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Jüdische Rundschau · 1916-05-12 · Heft 19 (12.5.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 19 (12.5.1916)
Date
1916-05-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite!52 JU EDI SC HE RUNDSCHAU Nr. 1Q i ׳׳! •; i 1 1 | ז Hi 1 < 1' 1!; 1|! 1 | 4'־ | Denn gerade diejenige Sprache, die Herr M. M. gänzlich!»iibeachiet läßt - die Landessprache -״ wird /.wei fellos die Stelle einer Kultursprachc der Osljmlen eiiiiieliinen, und 11el>c11 ihr wird nur noch eine der konkurrierenden Sprachen bestellen können. So ist denn die Sprachenfrage durchaus nicht so gegenstandslos, wie cs Herr M. M. ersonnen hat: - denn der Unterschied /.wischen uns und den Jargonisten besteht eben in der Antwort aut diese Hinge: welche der zwei Sprachen wird und soll diesen Platz neben der Landessprache behaupten? Wir 1 lebrnisleu glauben, dali es die hebräische Sprache sein wird, die diesen Platz behaupten wird, und da wir es glauben, so müssen wir nicht nur auf den Jargon verzichten, sondern ihn auch — weil er für das Hebräische gefährlich ist - bekämpfen, Ls ist für lins selbstverständlich, dali unsere nationale Sprache auch dann bestellen wird, wenn der Jargon schon gänzlich vergessen sein wird. Ik׳r ״Bund“, den die Geschichte zwischen den beiden Sprachen geschlossen haben soll, so (lall sie ohne gegenseitige Unterstützung nicht bestehen könnten, ist eine Erfindung der Ericdensslifter; und diese Erfindung bildet den zweiten Fehler des Herrn M. M. Die ITieileiisstiller berufen sieh gern auf die Tatsache, daß üliernll wo der Jargon vergessen wurde, auch die hebräische Sprache abstarb. Aus dieser Tatsache ziehen sie den eigentümlichen Sehlull, dal! die hebräische Sprache nur durch die Unterstützung des Jargons bestehen kann, als wäre das Verschwinden des Jargon die U r s a c h c des Todes der hebräisehen Sprache. In Wirklichkeit aber sind beide Erschciiiungcn v on einer g c 111 eins a 11! e 11 Urs a che -- nicht aber von einander -- abhängig - von der immer wachsenden Bedeutung der l.nmk'S'piache. Ferner aber vergibt Herr M. M. - wie alle seine Vorgänger ־ dali für die Juden, die den Jargon sprechen, die einzige Kullur.sprachc bis jetzt die hebräische war; Jargon und Landessprache waren stets fast atissehlielllicli die Sprachen der Strallc, des alltäglichen Lehens. Die Sprache der literarischen Schöpfung, des inneren (icuicukIcIcIh'iis iisw. war das 111 bräisehe. Sogar eine ausgesprochene Volksbewegung wie der (Chassidismus fand einen literarischeu Ausdruck im 1 lebräisclien. Unter solchen Bedingungen war freilich ein friedliches Beisammenlchcu der Ireidcn Sprachen denkbar. Aber sind etwa diese Bedingungen auch noch heute vorhanden? Gewiß nicht! Wir sahen, daß, als bei den Wcstjuiicn die Landessprache zur Kultursprachc wurde, das Hebräisehe in die Synagoge verbannt wurde. Und wie steht cs mit den Ostjuden? Hier erhebt sich nicht nur die Landessprache, sondern auch der Jargon zur Stufe einer Kultursprachc unter den Juden, liier haben wir cs also mit zwei Feinden aufztinchmcn; denn sobald der Jargon Anspruch erhebt, Kultursprachc zu sein, überschreitet er seine Grenze, tritt ins Gebict des Hebräischen und muß infolgedessen als Feind betrachtet und behandelt werden. Ist cs dann der hebräischen Sprache nicht einerlei, oh die Juden Jargon oder russisch lesen oder schreiben? Die Schlußfnlgcrung aus der Vergangenheit auf die Zukunft, aus einer Zeit, wo der Jargon nur Sprache der Straße war, auf eine spateic, wo er Kultursprachc wird, ist also nur eine lexikalische, aber keine logische. Daß der Jargon heute ein ebenso