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Jüdische Rundschau · 1916-05-19 · Heft 20 (19.5.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 20 (19.5.1916)
Date
1916-05-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite iöO ] U E D i S C H E RUNDSCHAU Nr .20 dem die eigene Krankheit nur ein Etwas ist, über das er sich! mit der Leichtigkeit eines humoristischen Einfalls hinwegsetzt. Schnlom Alcjchen! wandert seit einigen Jalireu in der Welt herum, aber er führt sein kleines Wcltchcn mit sich. Es ist ein enges, aber vollständig hinreichendes Wcltchcn für einen lachen* den Philosophen. Es ist die jüdische ünsse des Ghettos. Hier im Engen ist er einzig festge* wurzelt; die Weite draußen mit ihrem stiirmischen I eben liebt er nicht und hallt sie auch nicht. I lassen kann er überhaupt nicht. Bei all seiner Belesenheit, russischen Bildung, vielscitigen Lebenserfahrungen und bei all dem, was er auf den vielen Reisen gesehen mul gelernt hat, bleibt er immer der kleinstädtische Jude, mit der Freude am kleinen Spall und dem Sinn für einfache, kleinstädtische jüdische Lcbensvorgange. Und gerade diese Eigentümlichkeit gibt! seiner Kunst eine eigene, unnachahmliche Note. 1111 Leben wie in der Kunst ein guter, kluger und jachcndcr ״Batlon“. Die Jagd nach dem Glück ist ihm übel bekommen. Furchtbar ist er gezwackt worden, und erst spat hat er den Weg nach seinem ״Kasrielowka“ zurückgefunden.; Ohne jedwede Alnvechslungslust, merklich abgekühlt nach all den Kiews und Odessas, jetzt auch nach all den Berlins, Londons und New Yorks, sieht er Kasrielowka friedsam wieder. . Auch in Nervi, bei Genua, wo der arme Dichter jetzt Heilung sucht, ist er von der Atmosphäre seines Ghettos ganz umhaucht. Schon die Winzigkeit und Enge dieser Heimat, die Kleinheit und Beschränkung der in ihr verkommenden Tragödien lassen sie humoristisch erscheinen. Schnlom Alcjchcm kennt weder den Zorn, noch die auf Stelzen einhersclircitende Begeisterung. Wozu soll man zürnen und wofür soll man sich begeistern? Wenn alles so klein und armselig? ״Toiwie, der Milchiger“, ist ein Berditschcwcr, — aber ist er denn ein Berditschcwcr? ״Ei ge ntlieh“ stammt er aus Smicla; am Ende stellt es sich heraus, daß er ״eigentlich“ auch aus Smicla nicht stammt. Was liegt denn am Ende daran? Und was liegt denn am Ende an allem? Das Leben ist so schön und klein; aber eigentlich ist cs weder schön noch klein. Man weiß am Ende gar nicht, woran man ist. Nichts ist in abgezirkelte Formen eingezwängt. Es ist ein Chaos, ein gutes herzliches Chaos. Leben und Leiden des Ghettos, Liebe und Haß, gesetzliche Beschränkungen und Nahrungssorgen, Heiraten und Kinderzeugen, Geschäfte und Geselligkeit, Neugierde und Kurzweil, Intelligenz und Masse, — gewiß sind all das momentan und für die Betreffenden sehr ernste Dinge. So oft Schnlom Alejchcm über all diese Dinge schreibt, und noch besser, deklamiert, interessieren diese Vorgänge den Leser und mehr noch den Zuhörer äugen-!dicklich sehr lebhaft; aber man empfindet cs schon während der Lektüre und während des Zuhörens, daß all diese Dinge am Ende uns doch gleichgültig sein müssen. Menachem Mendel ״handelt“ und renommiert, renommiert und handclt; er scheint schon Millionen zu besitzen, inzwischen fehlt ihm noch das nötige Kleingeld lur das erste Frühstück. Ist er ein Lügner? Nein. Sagt er die Wahrheit? Auch nicht! Seine Frau schreibt ihm so mild und