Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1916)
- Date
- 1916-06-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Saite 176 JU EDI SC HE RUNDSCHAU Nr. 22 sehen, noch die jciiu'iiilischcn Arbeiterfamilien auf Almosen angewiesen sind." Die Sammlungen fiir die Palästina^! lilfsaktion nnissen mit größter Energie diirchget'ührt werden. Dringend empfohlen sei iiinner wieder die in o n;11 liehe Se I l>s t b e st et« e r u ה g zugunsten Palästiiias, die in einer Reihe von Städten bereits durchgeführt ist. (Geldsendungen an das ״Hilfswerk für Palästina1‘, Berlin W. J5.) Nach einer Mitteilung des ״Jcwisli Expiment‘‘ hat das ״Provisorische Exciiitivkomitee für zümi* slisehe Angelegenheiten" in New-York von dem jü- «lisehen Hilfsfonds in Südafrika einen Betrag von 3IÜ i’fnnd zur Unterstützung der nolleidemleii |iidiselten Bevölkerung in Palästina bekommen. Das llilfskomitee hat eine besondere Erlaubnis der Siidafrik■mischen Regierung zur Uehi'ru eisiing der llilfsgehler nach Palästina erhalten. Auf eineiii Meeting lies Qrand Coiimil des Order ol Ancient Maccabeans am I. Mai teilte der Vorsitzende Herr Herbert llcnt« ich mit, daß infolge seines Aufrufes zugunsten der Palästina-Hilfsaktion viele Abteilungen des Ordens ihren Mitgliedern mbnatliehe Abgaben anfcrlegl haben und dall Beiträge in Hölle von >3 IיItimt bereits eingegangen seien. Es wurde beschlossen, diesen Bel rag als erste Kaie uurch Vermittlung der Kopeiih.igcinr /culi.ilslelh für oie I'alästina-Hillsaktion (I ivskenstralle Kl) nach Palästina zu überweisen. Das zweite Heft des ״Juden“ Dem ersten lieft der neuen uni Marlin Btibcr geleiteten Moiiatssehrift ״Der Jude“ schrieb Berthnld E'eiwel das Geleitwort in der ,,Jüdischen Rundschau“. Den Worten des I ratmk■- folgten die aufmerksamen Bcgriilhmgen in vielen indischen Zeitschriften und allmählich begannen auch die allgemeinen Organe den grollen Eindruck fcstZlictellcii, den die nute Zeitsehrift auf sie gemacht hat. Manche überraschende Afiiliernng iiegl vor. So schreibt in der ״< icrninina“ vom 2t, Mai Monsignore l)r. I,:ml Maria Baumgarten in einem langen Aiilsat/., (lall jeder, der sieh mit der I׳'rage des ()>1!1 idenumis eingehender bcschädigt hat, die neue Zeitschrift mit Ereudcn hegrüßen müsse. ״I He ungemeine Lebhaftigkeit und Unerschrockenheit der Verfasser macht die Lesung des ersten Helles zu einem genußreichen. Hoffen(- lieh hält sieh die Zeit seit ritt auf dieser Hohe, wobei ich jedoch auf die einschränkenden Bemerkungen hinweise, die ich oben;eumclit habe.“ Dali l’eisuiilicllki!teil, wie die dehohen katholischen Geistlichen, Einschränkungen /n machen haben, ist ־-elbsiverstandlieh, daß aber die /eitschriit sich aui der Hohe hält, wie es selb't die ganz Außenstehenden wünschen, sieht man nn< dun zweiten lieft‘), das soeben erschienen ist, und des freuen sich ווו וו some 111 jene, die mit eigener Anteilnahme der Zeitschrift gegenliberst eilen. Heu einleitenden Aul-alz. des zweiten Helles selneiht Ma\ Maver Unter dem Titel ״Rivalen oder Verbündete?“ behandelt er eleu Kamp( zwi-elieu Ilebräiseli und Jiddisch und tritt für die Eordeiiuig ein, die beiden Spi.idieu als (erblindete Mächte im Kampf um die Erhaltung der jüdischen Eigenart aul'ziifassen. l> ist bekannt, daß gegen diesen Standpunkt von beiden Seiten I inw.uuk! gemacht werden. Aber niemand wird sieh dem Eindruck des eindringlichen Ernstes entziehen, mit dem der Aufsatz. 