Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1916)
- Date
- 1916-05-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 168 J t) E Dl SC II E RUNDSCHAU Nr. 2t Zur Lage in Palästina Für die jüdischen Spezialisten im Lande, wie Agroitomc, Ingenieure, gibt es jetzt ein reiches Arbeitsfeld. Die Behörden betrauen gerne Juden mit der Leitung öffentlicher Arbeiten. So z. B. wurde dem Agronomen Kraus, dem Direktor von Mikweh Israel, die Bepflanzung eines bisher brach liegenden Strickes Erde über■ tragen. Die Verwaltung der Farm bei Latrun, welche früher den Trappisten gehörte, wurde dem jüdischen Agronomen B u s k e I a übergeben. Eine Farm im Lilranon, welche früher den Jesuiten gehörte, steht unter der Verwaltung des Agronomen Apfelbaum. Mb der Vorbcreitung von Mabnahmen für die Bekämpfung einer etwa neu einbrechenden I b׳uscl1reckenplag׳e wurde der Agronom Aronsohn betraut. Die Aufsichtskoonnission der Regierung beim Bau einer Chaussee bestand großenteils aus Juden. Die großartige Straße in Jaffa, die nach dem Oberbefehlshaber der türkischen Palastinaarmee Avenue de I)jemal Pascha heißt, wurde von Ingenieur (i. W i I b u s r 11 e w i t z gebaut. Derselbe ist jetzt in Damaskus mit ähnlichen Arbeiten beschäftigt. Sein Bruder N. W i I b 11 s e h ewitz hat dieselbe Aufgabe in Jerusalem übernominell. Auch die meisten jüdischen Acrzte sind im Militärdienst beschäftigt. I >ie w i r t s e 11 a f 11 i c h e Lage hat sich nach den kritischen Monaten November und Oezcmher 1 <)l י infolge des Eintreffens größerer llilfs- Sendungen gebessert. Audi die Stimmung hat sieh gehoben, da reichliche Niederschläge gefallen sind und die Frnteanssichten daher sehr günstig liegen. Auch wurde für die Requisitionen des vorigen Jahres in diesem Jahre von den Militärbehörden volle Vergütung gewährt. Daß trotzdem die )virtsehaftliehe Lage immer roch schwierig ist, beweisen folgende Einzeltatsaeheu: I )ie I k a - V e r w a 11 u 11 g in Palästina hatte zu Beginn des Krieges 500 00U Francs zur Verfügung, erhielt im Laufe des Krieges noch weitere 230 000 Francs und den Erlös des in ihren galiläischen Kolonien geernteten (ietreides. Da die Zentrale der Ika aber neue (iehhnittel nach Palästina nicht überweisen kann, so ist sie jetzt nur imstande, die u'iclitigsicn kcgienuigssteuern und die Ochältcr ihrer Beamten zu hegleichen, während sie schon seit längerer Zeit für Aerztc und Schulen usw. das volle (ichalt nicht mehr zahlen kann. In noch schwierigerer Lage ist die Verwaltung der Clio w e w c Z i o 11. Ihre Schulen werden nur mühselig aufrecht erhalten und die (iehälter ihrer Beamten mußten trotz der Teuerung der Lclrcnsmittcl auf fünfzig Prozent herabgesetzt werden. Was die Lage in Vom Geist des Judentums’" Von Hugo Bergmann Die unsäglich problematische Lage, in der wir Jurten leben, wird uns nmner wieder dahin drängen, zu fragen, was Sinn null Wesen unserer Existenz was der <icist des Judentums ist. Andere, gluckhellere Volker müssen nicht soviel tragen: sie stellen diesen (ieist gestaltet vor sieh und die Welt hin. Uns gab das Schicksal seit Jahitaiiscnden nicht mehr, unser Wesen rein und vollständig aus uns herauszustellcn. In tausend Split lern werdender, nie gewordener (ichildc höchstens liegt es da und muß erst in einem Prozesse der Reflexion kimsUieh zur Einheit zusammcugi taßl werden. Wieviel Willkür durch diese vermittelnde Rillexion in die Deutung unseres (leistes gebracht wird, liegt auf der 11.