Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1916)
- Date
- 1916-05-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ausschnitu* aus dieser Welt neue״ jüdischen Schaffens. will nur amegtn, mit dem unausgesprochenen alH׳r ilciitlielien Hinweis: nicht nur dies, was Hi ich hier gezeigt wird, sondern noch viel mehr ist da und lii» könnt dessen ganz teilhaftig werden, wenn Ihr "י11,״ Hase Anregung gelingt vollkommen. Und darüber hinaus wird noch mancherlei Wertvolles geboten, sodali dieses Buch auch ohne und nach der ,Gelegenheit" als ein geschmackvoller und nützlicher kleiner literarischer Almamuh in Ehren dienen kann. Mit einem warm gefühlten Aufsatz: ״! |״ Bannkreis des Hebräische״", in ,dem trotz der der zeitlichen und örtlichen Distanz, noch ein starker Unit 1 in" von Enthusiasmus mitschwingt, ItcrithU-l M״m׳s Mal varv von einer Reise, die ihn im |-־r11l1];1l11 1911 von Kairo bis Damaskus führte. Wie wir ihm folgen, ist seine Wunder• und Wumlerfahrt durchs licht,liseltc Land vom Ausgang bis zum Ende eine Stimmung, ein Rausch des Hebräischen". Und die Sprache ein Symbol für ״am nolad, das Volk im \\ eideti“. Vier hebräische I lichter: Jakob Ca h a n , S. J. jtfiiMii, S. Seit nein• und Q. S c h o f f in a n 11 werden uns durch kritische Würdigungen nälicrgcbraclü. M a r t i 11 B u h e r begnügt sich, A g ס ״ n mit einem Wort zu charakterisieren, als den, der die ,W eihe‘‘ zu den Dingen des jüdischen Lehens hat Ausführlicher sind die anderen drei (;harakieristikcn. Hugo Bergmann verteilt in gerechter Wem• Loh und Umwand für das geistige Schaffen und die dichterische Persönlichkeit Jakob Cahans, den er ,,den Meister des Wohlklangs, der imieren Mii'ik des tiedielits" nennt. Rniael S e I i g m a 1111 wiederum sieht in S, S e 11 n e u r den ״ersten rein iyri'1 licii Dichter im I lehräisehen“, den Poeten, dessen Siiuun mld Trachten ganz dem Alltag der Seele ziigewendet ist. Zu einer weiter ausholemleu und tieii'i mIiiii ienden Studie hat Z, Di esc 11 druck seine 1 Siarakterislik S c 11 o f f in :1 11 11 s ausgedehnt. Hei Wriasscr, dem es sichtlich (ienugtuung bereitet, eimi kiinstleiiseheii Persönlichkeit von der Eigen ait Schofflu.itms in •liebevoller Analyse naclizuspiiien, erzielt sicherlich die Wirkung, ein crwarttmgsutul ltofliimmsvollcs Interesse für den noch am wenigsteil gekannten Dichter zu wecken, als dessen Besonderlich er rühmt: ״Es ist der neue hebräische Ilichter, der es nicht hei der Parole Eiiropaeilinn bewendet sein lieh, sondern die schweren Maßstäbc c11r0|1iiiM׳h sdiöpfciBciier Entwicklung verantwortuugsvoll auf sieh genommen hat — und sie trägt". Die i'rnhe allerdings, die uns aus Schaff m a 11 n s Werk in der Saiiimelsrluift geboten wird, scheint nicht allzu glücklich gewählt. Sie enttäuscht ein wenig und ist damit freilich ein Anreiz mehr, noch mehr von Sclii'lfiiiann lesen und wissen zu wollen. Charnktcristi-clin sind die dargebotenen Proben von C a 11 a 11 timl S e 111! e 11 r, wcmigleieli sie mir Prosastiieke bringen mul so die Dichlor nicht in ihrer wesen(- liehen Entfaltung, im Gedicht, zeigen. (Diese jungen primitive Ahmmg eines Höheren voraus, und der Trödler Wassertrum könnte statt zum Verbrecher vielleicht sogar zum Propheten werden, wem! er nicht Lim an der Selbstqual jedes Innenleben vorachten■ und dein Geist der Tiefe opferte. Sein Sohn Cliam-ck wird im Gegenteil von brennender Selmsucht »ach Erlösung verzehrt, aber er sieht aus den vcrhallien Banden des Blutes keinen Ausweg und kann mir das Negative leisten: Dieses Blut voll Del zu vernichten. Ganz nach dem Ziel endlich steht du Lustmörder Lapondcr, der ״jeden seiner Sein 1(11׳ v <nn Geistigen lenken" killt, nur freilich erst des k'ihiichen Todes bedarf, um die Freiheit zu erlangen. I lancben werden auch die harmlosen Spielärten ן,!!