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Jüdische Rundschau · 1916-05-12 · Heft 19 (12.5.1916) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 19 (12.5.1916)
Date
1916-05-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile tb4 J U E Dl SC H E RUNDSCHAU 4 gaiiisieiung der Aktionen erst in Zagreb, dann über das ganze Gebiet unserer Landesorganisation. Obwohl er beniflieh ungewöhnlich stark bc• schäftigt war, erschöpfte sich seine nichtbcniflichc Tätigkeit keineswegs in seiner zionistischen Tätigkeit. Ihm war nichts Menschliches fremd. Mit weit geöffneten Augen, scharfen Verstandes und uiilden, feinfühligen, hilfreichen Herzens durchs Lehen schreitend, nahm er alles fremde - ihm unterwegs begegnende Leid in sich auf, immer bereit zu lielfen, aller nie zufrieden, blos aus Eigenem seinen Verhältnissen entsprechend zu gelren, sondern immer bestrebt, andere für ein gutes Werk zu gewinnen. Sein soziales Empfinden trieb ihn als noch jungen Haiulclsangcstellten, den in sich zerfahrenen, tuibedeutenden Ilanddsaiigestelltciiverein ״Merkur“ zu einer großartigen, leistungsfähigen, gutfmidicrten Lnndesorganisation mit zahlreichen Filialen ausziigestaltcn. Auch als Arbeitsgeber gehörte er diesem Vereine weiter au als lebenslängliches Ehrenmitglied, und cs sei bemerkt, daß er auch als Arbeitgeber seinen früheren so/ialistisclicn Ansichten - - ofl zum eigenen Schaden — treu blieb. Das und so war Hermann Licht, der Handels• angcstelltc, Kaufmann, Jude, Zionist mul Mcnseli, als er uns, kaum vicnmddreiltig Jahre alt, durch den Tod entrissen wurde. Er konnte von sich behaupten — obwohl es ihm nie eingefallen wäre — daß er keinen einzigen Feind habe. Niemandem zu Danke verpflichtet, — denn er wurde Alles aus eigener Kraft hat er sehr Viele verpflichtet in seinem viel zu kurzen, aber arbeitsvollen Leben, Und wenn sich irgendwer scincthalbcr zu beklagen hatte, so waren es seine nächsten Angehörigen, seine Mutter, Urinier, Schwestern. Nicht als ob er ,־iiicli hierin nicht ein Vollmcnsch gewesen wäre, ־־ aber seine vielseitige Betätigung hat ihn häufig den Seinigen entzogen. Er nahm in dieser seiner Iktätigung viel mehr auf sich, als sein seit längerer Zeit schon — schwacher lind kranker Organismus vertragen konnte. Seit einem halben Jahre hütete er das Zimmer. Es ging immer schlechter mit ihm, er litt viel und schwer. Und arbeitete doch — nach vielen schlaflosen Nächten, durch Unterernährung entkräftet — bis zum letzten Atemzuge. Dachte nicht an sich, sondern sorgte für sein (Jeschüft, um die Seinigen und für seine zuriickgcl isseucn Werke und Gründungen. An seinem Grabe stand eine riesige Gemeinde, Alles was sich zur Ehre gerechnet hatte, mit einem wirklich Großen in irgendwelcher Beziehung gestanden zu haben: Juden und Nichtjuden, Kaudeute, liulustriellc, I famJelsaiigcstelltc und Arbeiter, Vereine und Korporationen. Auch die zionistische Landesorganisation war durch alle ihre hiesigen Mitgliedern vertreten. Das Begräbnis war ergreifend still, da sicli der Verstorbene jede Grabrede verbeten hatte — wie zu erwarten war. Ganz recht, denn was hätten wir tun können? Reden. Er aber gab mit seinem ganzen Leben ein ununterbrochenes Beispiel der Tat. wirkt mehr kunstvoll als künstlerisch. Aber ungleich I’ernath hat er die Erinnerung an das sinnliche Leben noch nicht verloren, seine künstlerische Kraft dringt überall da 1unzerstörbar durch, wo er diese Erde wieder berührt: In der Schenke zum Loisitseliek, in der Schilderung des ״alten Ungclt" und seiner Gäste, in der Dirne Rosina. Und wenn Aron Wasseptrum den Pernath vernichten will und daneben doch in glühender Liebe zu