Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 15-16 (14.4.1916)
- Date
- 1916-04-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 tö JUEDISCHE RUNDSCHAU Seile 129 bcsdicnl't Itnt(c *itidh cs ist vom Lichtspiele iles Krieges berührt worden. 1״ s hiiin;)her eine Teuerung im Lande Kanaan da 7(,g Abraham hinab gen Aegypten, dal! er siel! daselbst als I renielling aufhalte, denn die Teuerung war groll im Lande“ (Genesis XII, 10). Auch gcgeinv.irlig hält sich eine Anzahl Juden aus l'aläsliiia in Alexandrien auf, als Fremdlinge, denn groll M die ״Teuerung“ auch jetzt im Lande Kanaan. UH11׳'-n aber wie unsere Ahnen in Closehen deshalb eclösl um den, weil sie, wie der Midrasch gesehichtsphilosophisch richtig ahnt, ihre ״Namen, Kleidung und Sprache" nicht änderten, so liegt auch jetzt die Hürgschalt für den späteren ״Auszug" darin, dal! die l'al.istinaflüehtlinge in ihren provisorischen Woluiurt nielit nur ihre hebräische Umgangs- und Schulspräche mithracliten, nicht nur als Fremdlinge sich ainhalten, sondern auch den vorhandenen Schulen Alexandriens, die bis jetzt französisch - jüdisch oder englisch-jüdisch waren, mit der schlechthin jüdischen Schule den Rang ablieffn. Palästina hat Alexandrien assimiliert ... Alexandrien! I>ieh kernten wir von de״ /dien des zweiten Tempels, ein Prototyp des assimilierten, apologetischen Missions- und Anatomiejiuli'iinum, des allegorischen Als-ob-Judentums, das wohl \ ödes Jüdische ins ״Altweltliehe“ übersetzte, Hiebt'■ Allweltlichcs aber ins Eigene, du Sinai des ״mosaischen Glaubens" kosmischen Wellltiirgritiitns! Nun hist du gesühnt. Nun ist eine Schar Juden ans Asien gekommen, denen nichts Hell* »hch-Alcxaudricnischcs fremd ist, denen es aber jüdisch, hebräisch, palästinensisch verwandelt wurde, die ohne jede Allegorie stolz auf ihr Soseiu sind und 'uh klare Rechenschaft von ihrem Hiersein ahgehen, t bul diese Schar wurde von Aegypten als Autorität in Lehens- und Lchrweise anerkannt. Und wenn diese Schar einst ״atis/.iehcu“ wird, wird sic eine I ibschaft!unterlassen, die stark genug sein wird, um kraft ihrer Fchtheit der Imitation Herr zu werden. Wenn wir uns diesen Pellach zum Seiler setzen, sollen unsere ersten Gedanken bei den jetzigen Exilanten in Aegypten weilen. ״In jeder Generation soll sieh jedermann fühlen, als ob er von Mi/rajim aiisgezogen wäre". Unsere alte Haggada hat jetzt mehr als je recht. Vor Augen und Herz, sollen wir uns den Fxotlus halten. Was dazumal Hundert(‘ von Jahren in Anspruch nahm, wird heute in Hunderten von Wochen vollzogen. Der neueste ״ägyptische Gohrs“ wird mit dem Frieden sein l'mlc finden. Der grolle Goltis leider noch nicht. Mögen aber die europäischen Alexandrien die Lehre ziehen, wie ein Tropfen markiger Kultur zu wirken vermag. Sie, die sich je nach Zuständigkeit mit jeder Bodenkultur assimilieren, können eines Tages auch dieser Assimilation verfallen, der Assimilation an die Frez.