Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 15-16 (14.4.1916)
- Date
- 1916-04-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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T Seite 128 JU ED! SC HE RUNDSCHAU Nr. 15/16 geliefert erhalten. Wenn auch die Arbcitcrz.ahl und die Arbeitsstunden eine Einschränkung erfahren haben, so konnten doeli die Werkstätten allein an Arbeits• löhnen in den ersten I I Kricgsmouatcn 35 187,38 Frcs. auszahlcn. Durch die Ende UM3 vorgenommene Re- Organisation des Berliner Vereinsbüros konnte eine umfangreiche Tätigkeit behufs Regelung des Absatzes der Bczalel-Er/cuguisse eingeleitet werden. Trotz, der grollen Schwierigkeiten, die sieh hierbei dem Bezalel auf Sehritt und Tritt entgegenstellten, konnte int ersten Halbjahr UM4 eine merkliche Hebung des Verkaufs festgestellt werden und in Berlin begann sich bereits ein regelrechtes Versandgeschäft zu entwickeln, als durch den plötzlich hcrcinbrcehenden Weltkrieg eine empfindliche Stockung im Verkehr eintrat. Viele Vertrauensmänner und ganz besonders die Vcrtraucnsdanicn des Vereins hörten indes auch wällrend des Krieges nicht auf, sich um den Absatz, der Bezalcl-Produkte erfolgreich zu bemühen, wie überliaupt die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Bezalel sich beim Warenverkauf viel mehr als die berufsmälligeu Kommissionäre bewährten. Die grollen Warenhcstände, die der Verein bei Kriegsausbruch in Berlin besall, ermöglichten cs ihm, beträchtliche Quantitäten an die Vertriebsgesellschaft des Bezalel in Warschau abzugeben, die 11. a. in Militärkreisen zahlreiche neue Freunde und Abnehmer fand. II. S c h u I e. Dank den Bemühungen des Herrn Prof. Schatz hat der Unterricht an der Kunstgewerbeschule in Jerusalem während des Krieges keine Unterbrechung erfahren und wenn auch das Budget aus finanziellen (iründeu für die Dauer des Krieges bedeutend rechtziert werden muffte, so beträgt es noch immer 20(MIO Francs pro Jahr, Gegenwärtig sind die Lehrer und Schüler unter anderem damit beschäftigt, aus getriebeuem Kupfer, Stein, Elfenbein und Emaille einen ״Aron Kodeseh“ (Thoralade) herzustellen, der ein Meisterstück auf dem Gebiete der synagogalen Kunst zu werden verspricht. Lehrer und Schüler haben ihre letzten Ersparnisse zum Ankauf der hierzu erforderliehen Materialien hergegeben. 1111 Interesse derjenigen Schüler, die jetzt von ihren int Kriegsgebict wohnenden Eltern keine Unterstützung erhalten können, hat Herr I'rof. Schatz eine Suppenkiidie eingerichtet. III, V e r e i 11 s t ä t i g k c i t. Wahrend der Verein Bezalel in Friedenszeiten seine Werbetätigkeit in fast allen Kulturländern entfalten und I )urchschiiittseiuiiahmen von 50 000 Mark pro Jahr erzielen konnte, mtillte er sich seit Kriegsausbmch auf die Propaganda in Deutschland, Oesterreich und den kleinen neutralen Nachbarländern bcschränken. Wenn auch z. Zt, der Einzug von Vereinslveiträgen auf allerlei Schwierigkeiten stölit, so muH doch festgestellt werden, Halt in Deutschland Viel Schmerz und viel Wahrlich steckt in diesen Worten, und den Jungen selbst ist es unangenehm, die Alten so geärgert zu haben . . . doch -- ,,Schlielilich habt ihr doch Chalukagchi, Unter- Stützung empfangen! Ihr seid hergekomincn, in der Hoffnung, das jüdische Volk würde euch ernähren, ihr hattet Forderungen an ganz. Israel . . , Euch selbst habt ihr verdorben und uns und unser *Ltaiiid . . , Weshalb habt ihr Chalukageld angcnommen? Lieber hättet ihr eins Land verlassen sollen, wie eure Gefährten, lieber hättet ihr untergehen sollen, dftnn währet ihr vielleicht wirklich Volksheldcii geworden - — Schon sind wir zu einer Tiefe von zehn Metern gelangt ... ״Wie schwer! Was habt ihr dort im Korb? Habt ihr ihn mit Steinen gefüllt? Oder hat sich ein Mann an das Seil gehängt?" ״Nein! Das ist nur der Sand, der voll Wasscr ist! Es ist die letzte Sandschicht über dem Grundwasser!