1111 ״Juden“ die l'rage aulaßt. An /.weiter Stelle steht ״Uns Gestabende" von .Marlin Ituhev, nach einer IU!2 gelialtuien Ansprache. Buher spricht Von dem ewigen Kampf des (1e-lalte11de11 mit dem Widerstrebenden, dem Gestaltlosen und dem Gestaltenden. ״So ist cs denn selbstverständlich und doch immer wieder ein neues Ereignis, daß die Gestaltenden im empirischeu Verlaut des Lehens besiegt werden. Es kann nicht anders sein, als daß vla-i (icstahlose, ,,der große Krumme“, über den Geist im Empirischen’siegt. Es kann nicht anders sein, als daß das, was geschaffen wird, wie jene Torsi des .Michelangelo ist: Zeugnis des Unbewaltigten. Aber wie in den Torsi ist die Niederlage des Geistes nur Schein, die Wahrheit ist sein Sieg. Und in Wahrheit sind, die zusammenbrechen, die verketzert und gesteinigt werden, die ewigen Sieger des Geistes über das Chaos - über das doppelte: das nackte und das in verwesende Form gekleidete Chaos. In Wahrheit sind sie es, die rlas Gesetz des inneren Geschehens in die steinernen Tafeln graben.“ Und dann führt Buher aus, daß und wie das Judentum ein seltsamer, seltsam vorbestimmter Sonderfall dieses ewigen Prozesses ist, ’) ״Der Jude“. Eine Monatsschrift. 2. Heft (Mai 1916). Verlag R. Löwit - Berlin - Wien, Für Deutschland z.u beziehen durch Verlag R. Löwit, Abteihing ״Der Jude“, Berlin N. 37, Weißenburgerstratie 6, Jahresabonnement 10 M., Halbjahrcsabonnentait 5 mul schließt: ״Was uns in der Zeit der Erniedrigung mul des Wicdersimis, in der wir leben, mit der Kraft mul Ziivcrsichl ausstattet, ist die Ahnung, daß sie doch zugleich auch der Beginn einer dritten Epoche ist, in der die Gestaltenden wiederkehren." Z.u den alleraktuellsten Problemen der Zeit nehmen die folgenden Aufsätze Stellung. R■ Sal* mann iiiHcrsuehl ,|1)ie jüdische .Selbstverwaltung int polnischen Staate," Sein Aufsatz ist einer der wertvollsten Beiträge zum Problem des Zusammenlebens zwischen Juden und Polen. Demi er zeigt, daß die Polen die jüdische Selbstverwaltung geachtet haben, solange sie selbst in ihrem Lande frei waren. Dies wird nicht mir behauptet, sondern mit aiißcrordcntliclier Lebendigkeit der Darstellung im einzelnen auseiiiamlcrgcsctzt. Und diese historische Orientierung wirkt so überzeugend, daß von einem solchen Aufsatz in gewissen Kieiseit eine neue Auffassung politischer Probleme des Ostens ansgehen könnte. Der Aufsalz schließ! mit der Folgerung, die ein Ausblick ist: ״Das polnische Volk ebenso wie die Judeiilicit bilde 11 historisch ausgeprägte nationale Imlividncii, die genügend uralte Kraft in sielt besitzen, um jedem Vcrgewaltigimgsvcrsiieh auf das energischste Widerstand zu!eisten. Und so wie jede neue politische Konstellation die alle I loffiiting des polnischen Volkes auf Wiederherstellung seiner nationalen Seihstämligkeü naiiirgeiiiäli von neuem nullebeu läßt, ebenso organisch muß sie auch das Streben der Juden muh Wiederherstellung ihres Sclbstbcstimimnigsreelits innerhalb dieses Landes von neuem erwecken.“ 111 einer schönen Ergänzung dieses Aufsatzes stehen l.a/.ir Abramsons Ausführungen über ״Die o-tjüdische Gemeinde“, Sie machen auch dem Vi cstjiiden und dem Niehtiiiden klar, wie die Struktur der ostjüdisehen Gemeinde, speziell in Rußland, ist. Es wäre zu wünschen, daß mehr solcher Aufsätze den deutschen loser zur Kenntnis ostjüdischen Lehens iiiliiten. Dei bekannte jüdische Schriftsteller ,lillel Zeitlin tu Warschau schreibt über die ״Aufgaben der polnischen Juden“. Endlich meldet sich hier hörbar für die große l)Öffentlichkeit Deutschlands ein legitimierter .Sprecher des polnischen Judentums. Umso ■nifiiiei k •amt r w ird mau seine vom Bewußtsein des Wertes und der Aufgalve getragenen Worte lesen. Adolf I׳<»hm selneiht über die ״Jüdischen Posilinnen m Palästina“. Sein Aufsatz gibt in gedrungener I onn ein deutliches Bild und eine gerechte Würdig'iiug deiüilisilien Werkes in Palästina, Auch den Kenner der imli-clien Arbeit in Palästina wird der Zn-. 