Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1916)
- Date
- 1916-06-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 192 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 24 liehen Einrichtungen I,tilens im Halinicn der öslcrrcicliiscli-iuigaiisclieii Monarchie uns nützlich erweisen. Ist doch unstreitig ein großes Verdienst des Zionismus gegenüber dem l.amle und somit;mell gegenüber dem l'oleiitnm, «laß er die Juden, bis dahin deinolige mul veiaehtele Parias, gelehrt hat, als voll■ berechtigte Burger den Kopf zu heben, den Rücken zu strecken und mit Stolz, und Selbstachtung am Wolilc des Landes nach bestem Wissen und Gewissen mitznnrbeilen. So niülHcii wir in Fortsetzung dieser Aufklärungsarbeit und in Erkenntnis, dall die Polen das historische Recht haben, jedes Stück ihres Bodens als Teil ihres Vaterlandes und sich selbst in jedem von ihnen bewohnten Gebiete als Stück ihrer Zwanzig- Milliüiieunation zu betrachten, diesen Gesichtspunkt — ohne Rücksicht auf den IZnderfolg des gewaltigen Völkerringens — der jüdischen Masse und der jiidisehen Jugend eiuzuprägen, und die Prinzipien und das politische I landein der national-jüdischen Partei diesem Gesichtspunkte an/npassen bestrebt sein. Es ist dies wohl scheinbar bloli ein Ding der Theorie, für den Politiker jedoch dürfte es nicht unverständlich bleiben, von welch praktischen Kon- Sequenzen solche theoretischen Gesichtspunkte und dementsprechende Tätigkeit häufig und insbesondere in schwerwiegenden Momenten für eine nach Staatlieber Aufrichtung strebende Nation sein können. Freilich könnten wir uns niemals und um keinen Preis dazu hergeben, als I landlaiiger einer Nationalität zur Unterdrückung einer anderen zu dienen, dies um so weniger, als doch übrigens die Neutralität an und für sieh schon zumeist einen Verzieht auf die Ausübung der gewährleisteten Bürgerrechte zur Folge hat. Allein cs wäre «lies eben, wie alle sonstigen politisch-taktischen Maßregeln, als Teil unserer Konzessionen zu betrachten, welche auf Grund von Leistungen und Gegenleistungen unser Zusammeiilebcn oder zumindest Iteieinanderlebcn erträglieh machen sollen. Leistungen und Gegenleistungen . . . Denn die Polen müßten auch ihrerseits zur absolut vollwertigen Behandlung der Juden als gleichgestellte Bürger sich emporschwingeii. (liier folgt eine von der österreiehiselieu Zensur gestrichene Stelle. Red. der Jiid, Rtmdsch.) Sic müßten — neben Anerkennung unserer obenerwähnten national-kulturelle״ Reelltc uns selbst, also dem nationalen Judentum, in allen unseren, sei es politisch-aktuellen, sei es ideellen Kämpfen mit anderen jüdischen Parteien, wenn nicht Förderung, so doch wenigstens eine ebensolche Neutralitat, wie sie von uns erheischen, entgegcnbringcn. Und demgemäß mögen die Polen auch unsere Jugenderziehung und «lic Organisierung unserer Schulen -- uns selbst überlassen. Wir sind uns der Tragweite dieses komplizierten Problems vollauf bewußt. Allein wie immer auch die jüdische Schul- und Sprachen frage vom jüdischen Volke gelöst werden sollte, das eine glauben wir als Ansicht weiter Kreise des nationalen Judentums äußern zu dürfen, daß in den jüdischen Schulen der polnischen Sprache und Literatur, Geographie und Geschichte jener Platz cingcräumt werden müßte, an welchem es der Jugend unbedingt möglich sein wird, sich diese Lcbrgcgcnstämle ganz zu eigen zu machen, damit sic vor allem die Größe «ler polnisehen Nation, in deren Mitte sic heranwächst, richtig zu schätzen wisse, und damit sie auch im prnktischeu Leben wegen Mangels notwendiger Kenntnisse nicht zurückgesetzt zu werden Gefahr laufe. Alles andere, insbesondere die Beantwortung der F'ragc: ״Jidisclt oder Hebräisch?