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Jüdische Rundschau · 1916-05-05 · Heft 18 (5.5.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 18 (5.5.1916)
Date
1916-05-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. ,111 den Bitternissen, Irrungen uiui Verpflicht״!!- ge״ dieses Bewußtseins liiiinimmt und dieses Sein dem gewaltige״ Lehen der Welt in irgend einer Weise zur Verfügung stellt“. Glenn verlielilt sich allerdings nicht: ״Das Schwere solcher Dorpelstelhiiig ist in gewissem Sinne iiiuibcrwiudbar auch für die echten Juden, soweit sie jm allgemeinen Kulturleben stehen; mir wird sic daun als Schicksal gläubig hingcnomineu . . . In den Momenten des Alleinseins mit ihrer Seele bleiben sic so Lins, nicht zerrissener Zwiespalt“. Das ist, so will es scheinen, mehr Tröstung als Lösung. Losung höchstens fiir eine sehr fein gestimmte und, wenn man so sagen dürfte, sehr weise Psyche, sicherlich aber keine wirklich lösemlc und erlösende Antwort für eine Gruppe vieler J in/elner mit vielfach abgestufter seelischer fmpfimllichkcit und Tragfähigkeit. Hier bei den vielen bin/einen, bei der Gruppe, beim Volksteil laugt das Problem an. 1111 g u B e r g 111 a n n versucht es, in seiner Abhandlung ״Der jüdische Nalionalisin 11s nach dem Krieg“, dem Problem der Gestaltung einer jüdischen Wirklichkeit im (ialutli 1!״lter/ulv0111111e1t. Er tut das in seiner uubesteehlidi-eliilicheu mul gründlichen Art, indem er zunaclM den Wust des ״formalen“ Nationalismus liimu!:räumt. Hier findet er treffsichere Worte gegen alles, was durch Anhäufung einer Vielheil, durch die Plakatierung von äußerlichen Zeichen und Etiketten eine wirkliche Gemein־ schaft, innere Bedeutung, organisches jüdisches leben untäuschen will. Fiiiselinngeii von der Art, wie etwa, dal! eine nicht-hebräische Turner- Schaft mit hebräischem Kommandowort geleitet wird, sind ihm mit Recht ein Greuel. Wie aber kann man zu einer erlebten jüdischen Wirklichkeit gelangen? ״Zweierlei muH uns immer leiten. Eistens: das Judentum ist nichts als das Ganze, das Integral von all dem, was jüdische Menschen tun; darum darf unserem jüdischen,Streben nichts Menschliches fremd sein. Alles Menschliche muH hei uns heimisch werden, alles Jüdische durchpuls! sein vom lebendigen Blute gelebten Menschiutiims. Zweitens; das umfassende Judentum in* *.!(’» zionistisch sein, d. 11. ciiigcordnct in den Willen zur Gemeinschaft“. Hier sind schöne Impcraiiw eines ctiiisch-gcläiitcrtcii jüdischen Nation,•ilisimis aufgestellt.׳ Wer aber will verkennen, daß diese Imperalivc in sich eine Fülle schwieligster!Tagen der Lebensgcstaltuiig hergen? liier Forderungen atifstcllen, heißt zugleich den IciHiiden und Führenden aiiftragen, daß sie den zu Führenden die Wege zur Erfüllung• dieser Forderungen weisen und erleichtern. Keine Lösung des eigentlichen Problems bringt auch der Artikel ״Jiddisch“ von Moses Cal Vary. Aber er bringt dennoch viel, indem älle Länder hatte. Einmal kam zum König, mit einem Papier in der llaiul, der erste Minister und reichte, steil verbeugend, dem König das Papier, auf tlaii der König es eigenhändig unterzeichne oder sein köuig- Wies Siegel darauflege. Der König nimmt das Papier s'1s der I land, legt es vor sicli auf den Tisch, setzt ncli auf den