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Jüdische Rundschau · 1916-04-14 · Heft 15-16 (14.4.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 15-16 (14.4.1916)
Date
1916-04-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Sehe 125 Nr. 15/16 imfrndilU;״cn -- Sprachenfrage. An Sü lle dt•!■ KräfU׳e1Hl׳''H1111K tr;,t KVKcnscitige Bekämpfung an SI1־H1' ‘11־1־ i'iihifjcii, schaffenden Arbeit -- ״Crvosi־, /cisel/eiule Diskussion. Wen״ es sieh ״miifrsiens dabei noch nm den Kampf zwischen Assimilation und Nationalismus, /wischen einer inclitjiithsehe״ und einer jüdischen Sprache gebaitcfelt hätte! So aber war cs ein Kampf von Afcnsclu'ii, die beide einen gemeinsamen Todfeind Imhcn: die Assimilation. Jeder neue Kampf f]1ul jode neue Erschwerung der Arbeit war immer zugleich ein stiller Sieg der Assimilation über die nali.male Idee. Und wenn dieser Kampf wenigstens einen inneren Sinn gehabt hätte! Wenn ihm wirklich diskutable Meinungsverschiedenheiten zugrunde 1;elegcn wären! Aber er ist nur auf ein einziges jrralies Mißverständnis zurück/iifübren: mau wollte sieh itiit der Tatsache der ost jüdischen Zweisprachigkeit nicht abfinden, Mau wollte eine der beiden Sprachen, die nur in inniger gegeii'-eitigcr Verkettung der zerstörenden Macht des (iiiliis zu widerstehen imstande sind, elimiliieren, hc/w. sie der unbestrittenen Herrschaft der anderen ״opfern״. Das wenigstens war die Tnidcn/ der äußersten Flügel der beiden!,11afangen mul zwischen ihnen gab cs Schattierungen aller Art. Die beiden einander bekämpfenden l'.irteieii irrten in dem (ilatiben, daß die jüdische Kultur des Golus auf eine der beiden jüdischen Sprach( n allein aufgebaut werden könne. Die beschichte lehrt uns, daß überall da, wo der ״Jargon“ aiifliörtc, eine lebendige Macht zu sein, auch das Hebräische abbröekelte und bis auf die geringen Spuren der syiiagogalcu Kultsprache verseil«and mul daß überall da, wo das Ilebraiselir im Rückgang begriffen war, sieh der ״Jargon" immer mein׳ an die Landessprache assiiinlicrtc. Das Duppelwesen des |udaeo-l lebrais* * imis ist eine innere Notwendigkeit jeder jüdischen tmlii'-kiiltur. Das Jidische erneuert und vertieft sieb ,111! Hebräischen, das Hebräische erhält sich als lebendige Kraft dank dem jidischcn Milieu seiner I rager. Wer das eine Kultureleiucnt he- );du, kam! das andere nicht verneinen, ohne suikiii Knlliii'kleal den größten Schaden /m/mtilgen, n es zu untergraben. Die Wahrheit dieser kiilinrelleii Wechselwirkung von Hebräisch und JkImIi hat in den Vertretern der ostjiidisehen Lin 1.um ihren beredten Ausdruck gefunden. Man bum /war von ״hebräischen" und ״jiilischen" ־aoiiu'iiili.11 Schweiß mul de״ Kopfsehwimfel — echte VtuNui' Die (irnbe wird immer tiefer, eine neue sm.0(111!a ist pldt/lrcli gleichsam aus der Erde <!!1|'1״,.cu.1ehscn uml steigt auf empor empor.., * Hack, 't ick,!lack, hack - so \!t * 10:*<• n /,vei, drei Tage. Die Arbeit schreitet ' ׳r> I1 spaten bohrt sieh in wechselnde Lid- 'd'iöil!״ Iler Ich zersplittert, das ITdrcich /ertKulali, 11k׳ (inilie wird tiefer und tiefer. Iiiidhi noch herrscht die gute Stimmung unter den '!L1tae Die schnelle Arbeit lieht den Mut. Sic ‘"11"keil, 1!du׳ Arbeit ihren Körper stahlt, und o ׳"י '■ij ilire Brust und befühlen ihre llaud- ,""'י ela Die drei Araber, die mit den Juden ׳k׳m1m״ irbeitclei!, sind nach und nach fort- ,'1"öieii Davon sprechen die Juden unablässig und ■;‘״:l sai1 Muhe, den Bauer und seine Genossen I "״ai /n iigern , . , Welch ein (iliiek die In- I 1:"1'■'"1di 1 Ii.iIh'11 uher die!•'cllachen gesiegt und 9 11 I reu■י,!