Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1916)
- Date
- 1916-06-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 186 1 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr, 23 mußte, blich t׳r immer not 11 der uneniiiidlirlu Anreger, (lei unerschrockene Vorkämpfer tmti Arbeiter für den jüdischen Volksgedanken. Um mir einiges zu iieimeii: Die Vorbereitungen der allen Tcilnchiiiern inivei gcllliclu'11 Jubiläumsfeier der KaltnvilziT Konferenz, daun aber wir allem der Jugcudltmtl, der Turnverein waren zinn grollen Teil sein Weik, keine Arbeit aber gal) es, au der er nielil irgendwie beteiiigl war. Und nun ist er vorsehuell von uns gegangen, lial den eelllen Mnkkabaerlod gefunden. Die (ieseliiehle seines Soldatentums ist ebenso kurz wie ergreifend. Durch Zufall Angehöriger des osterrciehischen Staates, diirelt Geburt und Erziehung Deutschland inuerlieli verbunden, war er Anfang!'•!י nach kuizcr Dienstzeit int österreichischen Deere eines Augenleidens wegen als dienstuntauglich eiltlassen worden. Als ich im November Elfi ans den', beide koninieml ihn wiedersah und ihm den Krieg mit all seinen < iraiien, w ie ielt iliu sah, aus cigcnein Erleben schilderte, da halte der Dämon Krieg ihn beieds mit aller Gewalt gepackt, eine iingelicme Unzufriedenheit in ihm j^cnaI11T. Er, der leiden* sehaftliche Kämpfer und stürmische Draufgänger, sollte in diesem gctvaltigen Ringen, in diesen Stunden der Entscheidung abseits stellen, das Inoehte er nielit ertragen. Und tla er nicht für die Gemeinseliaft kämpfen konnle, der er mit seinem lllute angeholte was hätte er darum geneben, wenn es ihm besehiedeii gewesen wäre! sehloll er sieh, aus freier Wahl, im Gebilde iiliennäditiger!,flieht derjenigen (ieinemsehaft an, in der er krall Gebnrt und Erziehung das I Icimntsreclit längst erv,.>rben hatte. Er vollzieht ilcnUeiigst geplanten Eintritt in den deutschen Staaisverbaud und tritt als Kriegsfreiwilliger in das deutsche I leer ein. Und mm vollzieht sieh raiiseliartip eine plötzliche Ihnwnndhnn: in ihm. Die wie ein Alpdruck aut ihm lastende Unzufriedenheit weicht heller Begeisterung für die neue Aufgabe. Wie der jüngste Rekrut nimmt er die Strapazen des Aiisbihliingsdicnstcs freudig auf sieh. Kaimt aber ist die ,,Besichtigung“ vorüber, meldet er sieh freie, illig ins l eid. Und als er schiielSlieli nach Wochen ungeduldigen Wartens j 11 einer Reservcstcllmig, während welcher er, der in seinem leben eigentlich nie hcrnusgckommett ist, nelien anstrengendstem Dienste die Wonnen des Vorfrühlings in seiner ganzen Macht auf sieh wirken liilil, mitten in dem Hexenkessel vor Verdun seine Batterie auffahren darf, ist sein Verlangen endlich gestillt, jetzt ist er, den es im politischen Kampfe niemals hinter der Krönt geduldet bat, endlich in der Feuerstellung. In seinem letzten Briefe schreibt er mir: ,,Mein Dienst, Telefon, Beobachtung, Drahtflicken, bedimgspatrotiilien, Meldcgäitgc, ist nicht sehr gemütlich, aber interessant und alle Kräfte und Nerven packend.