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Jüdische Rundschau · 1916-06-23 · Heft 25 (23.6.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 25 (23.6.1916)
Date
1916-06-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 200 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 25 I ' 1 * t•־ I ,!' I 1!{ : U ü Erfahrung gelernt, daß diese Begründung nicht richtig sein kann, denn er macht das freiwillige und uneingeschränkte Zugeständnis, Zionisten wären für die staatliche Gemeinschaft ein außerordentlich wertvolles Element. Dali er uns aber als freiwilliges Geschenk zugestehen will, was!wir als uuverätilierliehes Recht bean- Sprüchen, kann uns nicht verwirren, so wenig uns seinerzeit das von jüdischer Seite gestellte Verlangen nach unserer Entrechtung irremachen konnte. Oskar A. H. Schmitz beruft sich auf die Logik, aber er selbst bleibt ihr nicht durchwegs getreu. Er untersucht die moralischen Qualitäten der deutschen Juden in ihren verschiedeuen Schichtungen, um festzustellen, wie weit eine jede von ihnen zum Staatsbiirgertiuu und zur vollen Gleichstellung taugt. Abgesehen davon, dali diese moralische Wertung für Eüdagegen sehr wichtig, für die Auslegung der Gesetze aber nicht Voraussetzung ist, macht sich aber diese Moral keine Skrupel, wo es um die Wertung der dritten Schicht deutscher Juden, der Getauften geht. Sie stellen allerdings noch immer unter den Juden. Aber bei ihnen wird die Frage nicht mehr aufgeworfen, wie groll ihre moralisch-staatsbürgerlichen Qualitäten sind. Das macht doch diese ganze Moralmethode etwas anrüchig . . . Interessant ist, wie sich Schmitz zu der vierten grollen Gruppe deutscher Juden stellt: ״den anderen“. S« bezeichnet er alle jene, die in die ersten drei Gruppen nicht passen, und findet cs schon bezeichnend, dal! man keinen zutreffenden Namen für sie finden kann. Allerdings könnte ein Logiker Herrn Sch'mitz. erwidern, dali ein Sammelname eben dann nicht zutreffend sein kann, wenn er Gruppen heterogener Art umspannen soll; und solche ungleichartige Gruppan gibt es eben auch in diesem Komplex der ״anderen“. Schmitz versteht aber unter diesem Sammelnamen alle, die sich nicht entscheiden können, ob sie ganz, zum Judentum gehören oder sich ganz, dem christlichen Deutschtum anschlichen sollen. Er stölit auf ihr Bekenntnis, dali sie sieh zur Taufe nicht cnlselilieben können, weil sie niemals der Ueberh'efcrung ihrer Vorfahren untreu werden wollen: ״Wir sind Juden und wollen Juden bleiben“. Als Deutscher empfindet Schmitz Achtung vor diesem Bekenntnis, aber er findet, dali hinter ihrem Judentum nichts Lebendiges mehr steht und dali cs ihnen nur eine Erinnerung sei, die auch ihre Nachkommen als etwas Ehrwürdiges pflegen könnten, auch wenn sic getauft wären. Mit welcher Harmlosigkeit wird hier die Psychologie der Getauften beurteilt! Schmitz versucht festzustcllcn, worin dieses unfaßbare Judentum der sich nicht Entscheidenden besteht. Er lehnt den Begriff der jüdischen Rasse ab, sicht aber doch einen jüdischen Rassengeist, der sich in Moses und Jesaias, in Salonion und Jesus Sirach, in Jehudah ben Haücvi und Spinoza ausgeprägt hat. Daneben gebe cs den entarteten Geist des jüdischen Großstadtmenschen, wie er in einem Teil der Presse und Bühne und in den gesellschaftlichen Gewohnheiten gewisser jüdischer Emporkönunlingsschiehten unverkennbar ist. Hier ist aber nicht der Ort, eine Auseinander- Setzung mit Schmitz über diese Teilung zu pflegen. Wichtiger ist liier die Stellungnahme zu seiner Forderung. Sic geht dahin, daß eben diese ״anderen“ , Juden, in denen die Unentschiedenlieit und Halbheit zu einer Entartung führt, sich endlich entscheiden müßten. Wenn sic sich nicht zum Zionismus entschließen, müßten sie wenigstens ihre Kinder taufen lassen, damit diese entlieh einmal in ein ganzes und nicht zweispaltiges Milieu kommen. Die Taufe sei ein Sinnbild der Willcnsrichtung. Zu ihr müßten sich diese halben Juden entschließen, wenn sic ganz deutsch werden wollen. Sic müßten etwas Entgegenkommen zeigen. Da ein charakteristisches