־ kennt keine (irr n/cii! jeder I r.iiimt M “1111' 1י einen Kameraden seine Phantasien mit, fl l'ed! n und Lullen steigt aus der (inibe empor "',1׳ '/״,׳) יanher, ■ , hlui/iij, ijuiehdiiimt eine Stimme von nuten die ä :■ t 1״'iiain.i^tcn, Traumei׳! Arbeitet fleißig und redet ׳■ >|ll״' ״‘llm' Vieh Arbeiter! Minuten warte ich -ijl ',,01101 י• von euch meinen Korb wi<׳dc1׳zulu:- if| p ' l״) du-er ״IT ißigi“ beugt seinen Körper fast ״׳ ' 1 8|דr k' ׳' iideii Stellung und sehaufelt iimi seliait- J|!,,* S| m lleiml klebt ihm, am Körper er 11״‘ /,״׳״ 1׳ Schweilt und mit Staub bedeckt. Und jf "kne Au (hören, ohne l 'nterlaß. Nur von Tal v,L /״ y׳l'h wirft er einen Seitenblick auf den .9 ',״','tkcher Wk Ht‘Wf Ar,n'iu‘r is( j״״K. «<«25 «־jäl1rig. Er ist 1■ h ,/"'11k und hat ein robustes Gesicht. Etwa -II Hg, ',1’ is* er schon in Erez Israel, Er licht die ol 1 1111(1 hoff! durch sic Ehre zu ernten. Dichtern und Schriftstellern sprechen, je nachdem die Mehrzahl ihrer Werke Hebräisch oder Jitlisch geschrieben ist. Es gibt aber fast keinen bedeutenderen unter den heute lebenden Vcrtrc• tern ostjüdischer Literatur, der nicht in beiden -Sprachen schöpferisch gewirkt hätte oder dessen Werke nicht zum mindesten auch in die von ihm nicht oder weniger gebrauchte Sprache — mul häutig sogar durch ihn selbst — übertragen Worden wären. Für den Westjiulen ist cs nicht leicht, sich im Komplex der ostjiidisehen Doppclkultur zurechtzulindcn. Die Kultur-, Schul- und Sprachenfrage in Palästina ist ihm sehr verständlich, insofern dort das kulturfähige Element einmütig das Hebräische als seine nationale Sprache bediugtmgslos anerkennt und leidenschaftlich pflegt, während der alte Jiscliuvv, soweit er sich dem neuen nicht anschließt, m völliger Stagnation verurteilt ist. Was dort in den letzten Monaten vor Ausbruch des Krieges als Kampf um die hebräische Schule aufflackertc, war nicht die Folge innerer Kultnrdifferenzcn der palästinenst scheu Juilenlieit selbst, sondern ein von einer einseitig orientierten (iolttsorganisation ins Land getragener Kampf um Macht und Vorherrschaft. Die glückliche Fraglosigkeit der hebräischen Sprache in Palästina wirkte belebend auf das Interesse des west jüdischen Zionisten, der das I (chräische mehr im Hinblick auf sein zionistisches Ideal 11 ml seine Vcrwachscnhcit mit Palästina als wegen der historischen und modernostjiidisehen Literatur betreibt. Ganz anders hinsichtlich der ostjiidisehen Kultur- und Spraehcnfragc. Ffier tritt dem Westjiitlen ein ungewöhnlicher Kulturlvpus entgegen. Während er rings um sich nur ciiispradiige Kultuicit sieht (alle europäischen Völker haben eine einspraehige Kultur, wenn auch manche an m c lt 1׳ e r e n einspraehigen Kulturen teilnelnneii), stößt er plötzlich im jüdischen Osten auf eine Xwcisprachenkultur. Und es ist nur zu verstandheb, daß er den Kampf der Geister für Ficbräisch gegen Jidisch oder für Jütisch gegen Hebräisch mil großer Aufmerksamkeit verfolgt, ja Stellung zu dieser unglückseligen, zur Auflösung führenden Tendenz nach einer cinspracliigen jüdischen Kultur im Golus nehmen will. Nur schwer begreift der anders Erzogene die aus dem Leben erwachsene Notwendigkeit dieses einheitlichen Doppelilaseiiis der ostjüdiselien Kultur, Seme Zurechtweisung ferdarb Für einige Minuten die pule Stimmung. Alle begannen ihn zu necken, bis einer ei zahlte, was der ״Fleißige“ gesagt, als er aus Jerusalem gekommen war; .,Von jetzt al>'' sprach er damals ״lasse ich von meinem /innisnnis, Ich war in Jerusalem, und nuelulem ich die vielen Moscheen und Kirchen mit den Mmarets und ihren Glocken gesehen habe, glaube ich nicht mehr damit, daß diese schöne Stadt 1111 sei׳ sein wird. Nur durcli ein Wunder kömtu׳ dies