“ ״Wasser?! Wirklich Wasser?“ Mit einem Sprung stehen alle neben dein Brett am Brunnenrand und selten hinab. Wirklich! Man hat ein Loch gemacht, und das Wasser fließt, quillt hervor . . . Das Gesicht spiegelt sich darin, der Körper und das Arbeitszeug .- Lachendes Wasser, Quellwasser! Die Hcdadrufc klingen durch die Luft. Man singt das Wasserlied des Ibn-Gabirol und tanzt Mail beeilt sich, dem Bauer Mitteilung 7.u machen, auch er freut sich — die rechte Ercz-Isracl-Frcudc ... Audi der Neger zeigt seine Zähne und klatscht in die Hände vor Freude . . . Man erinnert den Bauer an Wein; er sucht Ausflüchte . . . ״Mag er sich zum Teufel scheren! Wir werden uns von ihm unsere Freude nicht trüben lassen I“ Der Brunnen ist beinahe fertig. Auch das Schöpfwerk ist fertig, Dutzende von Kisten, ancinandcrgereiht in Gestalt einer Kette, die meisten Mitglieder ihre Beiträge pünktlich eiltrichten, in Oesterreich hingegen das Inkasso während des Krieges viel zu wünschen übrig lallt. Der Verein büßte nicht nur seine vorjährigen Beitrage in Galizien, wo er in Lricdcuszciteu einige tausend Mitglieder zählte, vollständig ein, sondern hatte auch aus den vom Krieg nicht direkt betroffenen Provinzen Oesterreichs fast keine Einil dunen zu verzeichnen, obwohl bis zum Kriegsausbruch das Interesse für den Bezalel in Oesterreich-Ungarn besonders rege war. Aber auch das neutrale Rumänien hat während des י Krieges leider vollständig versagt, obgleich hei einigem' Eifer der Vertrauensmänner sieh dort auch jetzt noch manches erzielen lassen würde. -- Die zahlreichen logen und Gemeinden, die seit vielen Jahren den Bezalel subventionieren, haben ihm auch in diesen schwierigen Zeilen ihre Unterstützung nicht versagt, wofür diesen wohltätigen Anstalten besonderer Dank gebührt. Nachdem cs unseren vereinten Bemühungen gelungen ist, den Betrieb des Bezalel in Jerusalem während der ersten zwanzig Kriegsmonate aufrechtzucrhalUu, liegt uns jetzt die schwere Sorge ob, bis zu dem hoffentlich nicht mehr fernen Friedensschlul! diirch/uhalten. Doch läßt sidt dies nur dann ermöglichen, wenn die zahlreichen Vertrauensmänner und Freunde des Bezalel, die ihm in Friedenszeiten so viele Jahre hindurch hilfreich zur Seite standen, ihm bis zur Ueberwindimg der schwierigen Krisis ihre Treue bewahren werden. Von ihrer Mitarbeit wird es hatipfsäehlidt abliängen, ob cs dem Bezalel vergönnt sein wird, den Weltkrieg zu überdauern und sieh nach Wiederkehr normaler Verhältnisse seiner grollen Aufgabe mit vermehrter Kraft ztizuwenden. Israel in Aegypten Eine Peßachpredigt Vorbemerkung der Red.: Die sich gegenwärtig in A I c x a 11 d r i e n mifhaltemleii Palästinenser Italien dort, wie wir bereits mitteilten, den palästinensischen analoge 11 e b r ä i s c h c Scliuleu gegründet, in welche mich die einheimischen Juden, die diesen Schulen volle Anerkennung zollen, ihre Kinder schicken. Wie ein großes Schadenfeuer nicht nur Scltaden verursacht, sondern auch die Gegend beleuchtet, die