Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1916)
- Date
- 1916-05-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ich ilm bloß - icli könnte mir noch gestohlener, blcihr■n! "1'hin divergieren die Begriffe, nicht die Worte Was imsereins den ״Scl1au״-Mä1mcrn vorwirft ist ja •:n idc, daß sie sichs an der Erhabenheit des iiinWen (ii.-ii'hls genugsein lassen; daß sic sieh de Icktieren an einem (noch so seriösen) Erlebnis“ (h111'h;;s(enfallcs ״gestalten״ sie's hinterher; kiinst- 11׳ risch; Verwirklichung im Raum, was mir per ratioiu ii angeht, liegt ihrem Wunsche fern. Sollte aber Ihr Begriff von ethischem Schauen wirklieh mit meinem Begriffe von Wollen identisch sein s0 itage ich Sie: Wantm belasten Sie Ihre Terniiiurogie mit der anrüchigsten Vokabel eines Jargons von Leuten, meist Edelantiscmiteu, deren Gesamt- Italhrig Sie so ablehneu, wie ich? Warum komprmniltiercn Sie Ihre Moralphilosophie durch eine Metapher der Metaphysik, die dort nichts tut als einer Denkfehler verdecken? — Solche Taktik der Mi; r ,'fsbczciclimmg ist die ewige Quelle von Mißvi r•'■imhiisscn, Und Mißverständnisse zwischen Mensrlmn, die im Entscheidenden, nämlich im Politischen au inder so nahe stehn wie wir beide (vergleichen Sir l'iH’ii Schluß-Abschnitt!) — die müßten sich doch ich k ׳den lassen. K. Hille r. Erwiderung l ir Definition der Ratio, die Herr Miller in sei1!׳ Antwort auf meine Ausführungen zum neuen Rationalismus gibt, scheint mir nicht in Uebcrcin- Stimmung mit dem wirklichen Sinn, der ihr im Vor- 1.1111!' tier ganzen Oeistesgesdiichtc zuerkaunt wurde. Raii״ bedeutet nichts als Vernunft im weitesten Sinuc, mit allen ihren Organen, denen des Denkens wie denen dm Aiiscliauens, des Bewtißlmachcns. Der Wille zur ״Arndt riing der Welt‘׳ ist der Wille, die Welt dem von der Ratio erkannten Ideal der Welt, der ״guten Welt"', aii/nglcichcn; er ist nicht Ratio, sondern Rationalismus, das Bestreben, die Ergebnisse der rationalen Goistesfiinktioiieii praktisch zu bewähren. Meine Ausführungen beabsichtigten, die schiulliclicn Wirkungen eines Sprachgebrauchs zu beseitigen, der (irgensät/.e erscheinen läßt, wo keine sind. Ich bitonlr, daß Ratio nicht den Erscheinungen eiltpegeiigoset/.t ist, die heute mit dem Namen des Irrationalen genannt werden (״Der Gegensatz der Worte ist kein Gegensatz der Begriffe“) und versuchte zu zeigen, daß sogar die Ratio seihst in ihren ruiiUiniieii das sogenannt Irrationale vollzieht. Tatsachlich ist der Begriff des Irrationalen, wie er heute all.:ouioin verstanden wird, identisch mit dem, was lhiln das Transintellektualc nennt, wenn er auch dem ur-priinglicheu Wortsiune nach ein anderer ist. Mir lag daran, zu zeigen, daß jene Einsicht, die nicht durch wissenschaftliche Methoden, sondern durch das klare Ansclinucn der in uns sichtbaren idealen und p-ieliologisclieu Fakten gewonnen und die heute als irrational bezeichnet wird, tatsächlich ein Ergebnis der Ratio ist, der Vernunft, der alle Organe des Erkenm 11s z.ugchürcn. Fenier: ich schrieb nicht, Hitler glaube, daß Erkenntnis der ethischen Werte eine Sache des Ver- Standes sei, Ich schrieb nur, dal! sie tatsächlich das nicht sei, sondern eine Sache der (im heute übliehen sinne irrationalen, besser transintcllcktuaicn) Schau. Von da aus griff ich freilich den Antiirrationalisnius llilicrs an, indem ich nusführte, daß ethische Werte, an tlic doch auch Miller glaubt, nicht ohne dies sogenannt Irrationale zu fassen seien. Rationalismns ist nicht Antiirrationalisimis. (Der Znsamincwhang der Worte ist kein Zusammenhang der Begriffe.) Ich machte dem Sprachgebrauch die Kon- Zessin״, das Wort ״irrational“ in seinem Sinne 7.1t brauchen, nachdem