uns im Sinne, wenn wir auf die universale Bedeutung Bialiks hinweiseil . Wir wollen ihm vielmehr dadurch in unseren eigenen Reihen das Ansehen gehen, das dem schon seit fünfzehn Jahren Lu der jüdischen Welt als poeta laureatus der jüdischen Nation Gefeierten gebührt. Denn nur zu gut ist bekannt, wie sehr die an fremden grollen Vorbildern erzogene Jiideiiheit in ihrem eigenen Dichter, wenn sic sieh überhaupt zu ihm bekennt, mehr das Allgemeine, A Ihnen schliche, wie sie es nennt, denn das spezifisch Jüdische slieht. Der Grund für diese ungewöhnliche Geringschätzung des imiivklucli Jüdische!! liegt wohl darin, dali der Jude, der nicht in seiner eigenen Tradition aufwächst -־ und ganz gewiß keine eigene künstle- >, rische Tradition besitzt —, den Mallstab seiner ) Beurteilung und Wertung nicht aus sich selbst heraus schafft, sondern der Kultur seiner Umgebung entleiht und auf seine eigene Stiefkulttir ״auwendet“. Soweit daher das jüdische Schaffen, mit diesen! fremden Mallstab gemessen, noch groß und erhaben scheint, so weit ist cs imstande, auch dem volkeiitfremdeten Juden ein Erleben zu werden. Und darin besteht gerade Bialiks besonderc Bedeutung, daß er dem Juden den Reichtum des ״reinen“ Menschentums gibt, das er finden will. Bialiks Schmerz ist nicht der Sdimcrz des bedrückten und verfolgten Dreizelinmillionenvülkes, er ist das icidvollc Urerleben aller unfreien Völker der Erde, wenn auch in höchster Steigerung und vollkommener Gestatt. Bialiks geißelndes Feuerwort trifft nicht die jüdischen Wohltäter, sondern die getuißsüchtige Jntclligenz aller Völker, die mit Geld Wun- I den m heilen sich vermißt. Bialiks Sprache ist nicht mehr die abseitige, schönrcdnerischc des biblischen Musivstils, die seine lebcnsfremderen Vorgänger pflegten, sie ist prägnant und bewegt sich im Meere des modernen mcnschlichcns Empfindens. Und was vor allem ins Ge- ■wicht fällt: Bialik ist frei von aller traditionellen jüdischen Milieu-Schilderung, von aller Winkelhaften Kleinschilderei. Seine Themen — und wögen sie auch dem Alltäglichsten entnommen sein — sind in die Atmosphäre des Pathos, einer auch bei Dichtern ungewöhnlichen Gehobenheit gerückt. Das Zufällige, Akzidcntieile, bloß Ausmalcnde fehlt. Er kennt im Gegensatz zu seinen Vorgängern eine wohltuende Ockonomik der Bilder und Farben. Seine Stoffe sind zu klassischer Vollkommenheit gereift. Sie sind alle in gewissem Sinne einzigartig und erschöpfeud, und wem es eiufallen wollte, nach bim den gleichen Stoff dichterisch zu behandeln, wüßte irgendwie epigonenhaft erscheinen. Diescs in der neuhebräischen Poesie Moderne an ßmliks Stoff-, Bilder und Wortvvclt bringt ihn ■aucli dein erlesensten Geschmack europäischer Kunstkritik nahe. Er ist der Emanzipator der Jieuhehräischen Dichtung, Aber nicht dieses ist es, was uns Bialik so teuer macht. Nicht weil er die wuchtige Diktion des europäischen Kulturmenschen und ^>0 stolze Kraft der Verhaltenheit, das Symbol konzentrierten modernen Schaffens, in sich groß zog, nicht weil der modische ücnialilätsbegriff dem Bialikschen Schaffen Eingang in die Welt der großen Kunst gewährt, ist er ,unser Dichter. Er ist trotz der mcnschheit- Wien Konzeption seines Dichtens der Poet des jüdischen Volkes und des jüdischen Lebens. Sein Schaffen und seine Höhe ist nur aus dem inuna- "*״t jüdischen Geisteszusammenhang zu erlassen, dessen bis nun letztes Entwicklung*־ glied er ist. Bialik kommt aus dem Tief- Jüdisdien und er mündet im Tief-Jüdischen. ״ hat an allen Lebenswassern der jüdischen Vergangenheit und der grausamen, zur letzten Entschließung zwingenden Gegenwart getrunken und sein letztes, allerletztes Wort geht stets in den dunklen chaotischen Urschoß der jiidisehen Selbstvcrstrickung ein. Das schwerste Leid, die tiefste Erniedrigung sucht bei ihm in sich selbst den Grund. Sogar