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Jüdische Rundschau · 1916-04-14 · Heft 15-16 (14.4.1916) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 15-16 (14.4.1916)
Date
1916-04-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seile 130 J IJ Li 1)1 SCH li RUNDSCHAU «loch duitlich erkennbar schon die grolle Gefahr für den deutschen Zionismus gekennzeichnet: Die geistige Grimdcinstcllung gerade der Besten unter den jungen deutseheii Zionisten bedeutete die Kapitulation des Judentums vor «lein Europa des I1). Jahrhunderts. Heute stellt dieser europäische (leist in einer Krisis, und ״das Ziel“ ist eines der deutlichsten Anzeichen für die neue Richtung, die er cinschlagen wird und teilweise schon cingcsdilngen hat. Das Buch enthalt Id Aufsät/e aus den letzten Jahren, Arbeiten von Dichtern, Schriftstellern, Gelehrten, Politikern, die, von I leinrieh Manns berühmtem und immer wieder aufriiltelndem Essay ״Geist und Tat“ eröffnet, alle uninitlelbnre Wirkung auf die Gestaltung des Lebens wollen, /um Handeln aulforderu. Hilter will diese Richtung ״Aktivismus“ nennen, und sein eigener Aufsatz ״Philosophie des Ziels" sowie der von Ludwig Rubincr: ״Die Acndcrimg der Welt“ suchen ihr in großzügigen Auseinanderscl/iingcii mit der (iegenwart, die den Charakter des Buches bestimmen, den geistigen lluterhau zu gehen. Die Mangel dieser Arbeiten sieht auch der Dümmste. Man erkennt Menschen, die, so unabhängig sie sich auch den Inhalten unserer Zeit gegenüberstellen, doch im Formalen noch vollständig von ihr bestimmt sind; die, stets auf der Jagd nach dem Pormgöt/en von heute, der Intensität, mit der übliehen etwas kindlichen Verwechslung nicht das Riehtige, sondern (.las Extreme zu sagen bestrebt sind, weil ihnen das als intensiv erscheint; die ihren krampfhaften Apostateneifer zu den törichtesten Urteilen über Kunst, Philosophie, Geschichte anstaehelu. Man sieht weiter die Unbehoifenheit 11iIlers auf dem Gebiet der praktischen Politik, sein merkwürdig fragineutarisehes Programm für die ״Partei der ticisti-;,ren“, dem das Wichtigste, der praktisch-politische Zentralpunkt, fehlt, Dies alles zugegeben, scheinen mir doch die Werte der beiden Aufsitze und des ganzen Buches so sehr zu üherwiegen, dall ich gerade Zionisten gegenüber rückhaltlos dafür eintretcu mochte. Das praktische Ziel des Buches braucht in unseren Reihen nicht erst diskutiert zu werden; es ist die Politisierung der Geistigen, die Vergeistigung der Politik. Jede Förderung dieses Ziels, das auch einen Bestandteil unserer Arbeit unter den deutschen Juden bildet, muH uns willkommen sein, selbst wenn sie von einer Seite kommt, die uns fernsteht und in demselben Kreise wie wir arbeitet (über die Hälfte der Mitarbeiter des Buches sind Juden). Wer wirklich daran glaubt, dall unsere Sache gut ist, der muH auch das Vertrauen haben, dali jede Vermehrung der politisch Interessierten mit Notwendigkeit auch uns neue Anbanger Zufuhren muH. Er wird also die Bestrebungen dieses Buches zu unterstützen haben. W,ährend soweit also ״das Ziel“ durchaus mit den Bestrebungen der führenden deutschen Zionisten parallel geht, steht es in der Begründung, die es seinen Forderungen gibt, im schroffsten Gegensatz zu ihnen. Vergegenwärtigen wir uns kurz die geistige Situation der letzten Jahrzehnte, Die Anschauungen der Masse in allen Schichten waren selbstverständlieh durch den unmittelbaren persönlichen Nutzen bestimmt, wie das stets war und wohl auch bleiben wird. Ebenso waren die grollen geistigen Persönlichkeiten genau so allein und unter sieh verschieden wie in allen anderen Jahrhunderten. Bestimmend