“ — welch letztere Sprache wir programmatisch seit jeher als die nationale Sprache des Judentums und der jüdischen Zukunft betrachten — müßte uns allein überlassen bleiben. Sic dürfte ja übrigens für die Polen auch völlig belanglos sein, insoferne wir bloß, treu unseren Grundsätzen, Garantie bieten, daß wir das jidisebe keinesfalls als Instrument zur Gcrmaiiisicruiig nnschcn und auch gar keinen Anlaß haben, für Tendenzen, deren manche Wortführer sich heute bereits vom Ostjudentum durch Grenzsperre abschließen möchten, Lanzen zu brechen und uns zu begeistern. In der Tat sind dies alles Umrisse, die erst durch weitere Erwägungeh und Verhandlungen und — was wichtiger — durch gegenseitiges Vertrauen volle Gestalt annehmeu könnten und hoffentlich werden. Allein schon jetzt sollten die maßgebenden politischen Faktoren die Gelegenheit ergreifen, um anläßlich der Entschädigungsaktion in Galizien, insoferne die Heilung der klaffenden Kriegswunden von ihnen abhängig bleibt, durch gerechte Behändlung der unter den Juden heimgcsiiclitcH Opfer das Weh von Hunderttausenden zu lindern, und auf diese Weise ihrem guten Willen zum Anstreben einer friedlicheren Periode den ersten Ausdruck zu geben, Wir wissen, daß unser ehrliches und aufrichtiges Friedensbestreben im polnischen wie im polnischjüdischen Lager hie und da als politische Heuchelei, da und dort sogar als jüdische Anmaßung aufgefaßt und geringschätzig behandelt werden wird. Es werden die Linen in kurzsichtiger Eiutagspolitik — entgegen den Wohlfalirtslmliiigiingcn des eigenen Volkes den Kampf gegen uns fortgesetzt sehen wollen, di«• Anderen hingegen mit Rücksicht just auf ihr l'.igcniiileiTsse mul in Augst, dall im Momente, wo die scharfen Reibungsflächen zwischen der polnischen und jüdischen Nation ausgeglichen werden, es um ihre Herrlichkeit getan sei. Aber andererseits hegen wir die Uebcrzeiigimg, daß auch viele führende Geister, die durchs Fenster der Auferstehung Polens noch nicht -• Europa übersehen, dieser Feindseligkeit gegen uns überdrüssig geworden, und «laß sie weit davon entfernt sind, mit ihrer Vereinigung unsere um so größere Zerklüftung, mit ihrer Freiheit unsere Versklavung, mit ihrer Seeleiivcretlcluug unsere Scclcuschmaeh zu verknüpfen., Ls wird sich gegenwärtig zeigen, welcher von diesen beiden Geistern Jlerr des polnischen Gedankeits und Herzens geblieben, und ob die polnische Nation im Augenblicke, wo alle Völker darauf augewiesen sind, über ihre Vergangenheit zu Gerichte zu sitzen, befähigt ist, den Zusammenhang ihrer Geschicke und ihrer Sehnsucht mit «feil Kriegsschmerzen mul den Tendenzen amlerer Nationen zu; ergründen und danach zu hamieln?! Wir können es der hohen Kultur und der politischen Liiisicht der Polen nicht Zutrauen, daß wir taubem Ohren predigen sollten. Staatliche Einrichtungen uml nationale Freiheit sollen den Polen als Siegespreis atis diesem Weltkämpfe zufallen; was wir, die die Geschichte Beschcidcnhcit gelehrt hat, aus diesem Kriegschaos retten müssen, ist viel weniger: die politische Gerechtigkeit uml nationale Emanzipation. ״Pro Patria ac Ubertäte“ -- wird dereinst die polnische Nation am Heldemlcnkmale ihrer mutigen Kriegsheroen schreihen; ״Pro Dignitate“ — wird die bescheidene lieberschrift an der Massengruft unserer gefallenen Söhlic uml Brüder lauten. Würdig fülle» wir die Reihen «ler Kämpfer im ganzen Weltall aus. Würdig erfüllen «lie Daheimgebliebenen