-Isräel-Kulttir. Denn der Weg von Asien nach Furopa ist unter Umständen und für Ideen leichter als dc'r nach Afrika. Der Wind wirel Körner aus unseren Plantagen in Ercz-Isracl bringen, Manche! Saat wird dadurch aufgehen. Uen Brüdern in Aegypten, die dort ein unfreiwilliges und doch fruchtbares Fremdlingsdascin führen, rufen wir zu: Leschana habaa biruschalajim! B, Krupnick. Ein neues jüdisches Buch*) Von Dr. Oskar Epstein ״Für uns Juden bedeutsam durch die Gegenüber- Heilung des Rabbi Löw und der ״Weisen der Völker" דvelm Hralie und Kepler." So zeigt der Jüdische! Verlag Max Brods neuen Roman an. ich will im fob Reuden zu zeigen versuchen, in welch tiefere m Sinn e wir das Recht haben, liier von einem jüdischen Buch zu sprechen. Zunächst soll ausdrücklich gesagt werden, dal! üer Roman nicht etwa dadurch erst wertvoll wird. Schon die Einführung legt sich warm aus Herz. Tycho seihst, der Held, ist eine w u n d e r b a r c gestalt, mit allen menschlichen Widersprüchen, tüchtigen Fähigkeiten, kleinlichen Eitelkeiten, folgerichtig diirdigeführt bis zur Gotteserkenntnis. Audi wunderbar gemessen am Wesen Keplers, seines Gegenspielers, der sich ebenso treu bleibt. Was die Gestalt des Helden trotz der lebcns- "ahren Fülle an Widersprüchen so folgerichtig er- Khcintn killt, ist das unablässige Ringen nach dem ') Max Brod: Tycho Brahes Weg zu Oott. Kart. Reh, 1,50 M. Kurt Wolff Verlag Leipzig 1916• Seite8 .״. Tausend. Gleichgewichte seiner Seele. Es ist aber kein Kampf mit Vorstellungen, mit Geelankcnreihcn, sondern ein A 11 s t ii r m e n gegen ganz, ganz I c h e n s - nahe Wirklichkeiten, elic Tycho Bralic zu. unterjochen drohen. Dal! er seine Kinder nicht in die Balm einer gedeihlichen Entwicklung zu leiten weil!, dal! seine wissenschaftlichen Ergehnisse kein Ganzes ergehen und sieh nicht durchzusetzen wissen, das lastet so schwer auf Tycho llr,die, Hie Dinge abe>r, welche im Mittelpunkt der meisten Menschen stellen, die Sorge um die Lieben und da$ eigene Werk treiben ihn auf seinem Wege vorwärts, dessen Ziel er in dem Notschrei zusammenfaHt: ״Es ist wirklich einerlei, Verderben hier und dort, was ich auch tue , . Wenn ich mir den Sinn von alledem wülltc, Den Sinn, mein Gott und Herr, den Sinn," <S. 207 f.). Das ursprünglichste Abfinden mit dem Widersinn ] in der Welt bestellt darin, ihn mit dem "Glanz gewaltiger Mächte zu umhüllen. Ich möchte diese Anschaumig die 1t re u r o p ii i s c 11 e nennen. Die gricdusche Auanke, der dcus ex uiadiiiin des antiken Dramas gehört ebenso hierher, wie die französische? Klassik mit der Rolle, welche der Sonnenkönig, mich im Drama, spielte. Diese Anschauung ist heute wahr ziemlich abgetan!. ׳ l ine andere Art, das Lebensrätsel zu lösen, ist elie c 11 r i s 11 i c 11 - a s k e t i s c h e, Sie wird des zeriimrhcndcii Kampfes um die Lebensziele dadurch Herr, (fall sie diese freiwillig aufgiht. in diesem Sinne meinte jüngst ein gut bekannter katholischer Geistlieber mir gegenüber, die Kirche habe die Frage der Armut schon gelöst. (Vor mir lag nämlich׳. Wcbbs, Das Problem der Armut.) Auf meine erstaunte Frage, wies er eben auf die Bcttclordcu hin. Daß dies 1111 s e r Weg nicht sein kann, bedarf wohl keines Beweises. Dagegen spielt für den heutigen Wcstjiiden eine dritte Auffassung eine Rolle, welche ich als die 111• 11 z e i 11 i e 11 - p r o t e s t a 111 i 8 c 11 e bezeichnen niöehlc. Aller Widersinn im Lehen jst mir der Preis für die Erreichung einer höheren Stufe. ״Wer glaubt, wird selig", und ״wer immer rcdliclt sich bemüht, den können wir erlösen.