für das Gesicht eiiv.T Epoche sind immer die geistigen Mittelschichten, und diese zcifctcu, soweit sie überhaupt in Betracht kamen, eine ziemlich einheitliehe Stellung zu den irdischen Dingen, die sich negativ in einer verächtlichen Handbewegung gegen den ״flachen Rationalismus“, die ״seichten Aufklarungsidcnle“ äulSertc, jxrsitiv in einer einseitigen Verherrlichung der Gcfülilskräftc als solcher, des ״Triebs“, des ״Instinkts“, kurz des ״Blutes", das zu einem mystischen Begriff umgewandelt wurde und bei Bescheidenen ungefähr die Stellung einnahm, die früher einmal die Seele hatte, während kräftigere Naturen es gleich eine gottähnliche Rolle spielen helfen. Als Richtschnur für das Handeln ergab sich dann die Durchsetzung der Forderungen der Instinkte und des Blutes; wir haben gesellen, wohin sie geführt hat. Rasse ist eine Begabung wie andere auch: bei dem einen ist sie stärker, bei dem anderen schwächer vorhanden. Nur ganz wenige Juden waren stark genug, zu fühlen, wie eine Nachgiebigkeit diesen Strömungen gegenüber ihr jüdisches Wesen imibiegen und schwächen muhte: dieses Wesen, (las zu seinen stärksten Leistungen in den Propheten durch die Leidenschaft für die Gerechtigkeit, die rationalste aller Leidenschaften, gekommen war. Fast alle unter den jungen Juden, die überhaupt verstanden, was in unserer Zeit vorging •— von den Ahnungslosen rede icl^ nicht —, unterlagen den Zeitströmungcn in einer fast schmählichen Weise, so nämlich, daß sic nicht ernsthaft prüften, wie weit ihr Wesen ihnen entsprach, sondern daß sic die von den anderen geprägten Werte unbesehen übernahmen, lediglich dadurch bestimmt, daß diesen geistigen Mittelschiditen keine ebenso starken Kräfte von demselben Niveau ciilgcgcnlratcii. Ls war ein automatisches Fallen auf die Seile, die diesen jungen Zionisten als die stärkere erschien. So entstanden die grotesken Erscheinungen der jüdischen Studenten, die mit leidenschafilielicni Intellektualismus die seichten Aufklüriingsiilcalc bekämpften und das Blut priesen, oder jener anderen armen Jungen, die ihre klare Vernunft zum Mystizismus pressen mußten. Man atmet auf, sie alle auf dieses Buch, das deutlichste Zeichen der beginnenden Umkehr in den für sie maßgebenden Schichten, hinwciscii zu können, ihnen sagen zu kniHU'il ־ Mn Httiiii'r mul 1'riHintfp ihr iliirff wifdlT. Was hier 'nämlich sich zeigt, das ist, noch etwas unklar und verschwommen, der m1׳tc Rationalismus, liier wird das lauge verrufene Wort zum erstenmal wieder von Menschen mit l'ormgefitlil gebraucht, nicht nur von harmlos gebliebenen Aorzten und Naturforschem. Blülicr schreibt: ״Ls gibt nur einen Weg /tun Ziel; rationalistisch sein,“ Bei Rubiuer heißt es: ״Zu allererst müßt ihr flache Rationalisten sein.“ Dieser neue Rationalismus ist nicht metaphvsisclicr oder erke■ווווtuistlie«»retischcr Art; er will nicht Ueber-dmdiehcs vernünftig erklären oder aus Vermiuftprin/ipicii das richtige Weltbild;111!'bauen. Noch weniger i-d er etwa der Ansicht, 11,•111 das 11:111• dein der Menschen, wie sie jefzt sind, von Vernunftgründen bestimmt werde. Es ist ein ethischer, Werte setzender Rationalismus, der neue Normen für mcnschliebes Handeln aufstelleu will. Dabei kann es sich nicht darum handeln, eine der inneren Mächte, Gefühl oder Vernunft, /ugunsten der auileren atis/urotteu; die Frage ist vielmehr nur die: Welche soll über die andere herrschen? Und hier liegt (Ins Ziel des neuen Rationalismus: die Herrschaft der Vernunft über das Blul und die Instinkte; nicht Stärke des Erlebnisses und nicht Inleusital der Aeiillening als elhiseher Maßstab, sondern Gerechtigkeit. Von