Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1916)
- Date
- 1916-06-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 193 Eines dieser .Zirkulare, datiert vom 20. Mai ist nämlidh an die k, k. Be/.irksliaii|>1i1)aiuiscliaf1en von Bobrka, Buczaez, (äeszanow, Grodck, 11010־- ■detika, Kolonica, Lemberg, Afosciska, Nadworna, |>17einysla״y, Kndziechow, Rohatvn, Rudki, Sokal, Zloi'/ow, Zolkicw tmd Zydaczow gerichtet. Hierin wird die Aufmerksamkeit der Bezirkshaiiptmaniischäften auf die ungeheuere Notlage der jüdischen Bevölkerung in Ostgalizicn «denkt und zugleich darauf lniipcwicscii, daß die lokalen jüdischen Hilfskomitees und eilt־ Kultusgenieimlen, die bis mm die llilfsaktimi für die Juden mit privaten Mitteln leiteten, nmiinehr erschöpft sind, und daher solche nicht weiterführen können. Die Ik־/i1ksha11p1111,111־nschaftcn werden somit angewiesen, diese Hilfsaktion für die Juden ans den ihnen zur Verfügung stehenden Staatsmittehi aiusgit'big zu unterstützen. Es wird ihnen die!,flieht aiifcrlegt, die diesbezüglichen Gesuche der einzelnen Kultusgemeimlen und jüdischen llilfskomitees wohlwollend und unverzügiieh zu erledigen, für welchen Zweck sic von der Statthalterei die Mittel verlangen können. Von jeder Snhvemtioiisgev. :ihr,u1g ist das zentrale Jüdische Hilfskomitee in Lemberg offiziell in Kenntnis zu setzen. Durch die zweite Statthalterei-Verordnung wird das zentrale Komitee zur Fürsorge für die jiidiselten Kriegsw’ciscn reorganisiert, indem diese Fürsorge der Sektion f ii r Kriegs w a i s e!! bei tu Jüdischen Hilfskomitee, der Prof. ISrnmbrr:׳, Dr. Hausner, Frau Rosa Melzcr, Direktor Oransz und J). Iv’iiheuzahl attgehüren, übertragen und ihr das unlängst ernannte zentrale Landes* ko mit ec a 11 g c s c h I n s s c n wird. Diese Maßnähme wird seitens der Statthalterei damit motiviert, daß das jüdische Hilfskomitee, bezw. seine Kriegswaisen-Sektion sowohl über das nötige statistische Material als auch über Erfahrungen auf diesem Ciebielc verfügt, was unnütze Ausgaben ersparen und eine schleunige Durchführung dieser Angelegenheit ermöglichen wird. Vor wenigen Wochen noch, und zwar gelvgcntlieh der Cmmdungsversammhiug des Kriegswaiscnlamleskomitecs, durfte, wie die ״Jüdische Zeitung“ müh ilt, sielt Dr. Nathan Lüwensteiu dem Pio'esssor Scliorr gegenüber, der sich in seinem Referate als Mitglied des Hilfskomitees bczcichncte, den Zwischenruf gestatten, er sei als Professor Scliorr und iiicht als Mitglied des Jüdischen Hilfskomitees eingeladen worden. Heute wird diese ganze K r I c g s w a i s e n a k t i o n offiziell der Sektion jenes Komitees übertragen und dessen Leistungen und Erfahrungen gebührend gewürdigt. Das Jüdische Hilfskomitee kann daher mit vollem Recht die erwähnten Verordnungen als Erfolg seiner Rührigkeit und der unausgesetzten Aufklärungsarbeit bezeichnen, Aber auch die ge- Samte jüdische Bevölkerung Galiziens wird diese Verordnungen mit Befriedigung zur Kenntnis nehmen und sie als einen guten Anfang begrüßen. Um die jüdische Volksschule in Rußland Wahlversammlung der Moskauer Abteilung der Blldungsgesellschaft Am 7. Mai fand in Moskau eine allgemeine Versammlung der Mitglieder der Moskauei Abteihin״ der Bildungsgesellschalt zusammen mi1 den Ycrtramtisinämiern des Moskauer Rayons statt. Lingellende Berichte wurden über die Lage der neuen Schulen erstattet, die auf Kosten des Moskauer Komitees im Gouvernement Woroncsch (10 Schulen, von der allein die Schule in Woroncsch 2dl Schüler hat) in