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Jüdische Rundschau · 1916-05-26 · Heft 21 (26.5.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 21 (26.5.1916)
Date
1916-05-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Lebendiges Werk r, ■״ ״Wie in der ganzen Kriegszeit, bietet auch jetzt Galiläa mit seinem jungen arbeitenden Kolonistcnstand und dem kräftigen Arbeiterstamm in den Kolonien und den nationalen Farmen einen freudigen und trostreichen Eindruck. Der arbeitende Jischub, ״Hajischub Hamvcd“, wie di 7 Arbeiterpresse mit Stolz die junge galiläisclie Siedlung nennt, bat sich während des Krieges dieses ihres Namens würdig gezeigt.“ So ■begann der in unserer letzten Nummer veröffentlichte Bericht ״Die Lage in Galiläa", der in knappen Worten und mit genauen Zahlen erzählte, wie die galiläische Siedlung arbeitet, wieviele Du na m Landes bebaut sind und wieviele fleißige Hände sicli regen, das teuere Werk zu wahren. Wir müssen diesen Bericht wie einen Kriegsbericht lesen. Dann werden wir wissen, welche Leistung er meldet, und wir werden den Zusammenhang zu werten verstehen, in den er eingestellt werden muß: ein Bild z.äher, lebendiger Kraft, unermüdlicher Hingabe und eines Geistes, der im ganzen palästinensischen Leben sein Wunder wirkt. An diesem natürlichen Wunder können wir uns aufrichten. Als die ersten Kriegsmonate uns Prüfling über Prüfung brachten, gab es in unseren Reihen inamlien leichtherzigen Mäkler und unter den Außenstehenden und noch mehr unter den unserem Wirken und unseren Zielen Abgeneigten manchen schadenfrohen Besserwisser. Als wir, von der Not außergewöhnlicher Verhältnisse gezwungen, für unser palästinensisches Werk und die abgescluiittcncn Brüder Hilfe und Unterstützung verlangten, hieß es, das Eingeständnis der Schwäche sei erzwungen, die jüdische Siedlung habe leider noch immer nicht die innere Kraft der Selbsterhaltmrg, die anderswo sich offenbart habe. Es fehlte nicht der Hinweis auf die Leistung anderer Staaten und Völker, und selbst Deutschlands Leistung und besonders seine Organisationskraft wurde dem jungen jüdischen Siedlungswerk in Palästina zum Muster gestellt. Heute lohnt ein vergleichender Ucbcrblick. Er wird auch jene Mäkler Gerechtigkeit lehren. Halten wir uns an Deutschland. Seit jenen Tagen hat man auch im Deutschen Reiche die Schwere der Zeit gekostet. Deutschland ist, selbst wenn man zunächst von den wirtschaftlichen Kräften seiner Verbündeten absiclit, mit denen es doch iin Austausch der notwendigsten Roh- Stoffe blieb, ein im Vergleich zu Palästina ganz gewaltiges Wirtschaftsgebiet, in dein Rohstoffe und Lebensmittel aller Art produziert werden, die keine Kriegserklärung und keine Blockade alischneiden kann. Hier waren vom ersten Tage an die organisatorischen Kräfte eines bis ins Letzte durchgebildetcn Organisatioiismcehanis- 11111s am Werke, die Sclbsterhaltung durchzuführeu. Und hier standen die staatlichen Kräfte der Organisation in einem fast unerschöpflichen Maße zur Verfügung: eine starke Regierung, ein ausgcbildctcs Bcamtcnlicer, eine hochkultivierte Landwirtschaft, die Macht, jeder für richtig erkannten Maßnahme durchaus zureichende Durchiührung zu gewährleisten. Staat und Stadt, Stadt und Land haben ihre mit Zwangsgewalt ausgcstatteten Organe, unerschöpfliche materielle Mittel verbürgen dem Ganzen und dem Einzelnen die ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer fiffent־ lieh-rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina." Baseler Programm. Erhaltung der wirtschaftlichen Existenz. Der Traum vom sich selbst genügenden geschlossenen Wirtschaftsgebiet schien Wirklichkeit geworden. Auf sic stützte sich, wer die Kraft Palästinas geringschätzig aburtcilen wollte, weil dort nicht richtig gcwirtschaftet und organisiert werde. Seither hat man auch! in Deutschland den Zwang gespürt, der die Selbstkritik erzeugt. In den letzten Monaten sind selbst in Deutschland die Lebensmittel und manche unentbehrlichen Rohstoffe knapp geworden. Die Organisntionskirnst hat auch liier ihre Blößen enthüllt, Methoden wurden geprobt und gewechselt, verantwortliche Männer gesucht, die mit neuer Kraft immer drückendere Schwierigkeiten zu heben haben. Wie cs in Rußland, dem Ricsenrcich der uncrschöpflichcn Bodenschätze, wie es in manchen kleineren neutralen Staaten aussielit, stellt die dort heimische Presse selbst des öfteren mit scharfem Protest fest. Aber was hat Palästina geleistet? Und mit welchen Kräften? In Palästina ist insbesondere für die jüdische Siedlung nur die eigene von keiner Zwangsgewalt gestärkte Kraft cingetrctcn. Wir wollen nur andeutend daran erinnern, welche Leistung die verantwortliclicn Leiter unserer Siedlung geschaffen haben. Nichts gab ihnen Berechtigung