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Jüdische Rundschau · 1916-05-05 · Heft 18 (5.5.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 18 (5.5.1916)
Date
1916-05-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 144 triebe frei machte, *lie die alten Hemmnisse umwarfen. So ist ״Der Jude1‘ also erstanden von Gnaden des Krieges. Also auch ein Geschöpf des Krieges? Martin Bub er, der das grolle Verdienst und die nicht geringere!ihre hat, ihn als I lermtsgeber auf die Tribüne der Ocffcntlichkcit zu stellen, scheint das Erstehen des ״Juden“ im Kricgsstiirm und seine eigene Kriegspatenschaft nicht nur als einen zufälligen, vielleicht nur interessanten Begleitumstand an/usehen — für ihn bedeuten oder können diese Jahre des Kriegsgrauens bedeuten eine Zeit der großen jüdischen Wende: ״Es darf geglaubt werden“, so drückt er es in seinem vielleicht nicht ohne Absicht kriegsmäßig mit ״Die Losung“ überschriebenen Geleitwort aus, ״es darf geglaubt werden, daß diese Zeit der schwersten Prüfung für das Judentum eine tiefe Selbstbesinnung und damit den Beginn einer wahrhaften Sammlung und Einigung bedeutet“. Und es heißt weiter in der erlesenen Wortpragung, die Martin Buber eigen ist und die auch diese ״Losung“ kostbar umkleidet: ״Jetzt hat der Jude in dem katastrophalen Vorgang, den er in den Völkern mit erlebte, besiürzcnd , und erleuchtend das große Leben der Gemeinsclinft entdeckt. Und es hat ihn erfaßt .... Er hat den ersten Schritt der inneren Befreiung getan. Wenn dem Augenblick sein Recht geschehen sein wird, wird er nicht wieder ins Leben des Atoms zuriickfiiulcn, und der Ruf der tiefen Gemeinschaft seines Blutes und seiner Art wird ein wacheres Ohr treffen als zuvor“. Und weiter: ״In den durch das jüdische Erlebnis dieses Krieges erschütterten Juden, die sich für das Schicksal ihrer Gemeinschaft verantwortlich fühlen, stellt sich die neue Einheit des Judentums dar“. Und cs ״erscheint uns nun für unsere Verantwortlichkeit wichtiger (als alles andere) das Judentum gegen die Völker abzugrenzen“. Nicht als einen neuen zu den — leider so zahlreichen — anderen Kombattanten, die einander jetzt bekämpfen oder belauern, sondern als Vollführer einer Funktion, ״die das Sein der Völker nicht unterhöhlen und nicht überflügeln, sondern verbinden und verbünden soll“. Diese Letzte aber, sagt Buber, ״ist keine Wirklichkeit, soneiern eine Aufgabe“. Der Krieg hat diese׳ Aufgabe nicht geschaffen. Sie war vor ihm da. Aber der Krieg, dieser Umwerter oder Neuwerter aller Werte, hat sie, wenn wir Buber richtig veistehen, aus dein Dämmer ins Licht und gerade vor uns hingestellt, daß wir in diesen weitgeschichtlichen 'Lagen, die so vieles durcheinanderwerfen, um einiges aus dem Wirbel zu vorher nie bemerkter Klarheit herauszuheben, daß wir uns in diesem Augenblicke und mit aller Kraft an die Aufgabe wenden: nicht nur uns und den J. L. Perez: Zwei Wege; zwei Gleichnisse Einleitung zu der Abteilung ״S t u m m c Seele 11" der ״Volkstümlichen Geschieltteil“ des Dichters, dessen Todestag sich am 22. April jiilirte, Zwei Wege liilircn zu 'seinem lieben Namen, der die Seele der Welt und ihr Sinn ist. Der eine von ihnen ist der Weg des Verstandes, wenn der Mensch durch das Studium der heiligen Thora sein Gehirn schärft; der zweite ist der Weg des Herzens, wenn der Mensch cs reinigt und heiligt zum Dienst des Schöpfers. Gehoben und erhöht wird der Mensch auf iialiirlichcin Wege mir durch den Verstand; mit ihm lernt er die heilige Thora, die das Gesetz der Welt ist, und durch sie erkennt er den Plan, nach dem der Schöpfer die Welt aus dem Toliu-wa-Bolm geführt hat, und er erkennt, worauf sie ruht und was sie vernichten kann. Und wenn er dies erfaßt hat, bekommt er zugleich ein bischen Einfluß auf die Leitung der Welt und wird gleichsam ein wenig Mitarbeiter des Heiligen, gelobt sei er, bei seinem Schöpfungswerke . . . Zu einer sehr hohen Stufe kann der Mensch aber auch durch das Herz kommen; wenn die Absiebt gut ist und das Herz gut. Wenn im Herzen das Feuer großer Liebe zum Weltcnschöpfcr brennt und die frommen Werke und guten Taten auf ihm rauchen wie Opfer auf einem Altar . , . Und heil ihm, dem Manne, der beide Wege beschießet, der sich den Himmel mit beiden Schliis- JUEPISCHE