ן!! vergessen, die oberflächliche Angelina, dw christlichen Freunde Permiths, Zwakh und Prokop, spiefferh.iוtc Kimstier des Diesseits, die bestenfalls dm Maiiniictieiiliafle ihres Daseins ahnen, ohne sieh dadurch in ihrer Prnblemlosigkeit beirren zu lassen. Pernäth ,,!lein unter allen diesen ,,Brüdern, die den (h's Indes gehen", gelingt cs, sich zum hellen (le> Lehens dtirchzusehlagen, und mit lliilcl und mirjam is! tlie Kette zwischen unten und oben liickenlos geschlossen. Selbst der verrückte ,Musikant Schaf((ain K »m| (jcr Raubmörder Habinski stellen noch bes11״(R ןc Nuancen in dieser Stufenleiter dar. Es ist Rm keim• Frage, daß solche Verdichtung geistiger endcitzetx zu einer Handlung, so geschickt Meyrink *"ch ivde Gestalt in ihr unlcrbringt und umgekehrt Urch den kleinsten äußeren Vorgang die innere Ent- "•fklung symbolisiert, nur auf Kosten des küustlcri- 6'!"יי Weites gelingen kann. Dieser Roman des Un- *ptbirliclicn erklärt zu viel, er läßt keine einzige 'Malt für sich selbst sprechen, da keine um ihrer 'lost willen dasteht, keine seelische Ahnung bleibt * "v körpcrliclics Gewand, und die Mystik wird mit ytnboleu überladen, die ihr den Zauber des Geheim- '8'ollen nehmen. Hat man den Kern einmal erkannt, 2 li8t sich selbst das ״J" im Buche Ibbur bis auf ״ Ortimt durchschauen, und der Strick, an dem Dichter harren noch ihres Uebcrsetzers, der allerdings ein Könner und Künstler wird sein müssen. Für einen solchen aber wird es eine schöne und verdienstliche*'"Aufgabe sein, eins neue Hebräertum in die europäische Literatur cinzufiihrcn). Sehr schön, durclizittcrt von mystischer Erregung, ist Agnons ״Aufstieg“. Wirkungsvoll in seiner Schlichtheit das ballaikuliafte Stückchen ״Der Totentanz". Audi zwei Alte kommen zu Wort: David Frisch m a 1111 und S c h o 1 c m A I c j c h e m , 1־ rischmanu mit zwei seiner stimmungsvollen und bczicluingstiefen Schilderungen aus dem I!eiligen Land und Schalem Alejehem mit der unter seinen volkstiimliebsten zu ganz besonderer Beliebtheit und Berühmtheit gelangten 1111 vcrwtistliclien Skizze: ״Lin Rat". DanelKm gibt es noch eine Anzahl vortrefflicher Beiträge, die alle auf den festlichen Ton dieser Pcßachgabe abgestimmt sind. Von Max lirod ist ein starkes Gedieht da ״Auftritt des Dichters", das sieh entzündet an dem ewigen Vermächtnis, das dieser Salz, ist: ״Und es stand nachher kein Prophet mehr aiil in Israel gleich Mose". Von R, Bernstein- W i s c h n i t z e r finden wir eine Studie ״Moses in Stein und Bild", die uns den wirklichen Moses, den 1 raumer, den Seher, den Knecht Gottes und seines Volkes erst als -- mögliches — Geschenk eines großen Künstlers der Zukunft erwarten läßt trotz Remliramll mul Michel Angela, die uns nur ein Stück von Moses gegeben haben, nicht den ganzen, und jedenfalls nicht unseren. Martin B 11 b e r und Bin G o r i o 11 bringen in gewohnter Kiinstlerscliaft Gaben, jeder aus seiner Werkstatt, vier eine ״Chassidische Geschichten", der andere ,,Altjüdische Oeschichten", Schulrat Otto Eber bar 11 ist mit einem der ״I )cutschcn Korpszcitung" entnommenen sehr verständnisvollen und warm empfundenen Aufsatz: ״Dreißig Jahre Hihi" vertreten, den der Herausgeber liier mil Recht wiedergibt, weil es ״von Wert ist, (cst/iih,alten, in welchen Kreisen das Verständnis für den Idealismus und die nationale Kulturarbeit der zionistischen Pioniere sich durchringt. Mit zu dem Wertvollsten der Sammclschrift gehört Hadassa bat 11 Mordechai’s ״Erlebnis in Safed“. Ein kleines Kabinettstück, das in mcistcrlieber Einfachheit und Geschlossenheit vom Regengebete der Juden Safeds an dem Grabe Sems