Nacht taghell macht, so wirft auch der gegenwärtige Weltliraud groteske Fctiergarbcn auf die Weltliüliue und die Weltgeschichte. Bei diesem blendenden Lieble lernen wir manches Land, mandies Volkstum, manche historische Frscheimtng näher kennen mul zwar nicht syllogistisclt, nicht durch Erwägungen, Folgerungen und Verallgemeinerungen, sondern elicit konkret, anschaulich, handgreiflich. Der ziehen sich über ein großes Rad, ein Pferd dreht es, die Kette ist in Gang, volle Kisten steigen empor, ergießen sieh in eine hierfür gebaute Rinne und leer sinken sie wieder in die liefe, um sich zu füllen mul nochmals cinporzusteigen . . , Ihnen stehen einige Arbeiter bis an die Knie im Wasser, ganz, nackt, nur die Schultern von einem Sack bedeckt; sic graben noch int Wasser weiter und hängen die Körbe Sand und Lehm an die Kette. Sie zittern vor Kälte und erwärmen ihren Körper durch angestrengte Arbeit. Und das Arbeitslied, kräftig gesungen .iin Bewußtsein des Geleisteten schallt empor . . . Und oben stellen einige, ergreifen die Körbe und werfen sie den Trägern zu. Aus allen Kisten ergießt sielt das Wasser über eines jeden Kopf und Kleider. Mau ist naß vom Wasser und vom kalten Schweiß . . . Noch einige Stunden und alles ist fertig . . . . . , Der Tag geht zur Neige, die Schatten der Berge werden länger und länger, Schau — wie schön sind die Berge in diesen Stunden! Dort hat die Sonne mit ihren farbigen Strahlcnbüschcln ein licrrliebes Schauspiel bereitet; da spielen miteinander ein eigenartig weißer Lichtfleck und ein schwarzes Viercck von besonderer Schönheit und besonderem Zauber. Und diese Lichtseheiiu• und Schatten schweben über die Höhen, über die Täler, schweben und spielen und machen die Welt so schön, so schön . . . Hier liegt die herrliche Ebene, und hier die neue Festung, die Festung aus Sand. Sie erhebt sich mit einem gewissen Ernst, als wäre sie eine richtige Festung, Sie weiß ihre Stellung zu schätzen — vor historischen Bergen steht sic ja . , , Und wieviel Wasser, wieviel Wasser es hier gibt! Wie tief ist dieser Brunnen, den wir gegraben haben, wie groß ist sein Umfang! In Europa habe ich nie solche gesehen. Ein solcher Brunnen genügt für ein ganzes Judenstädtchen mit all stfinen Hunderten von Ziegen ... Und wieviel solcher Brunnen Krieg macht uns zu Augenzeugen von Begehenbeiten, deren historische Analoga wir bis' gut mR vom Hörensagen kannten, aus Ucbcrlicfvninpi'n und Urkunden, die unserer Vorstellungskraft nichts oder wenig sagten. Denn seihst der Künstler mul) etwas ähnliches von dem erleben, was er schildern will, geschweige denn der gewöhnliche Sterbliche Völkerwanderung -■ war uns d״s u״׳rt mehr als eine abstrakte Vorstellung? Begriff fs unser Herz, regte es unsere Phantasie an- Um! hätte ein Künstler den Wunsch gehabt, diese »־pochenschwangere I poche zu malen, wo hätte er nur an blasses Abbild davon finden können? Nun haben wir cs in diesen zwei Jahren gesellen, t Ltli/icn Belgien, der Balkan, Wcstrusslami sie haben alle eine Völkerwanderung gehabt, die zahlenmäßig der ehemaligen, der urgrauen kaum naehsteht, wenn sic sie nicht gar übersteigt. Bei dieser neuen Wänderillig kommt uns die alte näher, wird uns bekannter lebendiger, tatsächlicher. Wir sehen ganze llörler und Städte, ganze Länder und Völker :iiiswamlcrit Da ist nicht die ״Emigration“ mit Fahrkarten und Reisepässen, sondern eben eine Wanderung, ein ethnisches Erdbeben, das neue Formationen