ich aber die Vereinbarkeit dieses Sinnes mit dein der Ratio wohl ausdrücklich genug betont liatle, um verstanden werden zu können. Was ich unter ״ethischem Schauen“ oder besser dem Schauen des Ethischen verstelle, ist keineswegs identisch mit dem, was I lillcr unter Wollen versteht. Es ist etwas, das von Millers Ausführungen gegen die Scliau durchaus mit betroffen wird. Ich glaube nicht (nicht mehr), daß der Wille, auf dessen Richtung 5'dt tieilich die ethischen Gesetze beziehen, diese Gesetze schaffe. Wäre ctvvas-Wollcn schon ein ethischer Akt, so wären die Richtungen des Wollcns ethisch gleichwertig. Der ethisch entschiedene Mensch . 81'er ist der, welcher das Gute will. Dieses Oute manifestiert sich in unserer Seele als eine besondere Qualität der Willensrichtung, ׳die empfunden und vom bewußteren Menschen geschaut wird. Nicht etwas Postuliertes — Deontologisclics —, sondern eine zunächst als Qualität des Postulates erscheinende Idee, 8'so ein Ontologisches, ist das Oute an sich. An der «eiMigen Haltung des ethisch entschiedenen Men- *dien läßt Bich der Unterschied nachwciscn, der für *bn *wischen dem Wollen überhaupt und dein sittlichen '1’0"en besteht. Das Bewußtsein des ersten kennt J‘ln Erstrebtes oder nicht Erstrebtes; ein Erstrc- Deniwcrtca kennt cs nur In Beziehung auf persönliche ״ünsclic und Bedürfnisse. Das Bewußtsein des feiten kennt ein absolut Erstrebenswertes, ein Rechtes, dem gegenüber die anders gerichteten Stre* billigen anderer oder auch des eigenen Willens nicht einfach als fremd und feindlich, sondern als falsch und unrecht empfunden, nicht nur bekämpft, sondern als absolut zu bekämpfen gefühlt werden. (Dieser ethische Absolutismus ist für ilcu Rationalismus des 18, Jahrhunderts wohl in allen seinen Vertretern charakteristisch, während Hillers Anschauung notwendig zum ethischen Relativismus führen müßte.) Es findet also hier ein Empfinden oder heim bewußteren Menschen eine Schau absoluter Werte statt, die vom Willen imahlüingig existieren, die oft genug gefühlt oder erkannt werden, ohne gewollt zu werden (schlechtes Gewissen), an deren Anschauung der Wille orientiert werden soll. Eine solche Schau, das Betrachten des Absoluten, wie es sich in der Seele manifestiert, ist allerdings Metaphysik. Sie hat iibrigens mit Ekstase nichts zu tun; die kann in der Regel nur ihr Anlaß oder ihre Folge sein, außer hei den Seltenen, bei denen Ekstase gleichzeitig mit der zur Schau notwendigen Nüchternheit dauern kann. Diese Erkenntnis, die ohne zwingende Belege bleibt, obwohl ihr evidente psychische Erscheinungen zu Wahrschciuliciikcitsiieweisen sieh bieten, will ich keineswegs mit wissenschaftlicher Erkenntnis in eins setzen und scheide mich insofern wie in vielem anderen von manchen, die auch mit dem Worte Schau umgehen. Die Wissenschaft wird immer zum ״Ich weiß nichts“ kommen, die innere Anschauung wird oft zu einem unbeweisbaren Wissen um den ״Sinn der Welt“ gelaugen, das seinen adäquatesten Ausdruck in der Richtung des Willens zu den als notwendig erkannten Zielen hin und endlich im Handeln findet. Es gibt auch einen rein geistigen Ausdruck dieses Wissens abseits der exakten Philosophie: jene Verkündung des Absoluten, der man mit der Bezeichnung als ״Lehre“ am nächsten kommt. Sie zeigt in ihren höchsten Erscheinungen immer die Tendenz, zur Tat zu werden, zu der den Sinn der Welt erfüllenden Tat. Also, was Ihre Frage angelit, Herr Miller: die ״Einheit und Freiheit Israels“ lind auch den ״Sieg des geistigen Typs״, in dem die Verwirklichung der uns gemeinsamen politischen Ziele cinbesehlosscn ist, schaue ich nicht 11 u r und will sic nicht n u r. Ich schaue sic und (worauf cs hier mehr