Königsthron, nimmt die Feder in die Hand und will das Papier unterschreiben. Denn der König hat, wie cs in der Welt üblich ist, Ver- 'lauen zu den Fürsten seines Königreichs, besonders n«n eisten Minister, und weiß, daß man ihm nichts LnrcchU's zur Unterschrift vorlcgcn wird. Der König hatte aber einen scharfen Blick und *ährend er schon de» ersten Zug zu seiner könig- Wien Unterschrift machen will, sicht er plötzlich, ״aß in dem Schreiben stellt: ״Zum Tod verurteilt“ " «Landesverräter“; da legt er sofort die Feder aus der Hand und fragt: Wen mul warum hat mein hoher Gerichts• hol so schwer verurteilt? na sagte ihm der erste Minister: ך־■ Mein Herr König, cs ist ein Landesverräter, tr sieh nicht vor den Fürsten deines Reiches verhat. Und er ging an solchen Orten spazieren, Je man nicht betreten darf, auf den Wällen deiner cstuiig. 1Jntj vor gcm Zeughaus, wo das Pulver ״"״ Schießen liegt, hat er sich mit Feuer herum- Wntbcn, obwohl schwarz auf weiß über dem Tor **schrieben steht, man solle sich vor Feuer hüten 65 ל ist ein Zeichen, daß er keine Ehrfurcht vor König hat, weil er die Fürsten des Landes ״״t achtet; und er. wollte die Schwäche deiner ,1'glichen Festung erspähen und sic deinem Feinde KänfC״i- 1״u* cr hatte noch dazu die Absicht, des — 1 imu CI liauc IHJtll uatu UIV "gs Schatze mit Pulver anzuzünden J, er gegenüber dem vielfachen Geschwätze, das sich auf diesem Gebiet breit macht, mit einer erfrischenden Klarheit, gestützt durch sehr intercssante philologische Paralellen, den sprachlichen ( haraktcr des ״Jiddische n“ feststellt: Nicht Mundart, sondern Sprache. (Eine Anmerkung: I>as Lied ״Mir heilen die hlcnd“ kann wohl kaum als Volkslied im eigentlichen Sinuc des Wortes;!!!gesprochen werden, wie es der Verfasser tut — tlanuii bleibt seine Schlußfolgerung, daß wir cs bei ׳״׳1׳u'111 Lied mit keiner eigenen Kuustform zu •111> 1 ׳' enuocli richtig.) Calvnry macht Halt mit d״ .tstcllung, daß das Jiddische keinen wissensc' itliclicn Stil hat. Diese Feststellung ist natürlich von außerordentlicher Bedeutung; denn damit stellt und fällt die Frage, oh das jiddische der Träger einer das gesamte geistige Leben des Volkes des Ostens umfassenden Kultur sein kann. Jede Weiterbildung des Jiddischen zu einer wissenschaftlichen Sprache müßte cs in eine schwere Abhängigkeit vom Hochdeutscheu oder, was weniger unznnchmcn ist, von den slawischen Sprachen bringen. Dies festzustellcn bedeutet zugleich — Calvary selbst sucht ausdriicklich keine Entscheidung —- das Problem des Jiddischen an sich und in seinem Verhältnis zum Hebräischen anfzeigen. 111 einem scharfen, aber durchaus würdigen und sachlichen Artikel ״Grenzsperre“ rechnet F. M. Kaufmann mit den dilettantischen und zum Teil töricht-böswilligen Aeußerungen zur Frage der deutschen Grenzsperre gegen eine künftige Einwanderung von Teilen der östlichen Jmlcnschaft ah. Der Verfasser hat zweifellos recht, wenn cr von der sieh vollziehenden Um• Schichtung in den Berufen und von der Konzentiation in den Städten des jüdischen Ostens als von Tatsachen spricht, die hei der Beurteilung vier!