auf manchen Flächen der Frde erstehen lassen wird. Statistische Daten tauchen hie und dort auf, sie werden später reichlicher sein, uns in Staunen \ersetzen und das Verständnis der Weltgeschichte urtiefen helfen. Auch in demjenigen Buch der Weltgeschichte das vom langen Wege des jüdischen Volkes bcrichtet, läßt sich manches Ereignis, durch das tobende Feuer grell beleuchtet, erst jetzt recht begreifen; nein, nicht begreifen: empfinden, fühlen, erleben, I >ie Massen a 11 s w a 11 d c r 11 n g a 11 s S p;1 - n i e 11, diese sagenumwobene im Volksgedäehtnis so tief eingegr.ihene Katastrophe, wohl die größte und g indiichstc aller Judenatisweisuiigeit des Mittelalters konnte sie uns augenscheinlicher sumfälli; er vorgeführt werden, als es - freilich in u׳rgroßerlcr uiitl durch die modernen Mittel vollh nnmeiiercr Weise in Kowno tmd Kurland geschehen ist? Ls wandern ganze Gemeinden aus, mit ihren Rabbinern an der Spitze, einen Goltis innerhalb des Goltts zu erleiden — wie mittelalterlich, wie modern! Die jüdische (iesehichtc des Mittelalters bekommt für uns einen netten Sinn, prägt sich uns beim neuen Durehlesen tiefer ein. Wie es jetzt in den Zeitungen stellt, wie es uns vielleicht ein Teilnehmer der 1111• freiwilligen Wanderung, der jetzt irgendwo in Zentralrußlaiul herainvächst, einmal schildern wird, so war es auch d a tu a I s. ״Und — was zu Peßach besonders nahe liegt - das Kapitel Israel Ln Aegypten, das so oft in unserer Geschichte Wiederkehr!, von Joseph Ins Jeremias, von Philo bis Mnimonides, in Aegypten, 11.1s uns so vertraut anmutet, das so schöpferisch für uns \yar, das uns als erstes mit dem Begriff ״Golus“ gibt es hier in diesem kleinen Umkreis . . . Lins, zwei, drei, vier, fünf — und dort noch einer und noch einer und noch einer , , . Und alle sind neu, das um sie aiifgeschiehtcte Erdreich ist noch nicht weggeschafft worden. Und dort gibt es auch alte - in diesem ßaumgarteii, in jenem zweiten dort, und da im Eukalyptushaiii und dort, und dort, mul dort — — ״Und in Erez Israel gibt cs kein Wasser. Es gib» das Mittelländische Meer, das ist salzig; cs gibt das Salzmeer, das ist tot , . , Das Regennasser, dasselbe Regenwasser, das in Rußland im Rinnstein abfließt, benutzt mau dort überall zum Trinken, Und wenn cs kein Regenwasser gibt, gibt cs eine Dirrc, Krankheiten, Seuchen — — —“ An dieses Märchen muß icli fortwährend denken, wenn ich diesen Ucbcrfltiß an Wasser sehe. Jeder von uns hat ja diesem Märchen geglaubt - vor zwei Jahren, vor einem Jahr oder vor acht Wochen, bevor er noch hergekommen war . . . Schau wohin du willst — du siehst, wie Baumen gegraben werden. Wieviel Leben, wieviel Bewegung! Dutzende von Arbeitern gehen in Scharen ihrer ßc• schäftigung nach. Zähle alle diese Menschen zu• sammen — ganz abgesehen von denen, die sich, von׳ den Hügeln oder den Eukalyptusbäimien verdeckt, deinem Auge entziehen , , , und du wirst sprechen: ״Wir schlagen Wurzeln . , . , . Wirklich? Und dein Blick fällt auf alle diese arabischen Arbeiter, die du zu Dutzenden siehst und die du zu Hunderten kennst . . . und du richtest dein Auge auf dies eine Häufchen Juden, die hier um den einen Brunnen stehen — und du fühlst dien ganz vernichtet und Beschämung frißt an deinem Herzen-— So! Morgen muß man einen andern jüdischen Bauer suchen, der sich dazu versteht, an Juw״ Arbeit zu vergeben — — — (Aus dem hebräischen Sammelbuch ״Haomcr übertragen von A. Ho ro di sch.) i• י