ankommt) ihre Gerechtigkeit — und ich will sie. Ob das Schauen oder das Wollen das primäre war, ist gleichgültig. Der ethische Urakt bleibt das Schauen, die Einsicht in das Gide (oder ihre cmpfinduiigstiiäßigcn Vorstufen), die beim ethisch empfindlichen Menschen dem Wollen seine Richtung zu gehen vermag oder dem schon gerichteten das Prädikat des Rechten und damit Weihe, Uiibedingthcit, Unduldsamkeit im Sachliehen verleiht: die Eigenschaften, die ihn zum sittliclicn Willen erheben. Der Mensch, der diesen von Einsicht geleiteten Willen gegenüber sich und der Welt bewährt, ist im besten Sinne Rationalist. Wenn auch die Wahrheit seiner Einsicht nicht Wissenschaftfielt nachweisbar ist, sie bleibt Einsicht, Funktion der Ratio, der Vernunft im weitesten lind höchsten Sinne. feil habe in der Kürze, die in einer jüdischen Zeitschrift die Behandlung einer allgemeinen Frage notwendig cinscliränkcn muß, llilicrs Einwendungen zu begegnen versucht. Dabei war an eine Deckung meiner Meinung nach allen Seiten nicht zu denken, liier sei für den daran Interessierten angcdcutct, daß meine Vorstellung der ״Schau“ im Metaphysischen eine Ausdehnung tier ״reineil Anschauung“, die Kant (Prolegomcna § 7—9) mir in bezug auf ״Gegenstände unserer Sinne“ für möglich hält, auch auf tlic uiisinnliehen Gegenstände des Bewußtseins nach derselben l.ogik bedeutet. Es war unmöglich, das hier tlarzustellen, Was mich bewog, auf llilicrs Antwort trotz der Allgemeinheit tlcs Themas liier cinzugclicn, war derselbe aktuelle Antrieb, tlcr meine ersten Bauerklingen zu dieser Sache entstehen ließ. Die Propagicrimg einer umfänglich ZU eng gefaßten Ratio würde gerade das zersetzen, was wir an vielen Nationaljuden ais den Beginn eines sittlichen Gemeinschaftsgefühls sehen, jene geistige Entschiedenheit, die nicht einer praktischen cntgcgcnstclit, sondern nur ganz reif werden muß, um sich im Praktischen kräftig nt bcwähren. Es ist das Ocfiihl gemeinsamer Ergriffenheit durch das absolut Gute, das sich an der gleichen Erfahrung, der vom rechten Weg für unser Volk, mächtig in einer Form uns allen darstcllt. Das bringt uns inniger zusammen als irgendein gemeinsam Ocwolltcs für sich cs je könnte, das erhebt unser Handeln zu einem Dienst an Heiligem. Diese Weihung unseres Bundes soll in dem erfreulichen und erfrischenden Ansturm eines neuen Rationalismus unaiigegriffen bestehen bleiben. L. Strauß. AUS ALLER WELT Au» Russisch-Polen. Lodz. Auf einer kleinen Beratung einiger Zio* nisten uml Philanthropen unter dem Vorsitz des Rabbiners Dr. Brau de wurde beschlossen, einen Kulturvercln ״Jabne“ zu gründen, dessen Aufgabe Schaffung von Schulen mit bebrüten er Unterrichtssprache ist. Es wurde auch bcschlossen, ein Mäilchengyiniiasium nach dem Muster des schon in Lodz bestehenden Knabeiigvmnasiunii zu eröffnen. Au» Rußland. (David Fein borg gestorben) Am 11/24. April verschied in Petersburg im Alter von 76 Jahren infolge einer Gehirnerschütterung der Vertreter der JCA fur Rußland, David F c i n b c r g. Der Verstorbene war einer der bedeutendsten Organ!- satoren der jüdischen Kolonisationsbewegiing in Argentinien mul seit 1892 Gründer und Führt r des russischeu Zentralkomitees der jüdischen Kokrmsationsgescllscliaft (JCA), Seit Ausbruch des Krieges war der Verstorbene einer der Leiter der jüdisclwn Kricgshilfsorganisation, besuchte noch persönlich irn Namen dieser Organisation während der Russcn/cit Galizien, wo er große Summen an die jüdischen Not* leidenden verteilte. Mitteilung Infolge unvorhergesehener Schwierigkeiten können Aboniiemcntsbestclliingeii auf die drei Zeitungen H a z c f i r a , H a i n t und Moment zur Zeit noch nicht ausgciiihrt werden. Sobald die regelmäßige Zustellung erfolgen kann, werden wir dies in der ״Jüdischen Rundschau“ bekannt geben. Jüdischer Verlag, G. m. b. H. Nachrichten Berlin- Unser Gesinnungsgenosse Leopold S 11 u t z - Zabrze (K. J. V.) hat das Eiserne Kreuz erhalten. . Unser Gesinnungsgenosse L)r. jur. Benno Grzebinase 11-Strasburg i. Westpr. (K. J. V.) ist in Gefangenschaft geraten. Hugo I) c v r i e s - Goch a. N.