-1 ml. Mau kann nicht sagen, daß die Antworten, welche atil die Frage nach dein Wesen des Judentums in den letzten Jahrzehnten gegeben worden sind, hesonders tief geschürft worden wären. Acliad . I Inmn, der Ireste Kenner und der tiefe Denker, brachte doch mir ein recht dürftiges Schema zustande: Judentum — das sei die Ethik der Gerechtigkeit, und er versuchte vergeblich, zwischen dieser und der Christliehen Ethik Grenzen zu ziehen. Seit Jahren müht sich Marlin Btibcr, eine tiefere *) Martin Huber: Vom Geist des Judentums. Reden und Geleitworte. Kurt Wolff Verlag. Leipzig Hilft. (Der Geist des Orients und das Judentum. |iidiselie Religiosität. Der Mythos der Juden. Die jüdische Mystik. Rabbi Nachman von B.atzlaw. Das Leben der Chassidim). 1U3 Seiten. Zu beziehen durch den Jüdischen Verlag. den einzelnen Kolonien anbetrifft, so ist sie in denjenigen, die auf gemischter Wirtschaft nufgebaut sind, erträglich, aber durch Requisitionen einigermaßen erschwert. Eine kleine Kolonie wie l)a״auia mußte für den Bau einer Straße tausend Francs aiübringen. Diese Straße ist aber für die zukünftige Entwicklung eler Kolonie von großer Bedeutung, ln Dagania ist die Lage deshalb befriedigend, weil noch heute von der letzten Ernte ein Getreidevorrat vorhanden ist. Die V e r d i e 11 s 1111 ö gl ich k e i t e n in Palästina sind zur Zeit nur noch bei einzelnen Handwerkern, so hei Schuhmachern und Schneidern ausreichend, während die Lage der Maurer, Tischler mul ähnlicher Berufe infolge der Banimliist sehr schlecht ist. Besonders fehlt cs für alle Handwerker an nötigem Material. Ein Paar Schuhe kosten jetzt dreißig Tranes. Von den i a 11 d w i r t s c 11 a f 11 i c h e n Produkten ist der Verkauf der Mandeln, die jetzt nach Damaskus tiuil Aleppo versandt werden, recht gut. 1111 vorigen Jahre hatten die Kolonisten grolle Maudelpflanziiiigen angelegt, die zwar litirdi die Heuschrecken stark geschädigt, aber nielil vollkommen vernichtet sind. Die Orangen• besitzt■( können ihre Produkte ebenfalls im Lande absi tzen. Die Bojaren leiden noch immer schwer unter den Folgen des Hctischreckenfraßcs, wie überhaupt die Heuschrecken in den Pflanzungen größeren Schallen angcrichtet haben als in den Getreidefeldeni. Aber auch da, wo gute Verdienstluöglichkciten vorhanden sind, reichen die Einnahmen keineswegs ans, um der Bevölkeruiig normale Eebeiisbcdmgimgcn zu schaffen. Genossenschaftliche Siedlungen in Palästina Fäule März, fand im 1 in,1g eine Jahres versamm• hing der ,,Ere/-Isracl,‘-Sie(llm1gs-Gescllschaft m. b. H. statt. In der Versammlung waren u, a. anwesend die I lei ich: Justiz!-,11׳ Dr. M. J, IS o d e 11 11 c i 111 c r , l)r. Franz Oppenheimer, Ingenieur S. Kaplansky, A. Simons, Professor I >r. O. Warbürg, Jean Fischer, Dr. Hans Gideon Heymann, Julius Simon, N. Groll. Herr Juslizrat׳ Dr. Bodenlieimer eröffnete die Sitzung mit einem Nachruf auf David W o I {f s o 11 n als Mitglied 1 i 1 ■ •; Auisielilsrats der Gesellschaft 11ml;.:!