ihre patriotische Sendling, harrend und darbend. Aber auch das einzige, was wir von diesem Scheidewege zwischen «ler dahinschwindelnden Aera kosakischcr Brutalität und nationaler Knechtung einerseits und der hcraubrcchcndcn Epoche unverfälschten Fortschrittes uml nationaler Selbstbestimmung andererseits davoutrageu müssen, ist die Wahrung und Fortpflegc der nationalen Würde. Und im Lichte nationaler Wür«le reifen am schönsten die Früchte nationaler Eintracht! . . . Zweite zionistische Landeskonferenz in Skandinavien Am 28. und 2<). Mai fand in Kopenhagen die zweite Landeskonferenz der skandinav i s c 11 e u Zionisten statt, an der 31 Dcligicrte aus 8 Ortsgruppen teilnalinien. Das Engere Actions. Comite war tlurcli Herrn Dr, Victor Jncobsohn vertreten. Unter den Ehrengästen befand sich Herr Professor S i m o 11 s e n, der «lic Konferenz im Namen der Kopciihagener Chowcwc Zion begrüßte. In einer feierlichen Eröffnungssitzung, der etwa <100 Gäste beiwohnten, sprach Herr Dr. Louis Fränk e 1 -Kopenhagen über ״Zionismus". Dr. Jacobson erstattete eine« eingehenden Bericht über ״Die gegenwärtige Lage der Zionistisehen C) r g a 11 i s a t i 0 n“. Abends ,fand zu Ehren des Dclcgiertcntages ein jüdischer Volksliederabend, veranstaltet von dem bekannten jüdischen Sänger J a s 8 i n o w s k f statt, der einen Reinertrag von etwa 1000 Francs für die notleidende jüdische Bevölkerung Palästinas ergab. Der folgende Tag begann mit einer geschlossenen Sitzung, in welcher eine Aussprache über die Politik der Leitung während des Krieges stattfand. Nach eingehender Debatte wurde mit 20 Stimmen bc|i 5 Enthaltungcn (dagegen stimmte niemand) folgende Re- Solution angenommen; Indem die Konfcienz mit Oeinigttiung anerkennt, daß die Leitung «ler zionistischeu Organisation eine neutrale uml rcinzionistische Politik führt, und indem sic wünscht, daß die politische Arbeit weiter in diesem Sinne geführt werden soll, spricht sie der Leitung volles Vertrauen aus und drückt den Wunsch aus, daß weiterhin möglichst mit größerer Intensität in allen Ländern gearbeitet werden möge, uml daß das Kopenhagen!»־ Büro der Zionistischen Organisation durch Hinzuziehung weitercr führender Kräfte vergrößert und verstärkt werde. In öffentlicher Sitzung erstattete Herr M. Tarschis -Stockholm, der Vorsitzende des Zio* nistischcn Landcskomitecs, den Tätigkeitsbericht für die abgelaufcne Bericiitsperiodc. Herr Dr. Bernstein berichtete über ״Die zionistische Presse in Skandinavien", Herr Mark sprach über ״Der Jüdische Nationalfonds und seine Tätigkeit in Palästlna“. Ober■ rabbincr Dr. S c 110 r n s t c i n und Herr F e i fifin erstatteten Referate über ״Die t rage «ler jü«||* s c 11 c n Erziehung in Skandinavie 11“, Htrr Sl«>r sprach über ״Die Notwendigkeit «Jer k ö r p 1׳ r I i c 11 e 11 A 11 s b i 111 u n g «ler j li «I i. sch e 11 J 11 g e 11 «I". Ls wurde eine Reihe von Resolut!״;»!!״ an. genommen, die eine Neuordnung der organisatorischen und propagandistischen Arbeiten in Skandinavien l»t. zwecken. Folgende Resolutionen sind auch für die weitere jüdische Oclfentli«likeit von ,Jnteri s«(•: Emigrationsfragc. Die Koufeicuz (ordert «las Engere Actious - Goniite auf, vorbereitende Schritte zu tun, um in Verbindung mit anderen Organisationen an der Regulierung der jüdischen Emigration nntcil/UMchmen, die nach dein Krieg zu erwarten ist; die Konferenz verpflichtet «len Skandinavischen Zionisteiiveib.iml, sich mit der Frage der Vorbereitung uml Regulierung der Emigration zu beschäftigen, soweit Skandinavien dafür in ß«,.. tracht