ernst, so herzlich und warm: Schick doch lieber einige Rubel für den Unterhalt der Familie. Hat sie recht? Vielleicht, — aber auch nicht ganz. Diese Widersprüche sind es, die den Humor erzeugen, diese rührend komische Wahrheit, daß das Leben so klein und doch so groß, so wcishcitsvoll und doch so dumm ist. Und im Grunde ist es nicht das Leben in Kasrielowka, das der Dichter schildert. Es ist das Leben im allgemeinen. So ist es überall. Sclialom Alcjchcm besitzt nicht die Art zu abstrahieren und zu generalisieren; er schält nicht aus dem Einzelfall das Typische heraus, er beschönigt und entschuldigt nicht. Er wäre auch kein Humorist, wenn er diese Art besäße. Er schildert nur den Einzelfall, das Abstrahieren und Generalisieren überläßt er unscrcinem, die wir nicht sein Talent besitzen und deshalb auch in Allgemeinhciteri uns bewegen müssen. Sclialom Alcjchcm hat eine Reihe von Vorstellungskreisen, Situationen und Empfindungen, die er bevorzugt und die er mit Sicherheit überall findet, für die er auch mit Sicherheit hei uns immer eine lustige Wirkung erzielt. Er spricht auch gar nicht seihst und moralisiert noch weniger. Er läßt die andern sprechen. Mit einer wahren Wollust versenkt er sich in das Charakteristische, Er gibt die jüdische Denk- und Ausdriiekswcisc mit einer Treue wieder, die das Original überragt; ei u1׳- steht es, Vokale und Silben zu wählen, die die feinsten Seelenregungcu und die subtilste Situationskomik in einer Weise schildern, die die weitsehweifendsten Beschreibungen in jeder Be- Ziehung übertrifft. Er liebt veralte^: Redefloskeln aus dem Wcibcrteitsch, Provinzialismen und wolhynische Wendungen aus dem Krümcrjargou des Marktes; es ist ihm gleich, wo er Worte und Wendungen hcrniimnt; sie müssen nur cliaraktcristisch für den Gegenstand und für den Sprecher sein. Sclialom Alejchcm ist der eigentliche Schriftsteiler des Jidisch. Was Abramowitsch gcscliricheu hat, kann vielleicht nicht ebensogut, aber doch ungefähr mit derselben Bedeutung in einer andern Sprache geschrieben werden. Was PrreZ geschlichen hat, kann bestimmt in einer andern Sprache ebensogut geschrieben werden. Sclialom Alcjchcm hingegen ist der» reinste Repräsentant des (!eures. Er hat aus dem Jidisch ein gefügiges Werkzeug gemacht, das er wie kein anderer nach seiner Art zu handhaben vermag. Diese eigenartige Massensprache liefert ihm alle Mittel für seine Kunst. Die Krone seiner Kunst ist der Monolog. So spricht ein kleinstädtischer Jude, so muß er sprechen, wenn er die Synthese seiner Eigenart verkörpert. Nicht alles, was Sclialom Alejchcm geschrieben hat, ist wertvoll und gleichwertig. Besonders seinen früheren Arbeiten «miß man heute recht kühl und skeptisch gegenüberstehen. Auch ״Stcmpcniu“, trotzdem man cs so leicht in andere Sprachen zu übertragen vermag, mul trotzdem die Uebcrsetzmig keinen üblen Eindruck macht, ja auch mit Interesse gelesen wird, kennzeichnet nicht Sclialom Alejchems Talent. Es sind mittelmäßige Erzählungen und Schilderungeii des Lebens. Das Reifste und Rundeste von dem, was er geschaffen hat, ist das Feuilleton und der Monolog, l iier reihen sich Schilderung an Schilderung, wie Perlen an einer Schnur. Und all diese Dinge sind voll großer Grazie. Die bizarren Uebertreibungen und Verrenkungen stören nicht den Eindruck des Geschmacks und der Gefälligkeit. Wir können viele Schriftsteller anerkennen, schätzen, ja auch verehren, aber liehen können wir nur wenige. Und zu diesen wenigen gehört Sclialom Alejchcm. N, S. * Sdinloni Alcjclicui (Sclialom Knbiiiowitsdi), gchören 18)9 in Porjaslaw (Ciouv, Poltawa, RulllamJ), genoß bis zu seinem 15. Lebensjahre eine ausseliliclilieh liibliscli-talimulisclie Hildimg, Unter der Wirkung der neuen hebraiselicn Aufklärungslitcratur (I Inskala) begann er später die europäischen Sprachen und Literaturen zu studieren. 