und Ewers erzählt. Und dann ganz prächtig der Schluß: ״Es war nach Mitternacht. Alles schlief, kein Laut war zu vernehmen, ich schrecke zusammen, über meinem Kopfe höre ich Laute, als husche eine Katze über die lose aufeinander liegenden Ziegel. Aber nein, cs sind regelmäßige, immer stärker werdende Laute. Ich schließe rasch die Haustür auf, laufe aufs Dach cs regnet. Kein Stern mehr am Himmel, die Kuppen der Berge waren verschwunden, schwarze, schwere Wolken hatten die stolzen Hcrgesgipfcl eudlieh eingehiillt‘‘ ... B. F, sich Pernath aus dem brennenden Zimmer herunterläßt, erscheint als das, was er ist: Die mißglückte Vergcgenständlichmig eines an sich schon wenig dichtorischen Hildes. Auch wird ein llillel oder Lapondcr nicht dadurch lebendiger, daß er dem Leser den Sinn des Romans in Andeutungen vorträgt, die erst vom Ende her verständlich werden. Gerade diese Symbole der Verinnerlichung bedeuten eine untiefe Veräiißerliclnmg innerer Erlebnisse, und seihst die Vision des Ghettos, die stärkste des ganzen Buches, gerinnt nur da zu wirklicher Kunst, wo sie auch ohne mystische Beziehungen verstanden werden kann. Damit ist zugleich der entscheidende Einwand gegen die künstlerische Bedeutung des Romans ausgesprochen: Ein Entwand gegen seine Well,וווschaumig. Denn Meyrinks Methode* der Darstellung bedeutet mehr als nur ein technisches Problem. Zweifellos hat hier ein. Künstler mit hohem innerem Emst um die Gestaltung eines geistigen Erlebnisses gerungen, aber er hat seine Kraft an eine verlorene Sache gesetzt. Es wäre immerhin denkbar, daß auch eine philosophische Tendenz einmal künstlerische Form gewänne, obgleich die Kunst keine Zwecke kennt und beim leisesten Druck ihre Ursprünglichkeit verlicrt: Diese Mystik, die erst hoch über der Erde ein Reich findet und eine Verständigung mit den Menschen tmmöglidi macht, läßt sich nicht gestalten. Sic muß notwendig ihre reinsten Ausstrahlungen jetiseits alles Menschlichen suchen und kann nur noch reden mul ahnen, nicht mehr Lebendiges formen. Für sic liegt im Traum, in der Loslösung von dieser Welt, der Beginn des wahren'Wachseins, und sic löscht die Unterschiede zwischen den Individuen aus: Meyrink wird Pernath, Pernath ist auch der Golem und verschmilzt schließlich zu einem Geist mit Mirjam. Die Kunst aber hat es gerade mit dem Menschlichen zu tun, sie lebt von dem Unterschied der Individuen, sie tragt nicht von außen her Symbole in die Welt hinein, sondern nimmt sic im Gegenteil erst aus ihr heraus. Ihre Symbole Hermann Licht Zagreb (Agram), Kroatien, 23, Nissan 5076. Am 19. Nissan verschied einer unserer Besten und Tüchtigsten, Hermann Licht. Dem Zbnismus schloß er sieh schon in seiner Jugend au, als dieser hierzulande noch beinahe ganz unbekannt war. Als intelligenter, in! kaufmännischen Leben stehender Mann, von idealen durchdrungen, ein Wahrheits- Sucher und Gercchtigkeitsfanatikcr, eine Kampfnatur, dabei alve-r persönlich bescheiden, licbcuswürdig und entgegenkommend, war er berufen, sein vielseitiges Wissen und Können, •seine zähe Aus- (lauer, seine nie erlahmende Arlxitskraft und sein hervorragendes Organisationstalent in den Dienst des Judentums lind des Zionismus zu stellen. Als einer der ersten zionistischen Schrittmacher bei uns!mißte er einer der Führer werden. So war er Initiator, Mitbegründer und Milstliöpfcr aller unserer zionistisehen Institutionen, wobei er Augenblickserfolgen, Effekthascherei und SchcingrümSungeii gewissenhaft aus dem Wege ging und sie sogar schonungslos und hartnäckig bekämpfte. Ein Feind der Phrase, der Halbheit und Hohlheit, ein Mann der offenen ehrlichen Tat, war er in Vorbereitung seiner Aktionen sehr gründlich und gewissenhaft, tun Bleibendes zu schaffen. In den meisten Fällen ist ihm dies restlos gelungen. Von einer ganz kurzen Unterbrechung abgesehen, war er mit seinem Bruder Dr. Alex ander Licht Gründer und Herausgeber der ״Zidovska Smotra“ (Jüdische Rundschau), welche zu den vornehmsten jüdischen Zeitschriften gehörend, immer mehr an Ansehen und Ausbreitung gewann und unser wirksamstes zionistisches Instrument wurde. Zn seinen dauernden Gründungen gehören noch die Zionistische Landcsoiganisation der südslavisdien Länder der öster.