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Jüdische Rundschau · 1916-05-19 · Heft 20 (19.5.1916) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 20 (19.5.1916)
Date
1916-05-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 162 J U E D1 S C H E RUNDSCH AU Dr. Arthur M;1111cr stand schon als Lehrer ■und Forscher mitten in der akademischen Laufbahn, fern aller politischen Beiätigung, als er den Weg /um jüdischen Volke wieder fand. Es war ihm nicht leicht, den Geist der deutsch-liberalen Assimilation zu überwinden. Sein Mut und sein Wahrheitscifcr brachten ihn auf den Weg zum Nalionaljudcutum. Der Zionismus ergriff ihn mit solcher Gewalt, daß er ihm sein ganzes Wirken weihte. Er begann mit seiner zionistischen Tätigkeit innerhalb der lokalen zionistischen Organisationen in Böhmen und stellte sich tineingeschränkt der zionistischen Arbeit in Böhmen zur Verfügung. Zahlreiche zionistische Vereine danken Dr. Arthur Mahler ihre Gründung. Er zog, in die Leitung der zionistischen Organisation Böhmens gewählt, von einer Stadl in die andere und verstand es, die dem zionistischen Gedanken ganz fremd gegenüberstellenden jüdischen Schichten dem neuen jüdischen Ideal zu gewinnen. Zu besonderer Bedeutung gelangte l)r. Arthur Mahler, als zur Zeit der ersten Rcichsratswahlen der österreichische Zionismus in die Arena des politischen Kampfcs trat. Zur Zeit der ersten allgemeinen Wahlen für das österreichische Abgeordnetenhaus trat Ur. Arthur Mahler als zionistischer Kandidat im ostgalizischcn Wahlbezirk Trcmbowla auf. Zn gleicher Zeit wirkte er für die Organisierung der jüdisch-nationalen Bewegung in Böhmen und war einer der ersten Gründer und Mitarbeiter der damals neu gegründeten ״S e I b s t w e 11 r“ in Prag. In seinem Wahlkreis in Galizien waren zwei Abgeordnete zu wählen. Er kam im ersten Wahlgang mit sieben Mandalshewcrbem in Konkurrenz. Der eine Kandidat war der Kaudidat der Majorität, ein Pole. Um das zweile Mandat fand eine zweite Stichwahl statt, bei der Juden und Ruiltcncn ihre Stimme auf Ur. Arthur Mahler voreinigteil. So wurde Dr. Arthur Mahler als erster zionistischer R c i c h s r a t s a b g c o r d u c t e r ins österreichische Parlament gewählt. Seine eigeutliehe zionistische Tätigkeit in Wcst-Ocstcrrcich ging weiter. Er stand jedem zionistischen Verein als Redner zur Verfügung und leistete durch seine Reisen außerordentlich Wertvolles. In besonderer Gemeinschaft war er mit der von ihm milgegründctcu Freien zionistischen Vereinigung für Böhmen und der jüdischakademisch-technischen Verbindung ״Barissia“ in Prag verbunden, der er als Ehrciiburseli angehörtc. Im östcireichischcn Reichsrat fand sein Auftreten von vornherein außerordentliche Beachtung. Er stand zeitweise im Mittelpunkt der im österreichischen Parlamcni vor sicli gehenden Kämpfe zwischen den freilieblichen und den rückschrittlichen, klerikalen lkstrebilligen. Berühmt w urde seine am 3. Dezember 1<;07 in der Sitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses gehaltene Rede über die Juden und die Freiheit der Wissenschaft. Er, der als jüdischer Abgeordneter auf der Tribüne stand, wußte mit starken Worten das deutsche Volk an seine freiheitliche Geschichte zu malmen. ״Wenn heule das deutsche Volk mit Stolz sagen darf, daß es mit an der Spitze der Zivilisation schreitet, wem anders hat cs das zu danken, als seinen großen freien Forschern, seinem Gans tmtl Weber, seinem Liebig und I lelmhollz, seinem Mommseii, Kirchhof( und Bunscii? Diese alle und die Koch und List und allen voran der grolle Wahnzerliimnnerer Kant, sic fragten nicht danach, oh ihre Ideen iigeiulwo angenehm oder tmangcnelmi sind, sie suchten die Wahrheit und gaben damit der Welt und ihrem Volke das Beste, was überhaupt gegeben werden kann.