“ Das war es, das entsprach so ganz seinem Temperament. Und ein paar Tage spiiler Iril'ft ihn auf einem l,atro11illengauge eine feindliche Granate zu Tode. Seit! I laiiptmaim rühmt ihn als ,,tapferen, unerschrockenen und belichten Katiieraden“, ei: selbst aber fühlt sielt trotz alledem ,,als der niiHeialterliche Landsknecht, der seinem j lernt Dienste tut,“ und im Angesicht des Todes, da der Mensel! das Wirkliche ohne jeden Schein und ohne jede Phrase sieht, in diesem einzigen Augenblicke erneuert und vertieft er sein Bekenntnis /:int Zionismus. Das ist das Entscheidende, das kann uns Trost und Btrubigimg sein in dun tiefen Schmerze, Eine neue jüdische NationaUondsbroschüre Das I laiiplbmcati des Jüdischen Na'.imialfoiuls bat vor kurzem eine neue Brusclüii'e, betitelt ,,Der Jüdische Nal i iialfoilds" In ■ratisgcgcbcii, die eine gründliche und umlussciulc Darlegung der Ziele, Aufgaben und der Aibcit des Jüdischen Natioualfonds enthält. Die von Adolf Böhm, einem der besten Kenner unserer Koloiiisatinnsprobleme \ erlabte Bioschüic wird jedem, selbst den! über unsere Arbeit bereits gut informierten (ie'iimitngsg( 1!,.ssc11, neue Gesichtspunkte bieten. Die leicht taBliche Einteilung und die gediegene Ausstattung, nicht zuletzt auch die zahlreichen sehr instruktiv wirkenden Abbildungen aus Palästina machen die Schrift zu einem wertvollen Propagandamittcl und sind besonders geeignet, mich in bisher noch nicht interessierte 11 Kreisen das Interesse am jüdischen Natioualfonds zu fördern. Wir bitten daher alle unsere Vertrauensleute dringend, für die Verbreitung der Broschüre besonders itt niebtzioiiistiselicu Kreisen Sorge z.u tragen. Die Broschüre, die in der nächsten Nummer der Jüdischen Rundschau ausführlich gewürdigt werden wird, ist Jx׳i uns zum Preise von I M. erhältlich. Jüdischer Nationalfonds Zentrale für Deutschland. den wir über seinen frühen Heimgang empfinden. Als echter Makkabäer, in treuester Erfüllung seiner aus freiem Herzen ülvcruniniucncu Pflicht ist er von um. gegangen. Als ein Ganzer ein wahrer Diener ,1111׳ l.ieht hat er gelebt, seine beste Kraft »lein Ganzen opfernd, seinem Idenle auhiingend mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen, als ein < ianzer ist er, sieh selbst getreu, von uns gesulncdv'ii. So wird dein Name, teurer Kreimd, als eines der treuesten Pioniere der Bewegung unvergessen bleiben, uns als Ansporn voraiileuclilcn immerdar, Georg W e i 11 nt a t! n. * Die obeiselilesiseben Gesinnungsgenossen halten besclilosseii, zum Gedächtnis des Kretimles einen ״S i e g m 1111 d R n p p n p o r t - O c I b a u m g a r t c n“ zu ei neiden. Es wird gebeten, die seinem Andenken zngcduchleit Spenden diesem Zwecke zu widmen. Dr. Stein leb will einem besclieiileneu und stillen Mann, der in Palästina viel leistete, ein kleines Gedächtniswort widmen. Ich glaube, ielt werde mit dieser Widmung die Ruhe dieses loten, der slets öffentliche Ehrungen mied, nielit stören. Ich erzähle ja mir, wie er öffeutliehe Ehningen mied, Dr. Stein kam vor mehr als '10 Jahren nach!,alästina als einfacher Arbeiter. Kein Mensch witflte, dall er Arzt war und den Dnktortitel bcsnll. Er bearbeitete den Boden wie alle anderen Arbeiter in Krcz. Israel: eine Arbeit um der Arbeit willen und für die Ewigkeit, unter schwierigen Verhältnissen 111111 mit aufopfernder llingabe, Er war anspruchslos, ein Arbeiter unter Arlveitcrn. Aber schlicllüch wurde er ,,entdeckt“. Es war einmal eine ,,I laiissticliuiig“. Mau durchsuchte auch die I lahseligkciten dieses Arbeiters in seiner Abwesenheit. Da fand man sein medizinisches- Doktordiplom von einer Universität; der Leipziger Universität. Mit Siegel und Petschaft. Da sprach man zu ilun: Du bist ein Arzt und wir brauchen doch so sehr einen Arzt. Er sah, dall er cs nicht länger verbergen könne