Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1916)
- Date
- 1916-05-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2651974-2651992--10605-2668043- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seile 140 J U E Dl SC HE RUNDSCHAU jüdische Emanzipation in Westeuropa unter dem Zeichen der Assimilation stand. Nicht die innere Natur der Emanzipation verursachte diese Verrtachlässigung nationaljüdischer Forderungen, sondern die völlige Entjmletheit der zu Emanzipicrenden. Daher muH der Kampf für die Emanzipation in Landern, die außerhalb des Wirklingskreises dieser ans Marannentum und Despoiistnus entsprungenen nationalen Verneinung liegen, einen ganz anderen Verlauf nelmicu. Daher muH auch die ostjüdische Emanzipation von dem französischen Muster ebenso verschieden sein, wie dieser blühende Frühling der jüdischen Kultur von der kahlen Wüste der entjudeteii Marannen von Bordeaux entfernt ist.“ Wer für Volkspsychologic Verständnis hat, wird in dem Artikel ״Russische und jiid i s c h e Feld p o s t“ von R. B e r n s t e i 11; der eine vergleichende Gegenüberstellung rassischer und jüdischer Feldpostbriefe enthält, sehr interessante Unterlagen finden. Auch ein Nichtjude, Alfons P a 1! 11 e t, erhält das Wort. Seine ״ü e d a n k e n z 11 m jetzig e n Problem“ unterscheiden sich in ihrer offenen Ablehnung des zweifelhaften Assimilationstypns und in der freimütigen Anerkennung des orthodoxen und des zionistischen Judentums recht wohltuend von der üblichen philo- oder antisemitischen Schablone der Liehe und des Hasses. Aber bei Paipict Tiefe der Auffassung und herzliehe Wärme des (iefiihls zu finden, überrascht nicht. Mancherlei Gutes und Anregendes bringen auch die Bemerkungen, zu denen u. a. Ernst Rappeport, Arnold Zweig, Siegfried B e r 11 f c I d, Herl Locker und Ludwig S t r a u ß beitragen. Auf M. C.’s ״Die Probe“, M. M.’s ״Ostjuden“, auf M. A.’s ״Helden und Drückeberger“ und B.’s ״Argumente“, die auf Fragen des Tages treffsicher reagieren, sei besonders hingewiesen. Und nun, nach diesen kurzen Andeutungen und Anmerkungen zur Fülle des Gebotenen, erübrigt mir nichts als der Glückwunsch für den Herausgeber und seine Mitarbeiter und der andere Wunsch, daß sich bald recht viele um das junge, schöne Werk scharen, Mitarbeiter und Leser, Gebende und Empfangende. Zur jüdischen Politik in Rußland Nach dem traurigen Finale der livterpellntiimsdehattc in der Duma tauchte die Frage über die Stellung der jüdischen Deputierten zu dein ,,Progres. siven Block“ von neuem auf. Eine Moskauer Rcsohition, die u. a. auch von l)r. j, Tsclilenow, N. N a j d i t s c 11 und den Mitgliedern der ersten Duma Bäumen sehr groß uml er selbst sehr durstig war, — dachte er, der König wolle sicher einen frischen Ttunk Wasser! Lief er sofort aus des Königs Oczelt nach frischem Wasser. Nun war alter gerade an dem Ort, wo der König nach den wählen Tieren jagte und sein Zelt stand, kein Wasser, ־ da lief der Fürst ohne zu schlafen, ohne zu essen, ohne zu trinken, drei Tage mul drei Nächte, bis es ilutt endlivh gelang, zu einer Wasserquelle zu kommen. Es stand aber um «lie Quelle cünc bewaffnete Räuberbande. Und die Räuber waren dazu noch große Zauberer; cs schwebten über ihren Köpfen böse (Kister, um ihnen zu helfen; da ließen sie, die Räuber, den Fürsten nicht zur