Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1916)
- Date
- 1916-05-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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mid ‘1. die polnische Sprache schriftlich und mündlieh beherrsdie. J)ic Wühler werden in folgende sechs Kurien cingetcilt, die je 15 Stadtverordnete wählen. l>ie erste Kurie besteht aus I laus- und Gutsbesitzern (in dieser Kurie wühlen nueh Fr,me״ und zwar durch Vollmacht); die zweite aus größeren Handels- und Industrieunternehmen!; die dritte aus Angchöri* gen der freien Berufe und zwar wählen: die katholischt• (ieistlichkeit einen, (die jüdische und protestantischc keilten), die Juristen drei, die Lehrer drei, die Aerzte drei, die Techniker drei, die übrige Intclligcuz drei Stadtverordnete; die vierte Kurie besteht aus kleinindustiiellen Handwerkern'und kleinen I landelsnuternehinern; die fünfte Kurie aus ׳Wühlern, tiic eine Wohnungsstcucr zahlen; die sechste Kurie aus Wühlern, die nicht unter die ersten fünf Kurien fallen. Laut Artikel I sind die Wahlen innerhalb ti e r Kurie mit Ausnahme der vierten Kurie P r o po r t i o n a I w a h I c n. Alle Wühler haben innerhalb ihrer Kurien gleiches Wahlrecht können aber nur in dieser Kurie wühlen. Die Wahlen sind geheim. . Diese neue Vcrwaltungsorilmmg trat mit dem 10. M a i l')l(> in Kraft. Am selben Tage wurde das Warschauer 13 ii r g e r k o m i t e e a u f ge h o b e n. Bis zur Durchführung der Waiden und der Konstituierung der städtischen Leitung werden sämtliche An- Gelegenheiten einer provisorischen Stadtverwaltung mit dem Stadtprüsidenten an der Spitze erledigt. Mit einer Summe bis zu 100 001) M. oder sechs Monaten Festung wird bestraft 1. wer ohne Grund die Annahme des Mandats für ein städtisches Amt verweigert. Diese Strafe kann beliebig oft wiederholt werden, bis der Betreffende die Forderung erfüllt; 2. wer als Mitglied des ehemaligen Bürgerkomitees seine Amtstätigkeit fortzusetzen versucht; 3. wer schriftlich oder mündlich gegen die Durchführung dieser Verordnung agitiert. Am gleichen Tage wurde Fürst Lubomirsky zum Stadtpiüsidenten der Residenzstadt Warschau ernannt. Zum ersten Bürgermeister wurde Ingenieur Drze wieck i ernannt. * Fs ist selbstverständlich, daß diese Verordnung für die Gestaltung auch der jüdischen Verhältnisse in Warschau und damit in Polen von allergrolltet׳ Bedeutung ist. 111 welcher Richtung sieh vier Einfluß geltend machen wird, lädt sich vorderband schwer beurteilen. Die Verordnung enthält einzeliie Bestimmungen, deren 1 111 c r p r e t a t i o n in dem einen oder anderen Sinne von der größten Bedeutung werden wird. Wie wird die Einbürgerung geregelt werden? Von welchen Momenten wird die Ziierkeimung des Stnatsbiiigcrrechts im Königreich Polen abhängig gemacht werden? Das sind noch offene, aber nicht unerhebliche Fragen. Es mild beachte! weiden, daß die Ktirieuoidiiung auf der Bmifsschiclitung mul nicht auf der nationalen Zugehörigkeit beruht. Ob und wieweit damit die Interessen der jüdischen Bevölkerung tatsächlich vor Vergewaltigung geschützt sein werden, läßt sieh noch nicht erkennen. Die Warschauer Presse enthält sich jeder Meinungsäußerung. Nur der ״Ooiiiec“ frohlockt, daß durch die städtische Wahlordnung vom Anteil :111 den Wahlen ausgeschlossen werden ״alle uns aus dem Orten Aufgchürdclcu, die bemüht waren, vier Slaiit Warschau ihr spezifisches Aussehen zu verleihen“. Solche Aeiißerimgcu dürften im neutrafen Ausland einigermaßen Befremden erregen. Da au dem