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Jüdische Rundschau · 1916-05-12 · Heft 19 (12.5.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 19 (12.5.1916)
Date
1916-05-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Westjüdischer Nationalismus ,,i im•1 Zeitl.Tiig meinten wir, Judentum, das sei (Mjiulenttnn; ostjüdisdic Schriftsteller wnrden übersetzt, ,jungjiidisclie Abende1 veranstaltet, eine m lir nützliche Arbeit, aber absolut tmvermögend, den Westjndcn ,mein׳ Judentum' zu geben.!.eben kann nur von innen heraus komtmu, nielit von außen gemacht und zugeiülirt werden . . . Allerdings leitete uns ein richtiger liislinki zum Ostjudentiun. Wir empfanden tlas tie! Nationale der ostjiülisclien Uteratur gerade (1,11111, 11,11) sie profan war. Baum und Strauch, Lull, Wind, Pferd, Hund - alles war d.nt jii- (lisch . . . Dies war es, w as wir suchten: ge- Ichk" Judentum. Aber wir muhten doch erkennen, dalf d is osfjtidisclie Leben nicht unser Leben ist.“ Diese Worte Hugo Bergmanns*) spreche« in aller Klarheit eine Erkenntnis aus, die schon lange in den Herzen gerade der westindischen ZionMen zu reifen begann, die bisher glaubten, daß eine innige Teilnahme an der Kultur und ein tiefgehendes Interesse fi'ir das Lehen der Osljmlen genüge, um dem eigenen Dasein Festigkeit und I lalt zu geben. Schon in den eisten Jahren der Bewegung hälfe der westjüdischc Zionist die juugjüdisehe Literal 111׳ der Ostjuden eifrig übersetzt in dem richtigen (icfiihl, dal) dort die Quellen auch seiner Wiedergeburt auffindbar seien und daß durch die Kenntnis des jüdischen Lebens in Warseit; 111 und Berditschew auch sein Lehen Iremrlierl werden könne. Almanaehe, Smninclhiichei und die literarisch-belletristischen Beiträge der /> ilsehriften und Zeitungen waren fast aussclilidllich gefüllt von den Erzeugnissen ostjüdischer Kräfte. Die produktiv-kulturelle Seite der nniioualcn Erneuerung wurde im Westen List ganz dem Osten überlassen und cs galt als selbstverständlich, daß nur dort, trotz des Gohis, ein national einigermaßen befriedigendes Leben möglich sei, so daß dem Westen nichts anderes ni tim übrig bleibe, als diesem ׳ost jüdisch eil Leben und Weben zu lauschen und sich die von ihm gesell;11 frncii Werte und Werke rezipierend au- ,"cigi!!. Man gewöhnte sicli an den bescltcideneu (1,!.mken, daß es in Westeuropa kulturell nichts i igenes, Sclbstgeschaücncs geben könne. IKc n!1111 liehe hohe Produktivität der Ostjuden, 1La gegenüber alles im Westen Cieschalfeite וווו• scheinbar und dürr war, befestigte immer mehr (Lc Meinung, daß man nur im Osten jüdisch leben könne. Picscr Verzicht auf ein jüdisch-nationales LigcnlvlHn in Westeuropa und diese fast bc- ^’,1gmig'lose Kapitulation des Westjuden vor der Kultur;•eiiics nichtjüdisehen Milieus war aber in Keiner Weise gerechtfertigt. Allmählich fühlte 1liu"> daß der Eifer für das ostjüdische Kultur* K’hcn nicht einer eigenen Bescheidenheit ent* sPn״gen dürfe. Nicht um das Fehlen einer jii- (l,sdlen Kultur im Westen zu ״ersetze״“, mußte Slcl1 unser Blick nach Osten wenildn, sondern 11111 hier, im Westen, uns ein nationales Leben zu schaffen, das sieh in seinen Grundlagen und seiner inneren Struktur in nichts von dem der '׳stjiiilc״ unterscheide.. Das ist unser Ziel: daß!, ’) ״!Ar jüdische Nationalismus nach dem Krieg“ ״'cr Jude“, |, Jahrgang, Heft 1, April IÜI6. ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schäftung einer äffentlieh •rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina." Baseler Programm. die nationale jüdische Kultur der Ostjuden von uns nicht nur als jüdisch anerkannt und von der Ferne verehrt, sondern zu unserer eigenen gemacht werde. Erst wenn wir Mendclc und Percz, Bialik und 1 schcrnichowski nicht mehr als ״ostjüdisch“ empfinden, sondern als notwendigen und selbstverständlichen .Inhalt unseres Kulturbcwußtseins, wird der westjüdische Nationalismus jene Stufe erreicht haben, die den Fortbestand des Westjmlentuins auch im erdrückenden Milieu einer starken Außenkultur garantiert. Ja, je größer die uiederringenden Mächte dieser Außenkalt 11 r sind, einen desto bedeutenderen Aufwand an Willen und Selbstzucht wird es kosten müssen, um dieses Ziel der zionistischen Oegcnwartsarbcit im Westen zu erreichen. Bis heute hat das jüdische Leben nicht in die Poren unseres eigenen werktägigen Daseins ein- /.«dringen vermocht, weil wir uns nur in unseren Mußestunden eine jüdische Atmosphäre und Stirnmnng hcrvorgczaiibert hatten, während der Alltag, der in Wirklichkeit dem Dasein den entscheidenden Charakter gibt, ohne jüdisches Eigenleben blieb. Der zionistische Kaufmann, Arzt und Rechtsanwalt des Westens muß nach dem Vorbild der jüdischen Gasse im Osten jüdisch zu leben beginnen. Er muß sich die jüdischen Genieindestuheii jtidaisicrcn, sich jüdische Volksschulen gründen, seinen Kindern eine hebräische Erziehung geben, durch sein ausgesprochenes Interesse für jüdische Bücher und Dramen eine jüdische Literatur und ein jüdisches Theater schaffen helfen, er muß eine konsequente jüdischnationale Politik treiben, gleichgültig, ob seine politischen Bemühungen großen oder kleinen Erfolg haben werden. Er muß sein Leben so gestalteil, daß ilun, gleich dem Ostjuden, ״Baum und Strauch, Luft, Wind, Pferd, Hund“ wieder jii• (lisch werden. Dann wird ihm auch die Kultur der Juden in Warschau und New York nicht mehr ״ostjüdisch“ erscheinen, sondern schlechtweg jüdisch. Dann wird auch sein eigener üestaltungswille, unendlich gesteigert, sich endlich zu wahrhaft nationalen Leistungen aufrichten. Nur dies ist der Weg, den die zionistische Oegcnwartsarbcit in Westeuropa gehen kann, Nicht der Weg des passiven Beschauens und Bewunderns, sondern des aktiven Erlebens. Diese Emanzipation des westjüdischen Nationalismus I bedeutet keine Absage an die ostjüdische Kultur, sondern ist im Gegenteil die innerste Konsequenz ihrer richtigen Erfassung. Sie ist die Folge des Prinzips, das auch dem nationalen Willen des Ostens zugrunde liegt: diejenigen Werte der jüdischen Vergangenheit in sich lebendig zu erhalten oder von neuem lebendig zu machen, die unsere Gegenwart befähigen, sich für eine glückliebere Zukunft zu bewahren. Dieses nationale Prinzip birgt für alle Länder der Erde gleichartige Aufgaben in sich und jeder Zionist muß es als seine erste und heiligste Pfliciit erkennen, es an seinem Orte nach" besten Kräften zu erfüllen, M. M. Unsere ״Friedensstifter“ Wir haben in Nr. 15/16 einen Aufsatz ״Zweisprachige Einhcitskriltur“ von M. M. gebracht. Dieser Aufsatz hat uns zahlreiche Zuschriften uuil Erwiderungen gebracht, von denen wir die in der Betonung des hcbraistischcn Standpunktes weitgehendste Ausführung veröffentlichen. Wir lassen ihr eine kurze Nachbemerkung von M. M. folgen. Unter den verschiedenen Stimmen, die in der letzten Zeit in der Sprachenfrage laut werden, sind die