1 m 1 m 1111,111 l׳ fc-M׳l1t, in dem Adolf Bölmi die eiiizeincii Piisiii.meii betrachtet. י M'.ar Lp-tcin äußert ״Grundsätzliches zur zionisl!selten ticgoimarisaibcil“. •Er knüpft in gewi-sem Sinne an den Aufsatz I Ingo Bergmanns an, der im ersten Heft des Juden stand, und macht den Unterschied /.wischen einem formalen Nationalismus, dem es mir auf äußere UlUersdieidiingsiiierkinaic ankoiumt, und einem weseiilinltcn Nationalismus klar, dem es auf Verbundenheit der wirklichen l.ehcnsbozielumgcii aiikonimt, welche die äußeren Utucrschcidmigsfnrmcn mehr oder w eniger von selbst Jtcrvorhriugoii werden, Sem Aufsalz kann jedenfalls Anlegung und Ausgangspimkt fruchtbaren Nachdenkens und Ai'liedens werden. Ein sehr interessanter Aufsatz von Saloinoit Leluicrt unter dem Titel ״Jüdische Volksarbeit“ orientiert über Einrichtung und Bedeutung eines in Berlin neugegründeten Jinli-flieii Volksiicnns. Den Schluß der Aufsätze nimmt cm Beitrag ״Judsichr Volkslieder“ von Arno Nadel ein. Arno (Nadel gehört zu den besten Kennern des jüdischen Volksliedes und weiß seine gefühlvollen Bernerklingen in gm gewählten Beispielen zu illustrieren, die er mit dichterischem Feingefühl gleichzeitig ins I)eutschc übertrügt. Den Uchergang zu den ßciucrkungen bilden zwei kurze Beiträge von Buher ״< :hassidisches“. Diese beiden Beiträge sind Literarischem fern und rühren an das tiefste menschliche Problem, das im politischen Werden des gegenwärtigen Judentiims ruht. Einen besonders lebendigen Charakter haben wiederum die ״Bemerkungen“, unter denen ein Brief an eine Schülerin in Galizien von Max Brod, und Beiträge von Alhrccht Hellmann und Hugo Bergmann An die Leser der Jüdischen Rundschau in Wien. Wir haben dem Verlag R. Löwit, Wien, I. Rotcnturmstr. 22, den Einzelverkauf der Jüdischen Rundschau für Wien übertragen. Der Preis der Nummer betrügt im Einzelverkauf 25 h. Verla; der Jüdischen Rundschau. auffallen, aber auch andere Beiträge fesseln jurA die tcm|K־ramentvollc und zugleich sachliche Hchana hing von Fragen und Dingen. Alles in allem: das zweite lieft zeigt, daß!),, Jude" die Vcrs|)r1Tl1nngcn zu erfüllen gedenk!" (|j» er mit dem ersten Hefte gemacht hat. | Karl Steinitz Dreimal bin ich Karl Steinitz begegnet. |);,s erste Mal im Juli vorigen Jahres, als ich nach einem l'eldgotlrsdienst in N. mit ein paar Kameraden!!ן, Wagen nach II. fuhr. Einer von ihnen machte mich auf einen ״Gemeinen“ aufmerksam, der ganz hcscheiden vor uns auf dem Bocke sali: das sei ein ungewöhnlicher Mensch. In II., wo wir zu dreien in einem verlassenen Hause ein sehr frugale- \y,| teilten, faßte ich den also Brzeiclnieten dann tirilier ins Auge. Es war wirklich ein Mensch, das war Ungewöhnliches genug. Ich merkte mir seinen Namen gut: Karl Steinitz. I '-roi viertel ja Im■ horte!ch nichts von ihm. Vor vier Wochen meldete ei sich plötzlich bei mir mit Seid,, seinem jüdischen Kiiegsfreund von damals. Zwei christliche Kaineiaden hatten sich mittlerweile den beiden Unzertrennlichen angcschlosscn, und an dem vicrhlättngcn Kleeblatt glitten wie au einem jUiubergciciten Kleinod Aergcr lind Verdruß, Sorge