Wohlwollen der deutschen Verwaltung, das ihr Verhalten zu alle 11 Bevölkcriiiigsteilen bestimmt, nicht gezweifelt werden kann, wäre es erfreulich 111111 beruhigend, auch die Stimmen der jüdischen Presse zu hören. Ucbcrall, wo mau au dem Leben der jüdischen Bevölkerung «les Ostens Anteil nimmt — speziell in Deutschland und dem neutralen Ausland in Europa und Amerika — wartet man daher jelzt mit Spannung auf die Stellungnahme der jüdischen Presse. Auch wir enthalten uns des eigenen Urteils, solange wir nicht die Auffassung der kompetenten Vertreter der jüdischen Ocffcntliehkcit Polens kennen. Die Trauer um Schaloni Alejchem Die traurige Nachricht von dem Tode Schn Iom Alcjchcms, die das Zionistische Actions-Comitd telegraphisch de״ Zeitungen mitteilic, erregte tiefe Trauer in den weitesten jüdischen Kreisen Russisch- Polens. Sämtliche jüdische Zeitungen in Warschau und Lodz gaben Extrablätter in schwarzer Umrahmung heraus. Line Woche lang währten die Traucrkuuugchirngen der jüdischen Gesellschaften. Aufsätze über den ״Killen Dichter, Lieder auf seinen Tod, Erinueriingcii an ihn, wie auch Briefe aus seiner Hand füllten die Spalten der jüdischen Presse. Noch am Abend des 17. Mai, an dem das Telegramm nach Warschau gekommen war, beschloß der ״Verein der jüdischen Literaten und Journa listen“ auf einer Sitzung, eine Scelcnfcier in der großen Synagoge, einen öffentlichen Trauerabend m einem der größten Säle Warschaus tmd einen geschlossenen Trnucrabcnd für die Mitglieder zu veranstalten. Am Abend des 18. Mai fand in den K r i 11 s k y schule n eine Traitervcrsammlung unter Beteiligung sämtlicher Schüler und Lehrer statt, Krinsky hielt eine Ansprache in jidischcr, Handclsalz in hebräischer und Sybcrt in polnischer Sprache. Die Schüler beschlossen, eine Schalom- A 1 e j c 11 e m - A 11 c e im I lerzlwaliJ anztilegcn. Am selben Abend veranstaltete das I li d i s c h c Uymna.sin 111 von Pinkel eine ähnliche Trnuerlcicr. Die Verwaltung des literarischen Vereins ״II a s a - 111 ir" beschloß, einen Monat laug /um Zeichen der Trauer keine Vergnügungen zu veranstalten, am 21. Al,11׳ eine Traucrfeier (mit Beteiligung der Schriftsteiler S t u p 11 i t z k y , F'rcid und Dr. Wjelikowskyt cinzuberulcn 111111 ein S ch a Io in - A I c j - c h e 111-M 11 s e 11 m aiiziilegeii. Der literarische Verein in Praga besdtloß unter anderem, ein Preisausschreiben ftir das beste Werk, das tilver den Dichter Bis zur ersten Wiederkehr seines Todestages geschrieben wird, zu veranstalten, In Lodz, wuiden Traucrvcrsammlungcn voranstaltet vom ״J ii 11 i s e 11 e 11 Schul- und Volksbi Idu 11 gs v c rc i 11“, dem Verein ״Drama und Musi k“ von den C liowcwü Sfat Ewc r“, dcii'professionellen Vereinen, vom ״Verein der Z e i 11111 g s v e 1 k ii 11 f c r“ u. a. Der letztere Verein beschloß, eine billige Kiiche auf den Namen des geliebten Dichters zu gründen. Im Zionismus liegt eine merkwürdige Dialektik des Wollcns. Er will die Urkräfte des jüdischen Volkes wecken. Diese Urkräfte sind religiöse, Der Zionismus aber begann scheinbar gerade als eine nichtreligiöse, als nationale Bewegung und sah in dieser Losgelöstheil vom Religiösen seinen großen Fortschritt. Religion war im Zionismus Privatsaclic. Dies war eine erste, unbeholfene Formel, die das Wesen des Nationalen höchst zweideutig und notdürftig aussprnch. Der wahre Sinn des nationalen Charakters unserer Bewegung war, daß der Zionismus sich an den ganzen jüdischen Menschen wendete. Das frühere Judentum sprach zum Herzen