Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1916)
- Date
- 1916-06-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 194 Nr. 24 J U E Dl SC H E RUNDSCHAU Aeußeren verbarg sich ein tiefer Lebensernst. Er halte Bedeutendes geleistet, jetzt rnhl er draußen mit so vielen andern Makkabäern. Und wenn im neuen jisrhub Heidenliaine künden Werden von den vielen, die gefallen sind, tler Name Jacques Bing wird dort ciiigograbeti sein mit ehernen Lettern. Ihr aller, Ihr graingcbciigteii Eltern und Ihr treuliebenden Geschwister, beugt Euch dem Willen der Vorsehung. Ihr habt dem Verstorbenen alles gegeben, was Ihr ihm geben konntet, sein Leben hat Euer Leben bereichert. Nun, da er dahin, soll sein Name uns geheiligt und sein Andenken dauernder sein als ein Denkmal von Stein und Erz. I>r, Fohl e n-Dicdenhofcn, Die dreißig Trauertage um Schalom Alejcliem Ans Amerika sowie aus Palästina und Rußland hegen noch keine Nachrichten über die Trauer um Schalom Alejehems Tod vor. Für die jüdische Presse in Polen waren diese dreißig l äge volle Trauertage. I He schwarzen Ränder, die die Traiierkundgehiingen der verschiedenen jüdischen Anstalten, zionistischen Vereine, literarischen Gesellschaften, jüdischen Wohltatigkeifsvercine und sogar der Synagogen umralunfeu, verschwanden niclu aus den /.eitungen. Die Presse, ohne Unterschied der Sprache und Richtung, brachte ununterbrochen! neue kritische Beiträge, biographische Notizen, l jeder, Erinnernngeil, Würdigungen und Begebenheiten aus dem l.eben des unvergeßlichen großen Toten. In nnsführhellen Abhandlungen suchen llillcl 7 eit li 11, N. Priluzkv, II, No mb erg _u. a. 111. den tinersdiopfliclicn Schatz seines Schaficns zu erläutern und das Geheimnis seiner außerordentlichen Beliebtheit zu ergründen. S. Seltnem׳ verewigt <J!c Trauer des Volkes in den schweren Hexametern seines inomunvntalcn jidischcn Poems;,Ein Denkmal". Kuhnud wirken die vielen privaten Briefe des Verstorbenen, die Diene soll n, Jazkau u. a. der Oeffentlichkeit übergaben. Auch in der jüdischen Presse Deutschlands, Oesterreich-Ungarus, Galiziens, Rumäniens, Dänemarks und der Schweiz, wurde der Tod des Dichters als Volksuuglück empfunden und gewürdigt. Von großen Traucrversammluiigen wird u. n. aus Wien, Kopenhagen, Genf und München berichtet. In Warschau, Lodz und anderen Städte» der polnischen Provinz wurden große Versammlungen zu ״Schloschim“ abgehalten. An der Bahre Der größten jüdischen Gemeinde der Welt, den nahezu anderthalb Millionen Juden New-Yorks, ist die Aufgabe zuteil geworden, dem toten Schn-!״in Alejcliem die letzte Ehre zu erweisen. Die Beerdigung (and, wie die J A K. schreibt, Montag, den 15. Mai statt und trug den Charakter einer nationalen Trauerfeier von gewaltigen Dimensionen. Auf eine V i c r t e I m i I! i o 11 Menschen w ird die beteiligle Menge geschätzt. Kinder der ׳national-radikalen u. national-hebräischen Schulen, Deputationen jüdischer, politischer, kultureller, gewerkschaftlicher, Wirtschaftheller Organisationen aller (iesellsehaftsschirhten bildeten den Kern des seiner im.ibselibaren I raner- Zuges, der sieh vom 1101(111111011־ Stadtteil Bronx über Hark'in und die Steoinl Avenue durch das Herz des jüdischen East Side bis zu East Broadwav, dem Mittel]ronkt