1880—1882 war er Krönrabbiner in Lulniy und bald darauf Kaufmann in Kiew. Nach den Oktoberpogromen 1903 ging er vorübergehend lineli Amerika, und seit 190) mußte er infolge seiner Krankheit im Ausland weilen. 1911 bcsuchte* er noelinials Rußland, wo er als der berühmteste jüdische Schriftsteller gefeiert wurde. Bei Ausbruch des Kncges ging er von seinem Kurort (Nervi) nach New Voik, wo ihn jetzt der Tod ereilte. Seine literarische Tätigkeit begann Ende der siebziger Jahre als Mitarbeiter der hebräischen Tages- Zeitungen ״I la/el'irah“ (Warschau) und ״Haincliz" (Petersburg). 188) begann er im ״Jüdischen Volks- Matt“ eine Reibe von Skizzen und Erzählungen zu veröffentlichen, die sofort die Aufmerksamkeit des Leserpublikums auf sieb zogen. In diese Periode gelio, en ,׳mell seine besten Kiiulcrcrzählimgen ״Das Messerl“ und ״Lag beomer“ (1887). 1111 Kampf gegen •die sensationelle Boulevard-Literatur, die damals den jüdischen Markt beherrschte, gründete er seine ״Jiidisclie Volksbibliothek“, ein Jahrbuch in jidischer Sprache, wo er seine ersten, damals so großes Aufsehen erregenden Milieuroniauc ״Sicmpciiju“ und ״josscle die Nachtigall“ (aus dem Leben der vvandernden jüdischen Volkssänger) veröffentlichte, Als Verehrer und Fortsetzer seines ״Großvaters“ Men• dele Moclicr Sforim (S. J. Abramowitsch) zeigte auch er bald im Humor seine Hauptbegabung. Dnrdi das Prisma seines gesunden, gutmütigen Humors bckam die freudlose jüdische Welt eine besondere Tiefe mul einen besonderen Sinn. Seine ״kleinen Mensch• lein mit kleinen Begriffen“ bewaffnet er mit den unschätzbaren, mächtigen Waffen des Lachens, Ein grenzenloser Optimismus und eine unzerstörbar Oiitmüligkcit beherrscht seinen I laupUicklen ״Toiw' der Milchiger", diesen künstlerisch vollendeten Ja psychologisch am boten durcligcbildetcu Typus seine Schöpfung. Die Ereignisse der achtziger Jahn׳1 ׳/ scliültertcii die wirtschaftlichen Grundlagen der fUssj’ scheu Judcnlicit, und wie von einem zerstörten Ameisenhaufen zerstieben die betäubten Menschen nach allen Seiten. Diese eigcn.iitige Lpopoe Sclialom Alejclicm in seinen ״Papieren“, ״LuntUm״ ״Millionen“, ״Es (iedelt nicht“ mit ihmn klassischen I laiiptheliien Menachem Mendel. Menachem Mendc! ist eine wundervoll ausgeprägte Verkörperung des jüdischen l.iiltmcnsclicii, für den das Rechnen mit dem Zu fall, die rastlose Geschäftigkeit und die ficberhafte Neiveiniberrciztheit zur zweiten Natm geworden ist. Das neue, ans der rnssisdi-jmli wlien Emigration empoiblühemle Leben versuchte er in seinem ״Mablml", ״Irrende* Sterne“ iisw. wiederzugeben. Sclialom Alcjchcm war der beliebteste und am meisten gelesene Schriftsteller der jüdischen Massen. Zu seiner. Popularität hyt auch viel seine reiche, vielfarbige und rein volkstümliche Spracht* beigetragen. Die Formen seines Schaffens sind Monolog, Üiaiog Briefwechsel und Szene. Er ■erzählt nicht von seinen I leiden, sie erzählen selbst, jeder in seiner Sprache. Die erste Ausgabe seiner