und Wirkensmögliclikcit als die sclbstcrrungenc Autorität und die freie Selbsteinordnung der Gesamtheit unter die Führung der sachverständigen, vom Vertrauen der Bevölkerung und der zionistischcn Organisation getragenen Männer. Hier \vt;tr niemand, um Strafbestimmungen gegen Zuwiitlcrliaudcludc zu erlassen, Requisitionen für die Zivilbevölkerung gegen widerstreitende Einzelinteresscn durchzusetzen, Kritik niedcrzuhalten und das Gleichgewicht zwischen den Erfordcrnisseii des Lebens der konsumierenden Bevülkerung und den Leistungen der Protluzciiten mit Verordmmgsmacht her/tistcllcn. Dagegen gab es der Hindernisse unzählige, auch solche, die avis politischen Gründen und lokalbehördlichen Anordnungen flössen. Die Sorge mußte gebannt werden, wie für die vielen Zehntausende fremder Staatsangehörigkeit das Aiifcnthaltsrccht und die Arbeitsmögliclvkeit zu sichern sei. Aus der eigenen Kraft der jüdischen Siedlung mußte für die Lcbcnsmitteisicherung der städtisehen und pflatramgsbautreibcnden Bevölkerung das Möglichste getan werden. In freiem Zusammcnvvirken der Schaffenden und Organisicrenden mußten aus der Not der Stunde heraus die Volksküchen und Lcihkasscn, die Notstandsarbeiten und Fiilfswerkseinrichtungen geschaffen werden. Sie wurden geschaffen, ohne daß eine Zwangsgcwalt zu Gebote stand. Hier war kein cingcarbeitetcr Mechanismus am Werke, sondern die lebendige Aktivität des Organisiercns floß aus der frisch aufgebrochenen Quelle des Verantwortlichkcitsgcfühls und des nationalen Idcalismus, der die stolze Prägung des Pionierhaus trägt. Und gleichzeitig mit der Leistung der schöpferischen Organisierung im Lande erstand das Zusammenwirken mit der für Palästinas Oegenwart und Zukunft eintretenden zionistischen Organisation, die in aller Welt ihre Energien anspanntc und zum gemeinsamen Werk einte und neue weite Kreise zur tätigen Hilfe herbeizog. Der Geist der nationalen Solidarität schuf sich über alle Hindernisse des Weltkrieges in den angepaßten Institutionen der zionistischen Organisation seinen Ausdruck und seine Werkzeuge. Die Leistung, die die zionistische Organi* sation geschlossen und einheitlich gestalten konnte, gesellt sich zur Leistung des arbeitenden Jisclmws. Ein nationaler Wille und eine Kraft der ziclbewußtcn, schöpfungsfäliigen Organisienmg vorhandener und erst zu entwickelnder Möglichkeiten lebt liier und dort. Der Zusammenhang ist vorhanden. Je schwerer die Not war, desto angespannter der Wille. Vergessen wir nicht der traurigen Wochen, als eine unerhörte Heuschreckenplage über den Feldern und Pflanzungen lastete? Haben wir alle es immer zu würdigen gewußt, wenn wir hörten, wie Kolonisten und Arbeiter, die Lehrer und die Schüler unserer Schulen, Frau und Mann tage- und wochenlang mit dem Mut der Verzweiflung gegen das Milliardcnvolk der geflügelten und ungeflügclten Räuber kämpften? Die Ernte ging verloren, die Pflanzungen trugen aber neue Blüte und neue Frucht trägt der Acker . . . Die jüdische Siedlung in Palästina hat bis־ her die Probe bestanden, ln die Schulen strömt unsere Jugend und gewinnt auch in den Tagen schlimmer Entlulirung neue Kraft aus dem Strom des hebräischen Lebens, das keinen Stillstamt kennt, ln diesen Tagen erhielten wir eben «1113 Palästina eine Anzahl neuer dort hc'ratisgcgebcner hebräischer Bücher: ein hebräisches Lehrbuch der Geometrie (Stereometrie), verfaßt von Dr. Rosenstein, dem Lehrer der Mathematik am Hcrzl-Gymnasium in Jaffa; sechs kleine he* bräischc Hefte mit Märchen und Erzählungen für unsere Jugend, von denen nunmehr in Zukunft wöchentlich ein lieft erscheinen wird; den altgewohnten ״Luacli“ von Ltmcz. in Jerusalem; den hebräischen Rechenschaftsbericht über das Hilfswerk in Jerusalem, von David Jcllin hcratisgegcben; die hebräischen Sammclbüchcr der Arbeitergruppe ״Besch aa su“. Das sind Beispiele... Wir wollen auch in dieser Zeit der Not nicht die Genugtuung verheimlichen, die uns erfüllt, wenn wir die natürliche, aus dem Geist des Zionismus, aus dem neuschaffenden Judentum geborene Leistung überblicken . . . Wir täuschen uns nicht hinweg über die Größe der Aufgabe, die uns gestellt ist, Noch ist schwere Not zu lindern, Hunger zu stillen — und die Gefahr immer weiter um sich greifender Epidemien zu bannen. Manche wichtige Lehre hat uns diese schwere Zeit gebracht. Aber die Mühe gilt lebendigem Werk, auf das das Judentum stolz sein kann, wenn cs um seine Kraft befragt ward. L.!H. An die Leser der Jüdischen Rundschau in Wien. Wir haben dem Verlag R. Löwlt, Wien, I. Rotenturmstr. 22, den Einzelvcrkauf der Jüdischen Rundschau für Wien Obertragen. Der Preis der Nummer beträgt im Einzelverkauf 25 h. Verla; der Jüdischen Rundschau.

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