“ Den großartigsten Ausdruck findet diese Lebcnsaiiscluniung in Goethes eigener Lebensführung und in seinem Faust. Wohin uns luden jedenfalls diese I.ehensansehaiumg geführt hat, zeigte scharfsinnig Schocken gerade in diesen Blättern, indem er Hermann Cohen näher betrachtete, der wohl als I lauptvertreter derjenigen Juden gelten kann, welche sieh an die neuzeitlich-protestantische' Lehens,iiisehnmmg anlelmen. Unser Weg ist das nicht. Wie beantwortet nun Brod elie bange Frage seines Helden nach dem Sinn des Widersinus? Zunächst geht die Antwort Tycho Bralic als Ahnung auf: ״Ein neuer Tag, eine neue Pflicht. Und immer dieses Brennen in der Seele, nie zu löschen, dieser Schrei nach Erlösung, der keine Antwort findet , . . Angesichts des netten Tages erwacht aber mich die neue Hoffnung. Vielleicht ist nämlich gerade dieses Quälende in uns, das sich nie zufrieden gibt und das deshalb nie zur Ruhe kommen kann, das von Hoffnung zu Hoffnung, von Nichterfüllung zu Nichtcrfüllung hinstrebt, eins meinen Stolz bricht, selbst im Augenblicke, eia ich Hilfe bringe, meine Scltlechtigki’it zeigt, - vielleicht ist gerade dieses ״Es ist nicht vollbracht" elas eigentlich Himmlische in uns. Der Stachel, der midi am Leben erhält. Die Quelle, die mich unvcrsieglidi speist. Ob ich helfe oder nicht helfe, immer geschieht zwar das Böse, und niemals darf ich mich freuen. Niemals vollbringe ich es. Und dennoch zu helfen, dennoch, dennoch — ist das nicht Gottes Sache, gerade dies - Gottes Sache . . ." (S. 319 ff). Um! schließlich geht es Tycho als Gewißheit auf, daß alle Lösung in der einen Erkenntnis beschlossen ist: Der Mensch I ist nicht dazu da, um für sich selbst Erfolge zu er-! reichen, sondern deshalb, weil wir ״a!11 Werke Gottes sein“ sollen (S. -112). Daß dem Ncbenmcnsclicn zu dienen, unter Umständen dies bedeuten kann, ist schon gesagt, indem die soeben belegte u 11 b c - dingte Ehrfurcht vor dem Werden als s 0 1 cli ein dazu führt. M. E. hätte der Dichter am Ziele Tychos auf seinem Wege zu Gott diese Ehrfurcht klarer hervorheben sollen, sd»n um seinen Helden vor asketischen Auslegungen, auch im Sinne Tolstojs zu bewahren. Bei einem wirklichen Eingehen in eien Roman wird cs ja allerdings klar, daß jene unbedingte Ehrfurcht vor dem Werden als solchem hier alles ist, die alle Schmerzen ohne asketische und faustische Ocdankcngangc rechtfertigt. Es ist, mit anderen Worten, der Leben schaffende Glaube der Frauen, vor allem der Olattbe der Oc* bürenden. — Iin seihen Verlag, in dem jetzt Brods Roman erschien, gab lül'j der Verein jüdischer Hochsihüier Bar Kocliha in Prag ein Sammelbuch unter dem Titel ״Vom Judentum" heraus, das offenbar in diesen lagen, da auch für die Zukunft jüdischen Wesens wichtige Entscheidungen fallen, von neuem die Aufmerksainkeit auf sich zieht. Besonders in den Auf- Sätzen ״Diu. Heiligung des Namens", ״Von der Seitdüng des Judentums“, ״Wir mul Europa‘', aber auch in andern erscheint uns das Wesen des Judentums so aufgefaßt, daß Brods Tvcho Bralie geradezu als sein Vertreter gelten könnte. Auf Seite 97 des Sammet• biiches nennt Dr. Kurt M. Singer als Kern eler jüdischen Lehensaiisehaumig ״das S i c 11 - B e 11 g e n des Lebens über sieh seihst," Ls beugt sich nicht vor .dem Schicksal (Antike), nicht vor einem jenseits, das . dem Diesseits entgegengesetzt ist (mittelalterliches Christentum), nicSit vor der hohem Stufe des eigenen Ich (Faust); es beugt sich