den Gouvernements N i s c I! 11 i ־ Nowgorod und Wladimir (10 Schulen mit 1817 Schüler und Schülerinnen) und im Gouvernement Tantbow errichtet wurden. Die Unterrichtssprache in allen diesen Schulen ist die Jidische. Die bebtäi* sehe Sprache wird überall unterrichtet, abet nicht in allen Schulen dm eingcrüumt. Die Versammlung Komitees für das Jahr 1r;i;׳t. Die Einkünfte wird ihr die gleiche Zahl Stirn• bestätigte das Budget des 1010, das 307 502 Rubel hedes Komitees bestehen aus WH)0(1 Rubel vom Tatjanakomiiee, 170 502 Rubel vom Zentralkomitee der jüdischen Hilfsorganisation, WH100 Rubel Mitgliedcrbcilräge und D 000 Rubel znrückbczalilter Schulden der früher subventionierten jüdischen Studenten und sonstiger Einkünfte. Einen heftigen Kampf verursachte der Hauptpunkt der Tagesordnung, die Wahlen der vier neue,. Mitßliedcr des Komitees. Beide Hauplrichtungcu der Gesellschaft, die Hebraisten und Jidisclustcii «iferten im Streite um diese neue Position, vor Einberufung der Versammlung ׳wurden von bu• den Parteien Flugschriften an die Mitglieder Gesellschaft verschickt, die über die Richtung Aufgaben einer modernen jüdischen ischulc klären sollten. Drei Wahllisten wurden eine liebraistisclie, eine jidischistisehc und. eine Koiupromißlistc, die je zwei Kandidaten der beiden ersten Eisten enthielt. Als Gcncralirdncr wurden von den Hebraisten Dr. J. T s c 111 c 11 o w und A. Gold st ein, von den Jidischistcn M. R a s k i 11 und A. Sokolowsky aufgestellt. Auf Grund persönlicher Eindrücke schilderte A. Gold stein die geringen Kenntnisse, die sich die Schiller der neuen Schulen in der hebräischen Sprache aneigiieten. Da an manchen Schulen mit dem Unterrieht der jidischcn Sprache früher als mit dem der hebräischen begonnen wird, fällt es den Schillern besonders schwer, später die hebräische Orthographie zu erlernen und die hebräischen Bestandteile der jidisehen Sprache richtig zu schreiben. Mit Entrüstung die Verleumdung, daß er russifizierende Tendenzen habe, ziirückwciscnd, forderte er mehr Lehrstunden und mehr Achtung und Aufmerksamkeit für die hebräische Sprache in der jüdischen Volkssditile, wodurch die Volksschule in eine nationale Schule verwandelt würde. Ohne jidische Sprache — erklärte der jidiscltistisclic Geiieralrcdncr, Herr Raskin - gibt cs keine Annäherung an das Volk. Die Hebraisten, die in einer Stadt, ׳in der sich jüdische Flüchtlinge konzentriert hatten, eine ausschließlich hebräische Schule grün,leien, mußten ihr den Chnrakicr eines geschlosscneii Internats gelten aus Angst vor der Wirkung der jüdischen Milieus. Die Macht des Volkes ruht aber in diesem Milieu. Kulturpflanzen werden nicht in künstlich eingerichteten Orangerien erzogen und gepflegt. Die Hebraisten sprechen im Namen der muihehriiisrhen Literatur, in der Tat aber stützen sie die Orthodoxie und hemmen die Entwicklung der modernen, den Tendenzen des XX. Jahrhunderts entsprechenden Schule. Eine eingehende Rede, die von den Vcrsnm- Hielten mit tiefem Ernst verfolgt wurde, hielt der zweite Geiieralrcdncr der Hebraisten, Dr. J. Tsclilcnow. (Die Rede wurde später in einer ausführlichen Bearbeitung als Aufsatz unter dem Titel: ״Jidischisnius und Schule“ in ״Jewrcjskaja Shisn“ veröffentlicht). Es handelt sich hier, führte der 'Redner ans, nicht bloß um die Zahl der dem Studium der hebräischen Sprache einztiräimumden Stunden, sondern 11m etwas viel Tieferes, Prinzipielleres. Die Frage ist, ob ein Volk, das sein Land verlassen hat, auch ohne seine historische