Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 15-16 (14.4.1916)
- Date
- 1916-04-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 126 J U L D1 S C h L R UNDSCH AU Nr. 15/16 schaff, der sic verbunden sind, lebendig ist 1 bis 111 den tiefsten Grund des Lebens. Der Prospekt der neuen Zeitschrift ״Der Jude“ ist ein Programm. Cs heilit in diesem programmatischen Prospekt: ״Das äußere Schicksal eines grollen Teiles des jüdischen Volkes ist in eine Umwandlung cingciretcn, die sieh nicht vollziehen darf, ohne da fl das seine Zukunft bejahende Judentum sein Wort dazu spricht. Die Zeitschrift ״Der Jude" wird darzustcllen versuchen, was an lebendiger Kraft,!mlitischer Bedentmig, wirtschaftlichem Wert, kultureller Leistung, religiöser Inbrunst im Judentum, und vornehmlich im Ost Judentum ruht. Sie will von dem gesamten ostjüdischen Leben Zeugnis ablcgen. Sie will in Gegenwarts- und Zukunflsfragen sein Aifwalt vor der Ocffentliehkeit werden. Sie will unrichtige und scliadliehe Anschauungen durch die richtigen ersetzen. Als eine in Deutschland, von deutschen Juden herausgegebene Zeitschrift wird sie berufen sein, mitzuarbeiten an der Bewältigung der Krisen, in denen die Juilen in Polen, Litauen und Kurland stehen. Die Zeitschrift ״Der Jude" wird die soziologischen Umschichtungen behandeln, die auf die Struktur des gegenwärtigen Judentums eiuwirken. Neue Ausblicke für die jüdische Zukunft können dabei gewonnen werden. Die Probleme der Wanderung und Neusicdelung jüdischer Massen bedürfen einer abseitigen Darstellung. Sie sind durch den Krieg in ein neues Stadium getreten. Der Zusammenhang der jüdischen Wamlerungsfrage mit den Zukunflsfragen des Orients und weltpolitischen Problemen serschiedener Art ist deutlich geworden. Besondere Darstellung soll finden, was die jüdische Kolonisation in Palästina bisher ^;cleistet hat und welche Bedeutung und Lntwickhmgsmöglichkeit in ihr ruht. Grund und Sinn, die Arbeit und die Aussichten des Zionismus werden erörtert werden. Die Zeitschrift ״I>er Jude" wird alle Fragen des jüdischen Volkstums behandeln. Das eigene, innere Leben der deutschen Juden und ihr Verhältnis zum Deutschtum und zu den allgemeinen deutschen Problemen werden besondere Berücksichtigung erfahren. Die Zeitschrift ״Der Jude" wird keinen Zweifel daran lassen, daß im Judentum der Wille z.ur eigenen Art und eigenen nationalen Lntwickluug vorhanden ist. Sie wird aus diesem Willen zur Selbslbehauptung heraus Kampf künden all dem, was Ligenart und Zukunft des Judentums verwischen und zerstören will. Sie wird der Ausdruck der jüdischen Selbstbehauptung sein, besonders, wenn es sich um die Abwehr feindseliger Angriffe handelt, gegen die sie nicht Fnlschuidigung und schwächliche Apologetik setzen will, sondern unbeirrte Darstellung dessen, was ist. Die Zeitschrift ״Der Jude" wird herausgegeben kommen und gegen sie seinen groben Kampf ausfechten. Aber vorläufig gibt es hier noch kein Leben, keine öffentliche Arbeit, keine Organisationen - alles schläft. Weib der Teufel, wie die Menschen so schlafen können und nichts fühlen und nichts merken. Auch diese jungen Pioniere glauben ihre Pflicht zu erfüllen, wenn sie körperlich arbeiten und au einem Orte durchhalten, während sie jvie ein Wind durchs Land brausen, die träge Luft aufrütteln, aufwecken und eine