grober (wenn nicht gröberer) Feind des Hebräischen wie die Landesspräche ist, wird einem jeden klar, der einigermaßen die Verhältnisse im Osten kennt. Woher schöpft eigentlich Herr M. M. sein Wissen über den Ericden ׳und die Liebe, die zwischen den beiden Literaturen herrschen? Mir ist ein ganz anderer Sachverhalt bekannt. Es gibt zwar ein oder zwei Schriftsteller (von der abstci betiilen Uciieralioii), die in beide»! Literaturen gleich tätig sind. Dies aber ist Ausnahme. (iewölmlich verlieben die hebräischen Schriftsteller, die zum Jargon ühcrlrateii, das Hebräische entweder gänzlich, oder faxt gänzlich. Außerdem gibt es eine stattliche Anzahl Jargonscbriftstellcr, die mit dem Hebräischen nichts zu tun Italien, noch je zu 11111 hatten. Die ״Einheit“ die Herr M. M. verkündet, besteht darin, daß manche hebräischen Schriftsteller mehr oder weniger auch Jargon schreiben, aber nicht umgekehrt. Nicht nur in der Literatur wird übrigens der Kampf zwischen dem Jargon und dem I lebräisclien geführt, sondern auch sollst im Leben. Und anders wäre es auch unmöglich, 1111 Kample mit der l.nndesspräche können beide Sprachen nicht besiehe» lind so muH denn die eine mir durch das Niederungen der andern den Sieg davoutrageit. Keinen gefiihrlieberen Standpunkt gibt es für uns, als der Standpunkt ■derjenigen, die einen vermeintlichen Frieden predigen jetzt, wo unsere nationale Sprache so hart uni ihr Dasein kämpfen muß. In der JargonlKwcgung steckt eine ungeheuere Gefahr für unsere Nation. Aber gefährlich ist nicht der kämpfende Jargonismus, solidem derjenige, der Frieden und Versöhnung predigt. Unsere Versahmmgs- und Friedensapostel mögen es sich sagen lassen - sie beschwören eine Verwüstung des jüdischeu Geistes herauf J, Kaufmann. ״Daß es auch im Osten eine Landessprache giht“, die immer mehr unter den jüdischen Massen an Boden zu gewinnen droht, habe ich nicht ״vergessen“, sondern gerade diese Tatsache war cs, die mich zu meinen Ausführungen veranlaßt hat. Die höchst zutreffende Beobachtung des Verfassers, daß, ״als bei den Westjuden die Landessprache zur Kulturspräche wurde, das I Icbräischc in die Synagogen verbannt wurde“ (obwohl übrigens auch damals eine bedeutende ״Judcntumslilcratur“ in deutscher Sprnclic entstanden war), verpflichtet uns, da wir dieses Rcsultat zusammen mit dem Verfasser für nicht wünschcnswert halten, dieser trüben Perspektive gegenüber uns nicht passiv zu verhalten und das Jidische gar als Feind zu betrachten, solidem im Verein mit der jüdischen Umgangssprache diese unerwünschte Entwiekhing liiul.inzuliaiten, die das Fortbestehen des » I l f jüdischen Volkstums in all seinen Kulturwcrten ״e. gefährdet. Diese Bejahung der )idischeti Äpr,Hh1" schließt selbstverständlich nicht einen inneren, frndit. baren Wettstreit der beiden Sprachen auf de״’, |yH|t,^ der eine 11 Kultur aus, den aber meine Ausführungen die sich mit der jetzt allein akuten politischen Sprai ebenfrage beschäftigen, nicht berührten. M. ,\ן ״T reu e“* Mit firnem Geschmack mul zugleich mit tu lerer Bedeutung hat Leo llcrrmaim der S.iimnelschrift die er zu Peßaclt 5(170 hat erscheinen lasxcn, du» Titel ״T r c u c“ gegeben. Sie war als Angebinde zum Friihliiigsfc-t ״cdacht für die f reunde im I eitle und so cm Zeichen des treuen Vcrhimtleiiseitis der Zurückgebliebenen mit den Genossen au der Kriegsfront. Zugleich aber auch beiden, denen daheim und denen diaußen, ein Symbol jener höheren Treue, die itlrcr Räume und Zeiten hinweg die Geschlechter des alten Stammes verbindet. ״. . . Aber die Erlösung geschah, wie ilct Mulrasch erzählt, um dieser drei Ursachen willen: weil sic