-RI1. (K. J. V.) wild seit dem 10, März 1916 vermißt. Berlin. Der Sportplatz des Jüdischen Turnvereins Bar K o eil b a ist trotz des Krieges der Sammelpunkt aller Mitglieder und Freunde geblichen. Der Sport- und Spielbctrieb verspricht in diesem Sommer ilurch das große Interesse, das ihm aus allen nahestehenden Kreisen cntgcgcngcbracht wird, ganz besonders lebhaft und anregend zu werden. — Am Sonntag, den 21. Mai, nachmittags 4 Uhr, wird die Spielsaison durch ein großes Sport- und S p i e 1 f c s t, an dem alle Abteilungen des Bar Kocliba tcilnehmcn, eröffnet. Das Programm wird alle Zweige des Sportes, der Spiele im •Freien enthalten. Bei der großen Beliebtheit, der sich die Veranstaltungen des Vereins erfreuen, darf inan auf einen starken Besuch hoffen. Der Sportplatz ist sehr bequem vom Alcxaiulcrplatz mit den Nummern 09 und 70 der Straßenbahn zu erreichen. Berlin. (Jüdischer Frauenbund für Turnen und Sport.) Die Tiiruzeiteii der Abteihingen des Vereins siiul folgende: I. Eraucn-Abteiluiig: Montag und Donnerstag, 8—10! י Uhr, Steglitzer Str. 29; II, Frauen-Abtcilung: Dienstag und Donnerstag, 6'/!—7ו'י Uhr, Pfal/burger Str. 21; III. Eraucn-Ahteiliing: Dienstag, 8—10 Uhr, Wilhelmshnvener Str. 1/3; I. Mädchen-Abteilung: Mittwoch, 51/3—7 Uhr, Schleswiger Ufer li; II. Mäildien-Ahteihmg: Dienstag 3','.•—7 Uhr, Steglitzer Str. 29, Wandcrahtcihing: regelmäßige Wanderungen. Landheim in Schön wähle. Sportnbtcihmg: Sonnabend Nachmittag, Sportplatz des Charlottenburger Sportklubs E. V. am Königsweg. Der am Sonnabend, den 13, Mai er., veranstaltete Vortrag von Rechtsanwalt Max Strauß über Bubcrs Schriften brachte einen Ertrag von 50 M. für da9 Palästina-I lilfswcrk. Mannheim. Die hiesige Zionistische Ortsgruppe hfdt die Kriegszrit durch, obwohl der unvergeßliche Vorsitzende und Führer, Leutnant Ernst Goite'in, durch Heidentod an der Spitze seiner Kompagnie uns genommen und Julius Simoti seit Kriegsbeginn abwesend ist. Am Dienstag, den 9. Mai, sprach in einer sehr gut, namentlich von unserer Jugend, bcsuchten Versammlung Redakteur Leo Herrmann aus Berlin über Fragen der jüdischen Gegenwart. Am 11, Mai hatte der hiesige jüdische Wamlcrbund ״Blau •Weiß“, der als einzige hiesige jüdische Jugendorganisation trotz der Kriegszeit weiter arbeitet, einen Diskussionsabend über Probleme jüdisclicr Jugenderziehung, dem durch die Teilnahme Martin Bubcrs und llcrthold Fei weis besondere eindrucksvolle Bedeutung zufcam. Königsberg I. Pr. Unsere Zionistische Ortsgruppe wurde durch den Beginn und die ersten Monate so schwer getroffen wie wohl sonst keine in Deutschland. Die Bestürzung in den Tagen des Kriegsatisbruchcs war infolge der Nähe der Grenze hier lebhafter als an anderen Orten, und die nahe Nachbarschaft zu den kriegerischen Ereignissen ließ auch während der ersten Kriegsmonate keinen Nachlaß in der gespannten und unruhigen Stimmung aufkommen, viele unserer Mitglieder, zum Teil lan^- jährige und eifrige Mitarbeiter, waren, obwohl Mit langer Zelt hier ansässig und fest eingewurzelt, durch die bittere Notwendigkeit de» Krieges über Nacht zu feindlichen Ausländem geworden und mußten Hals über Kopf die Stadt verlassen. Hierzu kamen die allen Ortsgruppen gemeinsamen Einwirkungen de« Kriegsausbruches, Einberufung zahlreicher Mitglieder,