grobe Organisation schaffen müßten. ״Nein," sehliebt er, ״so kann man nicht leben. Faulheit und Ruhe, friedliche Gesichter, Mittagsschlaf . . . Das ist langweilig, langweilig! Ich muß nach Rußland zurück!" Man fragt ihn: ״Warum tust du nicht das Grobe? Wenn jeder einzelne so weglatifen wollte — woraus sollte sich das neue Element zusammensetzen?" ״Aber ich bin ja nicht hergekommen, um hier ein Arbeiter zu sein" — erwiderte er selbstbewußt — ״ich kam, Vereine zu gründen und hoffte geeignetes Material dafür zu finden, aber es ist noch nicht reif dazu!" Pfeifen und Lachen ist die Antwort auf diese seine Worte. ״Nieder mit dir, du Poale-Zionist, der du die Arbeit hassest! In die Grube!" Und einige junge Männer ergriffen ihn, stießen ihn in die Grube und zwangen ihn zu schaufeln — eine schwere, ermüdende Arbeit. Er begann zu schwitzen und sein rotes Hemd verblaßte ein wenig. Die übrigen hörten nicht auf, ihn zu necken. ״Nun, ist cs schön, ein Arbeiter zu sein, ist cs schön?!" Der Wortstreit stockt keine Minute. Jetzt greift er aus der dumpfen Tiefe alle die an, die Hebräisch in der sephardischcn Aussprache sprechen. Das Hebräischc muß ja überhaupt sterben — das Jidischc wird siegen I Ihm selber tue ja das Hebräische leid; er lebe ja auch davon. Aber Jidisch ist die Sprache der Masse, und die Masse schafft das Leben, und sic wird und geleitet von Dr. Martin Bub er. Zur Mitarbeit werden Juden und Nichtjiiden herangezogen, deren Aeulierimg die schaffende Gestaltung im Judentum aiiregcu und unterstützen kann, Die Zeitschrift ״Ikr Jude" fordert die Aufmerks.iniki'it der Zeit für die Lebensfragen des jüdischeu Volkes". Diesem Programm wird die Reihe der Mitarbeite!•, die sich zu seiner Bekundung zusammengeschlossen haben, die Aufmerksamkeit schaffen, wie sie solchem Ziel gebührt. Die Ankündigung des Verlags, die uns vorliegt, nennt aus dem Verzeichnis der Mitarbeiter und Beiträge; S. I. Agnon, Der Sendbote aus dem Heiligen Lande. Dr. Ilias Auerbach, Traditionelles und nationales Judentum. Dr. Hubert Auhagen, Dr. Marlin Bern dt, Der Jude als Richter mul Anwalt. Dr. Hugo Bergmann, Der jüdische Nationalismus nach dem Kriege. Dr. Siegfried Berufe Id, Jugend und Judentum. R. Bernstein, Russische und jüdische Feldpost. Micha Josef bin Gorion. Dr, Nathan Birnbaum, Zur ostjüdischen Schulfrage. Dr. Bruno Blau, Die Juden in den kriegführenden Staaten. Dr. Joseph Bloch. Kurt Blumenfcld, Das kämpfende Judentum. Adolf Böhm, Die jüdischeu Positionen in Palästina. I)r. Max Brod, Erfahrungen im ostjüdischen Schulwerk. Moses Calvarv, Jiddisch. Prof. Dr. Hermann Cohen, Die polnischen Juden, Rabbiner Dr. Emil Cohn. Dr. Oskar Cohn, M. d. R., Nationales Judentum und Sozialismus. Markus David, Zur neuen Orientfrage. Prof. Dr. Adolf Deißmaiin. Schulrat Otto׳ Eberhard. Oberrabbiiicr Dr. Markus Ehrenpreis, Balkanjudentum, Dr. Albert Ehrenstein. Dr. Oskar Epstein, Grundsätzliches zur ziouistisehen (icgciiwnrlsarbcit. Jchoschua F c 1 d nt a n n , Briefe aus Palästina. Hermann Glenn, Das Volk und der Einzelne. Prof. Dr. Marliij Hart mann. Moritz 11 e i m a n n , Ein Brief. I>r. Julius Hirsch, Der Jude und der moderne Handel. Dr. Richard I I111 d s c h i n e r. Dr. Benno J a r o s I a w. Dr. Carl J e n t s c h. Prof. Dr. Wilhelm Jerusalem. Prof. Dr. Karl Joel. Julius Kaliski, Palästina