׳rage nachdem künftigen Emigrationsdraiige mit in Rechnung gesetzt werden müssen. Ebenso ist ihm heiztipflichteii, wenn er die imvergleich* lieh höhere Anziehungskraft von Amerika gegenüber Deutschland als Einwanderungsland hervorlieht. IT ist in Wirklichkeit -- seihst wenn die äußeren Bedingungen gegeben würden — nicht aiizunehmen, daß größere Massen nach Deutschlaml fluten werden. Allerdings würde fiir wirtschaftlicli stärkere und ״europäischere“ Juden des Ostens mancherlei Anreiz zu einer Aus- Wanderung nach Deutschland vorlicgcu und damit, je nachdem, ob mail für diese Kategorie Privilegien schafft oder sic in gleicher Weise behandelt wie ihre anderen Stammcsgeiiosseii, würde das Problem der Orcnzspcrrc von neuem akut werden, wie es ja auch als Moralisches weiterbesteht, auch wenn man den Drang zur Auswanderung nach Deutschland als nicht bcträclitlich annimmt. — Und dies alles — fügte der Minister hinzu — tat er am hellen Tag, vor aller Augen, gleich als oh die Welt herrenlos wäre und es keinen König und kein Königreich gäbe. Und vielleicht gar noch — zum Trotz. Denkt der König: wer weiß, ob cs nicht ein Verrückter ist. Und cr fragt: — Und was hat der Sünder vor dem Gerichtshof gesprochen? Hat cr zur Sache geredet? Da antwortet ihm der Minister, daß das niemand wissen könne; denn der Sünder sei aus einem fernen Lande und der Gerichtshof habe seine Sprache nicht verstanden, wie auch cr nicht die Sprache des Gerichtshofcs. Da sagt der König zum ersten Minister: - Der Mensch, den ihr zum Tod verurteilt'habt, ist nicht schuldig . . . Warum sollte er mir etwas zum Trotz 11m? ... Es ist wahrscheinlich ein Fremder, der unsere Uniformen nie gesehen hat und nicht weiß, wie die Fürsten unseres Reiches aussehen und sie nicht erkennt. — Und er kennt nicht den Plan, nach dem unsere Stadt gebaut ist, wo unsere Festung und Wo die Wälle sind! cr wollte über sich naclideiikeu und allein sein: da ist cr hingegangen, wo man nicht darf, wie einer, der außerhalb der Stadt spazieren geht . . . — Und er kann die schwarzen Buchstaben aul dem weißen Schild des Zeughauses nicht lesen und hütet sicli deshalb nicht vor Feuer! . . . Da errötet der erste Minister und schlägt die Augen nieder; und der König nimmt und zerreißt das Papier und gibt einen Befehl: — Eile, erster Minister, geschwind ins Oefängnls und nimm dem Arrestanten die Ketten ab, heiß Nicht ohne starke innere Anteilnahme, ich möchte beinahe sagen, nicht ohne eine gewisse Rührung wird man des Dichters Max Brod ״Erfahrungen im jüdischen Sc 11 ulwerk" lesen. Max Brod ׳unterrichtet als Einer von Vielen unter der, wie er sagt, genialen Leitung von Professor Engel aus Galizien nach Prag geflüchtete jüdische Mädchen. ״Ich danke meinen Schülerinnen", in diesen Worten faßt der Dichter zusammen, was ihm dureli diesen Unterricht an jüdischer Erhebung und Bereicherung seiner Kenntnis vom Ostjudentum zuteil geworden ist. Darum plädiert cr für die moderne nationaljiidische Schule sowohl in den neuals auch in den zuruckcroherteii Ländern: ״Die jütlische Scltulc wird auf lauge Zeit hinaus die Zukunft ordnen oder verwirren . . . Gebt den Juden ihre jüdische Schule und ihr werdet euch staunend darüber freuen, was für starke, edle Kolüisionskräfte unser noch gesunder, nach Gesundlicit sehnsüchtiger Volkskörper entwickeln wird. Wir werden euch nicht überschwemmen, auch nicht belästigen. Nur soll man uns in der Schule nicht zur Assimilation erziehen! Man