RUNDSCHAU amleren über uns atiszttsagen, wie und was wir sind und wohin wir des Weges wollen, sondern at^cl! und vor allem Klarheit zwischen uns und ihnen zu schaffen, daß wir und wie wir anders sind als sie (und anders als sic uns anselten) lind wie wir dennoch unsere Art, auf unseren Wegen in der Zukunft an uns nur crftillen wollen für eine reine und schöne Verbindung mit eien anderen. Dumm fordern wir von den anderen für uns Lehens- und Arbeitsfreiheit, damit wir ״zur Erfüllung unseres Amtes an der Menschheit liermiwaclisen“, darum müssen wir im Innern unseren Gemeiiiseliaftskörpcr rein lind stark erhalten, die ״hemmenden Kräfte der Eigensticht und Zersetzung bezwingen“. Aus diesem Bern( wird den Juden des Westens ein erhöhtes Sclbsibcwußtsein erwachsen, die des Ostens werden darin den ״lösenden Beruf“ finden, die neue Siodclimg in Palästina aber wird dabei das Bindeglied zwischen Morgen- und Abendland sein. So die ״Losung“ des neuen Blattes. Nicht anders verstellen wir die Losung tles alten Volkes. Möchte nur die eine Enttäuschung 1ms erspart bleiben — nicht jeder vermag so überzeugt wie Marlin Buber an die reinigende Kraft des Krieges zu glauben —, daß auch diese ungeheure ErscliiiUcrung die jüdischen Menschen nicht so sehr nufgenittelt hätte, daß sie die innere Befreiung erlebt und den ״Ruf der tiefen Gemeinschaft ihres Blutes“ gehört hirtteiil Der aufmerksame und nicht übelwollende Leser wird diese erste Nummer der Zeitschrift, die sieh in außerordentlich ansprechender äußerer Gewandung repräsentiert, nicht ohne das sichere ■und wohltuende Gefühl aus der Hand legen, daß hier für eine reine Sache mit peinlicher Noblesse, mit dem hingehendsten. Willen zur Ehrlichkeit gegen sich, gegen Fretjud und Gegner gestritten wird. Wer aber mehr ist als ein bloßer Leser, der wird freudig und mit innerer Dankbarkeit empfinde״, daß liier gleich auf den ersten Ruf ein Trcfiliches gelungen ist, daß die nationale Bewegung tun eine edle und starke Waffe bcreichert wurde. Es ist weder ein ausgesprochen wissenschaftliches, imclt ein tendcliziös-politisciics, auch kein ״kulturtiägerisches“ Organ — ohne auch nur auf einer Seite die Elemente wissenschaftlichen Ernstes mul politischer Reife vermissen zu lassen, und es hat Kultur. Und hat überdies Aktualität im besten Verstände des Wortes: es ist frisch und lebendig, schöpft aus dem Leben des Tages und Hießt in dieses Leben zurück, ohne sich in Gelehrsamkeit, Abstraktion und agitatorischen Dunst zu verlieren. Ein solches Blatt hat uns not getan. Freuen wir uns, dal! die gar nicht so leichte Aufgabe so verheißungsvoll glücklich gelöst wurde! sein öffnet, denn ihm ist beides gegeben: sowohl das große Verständnis wie auch die große Liebe — das ist aber nicht jedem vergönnt . . . Zumeist sind die Gelehrten nur Gesetz, well sie nur auf dem Wege lies Verstandes geben; und der Verstand ist Gesetz. Daher sind sic auch ״rächend und nachtragend wie die Schlange“ lind würden mit dein Hauch ihres Mundes die Welt verbrennen. 1 >01111 wer könnte vor dem Gesetz bcstehen? Nach dem Scluilelmn aruch kann die siimlhafte Welt keinen Augenblick Bestand haben; die sündhafte Welt braucht daher das Erbarmen. Andererseits sind die sechsunddreißig Frommen jeder Generation, obwohl sie goldene Stühle und Kronen im Paradies erwarten und die Welt ohne sie nicht bestehen könnte, keine großen Oclehrten . . . Ihne״ genügt ein Abschnitt Mischna, ein Kapitel Psalmen, sogar mir ein Gebet in Andacht.. Die Hauptsache ist bei ihnen das lierz. Denn aus eines wirklich Frommen Herz strahlt und strömt das große, herzliche Erbarmen in die Welt , . . I)armu soll der Unwissende nicht sagen: ״Ein trockenes Stück Holz bin ich; auf mir kann nichts sprossen, nichts blühen, keine Frömmigkeit und keine guten Taten — — ״Verborgen ist mein Weg vor Oott . . . sein Auge, wenn cs zu sagen erlaubt ist, sicht mich nicht, weil ich im Finstern wamlle und meine Seele in eine finstere Wolke gehüllt ist — — ״Und icli kann sogar ans der Hölle nicht gerettet werden. Weil, wie in den Pirkc Aboth steht: ״Der Unwissende kein Frommer ist", weil der, welcher keine heilige Thora lernt, kein vorsichtiger Jude sein kann, denn er weiß nicht, was ein Gebot ist, daß er es erfülle, lind was eine Sünde, daß er weit, weit vor ihr entfliehe, und er ver- _NU8 ן Es kann »ach diesem Ausdruck riicklialt I loser und dankbarer Anerkennung' f״r ejIK.