einem bessern Ideal seine Wachspuppe anbetet, so empfinden wir die Welt des Ghetto waluhaftiger und die Ewigkeit der menschlichen Selmsticht tiefer als bei allen Aussprüchen 1 lillels zusammengenoiiimeii. Die Welt mag wirklich, wie llillcl gelegentlich äußert, dazu da sein, von uns knput gedacht zu werden, -- niemals darf sie in der Hand des Künstlers aus den Fugen gehen, und seine Leistung bestellt eben darin, noch in einem heruntergekommenen Kaffeehaus den Atem Gottes vornehmlieh zu machen. Der jüdische Geist aber muß aufs Bestimmteste die Wertung äblchneu, die er in diesem Roman erfährt. Meyrink hat, wie ich eingangs ausführle, das Ghetto zum Symbol genommen, weil hier Weg und Ziel aller geistigen Erlösung einen klassischen Ausdruck finden. Er sieht also das Wertvolle gerade darin, daß der jüdische Geist die Fälligkeit zu solcher Mystik besitzt, daß er Bücher wie die Kabbala und Wesen wie llillcl oder Mirjam hervorbriiigt. Ich will unerörtert lassen, ob die Mystik, wenn ihr schon das Reich der Kunst verschlossen bleibt, sich nicht doch mit anderen unvergänglichen Deutungen des Lebens an Tiefe messen kann: 1111 Judentum ist sic immer nur ein Kennzeichen der Schwäche gewesen. Dein Juden der Diaspora, der mit seiner Heimat auch den Sinn für das Gegenständliche, die ursprüngliehe Beziehung zur Natur und damit zugleich seine innere Bodenständigkeit verloren hatte, kamen solche mystisdien Neigungen nur entgegen, sic erlaubten, ja verlangten die Verkümmerung lebendiger Kräfte, die er ohnehin nur noch verkümmert besaß, und drängten Alle hiesigen Tagcsblätler widmeten ihm warme Nachrufe, sie galten sowohl dem großen Menschen, als dem großen Juden. Als zionistische Landes- Organisation stehen auch wir unter den Leidtragenden, seinen Verlust schmerzlich beklagend. Weit vom blutigen Schützengraben ist Hermann Licht gestorben als Held und Märtyrer, ein hervorragender Streiter im Kampfe gegen eine verlotterte, verlogene ״ctiropüischc Kultur", gegen Unfreiheit, Ungleichheit und Unbriiderlichkeit. Wir werden dem großen Men• sehen 11ml Juden das Andenken bewahren, welches er sich durch sein Leben und durch seine Taten rrn'e:1/י hni י Ein Palästinaabend in Stockholm Eine große zionistische Veranstaltung zum Besten der Kricgsnotlcidcndcn Palästinas fand in Stockholm am 19. Mürz im Saal des ״(irandhotcl״ statt, die von einem zahlreiche() Ihihlikiim besucht wurde. Eine inhaltlich und formell meisterhafte Rede des Oberrabbiuers und bekannten hebräischen Schriftstellers Dr. M. Ehrenpreis ״Palästina im Gefühlsleben des jüdischen Volkes“ leitete den Abend ein. Der Redner schilderte die Wirkung des tatvollcn Glaubens an die Erlösung und der unauslöschlichen Liebe zum Lande der jüdischen Vergangenheit und Zukunft auf die Gestaltung des jüdischen Lebens während der langen Zeit der jüdischen Zerstreuung und schloß seine Worte mit einem warmen Appell an die Versammelten, ihrer Pflicht gegen die stolzen Helden Palästinas, die die Schrecknisse der Zeit in ihren verhängnisvollen Bannkreis gezogen haben, bis zum letzten iiachzukonimcn. Nachdem der Kantor Saul hebräische Volkslieder und synagogalc Melodien, und der Schauspieler Fried mann Gedichte von Jclntda Halcwy und dem jüdisch-schwedischen Dichter Oskar L c wert i n vorgcTragcn hatte, wurden Lichtbilder aus Palästina vorgeführt, die lehendiger als Worte die Erfolge der zionistischen Tätigkeit fn Palästina zeigten. Eine Rede von Alfons Paquct über den Weit und die Bedeutung des Zionismus schloß diesen eindrucksvollen Palästinaabend, dessen materieller Ertrag erheblich war. Vom Pasteur-Institut in Jerusalem Im Jahre 190S erließ das Engere