Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1916)
- Date
- 1916-06-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahrgang, Das Recht auf Eigenart Per Bonner Professor für semitische Spradu n Oelieimrnt Eduard König iiat in den ״Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des AMii'-emitismus“ unter dem Titel ,,Neueste /erkliuiiingcn des Antisemitismus“ einen Aufsatz m KiHentlicht, in dem er einerseits die Ras-gnvoiurteile im allgemeinen und besonders die luiklosen und böswilligen Rassentheorieu tler Antisemiten zu'iiickweist, andererseits aber aueli du Versuche verurteilt, die von jüdischer Seite gt macht wurden, um die Eigenart tler semilis, heu und im besonderen jüdischen Denkweise /11 erforschen. Auf den ersten Teil seiner Ausführungen cüi/ugelten, liegt ־ trat/ manelver wenig׳ trel'ishIhtci׳ Argumente, die vorgebraclit werden - Im 1 kein Anlalf v >r. Um so mein' aber ist (Im gegen das Recht auf jüdische Kigcnai! gemiitete Polemik Königs geeignet, im jüdischen Lager einige Verwirrung hervorziirul'en. Drei Kronzeugen Iiat sielt König zum Beweise dafür atiserschen, dal( durch den Vcrsm 11, ,,das Volk Israel irgendwie, wenn auelr nur unbcwiiltt tintl andeutungsweise, aK eine sumUrbare Menscliheits-Abteihing“ zu kenn/eiehm-11, ,,die Gefahr erzeugt werde, tlall die ilrm um> sauer Literatur gebührende Stellung in der (irisU'cescliiclite tler Menschheit hcrahgctlrückt \1 mit׳,‘* trieb Bise hoff hat in der Einleitung zu stimm Werke ״Die Elemente der Kabbalali“ (Hd, II, 1011) behauptet, tlall in den scheinbar abstrusen Einzclbestaiulfeilcn und Eigentümliclikeilen der Kabbalali gilt vielfach ungeahnter tii'lrr Sinn verborgen sei. Um diesen zu erkennen, niii-e man sich bemühen, orientalisch iiindenkeu /11 Innen, Viele, zumal Vertreter tler modernen WisM m-chaft, sahen den Grund hierzu noch nicht tiii und konnten sich zu solchem Umdenkt ui nicht entsclihelleii. IX'r orientalische Bi״i'vineebanismus sei von tlem abendländisclien nitin nur dem Oradc, sondern der ganzen Art nach wesentlich verschieden. ״Wer diesen Untei •t'liied ignoriert, infolgedessen Aeulierungeu eines nicht unter aristotelischer Logikluchtel sielicmlni Denkens mit dem (leiste unserer ge- "«dunen Pcnkfoimen milit und dann jenen liefsinn .-innlos zu finden vermag oder ihn zwecks ei;׳.•neu Verständnisses modern uui/iilorinen mu 1 »t, weil ihm gar nicht der leiseste (iedankc koiuint, tlall jemals jemand auf andere Art denken konnte als wir, der gleicht einem Mnsikb.mausen, der da wähnt, seit Olims /eiten )mbc alle Welt nach unserer zweiseitigen Tonkaltr (in Dur und Moll) mit ihrer lonlolge iiiiui/iert, dem es daher das Ohr /ei'reillcn will, "um t׳r /. B. eine der noch erhaltenen altgiiecliischcn Melodien hört," Ein zweites Dokument der ״neuesten ״/erklniimigen des Menschengeschlechts“ glaubt König in einer Abhandlung von Martin Bubers "01 kurzem erschienenen Buche'׳) gefunden zu haben. Mit der in diesem Aufsatz klar for- »udierten Antithese über den morgen- und abendländischen Geist weif! König so wenig an/u- ״ (יDer Geist des Orients und das Judentum in tin Huber ״Vom Geist des Juden «ms• . Vcr- Kurl Wollt,’ Leipzig 016. Vgl. die Besprechdieses Budhes durch Hugo Bergmann 111 dir teil Nummer der ״Jüdischen Rundschau . ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer fiffent• lieh •rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina." Baseler Programm. fangen, tlall er in allem Ernst behauptet, tlall durch solche Gegenüberstellungen ״die Literatur der Israeliten als ein Produkt von Sonderlingeii" erscheine mul Gefahr laufe, bei anderen Menschen an ״Au/.icluingskrnft, die sie iji so hohem Maile verdient," einznhtilien. Aueli die kritische Arbeit eines Bibelforseliers, B. Jacob, wird deshalb angegriffen, weil sie den Parallelismus tler hebräischen Prosa- Diktion auf eine letzten Endes ״semitische, die Dinge dicliotomisch erfassende Denkweise“ zurürktührt Ls kann hier nicht die Aufgabe sein, den tiefliegenden mul nur mit intuitivem Sehen und w issenschal'tlicher Akribie lösbaren Problemen, die tlie-ei dreifache Angriff Königs Oberflächenhaft berührt, irgendwie auf den Grund zu kommen. Aber die für einen Mann der Wissenschaft erslaunliehe Intoleranz, die diesem Angriff zu Gruutle liegt, darf nicht unwidersprochen bleiben. Per Kampf des I loclischulgelehrten gilt ja nicht :סי sehr der wissenschaftlichen Widerlegiing tlieses oder jenes ihm falsch erscheinenden Urteils über tlas Wesen der jüdischen Eigenart, sondern vielmehr der prinzipiellen Verneinung der Frage, ob es eine jüdische Eigenart gebe. Er möchte eine Anschauung über tlas jüdische Wesen ausrotten, weil ihre praktische Konse- <|ucu/ für das heutige Assimilatioiisjudentiim unbequem werden könnte. Er fürchtet für tlas Wohlergehen tler Juden unter den Völkern, wenn sie für sich und ihre Vergangenheit den Ansprncli erheben, eirte eigenartige Gemeinschaft zu bilden, die naturgemäli sich von anderen Gemeinschaften in vielem Wesentlichen unterscheitlet. Wie König, der diese Tatsache wohl kaum zu leugnen vermag, auf Grund seines Bewcismaterials von einer ״Zerklüftung des Menschcngcschlcchtes“ durch jüdische Autoren spreeilen kann, mag sein Geheimnis bleiben. Dad aber die ״Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus“ diesen Ausführungen ihre Spalten geöffnet haben, zeigt deutlich, wie weit es kommt, wenn man den Antisemitismus durch sv^teinatischc Besclmeidung und Verkümmerung der eigenen Individualität bekämpfen zu können glaubt. Denn was liier verlangt wird, ist nicht mehr und nicht weniger als die Verleugnung der Existenzberechtigung jüdischer Bestrebungen, die sieli die freie Erforschung und möglichst restlose Bewahrung ihrer historisch gewordenen Eigenart /ur Aufgabe gemacht haben. Wie sehr diese Abwehr-Blätter sich von ihrer eigentlichen Bestimmung immer mehr entfernen und sich schon bald richtiger ״Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr jüdischer Bestrebungen" nennen sollten, zeigt auch die ״Ankiimligung“, die sic dem Erscheinen der Zeitscluift ״Der Jude“ widmeten. Nach der Ansicht dieser Blätter ״kann kein Zweifel darüber herrschen, daß das deutsche Judentum von dieser Zeitschrift keine Förderung zu erwarten hat.