Sprache und ohne seine Religion existieren wird. Die Jidischistcn antworten, wie es die Resolutionen der Czcrnowitz.cr Konferenz und die literarischen Acußcrungcn ihrer Wortführer bezeugen — mit einem unzweideutigen Ja. Wir aber mit einem kategorischen Nein. Die jidische Sprache allein kann dem Volke seine Lebensloaft nicht bewahren. Das Moskauer Komitee ging auch auf Kompromisse ein. Kompromisse befriedigen aber weder lins noch den besten unserer Gegner. Der Weg der Jidschisteii ist leicht. Unser Weg ist bedeutend schwieriger und fordert viel größere Anstrengung. Ec gewährt 1ms aber eine Stütze in der Vergangenheit, eine Hoffnung auf die Zukunft. Als zweiter üeucralrcdner der Jidischistcn sprach endlich A. L. Sokolowsky. Was bis jetzt der Schaffung einer modernen Volksschule im Wege stand, war der Riß zwischen der jüdischen Intelligenz und den jüdischen Massen. Die Intelligenz sehnte sich nach europäischer Kultur, die Massen aber hingen an dem alles Alte konservierenden Clicdcr. , L>ic Verpflanzung der europäischen Kultur in die Sprache der jüdischen Massen gibt jetzt die langersehnte Synthese. Wer den tiefen Sinn des politischen Zio- «Ismus erfaßt hat. kann sich nicht mit der Entfrcmdum: vom Volke zufrieden geben. Die Existenz zweier Sprachen ist eine unnormale Erscheinung. Die Lyrik und Romantik kann die Welt des Iktli-hainidrasch ,verherrlichen. Für das Leben und die soziale Politik bildet es aber eine Gefahr, die schon llcrzl Ungesehen hat. Auch wir beginnen unsere Kultur nicht mit Abraham Reisen, sondern mit dem Erzvater Abraham. Was wir aber wollen, ist: die Kluft zwischen Priester und Volk zu ülicrbriicken, Daher die Forderung einer weltlichen Sehlde in der Sprache der Massen. Au der Abstimmung beteiligten sich 813 Mitglieiler der Gesellschaft. Die Mehrheit der Stimmen erhielten die Kandidaten der Hebraisten: Rabbiner J. L. Mase (׳IW Stimmen), P. S. Marek (IW Stimmen), J. S, St c in her g (470 Stimmen) und W, R, Jakubsohn (407 Stimmen). Ein jüdisches Polytechnikum in Rußland Der Kultusminister P, N. I g n a t i e w genehmigte die Eröffnung eines ״privaten Polytechnikums für Angehörige des jüdischen Glaubens“ in Jekateribcaus und Un- Kulnoslaw. Don Statuten dieses Institutes gema steht das Polytechnikum aus drei Fakultäten, einer clektro-mcch,mischen, einer ökonomischen einer Ingenieur-Abteilung, von der jede in zwei tcrahteilimgen zerfallt. Das Institut wird vom tusmimstcrium geleitet; sein Programm entspricht vollständig dem Programm der Reichsinstitutc. Nach Absolvierung dieses Institutes und nach Bestehen aller entsprechenden Prüfungen Italien die Absolventen ihr Staatsexamen an einem der Reichsinstitutc zu machen, worauf sie zum Ingenieur oder Kandidat der Haiidelswissensehaften ernuant werden. Die Proftssoren werden vom Kultusministerium bestätigt. Das Projekt eines speziellen jüdischen Polvtcchnikutns wird schon seit einigen Jahren von den jüdischen Politiken! und BildtmgsgesellscJiaftcn Ruß- Lands besprochen. Die Unzahl der Beschränkungen für Juden an staatlichen technischen Hochschulen einerseits und die Bewegung gegen die Ausländer, besonders gegen die russischen Juden seitens verschicdencr Kreise außerhalb Rußlands andererseits, machten die Gründung einer besonderen Hochschule für Juden unentbehrlich. Die Hauptschwierigkeit sahen die Initiatoren außer in der finanziellen Frage in der Unmöglichkeit, eine Konzession von der russischcn Regierung zu erhalten. Es wurde deshalb die Gründung einer