der jüdischen Presse, wal/te. Die bed(UtendsU11׳ jüdischen Schriftsteller und Publizisten I Levin, Sch, Asch, Reisen, Jehoasch, Pinskv, Hirsch- Bein, Ab. Kalian, Liesm, Syrkin, Schitlowsky 11. a. in, - bildeten in den zwei Tagen bis zur Beerdigvmg eine Ehrenwache, die Tag und Nacht dem Sarg umgab. Von ihn«! wurde der Sarg auch im Z-uge getragen. Trauerreden wurden im Gebäude der ״Educational Alliance“ und am offenen Grabe gehalten, u. a, von Dr. Magiu s, Pitisky, Jehoasch, Reisin, Asch, Dr, Sehmarjah Levin, Chasanowitsch, Wintsehcwsky. — Einen erschütternden Eindrutk machten die am 14. Mai veioffentliditen letztwilligen V e r f ü g 11 n g e ת v o n Schal o m Alejcliem. In seinem Testament schreibt der große Dichter vor, daß man ihn nicht unter Aristokraten, Reichen, ■sondern zwischen einfachen Juden, Arbcilern, mit dem armen Volke, begraben soll. ״Der Grabstein aut meinem Grabe soll die Gräber um mich umstrahlen, und die einfachen Gräber sollen meinen Grabstein verschönern, wie das einfache, ehrliche Volk zu meinen Lebzeiten seinen Volks׳• dichter zierte." Sdhaknn Alejdvem lehnt jedes Denkmal ab. Man lese lieber und verbreite seine Werke und sorge für eine ehrenvolle Existenz sc hier Fa• tniUe. ״Idh gehe von der Welt mit dein festen Glauben, daß das Volk meine Waisen nicht verlassen wird." An seinem Todestag«, bittet der Dichter nach ihm Kaddisch zu sagen, oder sein Testament und irgend eine seiner ״Geschichten" vorztik'scn. ״Religiöse UebeiZeugungen können meine Kinder lind Enkel welche immer halK'ii. Nur ihre jüdische Abst.imimmg bitte ich sie zu bewahren. Diejenigen von iik inen Kindern, die von ihrem Stamm abfallen und einem andern Glauben bcitretcn sollten, haben sieh selbst aus meinem Testament gestrichen, sie haben keinen Teil noch Erbe unter ihren Brüdem." 10 Prozent der Einnahmen aus seinen Werken vermachte Schalom Alejuhem einem zu gründenden Fonds für jüdische Schriftsteller, die jkiisch «Hier hehr;lisch schrciln•». Zur Ausführung des letzten Willens des großen Toten wurde von seinen nächsten Freunden ein ״Sc 11a Io 111 Alejcliem Volks fond“ begründet/Aiieh das American Jcwish-Komittee hat in seiner am I I, Mai nlvgehnltenen Konferenz beschlossen, der Familie des Dichters einen Fond von 10000 liollar zur Verfügung zu stellen. Die jüdischen Schriftsteller New-Yorks haben in ihrer Traiierversammlung beschlossen, auf dem Name׳» von P c r e /. und S c 11 a Io in A I c j ch c in einen jüdischen Schriftsteller - Verband zu gründen. Epitaph* Do lieg( a 3ud, a poschuter, Geschrieben Jüdisch-deutsch far Weiber Un far das proßte Volk is er — Gewen 0 Humorist, a Schreiber. Dos ganze Ceben ausgeiacht, Geschlogen mit der Welt kappores. Die ganze Welt hot gut gemacht Un er -־ oj weh — gew.en auf Zoresl Un davke demolt, wenn der Ojlom hot Gelacht, geklatscht un flegt sich frohen Hot er gekrenkt — dos weiß nor Gott — Beßod, as keiner soll nit sehen. Schalom fllejchem. Schalom Alejcliem der Zionist Schalom Alejcliem, dessen ״Schlosch im" die jüdische Presse Polens in diesen Tagen feierlich begeht, war /eit seines Lebens ein treuer Anhänger und Verkünder der zionistischen Idee. Seinen persönliehen und schriftstellerischen Beziehungen nun Zionismus widmet Jizchak Nisse 11 ha um in der ״I