und ließ sieb erbitten. Er verlieb Sichel mul Pflugschar und nahm Sezicrmcsser und /Arzneien. Er ging von der Erde zum Menschen. Seine Arbeit änderte er, aber seiner Arbeitsweise blieb er treu. Aufopfernde Hingebung, Pflege der Kranken. Das Ende seines Lebens war wie sein ganzes Leben, Er starb am I leckt! plins, in seiner Arbeit starb er. A j i n. ״Der schwarze Moritz“ Im Berliner I.iclitspiclliatis Taucniz.ienpalast -- Berlin \V I aiicutzicnstraße —■ w ird zurzeit ein Bilmsketseli ״I )er s e h w a r z e M o r i t z“ gespielt, der die emporemiste antisemitische Roheit darstellt, die man sieh denken kann. 15.111 schändlich kurrikicrter ,,I 11• rr Apfelrcis“, mit seinen Brüdern auf der Reise in /(׳iitialamerika, erlährt Von einem Testament, das dem zuerst geborenen Sohn eines der Brüder mit der Hand eines gewissen Minclicii Golms in Berlin eine reiche Erbschaft ziisichcrt. Um als erster zu einem Sohn zu kommen, springt Apielieis ans dein l'ahmnleii Zug und lullt •:ich iil aller Fixigkeit mit einer Seli Warzen kopulieren. Ihr sehwat/er SprolSliug Moritz. Apfelreis soll mm das schöne Residtat einer Mischehe darstellen ׳ den Verlassen! schweb! ein ins Schwarze iibersetzter Assimilantcntvpiis vor , er eilt, schnell erwachsen, nach lkrlin und holt siel! Mmchcii Golm und ihr Gefil, I! ganze Machwerk kann nur als im höchsten Malle widerlich bezeichnet werden. Unter Verzicht auf jede Spur von Geis! und technischem Reiz sucht es das Publikum diirelt eine geradezu lolle Häufung antisemitischer Mätzchen und Witzelten zu locken. Als Verfasser zeichnen Louis Taufstein und Eugen Burg, die Orchcslcrlcitung führt ein KapcUmeisScr Eischhcrg, iler Besitzer des Lichtspiclliauscs Ist ein Herr l.tiiltvig Klopfer und das Publikum, dall die dümmsten und ungeschicktesten Pöhclcieu belacht, wenn sie nur recht antisemitisch zurecht gemacht sind, ist jene Gesellschaft des Berliner Westens, der jedes Gefühl der Selbstachtung abhanden gekommen ist. Nicht die AeulkTimg eines Antisemitisnms von nichtjüdischcr Seite wird hier vom zalilimgsfäiiigen Gesindel von Berlin W bejubelt. Eine rnii die Spitze getriebene Selbstentwürdigung feiert ihre Orgie. Ist es eit. Zufall dall es em I ichtspiehl,*■״ זווו MtmchiDKlrn Ik׳rl1ncr U1׳stnt w.t^t s^k\\ ■ auf die niedrigsleii Instinkte seines Publikums^" spekulieren, dall dieses Publikum stdlli.dt "1 ן)'״ .*J* weil es sich in die Vorgänge und Menschen Leinwand ״einfühlt", mul dal! bisher kein l'n,!','י* gegen diese schändliche Vergütung etliobeu 001!.׳" ist und vermutlich nicht erholten w urde,!!,!!!, nJ l1! uns itubcstchemle Kreise aufmerksam gemacht!u!! 1. wären'■' n Sicherlich darf man IHiauptcti, dall cs m g,,״/ p ״ land, dem Reich der Pogrome und 1<״(.|ח0״ו|ו;וו1ו). zesse, keine Statte gibt, wo solches schamloses ן re;. beit möglich wäre, liier sind Juden, getimte (Kjc’ tingelattfle, mit am Werke, als Verfasser, Theaterbesitzer und Publikum! Will man sielt überlegen, welche verroli. ntle ״'״(j den schlimmsten Antisrmiti imis fordernde und ן0ן,ן,. trndc Wirkung ton solchen Kiiiosiueken ausgelien muß wenn sie mm von Berlin W aus den /u;. durclii , land untre ich '■ Das Verhol der B dmcmiuiir scheint einer sehr wenig• erfreulichen Sötte!1111 litlevessenteii zur Wirkimgsmöglichkeit terhoben zu hüben. Will man vielleicht solche I ilms als Prnpagamlainiitcl tür deutsche Art und Kultur verwenden.