ein russischer Pogrom, diese alleräußerste und äußerlichste Form des jüdischen Leids, wird von ihm so veriuiierlicht, daß er ihm nicht die von außen ciudriugomlc Gewalttat aufgehetzter Holigauc, sondern ein tiefer jüdischer Vorgang ist, der seinen Anlaß nur in der jüdischen Unfähigkeit hat, sieh aufzuraffen und das Unheil in seiner Wurzel zu erkennen, das Ergebnis ungezählter voraufgegangener jüdischer Würdelosigkciteil. Nicht der Aufschrei unschuldiger Frauen und Kinder, wehrloser Greise gellt ihm ins Ohr, sondern die Klage *der jammernden Volksseele, an der sich das cinhrcchcndc Gericht für die tausend Laster der Halbheit und Schwäche vollzieht. Das ist Bialiks letztes Wort. Ein altneucs Wort, das er in uns aufgerichtet hat: daß unser höchstes Judescin nichlt Menschcntum heißt, sondern unseres höchsten Menschcntums Entfaltung Judescin. Das mittcrnächtliche Tikkun - Chazzot, der zerbrochene Flügel der Schechina, der schwindsüchtige Wanderiehrer, die jammernde Stimme des ewig glühenden Muthmid, diese erdgewachsenen Oebilde Bialiks haben höheren Anteil am Bestand der Welt als die feile Phrase von einem Judentum, dessen 11 öc liste Form, die cntsiiinlichtc Atmosphäre eines reinen Menschentums, zum Wenigsten verpflichtet. Diesen unseren bitteren und sinnlosen Wahn von dem Dasein eines mcnschhcitlichen Begriffes neben unserem Judesein, dieses süße, einlullende Gift der hohen Kultur rings um uns, ätzt Bialik unerbittlich aus unserer Seele durch das gewaltige Menschentum seiner jüdischen Urkraft, durch die Identität seines Jude- und Menschscins. Kein Dichter des Ostjudentums, obgleich ihn dort seine Muse fand und er dort die meisten seiner Kenner und Verehrer zählt. Er ist der Dichter aller derer, die die Treue zu sich besitzen oder wiederfanden. M. M. Cliaim Nachman Bialik Uebcr jeden hebräischen Dichter der Gegenwart läßt sich vielleicht leichter vor einem niehlhebrüischcn Leserkreis schreiben als über Bialik. Nicht etwa, weil er der unbekannteste, fremdeste von allen wäre; ganz im Gegenteil: weil er der berühmteste von allen ist. Er ist der einzige hebräische Poet der Gegenwart, dessen Name beinahe europäischen Klang gewonnen hat. Ein jeder hat ihn gehört; sehr viele haben manche seiner Gedichte schon in inehr oder minder schlechten Uebcrsctzungcn gelesen, kurzum: man ״kennt“ ihn, man hat ihn bereits abgestcmpelt utid etikettiert, man! weiß, daß er der ״Dichter des jüdisch-nationalen Gedankens“, daß er der moderne ״Prophet“ ist. Und nichts ist bekanntlich so schwer, als gegen solche Masscuctikctteii und Marktstcnipel anzukämpfen und durch sie hindurch zum wahren Verständnis der Persönlichkeit zu gelangen. Die Etiketten sind nicht eigentlich falsch, sic enthalten wie alle Schlagwörter einen durch1aus richtigen Kern. Aber sic sind banal, obenflächlich und nichtssagend. Wenn ich Bialik als den ״nationalen Dichter“ abstcmple, habe ich damit allein noch nichts für ihn Eigenartiges ausgesagt, und •wenn man ihn gar als den ״Propheten“ charakterisiert, so ist das in der Haupt- Sache höchst irreführend und falsch. Vergessen wir also für eine Weile die Etiketten und fassen wir den Dichter selbst ins Auge. Eins muß da vorangestellt werden, nicht weil es seine größte Gabe ist, sondern weil cs für alles andere die Voraussetzung bildet: sein Künstlertum. Bialik ist ein großer, gottbegnadeter Künstler, das Wort in seiner unmittelbarsten Bedeutung genommen, einer, der zum höchsten ״Können“ befähigt ist. Es muß dies umso mehr betont werden, als man beim! populären ״nationalen“ Dichter gerade die rein künstlerische Seite weniger zu betonen pflegt und geneigt ist, sein Künstlertum über dem nationalen Inhalt seiner Kunst zu übersehen; und es muß dies auch darum noch besonders gesagt werden, weil gerade in der neuhebräischen Literatur, der jungen Schöpfung unseres