Hochschule im Ausland bezw. in der Schweiz geplant. Der Krieg, der das Studiinn im Auslände vollständig unterbrochen hat, machte die Frage doppelt akut. Das Polytechnikum, das offiziell auf den Namen der Initiatoren, der Ingenieure Preß und Ra bino witsch eingetragen ist, soll im Herbst 1916 vorläufig für 300 jüdische Studenten und Studentinnen erölfnet werden. Jacques Bing wett- Schon beider und aufaufgestellt: Um den Charakter und die Sprache der jüdisehen Volksschule wird auch innerhalb der zionistisehen Intelligenz Rußlands eifrig gestritten. Auf einer Versammlung der Petersburger Zionisten hielt über dieses Thema der ehemalige Redakteur der ״Jcsv* rejskaja Shisn“ A. D. I d e I s o 11 n einen Vortrag, der eine heftige Diskussion veranlage, an der sich hauptsächlich der bekannte zionistische Schriftsteller und Politiker Jizchak Grünbaum und Herr L. Babkow beteiligten. Jacques Bing ist tot. Nur wenige haben den strammen, hochgewarhsciicu Jungen gekannt, der aut der Metzer Obcrrcnlschiilc nicht Oberprimaner wurde, weil ihm Hcrzl und der jüdische Wandcrklub näher siaudert als englische und französische Vokabeln, Bei Kriegsausbruch siedelte er mit Eltern uiut Geschwistern, die siefi in einem idyllisch gelegenen Mosclst.idtchcu ein trautes jVidisehes Heim geschaffen, nach Frankfurt über. Und trotz der Ablenkungen und Anregungen verschiedenster Art, die ihm die Großstadt in verschwenderischer Fülle bot, trotz der vielfachen jüdischen Betätigung, der er sich liingah, bestand er bald als einziger von mehreren älteren Schülern das Abitur und wurde der erklärte Liebling seiner Lehrer und seines Direktors. ‘Dann kam er ms Regiment nach Ehrenhrcfl»lcin, war mit Leih und Seele Soldat; sein Herz jubelte, als es gegen Osten ging, der Heimat seiner Väter zu, und jetzt ist er vor Verdun den Heldentod für Deutschlands Größe und Judas Ehre gestorben. Jacques Bing war einer von den Wenigen, die bereits auf der Schule dem Zionismus gewonnen wurden. Als in den Wandervogel antisemitische Ten-!lenzen Eingang fanden, da war er, der flotte Turner und eifrige Wanderer, der erste, der starken Widerständen zum Trotz, die Gründung einer Rlau-Weiß- Gruppe in die Wege leitete. Schon damals trat er mit Begeisterung fiir sein Judentum ein. In Metz und Frankfurt galt er als einer von denjenigen, für den Judentum nicht zusammcnficl mit jüdischem R, ligionsunterricht, den man mir widerwillig besucht. Und als er sieh, der erst Achtzehnjährige, die Frage verlegte, oh er als Zionist sieh freiwillig melden dürfe, da konnte er sie nur in bejahendem Sinne entscheiden! Das tiefe Verständnis für deutsches Wesen und der alte Makkabäergeist, der zeigen will, daß er noch in uns lebt und sich seiner Ahnen würdig zeigt, sie wiesen ihm den Weg, Himmelhoch jauchzte sein Herz, als er sich freiwillig zur Hecresfahrt nach Südosten melden durfte. So hoffte er Palästina, dem Lande seiner Träume, näher zu kommen. Seine Sehnsucht sollte sich nicht erfüllen. Kurz, vor Pcßach katn er in die neue Steilung vor Verdun, die Bcwaimmgsnacht verbrachte er mit dem Lesen der Hngada in trautem Zwiegespräch mit seinem Gotte und seinem Volke, am Vorabend des Schabuothfestcs ist er gefallen. Jacques Bing war ein Fertiger, 'der nur auf den Zeitpunkt wartete, da er sich seiner Gcmcüischaft zur Verfügung steifen durfte, Tief wurzelte in ihm die Liebe zu seiner Familie und seinem Stamm. Dazu kam eine innige Heimatlicbc, treue Anhang* lichkclt an sein liebes Sjerck. Unter einem heiteren