“ In jener Zeit hallen sich die zionistischen Stildeuten Oesterreichs gegen Angriffe von allen Seiten zu wehren. Mahler wurde im österreichischen Parlamcut ihr Wortführer und sprach: ״Mit Stolz bekennen sich unsere Studenten zu ihrem armen gctretenen und geknechteten und trotzdem von ihnen doch so heiß geliebten Volke. Und dämm Achtung und ,Mut ab vor allen nationalen Lehrern, die sie gelehrt haben, sieh für ihr nationales Empfinden, für ihre Nation, einzusetzen und die die kleine Politik des 1 ierüber und Hinüber nicht kennen, sondern mir eine einzige Politik, die des ehrlichen Bekennens.“ Die Verhältnisse im österreichischen Parlament ließen auch den Jüdischen Klub zu keiner für die Dauer fruchtbringenden Tätigkeit gelangen. Er litt unter den nationalen Reibungen, die sich nicht beheben ließen, solange die Majoritäten sich nicht dazu verstanden, auf die nationale Unterdrückung zu verzichten, ln Galizien gab cs gegen die jüdisch-nationalc Bewegung schwere Kämpfe, die mit allen Mitteln des Terrors geführt wurden. Als im Jahre 1911 neue Wahlen vor sich gingen, wurde Dr. Mahler nicht mehr in den Reichsrat gewählt. Die allgemeinen politischen Verhältnisse waren so verworren, daß die jüdisch-nationale Bewegung sich nur dann politisch und parlamentarisch durchgesetzt hätte, wenn sic in sich vollkommen geschlossen und einheitlich gewesen wäre. So weit war cs damals, am Anfang der politischen Tätigkeit der Jüdischnationalcn, noch nicht gekommen. Dr. Arthur Mahler zog sich nun von der äußeren politischen Tätigkeit zurück. Die weitere Ausübung seines Lehramtes an der Prager Universität war ihm unmöglich gemacht worden, da sidt gegen den zionistischen Abgeordneten die feindlichen Parteien —* Antisemiten und Assimilantcn —• unter Studenten und Lehrern der I ioehsclmle verbanden. Dr. Arthur Mahler heg,11111־ mm eine intensive publizistische Tätig■׳ keit, zunächst als Redaktionsmitglied verschiedener Wiener Tageszeitungen und in der letzten Zeit als Mitglied 1!er Redaktion des Pcster Lloyd. Einer seiner besten Freunde, Professor Dr. Alfred Engel in Prag, widmet ihm am Schlüsse seines wannen Gcdenkwortes die Worte: ״Die jüdische Politik hat an Dr. Arthur Mahler einen ihrer besten Vertreter verloren. Just in dem Alter, in welchem llcrzl von uns schied, ist auch einer seiner genialsten aber unglücklichsten Jünger dahingegangen. Seine jugemlliehen Freunde werden ihm ein treues und dankbares Andenken bewahren." Die gesamte zionistische Bewegung trauert um den Heimgang Dr. Arthur Mahlers. Nationalfonds-Spenden int April Die Gesamtsumme der Spt nilcncingiingc für den Jüdischen Nntionalfoiuls während des Monats April beträgt 45 077 M. Von diesem Betrage entfallen auf Oesterreich 13 837 M., Ungarn 0010 M., Nordamerika 78(10 M., Deutschland 5834 M., Rumänien 2738 M., Rußland 2053 M., Holland 1706 M., England 1151 M., Schweiz 317 M., Australien 181 M., Südslavischc Länder 158 M,, Schweden 74 M., Belgien 6 M. In der nächsten Zeit — Lngbeomcr und vor Schawuoth — werden in Amerika und Hollatul B1 u 111 c 111 a g c zugunsten des Nationalfcnds stattfinden; auch in kriegführenden Ländern sind solche Veranstaltungen in Vorbereitung. Um den Rationalismus Eine Entgegnung und eine Erwiderung Von Kurt Hi Her und Ludwig Strauß Der Gegenstand der Diskussion um den Rationalismus, die durch den Aufsatz von MaxStranll über ״Das Ziel“ in Nummer 15/10 der ,,Jüdischen Rundschau“ bcgönnen, von Ludwig Strauß in Ntimmer 17 forlßeführt wurde, scheint vielleicht etwas abseitig von den Wegen, auf denen die ״Jüdische Rundschau“ sonst mit ihren Beiträgen wandelt. Aber er ist doch,auch für uns von Bedeutung, da es sich um die geistigen Mächte handelt, die Erkenntnis mul Tim bestimmen. Wir geben daltcr heute Kurt Miller das Wort, der die letzten Ausführungen Ludwig Strauß’ entkräfte״ will. Das vorläufige Schlußwort für diese Auseinandersetzung Jiat Ludwig St rau II, mit dessen Anschauung sich im großen und ganzen die Redaktion deckt. Berlin, 30. April 1016. Sehr geehrte Redaktion 1 Vielen Dank für die Ucberscndutig der beiden Sträuße. Ob ich etwas zu erwidern habe? Den! Max kaum; denn ich stimme seinen bedeutenden Sätzen in allem Wesentlichen zu; höchstens seiner (aber anders formulierten) Forderung nicht: man müsse, um als ernster Mensch zu gelten, ein mittelmäßiger Schriftsteller sein. Was jedoch den Ludwig anlangt, so fehlt mir, gcstehe ich, der Boden für eine Diskussion mit jemandem, der über mein Hirn nichts anderes zu sagen weiß, als daß eine ״Verwechslung von Kraft und Radau“ darin staltfinde. Mag stimmen; aber Herr Ludwig Strauß, seinerseits, verwechselt Metaphysik und Ethik, Die (mir zu milde) Vcrulkung des Irrationalismus, die in der ״Philosophie des Ziels“ geschah, bezog sich ersichtlich nicht auf irgendwelche moralpbilosophischcn Lehren, vielmehr auf Metaphysisches (Ontologisches); nämlich auf den Anspruch gewisser neuester Ncbelköpfc, den Sinn der Welt (das Wesen des Seienden, das Ding an sich) kraft einer Onosis zu erfassen, die, ohne sich der Kontrolle durch die; reine Vernunft zu unterwerfen, dennoch Wahrheit ermittele und vermittele. Qclangt das Denken, auf seinen opfcrvollcu, stets tmschwül-rcinllchen Bahnen, immer wieder hinsichtlich seiner entscheidenden Fragestellungen zu dem Sokratischcn ׳״üoa oüüsv »!>«>;״ ״)ich weiß daß ich nichts weiß“), und es kommt ein Ekstasemann des Wegs und wispert ״ja, aber die Schau . . .1“, so liust ich drauf — bis er mir die Objektivität und Allgemeingiltlgkcit, das heißt den Wahrhcitscharaktcr, seiner Intuition nadiweist. Solange die bloß ״Erlebnis“ ist, hat sie nichts mit Erkenntnis zu schaffen. Diese Auseinandersetzung war wichtig; denn da cs mir in der ״Philosophie des Ziels“ darauf ankam, den Vorrang einer grundsätzlieh ethisch-politischen Geistesh« 1(11111׳ vor grundsätzlich metaphysischen (und der grn״<ls/ musischen) darzutun, mußte ich Midien, dzr M׳t phvsik den letzten Kredit zu nehme״,' diesen ' *" sich vermöge irrationalistischcr Propaganda ״oc|, 818 freute. er* Dagegen fiel es mir niemals bei, zu übcrsvhn daß im Ethischen (Doimtologisihcn) di,, oberst * Instanz eine mcht-erkemilnisulaßige ist; frcdidi dim* keine intuitive, aber eine volmitariellc. Strauß bat nicht den geringsten Anlaß /״ ,|cr limiptung, ich glaubte, ״Erkenntnis der ethisch™ Werte“ sei ״Sache des Verstandes“. Abgesehen erstens davon, daß meine nnti-irrationulFtisclicAciißo rung sich garnicht auf Ethik bezog; abgesehen zwei! teils davon, daß ratio niemals bei mir Verstand heißt (die Unterscheidung von ratio und iutdlcctiK ist Jahren mein Steckenpferd; \wm cs ״sein int׳‘ a|9 konfundierte ich beide, der schließt von sich auf mich); abgeselm drittens davon, daß, gesetzt mein anti-irrationalistischer Passus hätte sich auf Ethik bezogen, er also dennoch nicht gegen das Theorem gerichtet genesen wäre, bei Findung der ethischen Grundsätze scheide der Verstand ans, ajj. gesehen von alledem leugne ich, daß der höchste Wert als so'clicr überhaupt ״erkannt“ weiden könne. Er wird nicht erkannt, er wird (als solcher) gewollt! Gegen den nenkantisehen Jntclivkttialis- 11111s — den L. Strauß mitmacht, wenn er die oberste ethische ״Eikenntnis“ zwar nicht ״Sache des Ver- Standes“, aber immcihin eines ״reinen Bewußtseins" sein läßt —■ ist das mehrfach von mir betont und ״Die Weisheit *ler Langenweile“ Band II Seite 86 bis 125, sogar umständlich expliziert worden. ״Hier kommt man ehrlicherweise nicht um 11,!