hier aus wird eine Neuwertimg der mcnschlieben Eigenschaften ausgelien, die für uns Juden von der lioelisien Bedeutung sein wird, Die heutigen Malle, die auf so viele junge Juden innerlich vernichtend gewirkt haben, die alleinige Sehätzung des irralionaleii Gefühls, die Verachtung der Klugheit, werden ,׳mfhöicu, richtunggchcnd zu sein. Jener eine unter den charakteristischen Typen des Juden, (len unsere jungen Ziomsicn sieh iinisuiis• zu leugnen bemüldcii, wird wicihr vorbildlich sein können: der Rabbi aus den Sprüchen der Väter, Aus den Arbeiten im ״Ziel“ steigen uns merkwürdige Eriiinerungen daran auf: Da ist einer der Unseren, Max Brod, der in wenigen Sätzen im Anhang seines Aufsatzes schlechthin entscheidende Dinge in dieser Riehtimg sagt. Und wer denkt nicht, wenn er Manns Aufsatz in die Worte Wahrheit und Gerechtigkeit atisklingen hört, an die drei Säulen der Welt, Emctli, Din, Sehalom? Vielleicht erleben wir es noch, daß auch deutsche Zionisten wieder zwei vergessene jiidisclic Eigenschaften bestimmend in sieb wirken lassen: die Weisheit und die Gerechtigkeit, die nach Leibitiz die Liebe des Weisen ist. ZIONISTISCHE BEWEGUNG Rumänien. Bukarest. Der Verein ״Saron“ halt allwöchentlich seine rege hcsuelitcii Veranstaltungen ab. Dr. J. Niem iro wer setzt seinen Geschiclitskursus fort. Die letzten Vorträge des Vereins behandelten jüdische Er/iehtingsl'rageii, jüdische Musik und Humor und die n.iggada. Der zweite Teil der Abende ist der Musik, der Deklamation und dem Gesang gewidmet. Die besten jüdischen Kräfte wirken dabei mit. Der ״Saron“ hat in einer grollen Auflage den vor einigen Jahren erschienenen Artikel der verstoibeuen Königin von Rumänien über die Juden her.iiisgegebcii. Dei hebräische Verein ״S i 11 n i“ macht schöne Fortschritte mul gewinnt neue Mitglieder. Seine Abende sammeln eine ansehnliche Zald von jungen Leuten, die das I lehräischc erlernen, G a 1 a t z, liier fand eine grolle Veranstaltung der Ortsgruppe ״II e rz I“ statt, R.-A. Saraga (Bukarest) hielt einen Vortrag über Bcacousficld, die Dichter Jacob (iro pper und Furie F 11 r t u 11 n lasen ans ihren Werken u. a. Anschließend daran fand eine kleine Feier zu Ehren des verdienstvollen Sekretärs der rumänischen Föderation, I Icrrn Leon F eu erstein, der das Jubiläum seiner zehnjährigen Tätigkeit leierte, statt, Vertreter aus der Provinz wohnten der Feier bei. — Der hebräische Verein ״Hatehia“ hält zweimal wöchentlich seine Sitziingen unter Vorsitz, des Herrn F c 11 c r 8 t c i n ,111. Bruila. Der Verein ״Snrou" aus Bukarest sendete schon zum vierten Male aus seinen Reihen zionistische Redner nach Braila, Es besteht die Absieht, eine Filiale der Bukarester Zentrale zu schaffen. Consta 11 z a. Hier wurde eine z i o n i 91 i ־ sehe Ortsgruppe gegründet, Craiova. Der ncugcwäliltc Rabbiner der Gcnicinde, Dr. L. Tliencn, hat die Initiative zur Orütidung einer zionistischen Ortsgruppe ergriffen. Nr. 15/16 Hilfswerk für Palästina H1111(lcrtt.111׳scnde von Juden in Rnfflanü Polen und (ializicn sind durch den Krieg a״fs Furchtbarste betroffen worden. Vieles ist schon geschehen, um die Not in diesen Gebieten zu lindern; große, jüdische Organisationen hnhen das Hilfswerk für diese Unglücklichen organisiert Unbemerkt von der Ocffentliclikcit haben aber auch unsere Brüder im II ei Ihren Lande mit der bittersten Not zu kämpfen,*und eben jetzt erreicht uns ihr Hilferuf, der die Juden aller Länder auffordert, die Juden Pa!;j. stinas und das jüdische Kokmisationswa rk vor dem Untergange zu retten. Wer mit der Lage der palästinensischen Judenlieit vertraut ist, der kam! es ermessen