soll uns nicht fälschen mul sich liiutemiacli wundern, daß nichts Echtes aus uns geworden ist!" Aus der Feder des palästinensischen Arbeiterpioniers A. D. Gordon stammt ein Aufsatz ״Arbeit“, mit «lessen Wiedergabe in einer übrigens vorzüglichen. Uebcrsetzimg aus dem I Iehriiisclieii der Herausgeber eine Reihe von Dokumenten der Rcgeneratioiisbestrebungcn int modernen Judentum cinleitet. Ein schönerer Anfang konnte nicht leicht gewählt werden, als dieses prachtvolle Bekenntnis zur Arbeit um der Arbeit, um des Lehens, um des Volkes willen. Ein Hohelied der Arbeit. ,,Darum muß man es ganz einfach sagen: Alles, was wir in Palästina wünschen, bestellt darin, daß wir mit unseren eigenen Händen tun, was das Lehen ausmacht; <1:111 wir eigenhändig alle Arbeiten, Werke Taten vollbringen, niigcfangen von den lehrtesten, feinsten uml leichtesten bis zu gröbsten, verächtlichsten und schwersten; wir alles fühlen, denken und erleben, was diese Arbeiten verrichtende Arbeiter fühlt, denkt lind erlebt; dann werden wir eine Kuliur haben,!«,ין" dann werden wir Lehen haben.“ Das schreibt ein Arbeiter des neuen jüdischen Palästina. Man möchte am liebsten diesen ganzen schlichten, gerechten, einsichtsvollen und dabei formschönen Aufsatz hierher setzen, der wirklich ein Dokument, ein kostbares /eichen der lebendigen Bereitschaft unserer Pioniere ist. E'pi wertvoller geschichtlicher Beitrag R. Salin a n s ״E ״> a n z i p a t i o n u 11 d E n t j u d u n g“ sei nur unter Hinweis auf die Emlthcsc registriert, die lautet: ״So geschah cs, daß die ihn rasieren uml baden und mit feinstem Baumöl citisalben und die teuersten Gewänder autun und bezahl ilmi aus dem königlichen Seiiatz Vergiiliing für, Schmerz und Heilung, Haft und Schande und laß ihn frei . . . und wenn er im Lande bleiben will, so schicke ihn zu mir, daß ich ihn in unserer Sprache uml in den Gesetzen unseres Landes unterweise . . . Und als man die Sache genau untersuchte, erwies cs sich, daß der König recht hatte uml sein Urteil ' gerecht war, es war wirklich ein F remder. Und wenn es schon bei einem menschlichen König so ist, um wieviel mehr bei dein König aller Könige, dem 'Heiligen, gelobt sei er, der nicht erst zu untersuchen und zu ralcn braucht. Weil für ihn das 1 lerz eines Menschen offen ist und er dann liest, wie in einem aufgeschlagelten Buch . . . Nocli mehr: der Herr der Welt zahlt die Vergclien, die ein Unwissender einer guten Tat zuliebe tut, zu den guten Taten. Und dazu hat der heilige Schcloh auch ein Gleichnis von einen» König, noch ein schöneres Gleichnis, — Es war einmal — erzählt der heilige Schcloh — ein König, aber nicht wie die meisten Könige, ein böser, sondern ein guter, ein gnädiger König. Da brauchte der gute König einmal Feuer. Er wollte, nehmen wir an, sich die Pfeife anzünden. Ruft er: Feuer! Das heißt, cr befiehlt, man soll ihm Feuer bringen. Da war aber einer unter seinen Ministem, die vor ihm standen, sei cs von Oeburt, sei es — Oott behüte uns — infolge einer Krankheit, in die er gefallen war, ein wenig taub und hatte nicht redit gehört. Uml weil es mitten im Wald war, wo der König wilde Tiere jagte, um sie zu vertilgen, und es mitten im Sommer und die Hitze unter den

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