׳dachte ferner des verstorbenen Gesellschafters, Heim Aiüoii li e t t e 111 r i!11, Wien. Die (lesehiiftsfiihrmig verweist in ihrem Bericht auf den Beschluß des letzten Zioiiistenkongresses, durch eine Prop.'igamla.'iktion den (ieliossensellaftsfomls zu erweitern, daß er dem IVodcn des Jtidiselu-ii Nalioiialionils .Miller den bereits auf bestehenden Ackeibaii- und Pflnuzmtgsgeiiusseuschafteit, auch Okkupationslind Paclil-( icnosseuschafteu verseliieilencr Art finanzieren könne. In Ausführung der von und wesenhaflere Deutung unseres Seins zu finden. Im Gegensatz, zn den vielen, welche gleichwie Acliad 11:1:1111 von einer philosophischen!.ehre ausgvhcn und nun ,mell das Judentum einer bestimmten Lehre, einem Satze glcichsctzcn, knüpft Huber an die Geschichte .01. Von zwei Seilen diingt er hierbei zum Jlitten• tum vor: er versucht das Wesen des Orients zu lassen mul das jüdische als eine Art des Ortentaliselien zu verstehen und zweitens: er versucht das Wesen des Mythos zu begreifen und die Soiuleislellimg des jüdischen Mythos zu erkunden. Die Juden unter den Völkern des Oriciüs, der Juden tiefste Eigenart, ihre Religiosität, innerhalb der Religiositäten ,!!)gegrenzt - dies weist 311bcr den Weg zum Wesen des Judentums. I >er orientalische M e n schentypus ehai.ikleiisien sieh imeli Huber im Gegensatz zum ahendlait 'isclicn als der motorische im Gegensalz zum s e 11 s o r i s e 11 e!1, Heim sensorischen Mensehen stellen die Sinne luder Führung des Gesichtssiimes. Sein Denken zielt immer auf die Form. Dir, Raum, das Nebeneinander der Dinge ist ihm das Vi esen der Welt. Dem inotorisMien Menschen dagegen bekundet sieh die,Wett als ein Nacheinander, als Bewegung. Seine Sinne sind inniger miteinander und mit dem /.entmin seines Wesens verbunden. Wo der > ensorisdie Mensch die Welt hingegeben aiifniuiMii, mit Auge, Ohr und Hand aiifnimmt, da wirft sieh der motorische Mensch mit seinem ganzen Sein in die Vielfältigkeit der Welt, die sieh ihm mir in ihrem Geschehen, nicht in der Ruhe ihres Daseins offenbaren kann. Er erlebt die Welt mit seinem ganzen Sein, während der Abendländer sic mir hört, sieht und tastet. Dem Okzidentalcn erscheint die Weit gewissermaßen fertig in den Raum siusgebreitet, dem Orientalen ist sie ein Siclicrfüllen, den Generalversammlungen des Jüdisclu-n N a t I 11 ס a I f o 11 (I s und der S i e <1111 n g Sgc s 111 scliaft cinvcrstäuillich gefaßten Beschlüsse jst umfassende Propag;!1111;i.aktion in Wort mul Sehiift zur Aufbringung neuer Mittel für die obigen /wecke eingclcitvt worden. Herr Dr. Oppenheimer unter, nahm im Frühjahr 1()i I eine Agitationslour durch die Vereinigten Staaten und es erschienen seine beiden Schriften: ״M e r c 11 a w j a h“, sowie ,Ge■ n o s s e 11 s c 11 a f 11 i e 11 c Kolonisation ,,, Palästina". Durch den Ausbruch des Krie״t■״ konnte leider die Sammelarheit nicht zur Aiistniizmig gelangen. Viele Midie und Kosten sind auf diese Weise vergeblich geblieben. Nichtsdestoweniger ist die Geschäftsführung d,׳r Meinung, daß die Agitation dir den Genossen• s c 11 a f t s f o n 11 s keine dauernde l uiterbrcclumg tr. fahren darf. Im Gegenteil, infolge der Kricgseieig. nissc ist von einer Reihe von Vertrauensmänner» besonders in den überseeischen Ländern, das Verlangen gestellt worden, es möchte im Hinblick auf die zu erwartenden kolonisatorischen Aufg.dvn ii.hI! I'rit'denssrhhiß schon jetzt eine verstärkte Agitation zur Aufbringung großer Kapitalien aufgenommen werden. Die fiir den Jüdischen Nation,ilfomls wahrend des Krieges eingehenden Beträge reichen kaum aus, tun die Farmbetriebc aufrecht zu erhallen und gewisse Notstands,•irheiteii auszuführeii. Es müßte tcchtzcdig dafür gesorgt werden, daß der Jüdische Nationalfonds und der Gcnosseiischaltsfomts nach Fricdcnsschhill a k t i o 11 s I) e r e i t dasietieii. An verschiedenen