Actions-Comitfi in der ״Welt“ einen Aufruf zur Oründung eines medizinischen Instituts in Palästina. Im fahre 1909, auf dem IX. Kongreß, wurde daun eine ״Gesellschaft jüdischer Acrzte und Naturforscher für sanitäre Interessen Palästinas“ gegründet, die die Absicht hatte, verschiedene hygienische Anstalten in Palästina ins Leben zu rufen. Endlich konnte im Mai 1913 der Beden jüdischen Geist in eine ihm von Haus aus völlig fremde, wirklichkeitsferne RichUmg. Die so entstandenen Werke, auch die erzählenden Sagen und Geschichten, reden die ärmliche Sprache luftleerer Abstraktiou, der Wind verlernt cs hier zu wehen, und die Sterne werden bestenfalls ,zu Sinnbildern. Die Erneuerung des jüdischen Volkes aber muß vom Umgekehrten ausgehcii. Es darf die Sterne nicht suchen, bevor es wieder das Gehen lernte, und muß erst einbiingcii, was ihm die Diaspora an Wirklichkeit entzogen hat. Erst wenn cs wieder so wahr und ursprünglich zu sehen imstande ist, wie vor der Unterbrechung seiner nationalen Entwickelung, wenn cs wieder in das Herz 11er Dinge eindringt, wird es wirkliche Kunstwerke hervorbriugen, die letzten Endes den alleinigen Maßstab für das Leben eines Volkes bilden, und seine philosophischen Deutungen werden dann wahrscheinlich ein anderes Oesicht haben als die Kabbala. Die Bibel ist das von Mystik freieste Buch der Weltliteratur, und doch offenbart sich Gott noch in dem Blut der Isebcl, das die Hunde aufleckcn. Diesem verlorenen Ideal stehen die Werke eines Schalem Alcjchem schon um vieles näher als die Seelciianalysen der meisten wcstjiidisclien Schriftsteller, die aus dem Mangel an Anschauung eine psychologische Tilgend machen und nur eine dürftige Eorlsctzung jener wirklichkeitsfremden Kultur darstcllcn. Bis sic überwunden ist, sollte man nicht versuchen, den jüdischen Geist auf bestimmte, noch dazu immer aus dieser Zeit der Diaspora abgeleitete Tendenzen festzuiegcii, weil sie die zarten Anfänge neuen Lebens durch gedankliche Direktiven leicht zerstören können. Meyrink darf sich solche Abwege erlauben, er bleibt trotzdem der Künstler, der er gewesen ist, dem jüdischen Geiste aber muß man Zeit lassen, sich aut sicli selbst zu Besinnen, damit er w ieder lerne, Gott in seinem Ebcnbilde zu erkennen. Nr. 1g . ■' ' " ' 1 ■ ״! Lande einen segensreichen Aufschwung Das Institut zerfallt vorläufig in dm Abteilung^. I. Die Wut schlitz-Abteilung (Pasteur-Institut), Es ist dies die im Lande populärste Abt.■,!;,״» die auch dem Ganzen den Namen gegeben hat Dort timlcn diejenigen Personen, die von den verschiedenen tollwütigen Tieren (Hunden, Katzen, Kamelen Scha knien) gebissen sind, die zur Heilung not wendige Be" handlung. Trotz der kurzen Zeit des Bestehens wurden bis jetzt bereits etwa 900 Personen in der Abteilung behandelt. Es wurden ferner 23׳ Oehirmmtcrsuclmm״.״ aut Tollwut (hei Tieren) ausgeführt. Bis zur (imndüng des Instituts mußten die Gebissenen nach Kairo oder Konstaiitinopcl zur Behandlung fahren. Da diese infolge der schwierigen und ungünstigen Heförder11n1׳s. mittel sehr oft zu spät kam, hatte man i1״ Lande auch unter den jüdischen Kolonisten, viele Opfer der’ Tollwut zu beklagen. Es kam unter amlerni der tragische Fall vor, daß ein Arzt (Nichtjudc) seinen «10־”ח||. wut erkrankten Solin mit eigener Hand erscholl! Die Gründung des Instituts hat im Lande imgemein segensreich gewirkt. Aus allen Teilen des Landes, vom Libanon bis zur Wüste mul von bis Bcrschcwa, aus den Städten und Kolonien kommen die Gebissenen nach Jerusalem zur Behandlung, Dg ßcham ist fortgesetzt bestrebt, durch Publikationen in den hebräischen, deutschen und arabischen Zcitungen des Landes, durch