Quelle. IXr Fürst hatte aber viel Treue und Vertrauen zum König; kraft dieser Treue und dieses Vertrauens vertrieb er zuerst die bösen Geister, zog danach gegen die Räuber sein Schwert und fiel mit ghoßem Ungestüm und inbrünstiger Liebe zum König über sic her. Und er kämpfte sehr lange mit den Räubern und wurde schließlieh nach großer Mühe und Marter und Lebensgefahr ihrer Herr und verjagte sie von der Quelle! Er ließ sich nicht Zeit, die Wunden, die ihm die Räuber zugefügt hatten, zu heilen oder auch nur zu verbinden. Auf der Stelle schöpfte er ein Krüglcitt mit frischem Wasser von der Qielle voll, trank aber selbst nicht, obwohl er vor Durst verschmachtet«. Und lief blutig zum König ins Gczclt Und tat mit großer Freude und großer Inbrunst einen Schrei: Hier hast du, großer König, Wasser! Es hatten aber doch die anderen Rcidtsfürsien gehört, wie der König ausdrüeklidi ״Feuer" und nicht Wasser gesagt hatte; da begannen sie zu lachen Und sich tiber den tauben Fürst lustig zu machen. Und einer unter den Fürsten war ein Bösewicht von F r e 11 k e I und J a k u h s o h 11 unterzeichnet wurde, drückt ihr Erstaunen über die Haltung der jüdischen Deputierten bei der Interpellation aus. ״Wir bedauern sehr, daß sie sich von der grenzenlosen Angst vor dem’ Durchfall der Anfrage leiten ließen“. ״Das Volk erwartet von Ihnen nicht mir Schutz vor Unterdrücktmg, sondern mannhaften Kampf“ für sein Recht und seine Ehre. Die Unterzeichneten fordern die Deputierten auf, aus dem ״progressiven Block“, der die Eeheiisinteressen der jüdischen Bürger so leicht .־iiif/ngcbcii bereif ist, unverzüglich aus/utreten. Aclmliehe 'Resolutionen wurden auch in den jüdischen Stmlentenvereinen in Saratow und anderen Universitätsstädten gefaßt. Auch von den extrcmradikalen Kreisen wird die Halbing der jüdischen IXptiticrtcn mißbilligt und das Verlassen des Blockes gefordert. Die 73 I Xlegierten, die sielt in Poltawa zu einer Rayimkoufcretiz der jüdischen Kriegshilfsorganisation versammelt hatten, benutzten die Gelegenheit, um eine Resolution an/iuielnne״, die den Austritt der Deputierte״ aus dem Block fordert. Eine kleine, zu diesem Zweck nbgcliallciie Beratimg der jüdischen Politiker unterzog die Frage der weiteren Haltung der jüdischen Deputierten zimi Block einer allseifigen Behandlung. Fast alle waren der Meinung, daß die Eltre und die Interessen des Volkes den Austritt der jüdischen Deputierten aus dem Block verlangte. Die Meinungen waren aber sehr geteilt über die künftig ciuzttseitlagetidc Politik. Alle drei Deputierten gehören ihrer politischen Anschauung nach der Kaddtenpartci an, die bekanntlieh sieh dem Block angesehlosscit hat. Die jüdischen Kadetten sind deshalb der Meinung, daß ein Austritt aus dem Block mit der Disziplin der Kailettenpartci unvereinbar und das Verlassen der Partei unerwünscht und unvernünftig׳ sei. Die meisten waren der Meimmg, daß die Kadetten das weitere Verbleiben im Block von ihren jüdischen Mitgliedern nicht fordern könnten und ihr gezwungenes Austretcn nicht zur Ausschließung aus der Partei führen brauche. Andererseits wurde der Gedanke tler Bildung einer selbständigen jüdischen nationalen Fraktion auf das wärmste verteidigt. Der erste Todestag von J. L. Perez ln Warschau, der Wohnstadt des dahlngcsehiedenen Dichters hielten am 22, April