Kennzeichen dieser ״anderen“ Juden ist, daß sie kein Organ und keine Vertretung besitzen, werden sic selbst sich zu diesen Ansprüchen, die an sie gestellt werden, nicht äußern können. Darum kann vielleicht einmal ein zionistisches Organ, das sonst diesen anderen Juden so wenig erwünscht ist, für iie eintreten und erklären, daß die Forderung des Herrn Schmitz, diese Forderung von außen her, als gänzlich unstatthaft betrachtet werden muß. So ganz primitiv geht es in der .Seele dieser zwiespältigen Juden nicht zu. Auch hier ist die reinliche Logik nicht allein bestimmend, (ieistige Kräfte lassen sich nicht mit dem Lineal abgrenzen. Trotzdem hat Oskar A. LI. Schmitz, wenn er von Entscheidung spriciit, etwas Berechtigtes im Sinne. Einen Willen zur Entscheidung verlangen wir ja seilet stets von den Juden unserer Tage, aber mit der von außen verlangten Ent- Scheidung hat unser Ruf zur Ganzheit wenig zu tun. Wir verlangen von den Juden unserer Tage, daß sie sich wiederum bewußt werden, wie lebendig das Judentum in ihnen ist, an dessen Kräfte zu glauben sic verlernt haben. Wir verlangen von ihnen, daß sie sich der Kräfte der jüdischen Gemeinschaft bewußt werden und sie als lebendig und schöpferisch empfinden. Daß sie der Lüge der Assimilations- Ideologie absagen, welche das Judentum als eine rein konfessionelle Bindung auffaßt, die man wie ein abgetragenes Kleid ablegen kann. Unser Ruf zur Lntscheidung bekommt seine Lcgitimalion durch unsere Arbeit für die Schaffung! neuer jüdischer Werte. An ihr teilztmehmen, fordern wir jeden Juden auf, der sich noch in uneingeschränktem Bekenntnis mit dem Judentum verbindet. Darum verstellen wir es, wenn diese Juden weder für sich die Taufe wählen, noch für ihre Kinder, Wenn sie auch selbst nicht die Hoffming haben, sich zur einheitlichen Ganzheit aufziiriugeii, so hoffen sie doch, daß vielleicht ihre Kinder den Weg zum neuvvcrdeiuleu lebendigen Judentum finden werden. Diesen Weg wollen sic ihnen nicht versperren und darum werden sie dem Appell, den Oskar A. H. Schmitz an sic richtet, kaum Folge leisten. Von jenen Baldgetauften, die solche Hoffnung nicht haben, wollen wir liier nicht sprechen, weil sic nur mit Unrecht mit jenen zusammengetan werden, die sich doch noch in einer lebendigen Beziehung zum Judentum fühlen, wenn sie auch weder Rechtgläubige, noch Zionisten sind. Die Entscheidung über die Zukunft des Juden- (ums wird allerdings in der Entscheidung jedes einzelnen vorbereitet und verwirklicht, der sich seines Judentums bewußt ist und es nicht nur als eine historische Tatsache, sondern auch als eine Aufgabe und Verpflichtung füllt. Vielleicht wird mancher die Notwendigkeit entschiedener Stellungnahme für das ganze Judentum dcutlieber fühlen, wenn er von dem Lockruf zur Taufe 11011, Aber es soll nicht der Glaube aufkommen, daß dieser Lockruf von jenen gebilligt wird, die sich über ihr eigenes u nein ge* schrünktes Bekenntnis zum Judentum im klaren sind. Da wir wissen, daß auch in den Kindern der ״anderen“ die entwicklungsfähigen Kräfte des Judentums ruhen, glauben wir an die Mög- Iichkeit ihrer Weckung und machen unser Recht auf die jüdische Zukunft dieser Jugend geltend. Leo Herrmann. Von der amerikanischen Kongreßbewegung Die erste Sitzung des von der Philadelphier Vorkonferenz gewählten Exckutiv-Komitces der jüdischen Kongreßorganisation fand am 9. April in der Acolian Hall zu New-York statt. Louis D. Brandeis eröffnetc, wie ״The Jewish Advocatc“ mitteilt, als Ehrenpräsident der Philadelplüer Vorkonferenz* die Sitzung. Zum Vorsitzenden der Versammlung wurde Mr. Jacob de Haas, dessen Jubiläum seiner 25 jährigen zionistischen Tätigkeit vor kurzem in den zionistischen Kreisen Arnerikas feierlich begangen wurde, zum Sekretär Leo Wolfson gewählt. Das Exckutiv-Koinitcc wählte eine clfglicdrigc Kommission (Committee on Plan and Scope), die Aufgabe hat, der nädisten Sitzung des Exekutiv- Komitees Mitglieder für ein zu bildendes Komitee zur Erforschung der jüdischen Lage in Europa und anderen Ländern, sowie der Imnilgrationsfrage In Vorschlag zu bringen. Ferner »oll das ״Committee on Plan und Scope“ die Ausführbarkeit des Plane* untersuchen, den׳ Kongreß als permanente Institution citmisetzcn. Den von der Philadelphier Vorkonferenz gewählten sieben Kommissionen wurde nadi einem Bericht von ״The American Jewish Cltronicle“ .1״f dieser Sitzung die Direktive gegeben, Sachverständige zuzuziehen, die ihnen die notigen Unterlagen lH׳i der Untersuchung folgender Materien geben sollen. Es soll untersucht werden: 1. Die Lage der Juden in Rußland. 