und zum Gehirn, aber es umfaßte das Lelien nicht. Leiten lind Lehre blieben einander fremd oder es ging eines ain anderen zugrunde. Nun sollte auf einmal das Leben sich aus seinen eigenen Gesetzen frei entfalten und dennoch jüdisch sein, I lerzl kounic sein jüdisches Programm in die Worte fassen: ״Man muß sie kriegsstark, arbeitsfroh und tilgendhaft machen". Hier aiso ging cs uni den ganzen Menschen, um seinen Ernst und um sein Spiel, um seine ד ugend und um seine Arbeit, um das Jenseits ti!1 d das Diesseits. Dies war die in der ganzen Galuthgcsdiichte unerhörte Tat des Zionismus, dies das Radikale seiner Forderung, daß er die ge samteil Lcbensverhältnissc des Juden umzuformen unternahm. Es war eine Empörung wider die reine Geistigkeit in diesem Nationalismus mit seinem Bekenntnis zur Welt und Weltlichkeit. Unter seiner Acgidc entstand die ״profane“ hebräische und jidisehe Literatur, in einem Atem sang Tschcrnichowski Zionslicdcr und den Sang an Apollo. Besonders die jidische Literatur wandte sich mit Abscheu von allem abstrakten Judentum ab, und nun hat einer der Jidisdiistcn auf der letzten Konferenz der Mcfizc haskalali in Petersburg gar die Formel gefunden: ״Wir wollen jüdische Kinder mit roten Backen und mit gojischcm Kopf". Lassen wir uns durch die groteske, übertriebene Formulierung nicht irreführen I Es steckt ein gut Teil echt zionistischer Wjllcnsrichtiing in diesem Streben nach körperlicher Gesundheit und geistiger Normalität. Es ist das Ringen um ein umfassendes, in der Wirklichkeit des Lebens verankertes Judentum. Die Ucbcrtrcibungcn der Formeln zeigen nur das Dialektische des zionistischen Prozesses, der, indem er das Judentum auf die Erde herab verpflanzen wollte, für eine Weile seines himmlischen Ursprungs und Sinnes vergessen konnte. Hat doch umgekehrt die geistige Richtung im Judentum Jahrhunderte lang des Menschen im Juden vergessen können I Der Zionismus ist in Wahrheit die Synthese jener beiden Elemente, des weltlichen und des geistigen, die seit dem Beginn unserer Geschichte einander bekämpfen, zu einander streben und sich nicht finden können, ist der Kampf von Jidisch und Hebräisch nicht vielleicht eine Fortsetzung des Kampfes der Könige und Propheten, der Sadduzäer und Pharisäer? Der echte jüdische Nationalismus will die Vcreinigimg der Gegensätze. Er will eine starke jüdische Wirklichkeit und Weltlichkeit, denn er weiß: wenn wir nur überhaupt noch sind, dann wird aus all dem weltlichen Treiben, aus Banken und Schulen, Gewerkschaften und Kolonien der Oe ist des Judentums hervorwachsen: die Religiosität der Verinnerliehung und der Einung, Nicht geringer war die Trauer in• L c m tu׳ r ״ wie die aus der gali/isclien Hauptstadt einlaiifeiuten Nummern des Le mb erg er Tagblattes he. künden. Uebcr die Krankheit des Dichters mul seine letzten Tage liegen noch keine Nachrichten vor. Rabbinerverband in ,Deutschland Ain 8.—10. Mal hielt der Rahhincrvcrband in Berlin seine Generalversammlung ab. Fast hundert Mitglieder waren erschienen. Professor Dr. O u 11 m a n 11 - Breslau, der Vorsitzende, erstattete Bericht, tmd B! u m e 114 h a I. Berlin gab den Ueberblick über die Kasse. Kopf, stein- Ikiithen referierte sodann über die M i I i. t ii rs e e 1 so r g e. Die Forderungen, die der Redner zum Ausdruck brachte, leiteten zu einet׳ Besprechtmg der Stellung der Miliiärseelsorge im | rieden über, für die man Gleichstellung mit den christlichen Konfessionen verlangen müsse. ln der stellenweise sehr lebhaften Debatte, die