la/.efira" vom ]8. Mai (Nr. 111) einen besonderen Aufsatz. Schalom Alcjdicm w ar einer der ersten russischen G 11 o w c w e - Z i o n. Er nahm an der chowcwczionistischen Konferenz, in Kattow itz zu IVeginn des Jahres 5(1(5 (1885) teil und war einer der liiiigstcii Delegierten. Hinter den sitzenden Greisen: Rabbi Schnmcl M o 11 i I e w e r , Rabbi David F r i e d - manu, Dr. Leo P i 11 s k e r, David Gordon und Alexander Zcderba um stellt auf der Photographie dieser Konferenz Schalom Kabinowitz und sieht mit seinen fröhlichen ' Augen in die Weite. Und als Schalom Rabinowitz zu ״Schalom Alcjcheiu" wurde und sein literarisches Talent der Literatur der indischen Umgangssprache zuwandte, bediente er sieh ihrer, um die G It i h,b a t h - Z ion im Volke zu verbreite». In den Sammclbüeherii, die er unter dem Namen ״Jüdische V o I k s b i b I i o 111 e k“ Ucrausgah, veröffentlichte er verschiedene Aufsätze über die Ghibbath-Zion und den palästinensischen Jisdiuh. Das Gefühl der Ghibbath-Zion blieb in der jüdischen Volksseele -Schalom Alejehems wach, der Gedanke der Wiederlvclebmig der Nation im Lande ihrer Vater war in seinem jüdischen Volksher/.cn befestigt, mul alle Winde, die nachher in der jüdischen Weh welilen und alle Strömungen, die sich zu versehieilciion Zeiten auch in der Umgebung des Dichters bemerkbar machte», konnten dieses Oe fühl und diesen Gedanken nicht aus seiner Seele und seinem Herzen entwurzeln. Der z i o 11 i s t i s c 11 c Gedanke, der sich im Volke auf den Ruf Hcrzls verbreitete, nahm auch das I ierz Schalom Alejehems gefangen und seine schöne Broschüre über den ersten Basler Z i o 11 i s t e n k o n g r c ß war die erste in j i d i - scher Sprache verfaßte Broschüre der zionistisehen Literatur. Später veröffentlichte er noch eine zionistische Broschüre ״An unsere Schwestern *) Die von Scliälom Alcjchcm selbst verfaßte und in seinem Testament nicdcrgelcgtc Aufschrift für seinen Grabstein, in /.io 11" und beteiligte sielt an vielen Vcrsamnihingen, Vorlesungen und Abenden, die die Zionisten in verschiedenen Städten abhielten. Seine ZRmslirbc geht auch ans vielen seiner Erzählungen und Bildern hervor, aus den Worten" die er in den Mund seiner I leiden legte und aus beiläufigen Bemerkungen, die er an manchen Süllen seiner Bücher machte. Schalom Alejcliem beteiligte sich auch au einigen Zioiiisteiikiiiigrcsscn als Delegierter. Auf dein achten Kongreß im Haag war er amerik a n i s c lu* r Delegierter. Zur Zeit des zehn• ten Kongresses in B a s e I lag Schalom Ak'jdicm krank in dein benachbarten Badenweiler. Trotzdem die Aerzte ihm Ruhe verordnet hatten, fuhr er fast täglich nach Basel, saß dort einige Stunden im Kongreßsaal und interessierte sieh für alle Fragen, die auf der Tagesordnung standen. Das Buch von den polnischen Juden Im Jüdischen Verlag erscheint heute ״Das Buch von den polnischen Juden", herausgegeben von S. J. Aguou und Ahron Eliasberg. Es ist ein Buch stolzer Liebe und wahrer Kenntnis, würdig liebevoller Aufnahme. Viel ist in den letzten Monaten über die ]Klinischen Juden gcsagt und geschrieben worden. Sie wurden zum Objekt forschender Neugier, politischer Betrachtung, mehr oder weniger echten Mitleids. Es fehlte, wie fast tägliche Erfahrung schmerzlich klar machte, an