■' Wir hoffen dall sieh seihst die Antisemiten des politischen pro! gramms, die Deutsche sind, damit mein Itelretinden werden. Dali die angeblich so sticug!■ Km izcnwir solchen Stucken die Genehmigung cruilt, mul! man sieh merken. Oder gilt diese vielleicht mir für clcn Berliner Westen ' In der Regel gelreii wir uns mit!;roiteningin solcher I hematu nicht gern alt Die primitive Gossenrciiiigiing, in der wir keine uns selbst fordernde Aufgäbe erblicken, überlassen wir, wenn cs geht, iuint, die sieh mit nichts anderem als der Abwehr des Xj. tiseniitismus befassen. Iti diesem Lall aber, wo « nicht um die Ztiriickwei umg eines gegen liberale Empfindlichkeit gerichteten Nadelstichs, sondern um die Enthüllung der Schmach dieses nt Selhste11t״ürdignng versunkenen Berliner israelitischen hthliktims gellt, selten wir, dall sieh niemand rührt, um in aller (-)Öffentlichkeit zu protestieren und zum Verruf - nicht!les Bilms, aber jener ganzen Prägung und jener, die an ihr teilltaben zu mahnen. Damm tun wir es. Was zu tun wäre, ergibt sielt von selbst. Vielleicht kamt man auch von unserer Seite an der Er• Ziehung des Kinos mitarbeiten. Die Scheidung vom schmalzigen Geist, die mit zum Wesen unserer jüdischem Aufgabe gehört, vollzieht sicli ja nicht in abstrakten Gedanken, sondern in der Verwirklichung mitten im Leben des Tags. Die Macht der Not Die Frage jüdischer Aktien- ges׳'ll«chaftcn In Rußland Die I rage, ob jüdische Aktiengesellschaften das Recht besitzen, GrumUtueke zu erwerben, kam am 13. April ton neuem im Rcichsrut zm Sprache und dieses Mal erhielt sie irolz der gegenteiligen Bemühungen des ehemaligen Ministers des Innern N'. A. Maklakow eine positive I osiin:■ IKn Juden war seit!eher das Recht der (inimhmg t״n Aktiengesellschaften oder ilne Beteiligung an solchen versagt. Zu Anfang des Jahres l'H i wurde diese Beschränkung offiziell anI einer Sitzung des Ministerrates gesetzlich sanktioniert und als!״gische I olgeiuug der Bestimmuitg crklait, dal! Juden keine Gruudstückc erwerben und gewisse imhtstri!Ile Zweige in bestimmten Gebieten mehl austtbeti diiriett. Denn die Durchführung dieser Bestimmung so wurde ciklarl wurde hei Beteiligung der Juden an mellt• indischen Aklii ugesellsihat'teii 11nkromr.diit1l1.it s h•׳ Dieser Beseiilul! des Ministcrratcs erregt( cim n Sntrin der Entrüstung in den Kreisen der industriell( u 11•ld Großhändler und rief em Sinken des Gcldk11r>us licnor. Der I inaiizmmister versprach damals den Abgeordneten des Borsenkoiiiitees, in einzelnen I äikn das Recht der Beteiligung an Aklii iigescllselt.d'tcn zu gewahren. Bei Ausbruch des Krieges vurilc diese Beschränkung offiziell für aufgehoben erklärt■ In der Praxis aber wurden Gesellschaften, zu dt refl Aktionären auch Juden zahlen, nicht legalisiert, mm als Maklakow später erlaubte, Aktie-11 gesellst 111 Den ohne vorher erlangte Genehmigung zu giümlcn, •»*«<* er die Bedingung hinzu, daß in diesen Gesellschaften Juden nicht als Aktionäre attfgenominen werden dürfen. Am 13, April, nach der Debatte über den Etat, drückte der Reichsrat den Wunsch aus, die Giündüng der Aktiengesellschaften zu fordern und ('1« Konstituierung solcher Gesellschaften auch ohne!or־ angehende Genehmigung zu gestatten. Der chctnalig« Minister Maklakow schlug vor, die auf 4**,•1׳■ יj" den bezügliche Beschränkung hinzuznfügeii: ״SaM* fett sie dadurch keine unmögliche Lage - erklärt^ er den Mitgliedern des Reichsrates - daß der *■״*