Volkes, in dem die Pflege des Aesthetischen stets weniger geübt ward als bei anderen, das rein künstlcrische Element das wenigst entwickelte und vollkommene ist. Umso höher ragt darum Bialik in seiner künstlerischen Höhe empor. Ihm ist eine Gcstaltnng.sfähigkeit, eine Formungskraft von seltener Vollkommenheit gegeben; man erkennt dies nirgends besser als in seiner Sprache. Gerade an der Art, wie ein Dichter die Sprache, diese primitivste, elementarste, allgemeinste Form des Ausdrucksvermögens, beb andeit, läßt sich seine Gestaltungskraft, sein ״Können“, seine künstlerische Stärke am deutheilsten vvahrnchmen. Bialik ist in der liebräisehen Literatur der größte Sprachkünstler; einzig und allein Mendele Mochcr Sforim erreicht;lui manchmal auf dem Gebiete der Prosa; in der Poesie steht er als Spradilveherrscher unerreicht da, mit der beste Beweis, daß er nicht nur der populärste, sondern aucl! der größte Dichter der neuhebräischen Literatur ist. An sein hohes Künstlertum reiht sich die zweite große Gabe seiner Persönlichkeit: sein Dichtertum. Wenn idi es hier ausdrücklieh erwähne, so will ich damit seine starkje dichterische Individualität hervorheben; und dies tut not. Denn für gewöhnlich sind die spezifisch nationalen Dichter, die populärsten und beliebtesten Herolde nationaler Gefühle und Hoffnungen, als dichterische Individualitäten sehr unbedeutend. Sie sind eben nichts als Medien, Gefäße, Ausdrucksmittel des nationalen Empfindens, das in ihnen seinen klarsten Niederschlag findet. Außerhalb dieser Sphäre sind sie bedeutungslos. Bialik ist kein ״nationaler“ Dichter dieser Art. Er ist dazu eine viel zu starke Individualität. Er ist auch dort derselbe große Dichter, wo er nicht nationale •Themata besingt. Er wäre derselbe große Dichter gewesen, wenn er nicht innerhalb des russischen Judentums geboren wäre und nichts von dem ganzen Komplex der jiidischcJi Leiden, Hoffmungen und Erinnerungen gewußt hätte, der ihm das zentrale Thema seiner Dichtung geworden ist. Ja, ich kann mir sogar vorstellen, daß er dann vielleicht, — rein dichterisch, literarisch, individuell gesehen, — in seinen Schöpfungen noch reiner, eigenartiger und makelloser gewesen wäre. Denn er ist in seinem innersten י Wesen ein Dichter von der Art jener ganz reinen und seltenen Poeten, die zu nichts anderem geboren sind, als um das Lied, das in ihnen schwingt, ausströmen zu lassen, als zu singen, frei und selig von all dem Schönen und Herrlichen, das in der Welt ist, zu singen und zu dichten. Bialik als Sohn eines freien, glückliehen Volkes, als Deutscher oder Italiener — ein nachdenkliches Thema zum Problem der jüdischen Golustragik. Er aber wurde als Golusjtide geboren, als Golusjudc des Landes, in dem der Go Ins trostloser ist als in jedem anderen. Mitten in diesem russischen Golusjudentum wuchs er auf; die erste Melodie, die er als Kind vernahm, war die Singsangwcisc des Gemorohlernens seines Vaters, eines armen, hart um sein Brot arbeitenden Mannes. Dann ging er in den ״Cheder“, besuchte die ״Jcschiwoh“, und in Wolosin, dem Zentrum des Jesehiwohstudiums, einer Kapitale golusjüdisclicn Geistes, schrieb er seine ersten Verse. Und gleich sein erstes Gedicht: an den Vogel gab das ürundmotiv an zu seiner gesamten Dichtung: die Negierung des Golus und die Sehnsucht nach Zion. Hier ist der zentrale Ausgangspunkt zum Verständnis Bialiks; in dieser Tatsache, daß er, der große Künstler, der gottbegnadete Dichter, als Golusjude geboren ward. Das bedeutete, daß er das, was er unter einer anderen Sonne, , in einer anderen Atrnosphäre sonst unzweifei- ׳ haft geworden wäre, worauf ihn vielleicht seine innerste Natur hin wies, nicht geworden ist und i nicht werden konnte: der Sänger der Schönheit, j der Künstler der Freude, der Dichter der Sonne, 1 des Frühlings, der Liebe, des Lebens. All dies