unerfreulichsten die der ״Friedensstifter“. Man hört und staunt: können denn Leute tatsächlich so verblendet sein, um nach alledem, was in den letzten Jahren geschah, noch von einem ״Frieden“ zu sprechen? In der ״Jüdischen Rundschau" Nr. 15,16 ist ein für diese Friedens! ichtuug sehr charakteristischer Ar• tikcl erschienen. Der Artikel beweist deutlich, daß die Friedensbewegung auf einer oberflächlichen Kenntnis der Sachlage beruht. Diese Oberflächlichkeit drückt sich z. B. schon darin aus, daß Herr M. M. behauptet, die Spraclienlragc sei eine gegenstandslose und beruhe auf einem Mißverständnis — währcrnl ja von dieser oder jener Lösung der Frag® die weiteren Geschicke unseres Volkes Abhängen, Trotz der Oberflächlichkeit, des genannten Artikels sei es mir doch erlaubt, ihn kurz zu besprechen, denn leider wird die Frirdensstimmung in unseren Reihen allmählich zu!׳ herrschenden. Der Hauptfehler, den Herr M. M. begeht, ist der, daß er in seiner Begeisterung fiir den Frieden das wichtigste vergaß, nämlich, daß es auch im Osten eine Landessprache gibt. Es ist kein Zufall, daß dieser Fehler allen Anhängern des Friedens gemcinschaftlich ist. Denn sonst hätten sic doch die Unmöglichkeit dessen, was sie erstreben, verstanden, Herr M. M. übersieht, daß außer dem Hebräischen und dem Jargon noch eine Sprache, in Rußland z, B. die russische herrscht, die tagtäglich an Verbreitung unter den jüdischen Massen zunimmt. Schon jetzt übertrifft in Ruffland die Zahl russisehlcsendcr Juden die tler jargon- ׳und hehräischlesendcn. Außer der von fast der ganzen jüdischen Intelligenz gelesenen allgemein-russischen Literatur, gibt es noch in Rußland eine spezielle russisch-jüdische Literatur, die von Juden f ii r Juden geschaffen wird Daß diese Literatur ein wichtiger Faktor im Lehen des russischen Judentums ist, wird wohl niemand leugnen. Die russischjüdische Literatur hat eine Reihe von bedeutenden Schriftstellern aufzuweisen. Der bedeutendste Historiker der Ostjuden schreibt russisch; eitler der Ix׳- dcutcmlstcn Sänger der nationalen Renaissance dichtet russisch; in russischer Sprache ist eine jüdische Enzyklupädie erschienen, während weder im Hebräischen noch im Jargon ein solches Unternehmen bis jetzt m״glieh war. Wenn wir also den Weg betreten, den uns Herr M. M. eröffnet, so werden wir gestehen müssen, daß im kulturellen Leben der Ostjuden drei Sprachen gleichberechtigt sind. Und tatsächlich gibt es schon jetzt manche, die sich init einer solchen Sachlage zufrieden stellen. Herr M. M. bleibt (inkonsequent, oder vielmehr zeigt eine ungenügende Kenntnis der Verhältnisse, wenn er von einer zwei- und nicht dreisprachigen ״Einheitskultur“ redet. Vielleicht wird nun Herr M M. auch dem russischen (bezw. polnischen usw.) Bestandteil der ״Einhcitskullur“ als dritten im Bunde freundliche Aulnähme gewähren. Aber diejenigen, die nicht um jeden (,reis Frieden stiften wollen, werden zugeben müssen, daß diese spraclilichkulturclle Dreieinigkeit etwas sonderbar aussieht, ln Wirklichkeit ist die Buntheit der Sprachen bei den Ostjuden eine Erschcinung der Ucbcrgangs/cit. Zweifellos wird es in der Zukunft anders werden, wenn anders das jüdische Volk eine kulturelle Höhe erklimmen will. Die Frage Ist nur: wie sich die Dinge umgestalten werden. Da nun sehen wir, wie weit entfernt tliyr M, M. und seine Genossen von der richtigen Lösung sind.

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