und der Weltmarkt. S. Kaplansky, Das jüdische Palästina mul die Tendenzen der Weitpolitik. Dr. W. K a p 11111 - Kogan. Fritz. Mordcchni Kaufm a 1111,, Grenzsperre. Dr, Jakob K I n t z. k i 11, Deutschtum mul Judentum, Bcrl Locker, Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden, Dr. Gustav Mayer, Zur Geschichte der Judenemanzipatioii. Dr, Max Mayer, Die hebräische Dichtung der Gegenwart. Arno Nadel, Das jüdisehe Volkslied. Dr. Curt Nawrntz.k i, Die Lehren des Krieges für die palästinensische Wirtschaft. Dr. Franz () p p e 11 h e i 111 e r. Dr. Alfons P a q u e t, Gcdanken zum jetzigen Problem. Rcichsratsabgeordsiegen. ״Und ihr kommt noch mit dem sephardischcn I IchräKch.“ ״Gerade Hebräisch, und gerade das Scphnrdisclie!" antwortet man ihm. Und jedes jidischc Wort, das er spricht, wird überschnell, bis er es hebräisch wiederholt; jede aschkemisiseh ausgesprochene Silbe, die das an das Sepli,irdische gewohnte Ohr befremdet, wird von zehn Leuten gleichzeitig verbessert. Lind er, der immer seine Geistesblitze leuchten lassen und die Perlen seiner Gedanken mittcilcn muß, muß nachgeben. ״Oh du willst oder nicht, du wirst Hebräisch sprechen, und zwar nur in der sephardischcn Ausspräche -- seihst gegen den Willen der Menge. Ja noch mehr, auch die Menge wird am Ende der Tage so sprechen!" Und der Unglückliche muß sieh bescheiden und mit der Zeit gewöhnt er sich so sehr daran, daß er die Härte des Spruches nicht mehr empfindet und seine Ideale hebräisch verficht — - — * Das Prinzip der hebräischen Sprache stand vom ersten Lage an bei uns fest. Mau muß auch die Arbeit jüdisch gestalten, den Brunnen von Anfang an jüdisch machen — dies ist der erste Brunnen, der von Juden gegraben wird, der erste Bauer, der diese Arbeit nach langer Wcigcrung Juden übergeben hat — der Brunnen muß ganz und gar jüdisch sein! ״Keine andere Sprache sprechen" — hieß es — ״Hebräisch, nur Hebräisch I Selbst mit dein Bauer darf man■ nicht anders sprechen! Und wer dies Gebot versehentlich oder absichtlich Übertritt, zahlt Strafe!" Einer ist unser Schriftführer und Kassenwart zugleich; er hat ein Notizbuch, in dem er die Strafen notiert. Auch die alten Arbeiter haben sich dieser Bc- Stimmung gefügt und sprechen hebräisch wie ״die Neuen". Der riesige Neger mit den! Spitzbart, der künftige Plantngenwächtcr hat auch schon ein paar Worte gelernt. ״Wie gclit's dir?" ״Towl" Er bricht in ein wildes Lachen aus und zeigt seine weißen Zähne in ihrer ganzen Schönheit und Pracht ... neter Engelbert l’crncrstorfcr, Die Jukiibaee in Oesterreich. Dr. Walther R a 111 e n ,ןן ו. |>r ן״,.נן Rohrbach. Dr. Max Rose 11 fehl, Polen ,ind Juden. Dr. Arthur Ruppiu, Die örtliche Virhrcitung der Juden und ihre Wanderungen in ihr \׳lu. zeit. R. Sa 1111 an, Die jüdische Selbstverwaltung im polnischen Staate. Dr. Arthur Salz. Dr. Max Schelcr. S. Schn cur, Bialik. Persönliche fr. inuerungen. S. Schocken, Der I'osnur hule Dr. Jakob S c g a 11. Dr. Rafael Selig 111 a 11 ן)< | / ״ ostjüdische Kultur. Dr. Kurt M. Singer, Abraham Sonne, Die hebräische Sprache und die Osimden. Ludwig Strauß. Dr. Lugen Tä übler. I)avis Tri et seh, Was bietet uns Palästina? Pro!. |)r, Otto W a r im r g. Jakob W a s s e r in a 11 n , I jüdische Genius. Prof. Dr. Max Weber, Das Imlcn• tum und die soziale Entwicklung des