-mig. Monarchie, der Jüdische Turnverein, lind der Jüdische I laiidelsangcsUlltenverein. Neben Frau Clara Bnrmayi r - Jacohi war er der eifrigste Förderer der verschiedene» Organisation»- fonds, insbesondere des zionistischen Parteifomls, des Jüdischen Natioiialfonils und des Hebräischen Schulfomls. Was er ciiimnl initbcgriimlete, ließ er niemals im Stiebe, stellte sich nie abseits als Zuschauer, sondern arbeitete unaufhörlich an der Verbesserung, Ausbreitung und Vertiefung des bereits Errungenen. Er war auch Mitbegründer des zionistischen Bürger- Vereins ״Achdtis", der einzigen hier geschaffenen Institution, welche sich nicht zufriedenstellend entwickelte, und es ist bemerkenswert, daß gerade der ״Aebilns" die einzige Institution war, deren Führung er vollkommen anderen überlassen hatte. Denn er war zu vielseitig in Anspruch genommen, hatte sich mit verschiedenen Aufgaben geradezu überlastet. Handelte cs sich ihm doch bei jeder einzcliict! Institution darum, sie aus den ersten Anlängen heraus weiter zu entwickeln, und er hatte überall den ganzen Weg iiiitgcmachl: mündliche, persönliehe Propaganda int Bekanntenkreise, Zusammen- Schluß der Gewonnenen und Gleichgesinnten, Orreichen nicht weiter als das Leben selbst, aber das reicht schon weit genug, und um Gott zu erleben, braucht sie nicht auf den Messias zu warten, sondern cs genügt ihr schon ein Shakcspcarischcr Trottel. Diese Mystik unterscheidet sich dadurch von der Kunst, daß sie allein mit dem inneren Leben auszukommen sucht, während cs doch ohne das Außen ein Innen nie gehen kann. Was hilft es, daß, mit Hillcls Worten, die Sonnenstrahlen tlcr geistigen Welt mild und erwärmend sind, wenn dafür das leben nicht mehr ״kratzt und brennt?" Der Mensch ist wirklich gleich dem Bnchstabcu Alcpli, ״der mit der einen Hand zum Himmel zeigt und mit der andern abwärts", aber der tiefste Reiz liegt gerade darin, daß sieh beides in derselben Kreatur vereinigt und daß der Himmel ohne die Hölle seinen Sinn verliert. Meyrink selbst ist aber ein zu echter Künstler, als daß er die Kunstfrenulheit solcher Mystik nicht schmerzlich gefühlt Hätte. ,,Es scheint fast", so erklärt Lapondcr das Symbol des Hermaphroditen, ״als müßten in uns zwei Lehen aufeinnndergepfropft werden, ehe das Wunder der Erweckung geschehen kann". Da Pernath auch nach seinem Einzug in die ״Mauer zur letzten Latcrn" dieses Symbol der Zweiheit beibehält, so will er zweifellos damit amdrücken, daß auch die völlige Erlösung ohne einen Rest sinnliehen Lebens nicht bestehen kann: Er wohnt mit Mirjam immerhin noch, obschon einsam und hoch oben, auf dieser Erde. Und sein Schicksal erhält eine tragische Tiefe, venn er sich kurz vor seiner Erlöstmg noch erschüttert an das Herz aus rotem Stein erinnert, das ihm Angelina in seiner Jugend geschenkt hat: Aus solchen roten Herzen, aus soleben Erschütterungen des Sinncnlcbens und nicht vom Habal Oarinin nimmt der Dichter seine beste Kraft. Sobald Meyrink sich ins Symbolische verliert, wird seine Sprache undicht, sic ergeht sich in schleifenden Umschreibungen, und selbst die glänzende Schilderung des Traumzustandes, aus dessen Aengstcn und Assoziationen die Handlung sich sehr geschickt entwickelt,