wahrhaften Zeugnissen ihres Werdens und Sems. Solche Zeugnisse können nicht durch die kalte Aufklärung ersetzt werden, an der zumeist nur fiimcr• fertige Publizisten teilhaben. Die Aufgabe verlangt Liebe, echte Kenntnis ihres alten, vielfältigen Lebens und, was keine dem Gebot der Stunde entsprtingeiic Bestellung ersetzen kann, die schöpferische Kraft der Einfühlung und der Darstellung. Hier ist endlich das Buch von den ]Klinischen Juden in einer überzeugenden Gestalt entstanden, an uns ist cs min, ihm mit stolzer Genugtuung den Weg bereiten zu helfen. Zu seiner Herausgabe haben sich ein junger hebräischer Dichter, dem eine ganz ungewöhnliche Kenntnis geschichtlicher, ja selbst anekdotischer Zusaniinenhäiige und Einzelheiten, neben einem feinen Gefühl für das Echte und Bedeutsame eignet, und ein mit der kompositorischen Fähigkeit des Buch- Schöpfers begabter Verleger ziisammcngeschlosseii. Wer das Buch von den polnischen Juden Seite um Seite mit neuer Freude genossen hat, wild vor solchem seltenen Lob nicht /uriickscficiien. Hier darf, vor künftiger literarischer Bcsprcchung, dem neuen Buch eine besondere Voranzeige gewidmet sein, weil wir der Uebcrzcug-ting sind, daß diesem Werk auch eine wichtige politische Be• deutung zukomint. Besser als Manuskriptberge .!סיןlogetischer Literatur zeigt es, welche Kraft und Kultur im ]Klinischen Judentum lebt. Die Herausgelier geben ihrem Buch das Programm: ״Es will die [Klinischen Juden aus ihrer Eigenkultur heraus verstellen lehren. Die Kultur eines Volkes findet ihren vollkommensten Ausdruck in seinen geistigen Schöpfungen, in seiner Dichtung, in seinen Mirdien und Legenden, in seinem Witz, in seinen Sprich- Wörtern, in seinen Rcehtssatziingcii und Vertragsurkunden. Aus diesem unmittelbaren Schaffen des Volkes, gleichsam aus dem Urquell der Volksseele, haben wir zu schöpfen gesucht und glauben d.ilici ein Material zusammengetrageii zu haben, das ein wahres und anschauliches Bild von den polnischen Juden gibt." Das Buch setzt ein mit einem aus dein lleluaisehen des S. J. A g 11 o n übertragenen Beitrag ״Pulen. die Legende von der Ankunft". ״Von Stufe zu Stufe" zeigen dann knapp ausgewahlte Urkunden die Wandlungen der öffentlich-rechtlichen Stellung der Juden im alten Polen von der Gleichberechtigung über die Einschränkung der Handelsfreiheit, die Aus- Schließung von eleu Aemterii usw. zur Entrechtung des Jahres 1807, Aus den anderen Beiträgen können hier vorläufig mir einzelne genannt sein. ״Wie der Rabbi Selimil Wahl König von Polen wurde" erzählt auf Grund von Faniiliciiülierlicferungeu die aus Nacherzählungen anderer, ungenügender Berichte bekannte Gesellichte von dem jüdischen König von Polen. An andere wichtige historische Persönlich“ keiten und Zeiten knüpfen die Beiträge über Jakob Frank, die lebendige Schilderung von Eisik Mei'r Dick ״Wie der junge Graf Potocky Jude wurde und den Märtyrertod erlitt“ und ״Der große Kosakenaufstatid 1648 bis 1652" von Rabbi Nathan Hannover und A. Pino-KarIinskf's" ״Eine verhängnisvolle Wallfahrt" a!1. Ein sehr schöner und durch charakteristische Zeichnungen sehr gut illustrierter Aufsatz von R. Be r n s t c in - W i »cf► nltzcr behandelt die Synagogen im ehemalig«» Königreich Polen. Martin Buber erzählt au»