Orte» schließen sieh junge Feulc zu Pioniergruppen zusnnimen, um nach Erictlensscliluß nach Palästina ausziiwamleiii. Eine reale Grundlage wurden diese von der Kraft des zionistischen Ideals zeugenden Bestrelmngcn aber nur dann erhallen, wenn bei Erwerb von Neuland, besonders jenseits des Jordans, die Pioniergruppen durch den Gcnosseuschaitshmds mit Inventar usw. ausgestattet werden konnten. Die Geschäftsführung nimmt zu diesem Bctuüe eine Reihe von propagandistischen Maßnahmen in Aussicht, die die ins Stocken geratenen Sammlungen für den Genossensehaftsfonils wieder in Schwung bringen sollen. Zur Lage der Genossenschaft auf M c r c h n w 1, ן h bedauert die Geschäftsführung, noch keine Bilanz fiir das Jahr Hfl3 luder 1)1 eiten zu können, da infolge des Krieges die Unterlagen aus P.'iläslina noch fehlen. Die Entwicklung von Merchawjah hatte bisher unter außerökonomischen Verhältnissen zu leiden, die mit dem eigentlichen Wesen der SiedlmigsgeiiossensHiaft wenig zu tun haben: unter tler exponierten Lage Mcrchnwjahs, welche die Genossenschaft zu einem oft angegriffenen Voipostrn in einer ehemals fast ganz ״jiiilenrcineu" Gegend machte, und unter der Verwahrlosung des au sieti!nichtharcn, alter durch extensivste BeailieiliMigsmetlioilen aii-gesogenen B>- dens. Dazu kommen die jüngst von Herrn Dr. ltillel Joffe fcstgcstclltcn Mataiia- und Tv phusherilc, die Menschen und Tieren viele Krankheilstagc verursacht haben. Hierdurch, sowie durch andere Unfälle sind leider Verluste an Gut und wertvollen Meiei'lnnteilen zu beklagen. Da viele vorhandene, jetzt ,m Kriege den Militärbehörden notige Finge nicht in den arabischen Dörfern, sondern nur in den jiiili .heu ein Werden.*) Jeder Augenblick webt da üb 1 Sich hinaus in die l erne, die Welt ist Bewegung Beivegtmg aber, gedacht, führt immer auf /v, ciheit. Wie sie der Physiker heute noch aus Kraft und Trägheit erklärt -- so erschien auch dem Oiiciüalcit die Bewegung der Welt, also das Wesen der Welt als ein Kampf zweier Kräfte. Wii finden diese Erkenntnis der Dualität überall: im Tao des Chinesen, im Lichtkampf des Persers, in der Zweiheit von wirklicher und scheinbarer Welt in der imliscln'ii Philosophie. Die Größe des Orients und seine evvi.:c Bedeutung ruht aber darin, daß diese Erkenntnis um der Zweiheit ins 1. e b c 11;gekehrt wurde und nicht bloß Erkenntnis blieb. Aus der Zweiheit erwuchs die Aufgabe der Einung. Das Liebt soll über die Finsternis, die Wall!heit über den Schein obsiegen. Was hat nun das jüdische Volk, ein Spätling ((es Orients, an den geistigen Elementen des Ostens, die in seine Hand kam! 11, getan? Fs 11:1t sie veri 11 11 e r I i c 111. Fiir alle ander״ orientalischen Völker spielt sielt der Kampf, der das Wesen der Welt ist, entweder ganz in der Welt draußen ab oder zwischen der Welt und dem Menschen. Der Jude erlebt die Spaltung vor allem andern zuinnerst in sieh selber: als die Entzweiung seines־ eigenen teil. Die einige Welt, die aufgeh,aut werden soll, ist im Menschen selber gemeint und angelegt . . Aber int Menschen selber sieht ihr das f lemmcnilc, das Widerstrebende entgegen ... Er ist der Träger der Weltcntzvveimig, es ist aber in seine Macht gegeben, auch der Träger der Welteiimng zu sein. Wie der Inder die Welt zur Einheit bringt, indem er sic *) Freilich erklärt Huber nicht, wieso gerade die nichtmotorischcn Europäer das große kapitalistische Getriebe über die Welt brachten.