“ Und dies deshalb, weil ״Der Jude" den ״Willen zur eigenen Art und eigenen nationalen Ent- Wicklung“ auf seine Fahne geschrieben hat. Die Zeit wird lehren, ob das deutsche Judentum dem lähmenden Pessimismus des Abwehnorgans etwas Kernhaftes, sieh tätig Behauptendes entgegenzusetzen hat. Noch haben wir keinen Anlaß, anzuuehmen, daß das Judentum in Westeuropa sielt ganz auf/tigeben bereit ist. Und eine Anfrage muH Herr Professor König, weil er doch ein Deutscher ist, über sich ergehen lassen: sind die Deutschen ״Zcrklüftcr des Menschengeschlechts", weil ihnen ihre Volksart teuer ist? Verpflichtet sie nicht ein liberalkosmopolitisches Dogma ztim resignierten Vcrzieht auf eine Eigenart, deren Kraft doch schließ-!ich auch in tief Tiefe ihres Wesens ruht? Und will Herr Professor König, dem Martin Bubers , Auffassung jüdischen Seins beengend und zerklüftemi erscheint, vielleicht darüber nachdenken, was wiederum Buber in der ״Losung“ des ersten Heltes des ״Juden“ sagte? ״Wir gelten nicht darauf aus, eine Nationalität mehr zu den Nationalitäten zu fügen, die einander in diesem Augenblick bekämpfen oder belauern. Es ist nicht die Sache des Judentums, /ur Völkertrcnimiig beizntragen, sondern seine Sache ist, der Völkerverbindttng zu dienen.“ So universal zugleich ist unser jüdischer Na* tionalismtis. F.r war es zur Zeit tler Propheten, er ist es noch heute. Wenn der Geist tler Apologetik nicht das Denken selbst wohlwollender Nicbtjuden vergütete, müßten wir Juden uns nicht gegen die würgende ״ loleran/“ wehren, die uns um das unveräußerliche Recht auf unsere Eigenart bringen will. M. M. Die Hilfsaktion für Palästina rtcr Vorsitzende des ״Amerikanischen Hilfsfonds fiir die palästinensischen Juden“ teilt mit: ״Nach wie vor ist die Fortsetzung des l’a- I ä s t i n a -11 i I f s \v e 1 k s dringend geboten. Nach einer neuen Aufstellung sind monatlich 100 000 Francs zur Ihitcrstiit/ung der städtischen Bevölkerung und weitere 100000 I'raues /ur Forderung der Kolonien, zusammen also '20 000 I׳'raues erforderlich. Von den 100 000 l'i.mcs fiir die Städte müssen י rein als Untcistul/img gegclrcn werden. Dies gilt insbesondere für /ahhuigcn in Jerusalem, Saffcd und Tibcrins. In Jaffa dagegen und in Haifa ist ein grolier Teil der jüdischen Bevölkerung nur momentan in Not geraten, weil diese Leute ihr Vermögen im Auslände haben oder weil sie es in Grund und Boden angelegt oder bei Dritten deponiert haben, so dall sie das Geld /ur/eit nicht flüssig machen können. Diese Leute, ebenso viele Handwerker und Arbeiter, brauchen nur Darlehen. Etwa 20 000 Eres, pro Monat brauchen daher nur \mschubweise gegeben zu werden. In den Kolonien sind Uiitcrstüt/.imgcn nur ausnahmsweise /u geben. Hie Kolonien haben aber jetzt sehr große allgemeine Fasten infolge erholder Steuern und Arbeitsleistungen aller Art zu tragen. Ilier/u kommen die Ausgaben für kommunale Einrichtungen (Schulen, Bethatiser, Arzt, Apotheke, Wächter, Koloniebe.nnte nsw.). Diese Ausgaben betragen im Monat etwa 100 -DO 000 Eres. Die Vcrwaltungskoniitces der Kolonien bringen diese Beträge, unterstützt durch die wirkliche ()pfertreudigkeit der Kolonisten, zum grollen Teil selbst auf, jedoch ist ein monatlicher Zuschtili von 20 000 Frcs. notwendig, um die Komitees in ihrer Arbeitsfähigkeit zu erhalten und eine Auflösung der Kolonicvcrbände zu vermeiden. Die sonst für die Kolonien erforderlichen 80 000 Frcs. werden als Darlehen für landwirtschaftliche Arbeiten gegeben werden. Die Kolonisten bekommen dann etwa 1/3 der monatlichen Ausgaben als Darlehen zur Verfügung gestellt. Sie können damit in erster Linie sämtliche Löhne bezahlen, 80 daß weder die askenasi-