sich auch mit der rechtlichen und sonstigen Siellung des Rabbiners überhaupt befaßte, waren sich alle Seiten darüber einig, daß einerseits der Rabbinerstand vollauf und opferfreudig seine Pflicht in «lesen Angelegenheiten criülle, daß andererseits Mißhelligkeiten entstanden seien, welche aus dem nicht recht geklärten Verhältnis zum Verband der deutschen Juden herrühren. Von vielen Seiten wurde in allen religiösen Angelegenheiten ein durch, aus selbständiges Vorgehen des Rabbinervcrh,indes empfohlen, von anderer Seite wurde ein vermittelndes Verfahren gewünscht. Da die Ansichte״ sich sehr schroff gegenüberstanden, wurde schließlich eine Vcrstäiuligungskomniission eingesetzt. Am folgenden Tage legte sic der Versammlung eine Entschließung vor, weiche einstimmige Annahme fand. In dieser Resolution heißt es unter anderem: ״In allen religiösen Angelegenheiten der dentselten Jiiilenlieit hält der Rabbinerverband in Deutschlaud eine vorgiingige selbständige Behandlung durch seine Organe für unerläßlich.. Er ist bereit, zu ihrer Durchführung mit allen anderen Organisationen nisnmmcu/mvirkcn und erwartet, daß Verhandlungen mit den Behörden, soweit sie religiöse Fragen bcrühren, nur im Einverständnis mit dem Rabbinerverband geführt werden. — Au( dieser Grundlage beauftragt die Generalversammlung den gescliäftsführenden Vorstand, eine Verständigung mit dem Verband der deutschen Juden in den darauf be/.ügliehen Fragen alsbald herbeizuführen". Die weitere Debatte brachte verschiedene Stirnmungcii und Wünsche ztun Vorschein. Fast ,diseilige Uebereinstimimmg herrschte darüber, daß d e gegenwürtige rechtliche Lage des preußischen R a b b i n e r s t a n d c s auf die Dauer u ״ halt b a r sei, und daß unabhängig von der Organisatiunsfrage eine Acndeniug angestrebt werden müsse, ln der Naclimittagsitzung hielt Rose 11berg- Thorn ein Referat über den jüdischen R e I i gionsuntcrricht an höheren LeliransfaIteil. Er zeigte historisch, wie die bisluiige ״Jüdischer Feldgottesdienst“* Eine authentische künstlerische Darstellung eines jüdischen Fcldgottcsdiciistcs gab es unseres Wissens bisher nicht; nun aber ist sie in Form einer Lithographie von der Hand Hermann Strucks geschahen worden. Es ist eine Stimmungsskizze, eine schnell hingeworfene Zeichnung, das Werk eines Augen• blickes. I lermann Struck, der Meister des jüdischen Seelenlebens, hat hier mit den künstlerischen Mitteln des Stiftes den Zusaimncnklang von Landschaft 1:1111 figürlicher Darstellung zu einer ergreifenden Sunphonie verschmolzen. — In Russisch-Polen, auf schneebedecktem Fehle, nur wenige Kilometer hinter der Front, haben sich an einem trüben Februartagc die jüdischen Soldaicn zusammengefunden, um sich kurze Zeit zu c. ■er Andachtsstundc zu vereinen. Neben einem rohen Stcindcnkmal ist ein Tisch aufgescblagen, der dem Rabbiner als Betpult dient. Um ihn drängt sich die kleine Schar. Die Gewehre sind zu Pyamidcn zusammengestellt. Soldaten aller Waffengattungen und Dienstgrade haben sich zusammengefunden, alte Landsturmleute und junge Rekruten. — Eine kurze Andacht, eine Ansprache des Geistliehen, dann noch ein kurzes Plaudern — und ein jeder kehrt zu seinem Posten zurück. Aber nicht wie eine flüchtige Episode zerrinnt die Erinnerung an den Fcldgottcsdicnst ln Russisch - Polens unwirtlichen Fluren, sondern als ein seelisches Erlebnis klingt cs In den Qcmütem fort. Dr. Karl Schwarz. *) Jüdischer Feldgottcsdicnst, Originallithographie von Hermann Struck. Preis M. 20,— Jüd. Verlag•