Schriften erschien in ■I Bänden im Jahre 19(1). Zu seinem ))jährigen Schriftstcllerjubilüimi (1998) begann man eine vollständige Sammlung seiner Werke zu veranstalten die bis jetzt 15 dicke Piimle tun faßt. Mehr als 100 Erzählungen erschienen in Sonderausgaben, die in Zehntausenden von Exemplaren abgesetzt wurden. Ins Hebräische wurden 4 Bände seiner Werke duicli den jungen Schriftsteller Bcrkowitsch übertragen. Ins Russische iibersct/t erschienen 1910 8 Bände, Auch ins Deutsche wurden viele seiner Werke übertragen und sind in Zeitschriften und Zeitungen zerstreut, Gesammelt erschien in deutscher Sprache bis jetzt nur ein Bänddien Erzählungen ״Die verlorene Schlacht" (Jüdischer Verlag, Berlin), übersetzt von l)r. Nathan Birnbaum. Die Lage in Galiläa 15. April. Wie in der ganzen Kricgszcit bietet auch jetzt Galiläa mit seinem jungen, arbeitenden Kolonistenstand lind dem kräftigen Arbeiterstamm in den Kolonien und den nationalen (־׳armen einen freudigen und trostreichen Eindruck. Der arbeitende Jisclmb ״llaji• schul» llaowecl", wie die Arbeiterpresse mit Stolz die junge gaiiliiischc Siedlung nennt, hat sich w.ih• retul des Krieges dieses ihres Namens würdig gc• zeigt. Mehr Mut und hingebungsvollere Arbul, sowie ein starkes Selbstvertrauen zeichnete Galiläa vor anderen Teilen Palästinas aus. Bessere Versmgthcit mit Lebensmitteln und Geschütztheit vor dem Hunger, wie er an anderen Stellen Palästinas anitrat, war der Lohn, der dem galil.iisehen jisdiub während des Krieges zuteil wurde. Trotz, z.abiri icltcr Schwierigkeiten ist fast überall die Anbaufläche ganz bestellt worden und an erster Stelle stehen unsere nationalen Farmen und dann auch die Großbetriebe privater Gesellschaften, über die wir im naclistelien• den berichten wollen. 1. Mercltatvia und die S i c d 1 u n g s g c n 0 s s c n s c h a f t : — Mcrcliawia, das den Eingang nach Galiläa eröffnet, ist dank der neuen Bahnlinie noch mehr, als dies früher der Fall war, zu einem Vcrbiiidiingspunkt zwischen Judäa und «lein galiläisclicn Palästina geworden. Von Mmhawia (Apluile). besteht jetzt eine direkte Hisenhahmcibin• dimg einerseits nach Damaskus und Haifa, aiiiTiwiti nach Jerusalem, Jaffa und Berscba. Die K.>!■>»* ist ein Zentrum einer starken jüdischen A1 heiter- Schaft geworden, die in der Nahe der Balm arbeitet und in der Sicdlungsgcsellschaft ihren Stützpunkt findet. ' 1 Die Sicdlungsgcsellschaft selbst zählt jetzt 35 Arbeiter, die ständig in der Wirtschaft Bcschaftigung haben. Von ihnen müssen z. Zt. sechs an der Balm bei Rcgicrungsarbciten icilnehmcn. Außerdein hat die Farm acht Tagelöhner. Dank dem Eifer und der Hingebung der Genossenschaft ist es trotz der großen Schwierigkeiten, denen gerade Mcrcliawia als einzige Siedlung im Kreise Nazareth und an einem der wichtigsten Verkehrspunkte Pal.Bt nas während des Krieges ausgesetzt ist, gelungen, die ganze laut dem Etatvoransclilage vorgesehene I lache zu bebauen, Es wurden bestellt: 800 Dunani mit Weizen, 200 Dunatn mit Hafer, 150 Dunani mit Ackcrbolmcn, 7 t/a Dunam mit Damasccncr Holme11, 140 Dunam mit Heu, 350 Dunam mit Gerste, 230 Dunam mit Chumus, 71/3 Dunani mit Zwiebeln, ך Dunam mit Erbsen, 25 Dunatn mit Rüben, insgesamt 1948 Dunam, Außerdem konnte die Genossenschaft 40 Dunam mit Mandeln, Oliven und Zicrbäumcn im letzten Winter bepflanzen, die alle schon aufgegangen sind.

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