Okzidents, Dr. Robert Weltsch. Dr. M. W js e 11 n i t zer. Dr. Alfred Wolff. Hillel Z c i t li 11, Aufgaben <lcr polnischen Juden. Arnold Zweig, Die Juden im Kriege. Das sind Namen, die für die Bedeutung der netten Zeitschrift bürgen. Sie wird kein zionistisches Organ sein. In voller Unabhängigkeit der Redaktion gestaltet sie der Herausgeber zu einem Organ der Erkenntnis und Förderung lebendigen Judentums. Sie wird keine literarische, philosophische oder religiöse Zeitschrift sein, Männer verschiedenster Richtung werden :111 ihr niitarhcitcn, und doch wird sie ein Organ weiden, in dem sich alle die zusammenfinden, die der jüdischen Gemeinschaft Fruchtbares, zu geben haben: Juden und Nichtjmlen, Zionisten und Nichtzionisten, Männer des tlicoretisclieii Den* * kens und des praktischen Schaffens. Das erste Heft dieser Zeitschrift erscheint als Aprilheft. Aus den in diesem Heft enthaltenen Beiträgen sind unter anderem zu nennen: Martin Bubcr — Die Losung, Hugo Bergmann — Der jüdische Nationalismus nach dein Krieg, Fritz. Mordcchni K a u f 111 a n n — Grenzsperre, Moses Cal vary — Jiddisch, Max Brod — Erfahrungen im ost jüdischen Scluilwerk( mit verschicdcnen Beiträgen sind vertreten A. D. Gor* d o 11, R. S a 1 nt a n , R. Bernstein, Ernst Rappoport, Arnold Zweig, Siegfried Berufe Id, Berl Locker, Ludwig S t r a 11 ß u. a. Diese Zeitschrift will ״die Aufmerksamkeit der Zeit für die Lebensfragen des jüdischen Volkes finden". Es ist zu wünschen und zu erwarten, daß cs ihr gelingt. L. H, Mau will an dem Brunnen eine Tafel niihimgc«, die kommenden Geschlechtern seine EiiKHhungv gcschiehte berichten und von der Tat des H.mcrt und seinem großen ״Opfer" Zeugnis ahlegen soll, daß er jüdische Arbeiter dang . . . Der Bauer lächelt uZd spricht leise: ״Wie lange wollt ihr noch Possen reißen.•‘ Für ihn sind das Possen, nichts weiur . . Schade, daß mir kein Witzwort einfallt, \■»lebe* ich ihm entgegnen könnte. Eine ernste Antwort verdient er nicht. Der Brunnen ist schon einige Meter tu׳!. Iht in ihn gehauenen Stufen, auf denen die;'fbeittr standen, zerbröckelten und sanken zusammen im: de» aul ihnen Stehenden in die Tiefe. Ein i!enden• geschrci erschallt: die Leute sind unverletzt gehlulH•«. Mail brachte Bretter aus Lukalyptuslndz. Li* langes und dickes Brett legte man auf de״ Brmmeii• raiitl. Zwei oben aneinander gebundene Enk.iliptus• bäume stellte man an der einen Seite• des Bimmen* auf, einen dritten an der anderen: auf die Krone« wurde ebenfalls ein Baum gelegt, an dem drei lödcr befestigt wurden, um so die Körbe heran!- mm hcrab/uwimlcn. Die drei, vier besten Arbeiter standen in der Grube und schaufelten. Auf dem Brimueitraiuk sali*• auf einem hierzu besorgten Brett neben jedem Ha״ zwei Männer mit den Beinen im Brunnen und zage* an dem über das Rad geführten Seil die volle■ Körbe herauf. Die Korbträger leerten den Korb im״ warfen ihn dann in die Grube, vorsichtig rechnend, daß er den Arbeitern unten nur ja auf den Kop falle. Lacht der Schaufelnde, so ist cs gut; P' *r erzürnt, so sucht man ihn zu besänftige״, imk man ihm einen zweiten Korb auf den Kopf ‘1יי* läßt ... Unter den Korbträgern ist ein alter, l.mgbarbi! Jude. Sein ganzes Gesicht ist von Haaren bcdci , und ein Paar Augen leuchten heraus, in denen Lc und Jugendlichkeit glänzt. Er ist schon zum zwo f