2. Die JiKlcngcsctzgebung in Rußland bis zur Zeit Alexander II. 3. Die gesetzlichen Beschränkungen seit Alcxander 11. bis zum 31. Juli 191-1. 4. Die Beschränkungen in Rußland, die von Gouverneuren, Stadt- und Polizeibeuinten ausgingtn. 5. Die Frage der gesetzlichen Anerkennung der nichtnissischen Nationalitäten und anderer Gruppen im Zarenreich. 0. Aclmliche Untersuchungen sollen über die Lage der Juden in Rumänien, Polen, Galizien und Palästina aiigcstellt werden. 7. Anschließend daran soll die I ragc der jüdisclien Einwanderung nach Amerika nacli folgenden Gesichtspunkten eingehend untersucht werden. Es soll geschaffen werden: 1. Eine statistische Uehers clit über oie jüdische Auswanderung aus allen Teilen Europas und Kleinasiens nach Westeuropa und Amerika seit 1881 mit einem Bericht der diese Auswanderung regulierenden und unterstützenden Agenturen und über die von ihnen verausgabten (ieldcr. 2. Ein Ucberblick über die Gesetzgebungen in den verschiedenen Ländern Europas und Amerikas, die sich auf die Erleichterung, Regulierung und Erschwerung der jüdischen Einwanderung beziehen. Anschließend daran soll über die verschiedenen für die Einwandcningsfrage eingesetzten Regierungskommissionen ein Bericht gegeben werden. 3. Eine statistische Ucbcrsicht über die jüdisclie Binnenwanderung in Westeuropa und Arnerika und ein Bericht über die landwirtschaftliehe und andere jüdische Niederlassungen fördernden Organisationen. 4. Eine Statistik der Auswanderung aus allen Teilen Europas und Amerikas nach Klcinasicn, Asien und Afrika zusnmmen mit einem Ikridit über die Binnenwanderung in Asien und einem Bericht der diese Wanderung regulierenden Agentu re n. 5. Direktiven für eine praktische jüdische Emigrationspolitik. 8. Es soll eine kurze Ucbcrsicht über die jüdisehen Kongresse seit Beginn des Exils gegeben werden. 9. Es soll die Frage untersucht werden, ob cs möglich ist, den amerikanisch-jüdischen Kongreß als permanente Institution einzuführen und ob dies wiinsehenswert ist. 10. Die in Vorschlag gebrachte Konstituierung eines permanenten Kongresses ist vorzubereiten. Auch die Judcnhcit Argentiniens hat sich bekanntlich der Kongreßbewegung angcschlossen, (s. Jiid. Rundschau vom 31. März). Von der am 26. bis 29. Februar in Buenos Aires abgc* haltcncn Konferenz xvird jetzt mitgctcilt, daß sie von 120 Delegierten besucht war, die eine Rcpräsentanz der 10001)0 Juden Argentiniens ohne Unterschied der Partei und Richtung darstellten. Die Konlen.n1 faßte Resolutionen über die Tagesordnung des Kongrosses, die mit den Beschlüssen der anderen aim־- rikanischcn Konferenzen völlig übercinstimnit. An der Konferenz beteiligten sich auch sieben Delegierte der jüdischen Sozialisten, die im Gegensatz zu vielen ihrer Genossen in den Vereinigten Staaten sich der Forderung bezüglich Palästinas angcschlossen haben. Unter anderem beschloß auch die argentinische Konferenz, daß der amerikanisch-jüdische Kongreß eine ständige Institution bleiben soll. Das ״American Jewish Committee‘, das bekanntlich der Kongreßbcwvgung feindlich gegcnübcrstcht, beschloß auf seiner letzten im Hotel Astor, New-York, am 14. Mai abgchaltcncn Sitzung eine Gegenaktion zu unternehmen. Es sollen alle jüdischen Organisationen des Landes zu einer Konferenz, die im Juni stattfinden soll, eingcladcn werden. Wie die J. A. K. erfährt, ist anzunchmm, daß die großen Organisationen, die sich der Kongreßbewegung unzweideutig angeschlossen haben, der Einladung nicht Folge leisten werden. # * /

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