Broschüren sowie durch Beeinflussung der Scheichs die Bevölkerung über die Tollwut und ihre Behandlung aufzukl.iren. Die Schcidis, die in den Dörfern meistens das Amt eines Arztes vertreten, hatten früher die Behaiulhm, Gebissenen nach eigener Methode ausgcfubrb ziemlich unähnlich der Pasteursellen Methode und sich im wesentlichen auf das Brennen der schicdcncu Körperteile mit glühendem Eisen schränkteI Diese primitive Hcilkunst weicht mm der die war verbcallmählich dem Triumph der Wissenschaft. Als einen bemerkenswerten Erfolg der volkserzichlichen lkstre• hungen des Herrn Dr. Beham auf sanitärem Ulbiet ist es auch nnzuschen, daß jetzt schon die Gehirne tollwutvcrdächtigcr Tiere, oft sogar nach Vorschrift in Glycerin aulbewahrt, dem Institut aus den entferntesten Teilen des Landes zur Untersuchung zugehen. Interessant ist ein Einblick in den großen Warte• raum des Pasteur-Instituts am Vormittag. Da sieht man 25—30 Personen jeden Alters und Geschlechts, Chnlukajudcn und sonnengebräunte jüdische Kolonisten, verschleierte Araberinnen und Fellachen, Bcduinen und Soldaten, deutsche und amerikanische Kolonisten, Alle warten mit orientalischer Rulle, bis die Reihe der Einspritzung an sie kommt. Das Vertrauen und die Achtung, die das Institut und sein Leiter — 11a Hakim 11a Jahud, wie der Araber sagt — im Lande genießt, ist außerordentlich und trägt viel zum Prestige der jüdischen Bestrebungen hei. Jetzt zur Kriegszeit hat sich die Einrichtung des Pasteur-Instituts als besonders notwendig ei wiesen, da das Institut in Kairo überhaupt nicht in Frage kommt und Konstantinonel nur mit den größten Schwierigkeiten zu errciclien ist. II. Die Serologische Abteilung. Diese Abteilung wird hauptsächlich von den verschicdcncu Krankenhäusern und jetzt auch von den Lazaretten in Anspruch genommen. Es wurden bis jetzt ülnr 1170 serologische Untersuchungen ausgcführt, teils Vidal (auf Typhus) und teils Wassermann (auf Syphilis). III. Die Vaccino-thcrapcutischc Abteilung. In dieser Abteilung wurden bis zum Hcrh-t 1915 ühcr 1140 Pockenimpfungen ausgeführt. Atifaiv.:י af• beitete sie mit der aus dem Auslande cingchdirten Lymphe. Bei der stets z.unchmcmkn Schxviengkcit der Einfuhr von frischer, 11. 11. noch wirkuticr Lymphe aus dem Auslände uiui hei der daraus resulficrenden stete■״ Gefahr einer Pockenepidemie im Land hat sieh die Gründung einer eigenen Pockenlvinph• fnbrikation für Palästina Und Syrien als dringt mL-tc* Bedürfnis der Zeit lierausgestdlt. Diese Pocken• Ivmphanstalt wurde mit Hilfe der Militärbehörde, die die notwendigen Kälber lieferte, von Herrn Dr. Ikliaffl irn Anschluß an die bestellenden Abteilungen ins Leben gerufen und entwickelt sicli aufs erfreulichste Die Militärverwaltung bestellte Lymphe für 100 0 0 Mi’itärpersonell, davon sind bereits für 55 000 Impfungen an die Armee abgegeben worden. Außerdem wurden 3000 Personen der Bevölkerung (darunter Schulen, Kindergärten, Seminare) im Institut selbst mit der sehr wirksamen Lymphe geimpft worden. Ferner hat die Vaccino-thcrapcutischc Abteilung ungefähr 100 Personen mit den im Institut bl'־״ zierten Vaccinen gegen Verschiedene Hautausscliläg* (Oceema, Exccma, Furunkulose) behandelt. Außerdem wurden aus dem Institut folgende popu־ läre und wissenschaftliche Arbeiten des Dr. Behaut veröffentlicht: 1. Ueber Tollwut. (Hebräisch.) Jerusalem 1911• 2. Schnelle Verwandlung des Straßenvirus in Viru* fixe. (Deutsch und französisch.) Münch. Mcu. Wochcnschr. Nr. 25. 1915. 3. Der Krieg, der Gesundheitszustand fektiösen Krankheiten in Palästina. Jerusalem, und die יו- (Hebräisch.)

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