ihrer Tracht nicht entsagt, ihre Namen nicht geändert, ihre Sprache nicht vergessen hatten. Um ihrer Treue willen . . Diese schöne Erläuterung, die Leo Herrin,um in dem unaiisschöpfbarcii Schatz der Vorväter gefunden, hat er mit Recht in ihrer schlichten, starken Sinnenfälligkcit für so unübertrefflich gehalten, daß er sic an (len Eingang seiner Worte der Widmung setzte, mit (lenen er feinsinnig und sehr form-rlnm dieses Buch cinlcitct. Eine ״Liebesgabe“ nicht alltäglicher Art, (iahen der Liebe aus dem jungen Garten des livbr.u-1 lu׳n uml jiilisclieti Schrifttums. Durch diesen Garten, in diesem Garten neiden die Freunde geführt an der Hand kundiger Leiter. Mit dankenswerter Aufmerksamkeit läßt der Herausgeber über die Dichter, zu denen die Leser geleitet werden, einiges niissngcn, um sic dann seihst sprechen zu lassen. Diese Sammclschrift ist kein Sammelbiich, das auf Geschlossenheit und letzte kritisehe oder künstlerische Prägung aus ist: sie ist eine Oelcgcnheitsgubc und darf darum hean-priichen, von diesem Standpunkt aus beurteilt zu werden. End so angesehen, überragt sic 11111 ein Beträchtliches den üblichen Charakter des Zufälligen uml Leieht-Dilcl* tantischcii, der solchen Publikationen meist anhaitet. Sie gibt vielleicht nicht mehr und will wohl auch nicht mehr geben als einige erste Eindrücke, einige * ״Treue‘', eine jüdische Sammclschrift, her• ausgegeben von Leo Herrin an 11, Jüdischer Verlag, Preis des Exemplars in l’appinml mit Schutzkarfon M. 2,50. bringt hohe Vorbilder der Vollendung wie üiilel und Mirjam hervor, die das Wunder nicht erst zu erleben brauchen, weil sic cs seit ihrer Gehurt bcsitzen. Im Ghetto symbolisieren sich beide Welten, beide klarer und eindringlicher als im Kulturleben anderer Völker. Hier zeigt sich dem geistigen Sucher auch der Weg, den er zu gehen hat, und Pcrnathj Aufstieg wäre vielleicht unmöglich, wenn er nicht im Golem den Ausdruck seiner eigenen Sehnsucht und in Hillcl und Mirjam seine Führer fände. Meyrink hat auch ln seinen früheren Schritten den ״Drang zum Wunderbaren“ erkennen lassen, der das Gesicht dieses Romans bestimmt, Aber die Monstra seines Raritätcnkabinets und seine indischen Fakire wurden von einem hinreißenden Hmno:;:ctragen, ein Dichter nahm sie ztun Charakteristik den Sinnbild, utn die geheimnisvolle Wirrnis alles Lei ins zu gestalten. 1111 Golem will er umgekehrt verstanden sein. Hier ist das Ursprüngliche eine philosophische Tendenz, hier macht er Ernst und sucht eine Lehre in Kunst umzusetzen. Erst die Befreiung von aller menschlichen Bewegtheit durch das Wunder der Lrwcckung öffnet die Tür zur geistigen Welt: heißt das Thema, und jede (ietsalt der Haiulltmir, ihr unscheinbarstes Requisit, ein Stein, ein Stuck, eine Feile werden in diese Tendenz cingcspannt m׳d müssen einen Beleg hergeben, ganz abgesehen von den eigentlichen Symbolen, den roten Körnern, dein Hermaphroditen und ähnlichem, die der Erzählung in verschwenderischer Fülle angehängt sind. Dabei stellt sich heraus, daß Meyrink mit fast inatltcmatischcr Genauigkeit zu Werke ging, Die mcnschliehe Seele kennt zwischen dem niedersten animalisehen Leben und dem Reich des Qeistcs noch »hlreiche Zwischenstufen: Also müssen die handelnden Personen diese Schattierungen bis ins kleinste symboli* sieren. Zu unterst, ganz der Lust verfallen, herrscht die Atmosphäre des Loisitschck und die rote Rosina. Vor ihr haben die Verbrecher Loisa und Jartwntr 1 immerhin schon die Liebe zu dieser Rosina als Der Golem*) Von S i c g־f r i c d Wcitzmann, Gustav Meyrink hat das Verständnis seines synibolischen Romans ״Der Golem", in dem weder Mensch