״ S" | schönen und reichen Anfang selbst! errtämllid! I nicht als Kritik empfunden werden, was niclit I als die Feststellung einer Beobachtung׳• und ein £ Anerkennung ist: ״Der Jude" wendet sieh 1 I dieser ersten Nummer noch zu sehr oder /!! ״us. I schließlich nach innen, an die Stammcsgcnossen? und unter diesen auch wieder au den c1״,,e. I; schränkteren Kreis der mit den iiatiunaljüdischen i und zionistischen Dingen Vertrauteren, ja, IWcj, 5 mehr, zumeist an solche, denen die ict/ttn ־י Probleme des jüdischen Lehens mindestens nicht mehr fremd sind. Diese redaktionelle Methode des Herausgebers, die natürlich bis zu Cj״cm gewissen Grade die Aufklärung und IRran- Ziehung der Nicht-Vertrauten an das Blatt vorläufig erschwert, läßt sich aber dualiaus verstellen: der Herausgeber wollte und mußte zunächst einen Kreis von Mitarbeitern, von PnMm. liehkeiten um sich scharen, die, indem sie sich aussprechen, die Tribüne und das Diskussions* gebiet schaffen. Und dieser erste Mitarheitnkreis war natürlich gegeben durch die, deren Geist und I lerz schon lange bei der Sache sind, um die es gebt, und deren Wunsch es ist, zu solchen zu reden, von denen sic ganz verstanden werden können. Es wird nicht schwer sein, so scheint cs mir, daß der Herausgeber allmählich auch den anderen, die noch nicht oder nicht viel wissen — sic sind ihm ja wichtig genug! — den Weg zum Verständnis dessen,, was das Blatt verstanden wissen will, ebnet. Es versehlagt nichts, wenn damit von Zeit zu Zeit den Aufgeklärten unter uns Altes wiederholt wird. Es würde im Rahmen dieser Ausführungen, die viel mehr eine Kundgebung dankbarer (icnugtuung als eine Besprechung sein wollen, zu weit führen, auf alle Beiträge —- wie es manche von ihnen ganz besonders verdienen — ausführlich eiiizugelien. Es sind fast durchaus bckannte und bewährte Schriftsteller, die das Wort ergreifen, und sie haben alle etwas zu sagen. Daß es gleich mehrere sind, Hermann Gleim, Hugo Bergmann, Moses Caivarv, die sozusagen das Vorfeld säubern 1utd ahstecken, die Vorfragen stellen und beantworten, 11111 letztlich vor dem eigentlichen Problem stehen zu bleiben, mindert nicht den Wert ihrer Abhandlungen, die reizvolle Gelegenheiten zu weiteren Auseinander- Setzungen dar bieten. H e r m a וווו Gl c 1111 unternimmt es in seinem Artikel ״Das Volk und der Einzelne“ den Typus des ״eigcmüclien Juden“ herauszuarbeiten gegenüber dem scimin Stamm ganz oder halb abgewandten Juden. Der ״eigentliche Jude“ beginnt für ihn erst dort, ״wo er sein Bewußtsein des Judentums ah das primum movens seines individuellen Seins mit steht nicht zu unterscheiden zwischen Gutem und Bösem“. Das sind gar keine stichhaltigen Worte und Reden. Denn eigentlich sicht Gott, gelobt sei er, aid das Herz. Und ״jeder Jude hat Anteil an jener Welt“: sowohl die, welche gut lernen, als auch die, welche nicht gut lernen umi mir ״Sch’ma Jrirutl" könne״. Die Tore des Gebetes sind nicht verschlossen, auch nicht für stumme Seelen, die nicht viimal die Ucbcrsctzung der Gebote verstehen und ihr Herz vor Gott nicht ausspreeheu können . . . Denn Gott ist barmherzig, und wie eine barmherzige Mutter dem hungrigen Kind beim ersten Schreien ihre Brust reicht und niclit wartet, bis das Kind deutlich ״Milch" sagen kann, so w eiß'der Herr der Welt, um was ein Mensch, hätte er es gekonnt, bitten wollte, und tut mit großem Erbarmen seinen Willen ... Er versagt den Lohn keinem Menschen, der eine gute Tat zu tun glaubt, aber irrt (indem cs )* gar keine gute Tat ist). Um wie viel weniger straft sein lieber Name für eine Sünde, die ein Mensch irrtümlich begeht, während er eine gute Tat vollbringen woltlc ... Darüber finden wir bei dem heiligen Sehcloh ) zwei kostbare Olcichnissc. Das erste Olcichnis ist das Gleichnis von einem König, der Herrscher über ein großes Land war, das abgeschlossen und tausend Meilen von anderen Ländern-entfernt lag und ganz andere Gesetze als *) R. Jcschajalut Hurwitz, gest. 1624, 4er liier nach den Anfangsbuchstaben seines kabbaltsusehen Hauptwerkes ״Sch'ne luchoth habrith t!c' nannt ist.

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