sämtliche jüdische Kulturorgnnisationen anläßlich seines Todestages Traiierversaiiimlungeii ab. Nachmittag fand Im Theater ״Sport“ eine tausemlköpfigc Massen ver- Sammlung statt, veranstaltet vom ״Arbeiter- Ifei tu“. Der alte Freund des Verstorbenen, der Schriftsteller Jakob Di e 11 eso 11 n, leitete die Ver- Sammlung׳ mit einem Vortrage über seine porsönliehen Erlebnisse lind Erinnerungen ans den letzten Tagen lies Dichters ein. II. D. Nombcrg sprach von dem unvergänglichen Einfluß des Dieltters auf die Geisteswelt des modernen Judentums und N. Prilutzky skizzierte die Richtlinien seines literarischen Schaffens, insbesondere die Eigenart Natur aus; er sagte, daß nach seiner Meinung der Fürst gar des Todes schuldig sei, weil er die Majestät beleidigt habe . . . ' Was aber tat tler König, der ein guter König war? Zunächst riß er dem Fürsten, der den Tauben anklagte und ihn der Majestiitsbeleidigung zielt, die l'pauletten ab. Und er riß ihm die goldene Kette vom Hals uml alle Orden und Medaillen, die er auf der Brust trug und trieb ihn aus Stadt und Land, Und einen Befehl gab er, der König, man soll allsogleich seine besten Doktoren rufen, daß sie des getreuen Dieners Wunden heilten. Und der König stand in höchsteigener Person von seinem Königsthrone auf und ging zu dem getreuen Diener, der ihm zu den Füllen gefallen war, hob ihn auf und gab ihm einen Kuli auf die Stirne. Und zu seinen übrigen Fürsten sagte er so; Damit des Königs getreuer Diener ltinfürder keinen Irrtum mehr begehe und andere Fürsten nicht mehr seiner spotten, liehe ich von heute an seinen Stuhl über die Stühle aller Reichsfürsten, damit er nulter als alle Fürsten heim König sitze und sein Gebot vom Mund ins Ohr höre. Und um wieviel mehr - fügt der heilige Sehclol! hin zu - der König aller Könige, der Heilige, gelobt sei er, der eigentlich kein Feuer und kein Wasser braucht und die sechslumdcrtdreizchn Gebote nicht, Gott bewahre, zu seinem eigenen Nutzen gegeben hat, sondern um cs Israel zu ermöglichen, Lohn zu empfangen und nicht ein unentgeltliches Geschenk; um wieviel mehr also gewährt er Gnade für solche Vergehen .,. Und damit ihr die Wahrheit, die darin liegt, klarer seht, will ich euch einige Oesehichten von stummen Seelen erzählen. Ihr sollt sehen, bis zu welchen Stufen sie gelangen können. Nr.!8 seiner ״Volkstümlichen Geschichten“. /\lr ן״ . Zeit wurde im Verein ״H a s a m i r" eine * *״ Trauervcrs.unmhiiig abgehaltcn, ,•mf ,jt,r Xl<5 Stupn it zky über ״Perez als Mensch und |>jri1״ sprach. Am Abend desselben Tages ver,anstatt .4 der ״Verein der jüdisch c n S c 11 r i f t s t e 11° * und Journalisten“ eine geschlossene feierliche Zusammenkunft für einen intimen Kreis von Freund« und Verehrern des Dichters, Unauslöschliche | ich!! zum frühzeitig entrissenen Meister und tiefe Trau« über die Verwaisung der jüdischen Literatur * |*. herrschte die Reden von ilillel Zeitlin iakok D i e n c s ״ h 11, F. L j a e h o w c r , L. |)\ w j sohlt, N. Prilutzky, H. I). Nomberg un(j anderen. Atn 23. veranstaltete der jüdische Studenten, verein ״Selbsthilfe“ einet! Trauerabcml. Am selben Abend wurden im jüdischen Theater ״Zentral" die Einakter von Perez ״Die Schwester", ״Ein Frühmorgen“ und ״Nach der Beerdigung" bei einem vollgefiilltcn Saal gegeben. In Lodz wurde im großen Theater