was es für sie bedeuten mußte, als sie durch den Krieg von fast allen Verbindungen mit der Außenwelt abgesclmittcn wurden, l eben dach in Jerusalem und anderen ,Städten des Heiligen Landes Tausende frommer Juden, dic auch zur Friedens/eit durch mildtätige jüdische Spenden aus allen Ländern am Leben erhalten werden müssen. Aber attcli die neuen jüdischen An- Siedler Palästinas, die in den jüdischen Kolonien mit ihrer Hände Arbeit den alten Boden zu neuem Leben erweckt haben, die sieh unter Mülien und Liitbelirimgen ihren Lcbcusmitcihalt selbst verdienen, auch sie sind durch das Unglück des iet/ten Jahres, sehr wider ihren Willen, gezwungen worden, an die I iilfsbcreiUclinft der jüdischen ()effenllirlikeit zu nppc'licrvn. Der Krieg hat den Export der Landesprodukte nnmöglich gemacht. Infolge des Mangels an Petroleutu konnten die Pflanzungen nicht bewässert werden. Die Felder konnten nur ungenügend hestellt werden. Zu allem Unglück kam noch hinzu, dali Palästina im vorigen Frühjahr durch Heuschreckensehw arme heimgesticlit wurde, welche die Ernte des Jahres zum großen Teil vermeldeten. Dabei sind die!,reise für die not* wendigsten Lebensmittel seit Ausbruch des Kn'eges auf das Vielfache gestiegen, und heute herrscht in breiten Schi e It 10 n d e r Bev ö I k c r u n g d i e H u 11 g c r s n o t. Um dieser Not w irksam zu begegnen, li.ihen sich in Deutschland eine Anzahl Pulüstiuaurgaiiisutionen zu einem ״Hilfswerk für l'alas t i 11 a“ zusammeiigcschlossen. A 11 all e d entselten J u d e n tritt jetzt angesichts der scliwicrigen Lage, in der sich die Juden Palästinas befinden, gebieterisch die Pflicht .heran, ihren bedrängten Brüdern im Heiligen Lande zu helfen. Möge niemand sielt dieser Pflicht entziehen! H i If s w e r k für P aIä s t i ua Geldsendungen sind zu richten an: Hilfwvcrk für Palästina Berlin W. 15; Postscheckkonto Bulin 1192׳. Der heutigen Nummer liegt eine /..׳hlkarte bei. AUS ALLER WELT Au» Russisch-Polen. (Dic B r e s t - L i t <> w s k e r Flüchtling׳) Ans Railzyn, wo gegenwärtig 1552 jüdische Flüchtlinge ans Brcst-Litowsk imtcrgi D icht sind, kamen zwei Mitglieder des Komitees zur t ater- Stützung der Brcst-Litowskcr Flüchtlinge nach ץ a rschau, um der Kriegsliilfskonunissioii einen B. rieht (h׳r bisherigen Tätigkeit des Komitees zu ei lien und um weitere Hilfe zu bitten. Von der Ki'cgS' hill'skominission an der jüdischen Gemeinde erhielt das Knd/yner Komitee bis jetzt eine Summ: '01י 11 628 Rubel, die schon längst aufgebraucht ist. Angesichts des nahen Peßachfestes sind neue (iuder besonders nötig. Die Mittel der Kommission sind erschöpft. Um die Brcst-Litowskcr Flüchtling'' ׳'*" den Feiertagen vor Hunger zu schützen, bc-ihlol) die Kommission zusammen mit der Rad/vncr Meiegatiou einen Blumentag zugunsten der I 11k bibngc in Rnilzyu zu \eranstaltcn. . Die statistische Kommission des /.cutrallnii״' der professionellen Vereine Warschaus untcrniiiiim jetzt eine Enquete unter den jüdischen Arbeiten׳ über ihre wirtschaftliche Lage wählend des Krieg«• Der Fragebogen, der 29 Fragen enthält, sucht unter anderem festzustcllcn, wieviel Juden und Jüdinnen an modernen Fabriken beschäftigt sind und "׳evic an primitiven Werkstätten, ob dic Fabriken זה Sonnabend oder Sonntag geschlossen sind, wie gro dic Arbeitslosigkeit ist, wie viele der jüdischen abeiter in professionellen Vereinen organisiert sina, wie viele dic Unterstützung der Hilfsorganisation genossen haben usw. ״ , . Wjelun, Hier ist eine Fröbel-Schule f kleine Kinder mit Hebräisch als Unterrichlsspracn eröffnet worden.

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