kommt. Amerikanisch- Jüdischer Kongreß, Die Konferenz begrüßt mit wärmster Sympathie die Bestrebungen der Amerikanischen Juileuheit n!r Organisierung des Amerika uisch-Jüdischen Kongresses und drückt die sichere Erwartung aus, daß die amerikanische Judcnheit auf diesem Wege die Möglichkeit haben wird, alle Lebensfragen des jüdischen Volkes bei «len zukünftigen Fricilcitsver• liatidltmgeu vorzubringen. Jugendarbeit. Die am 28. und 2*1, Mai 1116 In Kopenhagen tagende zweite Skandinavische Zionistenkonferenz ersucht das Engere Actions-Coimte in Erwägung, daß die Organisierung «ler Jugendarbeit eine «ler wichtigsten zionistischen Aufgaben ist, ein besonderes ״Ressort für jugendarb c i t“, dem auch pädagogische und mctlizinisrhe Sachverständige aiigchören sollen, sobald wie möglich cinziirichtcn. Ein leitender Gesichtspunkt für die zionistische Jugendarbeit muß der sein, daß die körperliche Ausbildung der Jugend einer der wichtigsteil Faktoren zu deren Erziehung ist. Das ״Ressort für Jugendarbeit“ beim E. A. C. hat die Aufgabe, darüber zu wachen, daß in allen zionistischen Laudcsvcrbämlen der Jugendarbeit die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet wiril, und soll den Landesverbänden hierbei mit Rat und Tat zur Seite stehen. Im einzelnen gehören zu den Aufgaben des ״Ressorts für Jugendarbeit“: 1. Gründliche Ausbildung von Turn- und Sportlehren! und Einrichtung «von Turnhallen in allen den Orten, wo keine solchen zur Verfügung stellen. 2. Gründung von Turnlind Sportvereinen. 3. Herausgabe hebräischer Turnlicdcr mit Noten in billigen Volksausgaben. 4. Veranstaltung von Vorträgen über die Not- Wendigkeit der körperlichen Erziehung. Der Leitung des Skandinavischen Zionistciivcrbandes wurde Dank und Vertrauen votiert, f iir die neue Tätigkeitsperiode wurde ein neiinglicdrigcs Zentralkomitee gewählt, das aus seiner Mitte einen engeren Arbeitsausschuß nominieren wird. Der Sitz des Zentralkomitees bleibt auch weiterhin Stocklmim. Im Anschluß au «len zionistischen Delegiertentag fand unter Vorsitz von Herrn Professor Si m 0 n s c n Kopenhagen eine Konferenz der während des Krieges gegründeten ״Jüdischen Hilfskomitees in Skandinavien“ statt. Der neue galizische Statthalter für die Juden Der neuernannte Statthalter für Galizien, General Baron Di Her, empfing gelegentlich seines ersten Besuches in Lemberg eine Abortlmmg des dortigen ״Jüdischen Hilfskomitees“, bestehend aus den Herren Professor Bromberg, Dr. Ringel, David Rubcnzahl und Professor Schofr. Der Sprecher dieser Deputation schilderte eingehend die trostlose Lage der jüdischen Bevölkerung in Galizien und die grollen Au (gaben, die des Komitees harren. Lr wies auch auf die bisherigen Leistungen des Komitees hin, «las bislang mit Privatniittcln arbeite und betonte, daß cs die Pflicht des Staates sei, diesem Komitee, dessen Mittel bereits erschöpft seien, zu Hilfe zu kommen. *Die Deputation übergab dann dein Statthalter ein um* fangreiches Memorandum, das eine genaue Schilderung der Sachlage und der schwierigen Aufgaben des Komitees enthielt und die Wünsche desselben formulierte. < In Erledigung dieses Memorandums erhielt das Jüdische Hilfskomitee die Verständigung seitens der Statthalterei in Biala, wonach die Lcinbergcr Stadt- Verwaltung angewiesen wurde, dem Komitee den Betrag von 50 000 Kronen ausruzahlen. Ferner erließ jetzt der Statthalter zwei Verordnungen, die eine offizielle Anerkennung des jüdischen Hilf«• komitccs und dessen Leistungen bedeuten und die Wünsche der jüdischen Bevölkerung teilweise bcfriedigen.