ein ״Jahrzeit-Abend“ veranstaltet. Es wurden " Er/ähhingen vorgetragen und Auszüge aus Perez drmiatiselten Werken unter der Regie des hehräisehen IHehters Jlzeltak K a t z n e I s o it 11 szenisch dargestellt 111 Wilna fand am ersten Peßaeh-Ilalbfeicriag im Gchiiude des Zirkustheaters eine stark besuchte Trauerversatumltmg statt, auf der «ler hebräische Literarhistoriker Sch. L. Z i t r o n , der Publizist M. Schallt und S. Reisen «Ins Andenken des Verstorbenen in Ansprachen feierten. Die Abteilung der ״B i I d u n g s g c s e 11 s c h a f t“ veranstalt( te am Jahrestag im Krciigclsaal eine öffentliche Tagung, aul der Werke des Dichters im Hebräischen und ludjselten vorgetragen wurden. Die Gesellschaft ״Hilfe durch Arbeit“ richtete in ihren Werkstätten eine Perez-Fcicr ein, wobei das Programm von den Schulen! und Schülerinnen der Werkstätten bestritten wurde. In T s c h c n s t o cli au fand am Nachmittag des Jahrzciüagcs im Gebäude des Apoiltheatcrs eine große Pcrcz-Vcranstaltung statt, die durch hebräische und jidische Vorträge ein großes Publikum anzog Im selben Lokal fand später ein literarisch-künstlerischer Pcnczabcnd statt. Die Kinderheime in Wilna brachten zum Todestag ein Kindcrsammclbuch mit Geschichten, Sagen und Liedern von Perez und Erinnerungen über Perez (von Dienesohn) heraus. Sämtliche judisehe Zeitungen gaben spezielle Pcrczmimmcrn heraus, die Beiträge über Perez. brachten, darunter auch einen noch!!!!gedruckten Aufsatz ״Zum nbojnoj sdiel ojlom“, den der Dichter vor einigen Jahren schrieb, ata er seine bekannten Wochen-Fcujllctoiis unter der l 'ehersehrift; ״Mein Winkele" im ״ll.iiiit“ veröffentlichte. Es werden auch die betrübenden Vorgänge während der großen Beerdigungsprozcssioti im Vorjahre in Erinnming gebracht, auf der die ״Nachbarn" sieh verschiedentlieh bemühten, den Warschauer Juden auch an diesem Tage ihrer Volkstrauer eine Beleidigung zuzufügen und «lie Feier für ihren geliebten I)ah1ngesehiedenen zu entweihen. «1 In L on 11 on veranstaltete das Komitee der Samoschtscher Eingewamlcrtcn, deren I ands» mann der Dichter war, einen Perczaberul, auf dem Nacht! in Sokolow die Festrede über die Persönlichkeit des Dichters und die Itedcututig '•eine* Schaffens hielt. Auch die aus Amerika cingctroffcncn Zeit uigen berichten über die Vorbereitungen von Feiern zum ersten Jahrestag des Dichters. Hermann Licht—Julius Singer Kurz nacheinander entreißt uns der Tod wiederum zwei unserer Treuen; Hermann Licht in Agram und Julius Singer in Iglau sind gestorben. Beide stellten sielt, seit jeher in der hingebungsvollsten Weise um den Zionismus bemüht, gerade während der Kriegszeit mit ihrer ganzen Kraft der Organisation zur Verfügung, um dort den Platz cinztiitehmcn, den ihre Gesinnungsgenossen, die ins Feld gezogen sind, leer gelassen haben. Hermann Licht; wir haben in der ״Jü* dischcn Rundschau“ des öfteren seine kurzen Berichte aus der zionistischen Organisation der südslawischen Länder gebracht. Einer nach dem andern der zionistischen Arbeiter jenes Verbands war ins Heer cingetreten, nachdem schon die ersten Kriegstnge gerade dort an der Grenze alle irgendwie Militärfähigen eingefordert hatten. Hermann Licht übernahm alle Arbeit, die getan werden mußte und für die kein Arbeiter vorhanden war. Er w׳ar es, der den Kontakt mit