vor nichts als vor dem Werden als solchem, es beugt sich über sieh selbst (l'vclio). Dali die große jüdische Richtung hier gerade an der Gestalt eines Nichtjuilen so wirklichkeitsstnrk mm Ausdruck kam, spricht vor allem für die Wurz.clfestigkcit der jüdischen Art im Dichter. Hoffentlich verbreitet auch eler Erfolg des Buches unter Nichtjuden meine Ueberzetigung, daß die reine Auswirkung unseres Wesens auch das erqtiickliclistc Verhältnis zwischen uns Juden mul imsern andersgearteten Mitmenschen schafft. Noch klarer stellt sieh das Buch Brods in den grollen Zusammenhang jüdischer Geistcsgcscliichtc, wenn wir ein ganz anderes, ganz altes jüdisches! Buch vergleichen, das Buch Kolielitli. Ls heißt dort (Kap. 2, V. II): ״Da ich aber ansali alle meine Werke, die meine Hand getan hatte, und Mühe, die ich gehabt hatte, siehe, ela war alles eitel 111111 Haschen nach Wind und kein Gewinn unter der Sonne," Und (Kap, <», V. 2): ״Es l eg.gnet alles dasselbe einem wie dein andern: dem Gerechten wie dem Gottlosen, dem Guten und Reinen wie dem Unreinen, dem, der opfert, wie dem, der nicht opfert; wie es dem Outen gehet, so gelict's auch dem Sünder; wie es dem, der schwört, so geliet's auch dem, eler den Eid fürchtet.“ Und wie stellt sieh der Dichter des Kohcleth zu dieser Frage nach dem Sinn de's Lehens? Er antwortet (Kap. d, V. 22): ״So sah ich denn, daß nichts Besseres ist, elenu daß ein Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit . . 111 diesem alten jüdischen Buch mul bei Brod dieselbe Frage und fast dieselbe Antwort. Aber zweierlei ist doch im Lauf der Jahrhunderte anders geworden. Unser Zeitgenosse muß vor allem zwischen Frage und Antwort reichlich Zwischenglieder eiitseliiehen, die uns bezeichnenderweise das sprunghaftere alte Buch beinahe erst verständlich machen. Das ist eine Mahnung. Demi wir sehen, daß wir gegen die Stimme unseres Blutes, denn gewiß spricht s i e aus den erwähnten Geilnnkengiingeii, harthöriger geworden sind, I>ie Antwort ist aber auch zielsicherer, bewußter. Das ist eine Verheißung. Möge dies fWr uns wirklich neue jüdische Schauen der Künder eines neuen jüdischen Lebens sein! Auf dem Wege zu diesem aber soll uns Max Brods Tycho Bralie eine kostbare Hilfe sein. ״Das Ziel“ ״Aufrufe zu tätigem Geist" Eine ßcsprcch u 11 g von Max Strauß* ״Zu allererst müßt ihr flache Rationalisten sein." Gerade für uns Zionisten scheint mir eine griindliehe Auseinandersetzung mit dem von Kurt Hi Iler licrausgegebeucn Sammelhucli: ״Das Ziel“ und mit der dort vertretenen geistigen Haltung nicht bloß wertvoll, sondern geradezu notwendig. Das Buch ist eine heftige Abkehr von eleu Gedankengängen, die die weiteren Schichten der Gebildeten in den letzten zwanzig Jahren beherrschten und in denen auch der repräsentative Teil der deutschen Zionisten durchaus befangen war. IXuin wir müssen einer für uns nicht sehr angenehmen Wahrheit endlich einmal riicksichtslos ins Gesicht sehen. Wenn man uns gesagt hat, der Zionismus sei ein Geschenk Europas an das Judentum, so war in diesem Satz verborgen, aber * Wir geben diese Besprechung, mit deren grundsätzlicher Stellungnahme wir uns nicht identifizieren, wieder und werden Acußcrungcn zu ihr, die einer weiteren Erhellung der Frage dienen, gern aufnehmen. Die Red. Zionisten! Zahlt den Kriegsbeitrag!