noch Gegenstand ohne mystische Beziehungen gelassen wird, einigermaßen dadurch erleichtert, daß er die ihm wesentlichen Stellen gesperrt drucken ließ. Die Handlung erklärt sich also wohl auch nach seinem Empfinden nicht aus sich selbst, sie bedarf solcher Krücken, um verstanden zu werden, und der Leser muß ihren Sinn erst enträtseln, ehe er ilas Ganze auf sieh wirken lassen kann. Es zeigt sich, daß die groteske Mischung von leibhaftigem Ghetto und philosophischer Allegorie, die einander fast auf jeder Seite des Romans hart ztisctzcn, keiner absichtslosen künstlerischen Eiligebting entspringt. Sic will vielmehr das Hauptproblem zuin sinnfälligen Ausdruck bringen: Das Problem der Erlösung durch den Geist. Der Gemmenschneider Pernath führt tun seine innere Befreiung ans dem Ghetto, dem Symbol des Ungeistigen, der Tiefe und Triebhaftigkeit, einen erbitterten Kampf. Al>cr sein Kampf endet nicht wie bei Faust oder Wilhelm Meister, liier herrscht nicht die milde Sonne Prospeio , sondern eine dünnere gespenstische Atmosphäre:׳ Der Sieg gehört dem Mystiker, für den der Oeist erst lieginnt, wenn ihm alles Menschliche fremd geworden ist. Gerade das, was wir im allgemeinen das Leben nennen, die Instinkte, die Lust des Fleisches, die dunkle Gewalt von Liebe und Haß, die sich i!n Ghetto so überzeugend gebärden, erscheinen als das eigentlich Unlcbcndigc. Die Juden dieses Ghettos führen wie der Oolcin ihrer Sage dank der ״geheimen Silbe ihres Meisters“ ein automatisches Da- *) Der Golem. Ein Roman von Gustav Mcyr i n k, Leipzig. Verlag Kurt Wolff, Preis kartonniert M. 4,—, gebunden M. 4,50. sein, wahllos zusam inengefügte Schemen, denen ein fremder Wille nur zuweilen ein dumpfes BcwiißtwiTden ihres Innern gönnt. Und nur eine ״Seelenschwängcning", wie sic Pernath beim Lesen des Buches Ibbur erfährt, kann das ״Wunder der Erweckung“ vollbringen und die eigentliche, die innere Welt des reinen Geistes erschließen. Denn gefordert wird nicht nur die Ucberwindung irgend welcher zerstörenden Leidenschaften, sondern aller menschlichen Bewegtheiten schlechthin: Erst nachdem Pernath die Feile weggewortcu, die den Trödler Wasscrtnun durchbohren sollte, nachdem er der Liehe zu Angelina mul dem Umgang mit seinen Freunden, kurz allen menschlichen Ikziehungeii überhaupt ent* sagt hat. gelangt er zu jenem ״innern Geistesleben, hoch über der Erde, von dein aus eine Verständigung mit den Menschen unmöglich ist“. Erst wenn der ״Strick zerreißt, mit dem wir durch die äußeren Sinne und den Schornstein des Verstandes an die Welt gebunden sind“, kann er in die ״Mauer zur letzten Latcrn", die Mystik, ״die gleichbedeutend ist mit Wunschlosigkcit“, ciiigehen. Es muß gerade den jüdischen Leser reizen, in dies Holic Lied der Mystik einzudringen, weil das Judentum nicht etwa nur den äußeren Rahmen dafür hergibt, sondern mit der Idee der Erweckung in innerster Beziehung stellt. Noch mehr: der künstleriselie Wurf des Romans, die Vision, der er seine Entstehung verdankt, liegt in der originellen Deutung des Ghettos und der Golemsage. Das Ohetto näntlieh ist mehr als das Symbol des ungeistigen Lebens, aus seinen Trümmern dringt ergreifender noch und nicht zu überhören der Schrei aller Kreatur nach ihrer Erlösiuig. Wer einmal wie der Golem der Berührung mit dem Geist gewürdigt wurde, den läßt die Sehnsucht nicht mehr los, sich dieses Geistes bewußt zu werden, er kämpft um seine Selbstwerdung und ״dürstet nach Form und Gestaltung“, Ja das Ohetto tut mehr, cs schafft sich in besonders gescg* neten Augenblicken schon selbst die Erfüllung und 1

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