und Entbehrung des harten Dienstes ab. Steinitz hatte es dank I leidem iten deren Größe seinv humorvolle Schilderung mir ,־ihnen ließ, glücklich zum Unteroffizier uttd zmn schwärtweißen Bande gebracht. Es ging wie, ein fnschcr Eriihliiigsliaiicli von diesen heulen Freunden am. Hier war noch echte jugendliche Kricg-hcgeisn rmijr, die anderswo im laugen Stelhmg-k.unpfe nngtschlafen w ar. Y|)crn, I oretto, Serbien, Ungarn - das war eine Kette wagemutiger Ahenleiirr, deren Grausen zuriicktral vor wenigen zerstreuten aber mit Liebe gehegten friedlichen E!imiermigen. Wie Ritter des Glücks glaubten sie an den guten Stein, der sichtbar über ihnen gewaltet. Zwei Wochen spater, am Morgen des F.rew-Pcßai'h, kam Steinitz za mir, mtide und ernster als ich ihn kannte. Ei kam \01n ״Morthomme“. dessen tödlicher Umklammerung der erste aus dem f remulesbimd erlegen war 111 der Gastfreundschaft eines Üiindcsbriiders lehn Steinitz allmählich wieder auf und der Anblick det Itnn teile von jüdischen Brüdern, zur l eier des Br:r׳ iun:: •i'cdcs aus allen Gräbern, von allen Tälern und I!״licu hier zusammcn-tmim ml, hob ihn gewaltig empor Wie in seligem Traum saß er abends mit uns am Svdcriisch und ging als letzter, als auch das letzte I idst er* loschen war. Und min tritt vor wenigen lagen sein treu ml Sehl, unerwartet in mein Zimmer: Karl Steinitz ist tot. Ein französisches Explosivgeschoß hat ihn in die Stirn getroffen, als er, auf Feldwache sichend, eben aiilcgcn wollte, um einen feindlichen \ngriff ab/mvebren. Er brach auf der Stelle lautlos zusainiueii. Her Freund hat seine I.eiche -pät<■! mit eigenen Händen aus dein aufgewühlten Buden ausgegraben und mit anderen Taptereti zusanum 11 h h׳n sic ihn trauernd bestattet. Ich habe nur Stunden die lebendige Gegenwart dieses Jünglings genossen, aller -ein Bild hat sielt mir unauslöschlich eingeprägt. Von ihm gilt, was er '.011 tmscreni gemeinsamen Freunde Max liehteiistem sagte: er war eine Lichtgestalt. Eine I laeuiic von wunderbarer Kruft und Keim■ leuchtete ans seinen Augen, nicht eine unstät lcidcitscliail!? Iw, sondern eine ruhige, warme und erwärmende. 1.1 war Enthusiast in dem schonen Sinne des tu'Uli• seins \on Gott und allein, was sein Herz als ,׳nt■ lieh groß und schön erfaßte. Was ei war. wa er ganz. So konnte er mit seinem unendlich zuteil Empfinden ein Soldat von unbeugsamen Mute, er, der früher überaus Nervöse, ein Führer von itucrschiitterlichcr Ruhe sein und konnte wiederum in der Muße des Quartiers, über ein kleines Buch, den ״Faust“ oder die Psalmen gebückt, sich in des Men- Schöngeistes höchste Höhen verlieren. Das konnte er, weil ihn niemals und nirgends der frohe Glaube an Gott und an die Menschen im Stich ließ. Nichts hat mich an diesem Juden (mochten wir viele seinesgleichen unser nennen dürfen') mehr ergriffen als die Demut, in der er sich das Gefäß und Werkzeug eines erhabenen Geistes und eines gütigen Willens fühlte, nichts mehr als die Dankbarkeit, mit der er, der stets hilfsbereite und helfende, jedes gute Wort und jede kleinste Gabe wie ein unverdientes Oc־ schenk hinnahm. Freilich, diese Demut, die sich nicht ins rechte Licht zu setzen weiß, mag schuld daran sein, daß mancher, zumal im Kriegsdienst ihm Zugcscllte, achtlos an ihm vorbeisah. Wer ihn kannte, mußte ihn lieben. Das haben seine Freunde an sich erfahren, auf die 1 er, ohne es recht zu wissen, den tiefsten geistigen und moralischen Einfluß ausgeübt hat. Aber daß der milden Macht des Lichtes, das a״s