ן Zugeständnis einer durchaus irrationalen Macht herum“. Ehrlicherweise vielleicht; aber nicht logischerweise! Denn zugestchn, daß au einer bestimmten Stelle des Erkennens der Verstand nichts zu suchen hat, heißt keineswegs zugestchn, auch die Rai in habe da nichts zu suchen. Also nur eine trans-inti'llektiiale Macht muß L. Strauß ehrlicher- und logisvlierivcisc hier anerkennen, keine irrationale. Doch seihst wer bestreitet, daß es sich um eine Stelle des Erkennen* überhaupt handele, selbst ich muß vcrziclilcn, liier Irrationales zu entdecken. Wo Erkenntnis Ft, braucht nicht ratio zu sein; und wo anderes als Erkenntnis ist, braucht ratio nicht zu fehlen. Denn ratio ist nicht nur nicht Verstand, ratio ist nicht einmal Erkenntuis. Sie ist eine Macht, über dem 1:1 kennen und über dem Wollen, sielt bald im Erkennen bald im Wollen manifestierend. Kreist sic im Mitaphysischen um die Idee der Wahrheit, so kriFt sic im Ethischen um die Idee der Aendertmg IDtio, im Ethischen, ist die V c r s c 11 w ö r u n g 11! s Vernun ft wesens w'idcr die Natur; ethischer Rationalismus: stärkster Anprall gegen all! Spiclnicn des Positivismus oder Empirismus, so 11,1 rechnen mit ״dem, was ist“. (I tauptspielarteu: die HMuri-dic Schule, die biologische Weltansicht, der ManFnuis, die ״Ktiltiirkonservativcn", jede passivische M\ -»!k — von Urasiatcn bis ztt manchen Chassidint um! Neugotikern.) Demnach ist jenes Nichterkenntnismäniip', Unbegründbarc im Prinzip aller sittlichen Tat und Frnde* rung weit davon entfernt, irrational zu sein; im Gegenteil: unerhört rational ist cs! Ratio, in riehtiger, der Sprache von heute angcpaßlcr Filier- Setzung, heißt nämlich — Geist. Und lirau uia• listen (in cihicis) sind die, die das Feuer des (leistes leugnen; die sich mit bloßer Erkenntnis begnügen: ethischer Intellektualismus und ethischer Irratimwlismus decken sich fast! Die h a r m I o s e n ״Irian'onalisten" (nach Art des L. Strauß), die den < ieist schlagen und den Verstand meinen, sollten sich!über nicht so nennen; denn man vcrwccfiseft diese 10m ״unbegrenzten Respekt vor der Wirklichkeit“ doch Freien sonst gar zu leicht mit jenen gefährlichen (echten) ״Irrationalisten", die predigen: ״Va:• Ist der Mensch? Seien wir demütig, weitfromm, in (Mt ergeben; gewähren wir geneigten Hauptes den Dingen ihren unabänderlichen "Lauf; Hoffart ist cs, eingreifen ztt wollen — zumal mit so armseligem, Klag* liebem, eklem Werkzeug wie Geist. Seien wir Ire* scheiden, treu, still, schlicht, tief und innig; nur der dunklen Stimme des Bluts laßt uns folgen.“ (Diese au* unerfundenen Vokabeln von mir zusammcngcstcllte Rede ist zugleich als Brechmittel benutzbar,) Gerade in der Bejahung des ethischen Rationalis* mus ist ja L. Strauß glücklicherweise mit meinen Freunden und mir einig. Aber er sage nun nicht: ob man den von uns beiden anerkannten trans-intcl* Icktualen ethischen Ur-Akt ״Schau“ oder ״Wille‘ nenne, sei nur ein Wortstreit. Es handelt sich hier, . weiß Gott, nicht um Nomenclatur oder sonstwas Profcssoralcs. Sondern ich frage Herrn, Strauß: Schauen Sic die Einheit und Freiheit Israels oder wollen Sie sie? Falls Sie sie nämlich bloß schauten, mit sogenanntem inneren Blick, als Tagträumer, Phan* tasmagoret, Magier, Dichter, 80 würden Sic mit gestohlen bleiben können. ״Schaue" ich den Sieg des geistigen Typs, oder will ich Ihn? Schaute

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