geschehen, durch den Messias, und der Messias wird 111 dieser sündigen Zeit nicht kommen. Und wenn leni-.ilcni nicht unser ist, was soll mir das ganze ״Land r Ich werde nach Rußland lirimkcilreu Alle lachten laut;»11). Und der ״Fleißige‘׳ beugte ^eh noch mehr zur Erde und man hörte seine vorhollem■ Summe: ״Wollen wir sehen, wer in Erez Israel Weiht, ich oder ilu"‘• * ledei In•(rächtet sein Hk'ilren im Land als ciul- ״,illip sicher. Will dem, der daran zu zweifeln wagte! Dicsi i (icdaiikc belebte die ganze Scliar, in der Alle und Nein gab. Dies schöne Fand, diese;Mime Main hier ist gut leben, liier ist gut sterben. Und Worte, scharf wie Messer, wurden gegen dw ״Verräter“ geschleudert, die das Land verlassen!laben, und;:!gen die Pioniere, die sich bescheiden iniilhcii und zu Sulnentioiien griffen . , . jvizt wird hier ein neues Geschlecht arbeiten! Da kam ein Neuer zu uns — vor zwei Tagen hatte er das Schiff verlassen. Icthr von uns fühlt sicii liier im Lande als Einheimischer, sobald er hier einige Tage verweilt. Als sei er liier geboren, Und jeder ״Neue“ wird mit Jubel nml Freude begrüßt. Nach einigen Tagen erweist er schon die gleiche Grinst einem anderen, die Guns( des ״Liiiheiurischeu'' gegenüber dem neuen Fremdling“, der noch ihm gekommen ist. ” Der Neue war sehr modern: schwarze Haare, die auf die Schultern herahw.alltcu, langer Bart, eine Bulle, an der Mütze ein blinkender Schirm, ein rotes Hemd — ״־״־ •־ Hier gilt es, noch aufklärend zu wirken. Der Westjude darf nicht eine der beiden ostjüdischen Sprachen als die ״eigentliche‘‘, lebendige, die andere als eine der Vergangenheit angehörende, die kaum mehr als philologisches oder literaturgeschiehtliehe? Interesse in ,Anspruch nimmt, ansclien. Beide Sprachen sind eigentlich und lebendig und beide haben, innig ineinander verwoben, ein Anrecht auf die Zukunft — im Golus. Die jüdische ScluiHrage im Osten wird früher oder später eine praktische Lösung finden müssen und cs wird sich am Lehrplan der jüdischen Zukunftssclmle das innige Doppelwesen der ostjüdiselien Kultur deutlich offenbaren. Dann wird sich auch in Westeuropa die Erkenntnis durchsetzen, daß cs in der ostjüdischen Kulturfrage viel weniger auf Parteiergreifen als auf Erfassen des Problems, weniger auf ein Stellurigiieliiiicn in der Diskussion über die gegenwärtig akute ״Sprachenfragc“ nnkommt als auf eine innere Anteilnahme an den Werten der ostjiidisehen Zweispraehcnknltiir. M. M. ״Der Jude“ Eine Monatsschrift*) Eine neue Zeitschrift ist gegründet, für jüdisclie Dinge und jüdisches Wollen. Die ihr Antlitz, bestimmen und ihren Weg bahnen, haben nicht erst seit gestern und Vorgestern das Judentum als eine Tatsache und als eine Aufgabe im Bewußtsein!und im tätigen Geist; sie mühen sich mit ganzer Hingabe um die jüdischen Fragen, die Frage des jüdischen Lebens, seit sie selbst und weil sie selbst das Erlebnis ihrer jüdischen Persönliclikcit und ihrer jüdischen Gemeinschaft erfahren haben. Die neue Zeitschrift gründen sie jetzt, weil es ihnen als unabweisbare Pflicht in der Seele brennt, alle Kraft an die Durchsetzung ihres jüdischen Seins und Zukunftwillens zu setzen, weil sie nicht grübelnd und betrachtend beiseite stellen wollen, wo Wendungen, Umwandhingen, Scheidungen vor sich gehen, weil sie sieh vor Feind und Freund für ihre Gemeinschaft cinsct/cn wollen. Weil, um es nochmals zu tagen, ihre Teilnahme;1111 Geschick der Gemein- *) ״Der Jude", eine Monatsschrift. R. Löwit Verlag Berlin-Wien, Berliner Adresse: Berlin N. 37, Weißt nburgvr Str. ft. Der Jahrgang M. 10,■ -, das Halbjahr M. ־% , das Eüi/clheft M. I, . «——■■־׳־. ...-״■■ .. ...■—י■.. .....ו״י״■■ ״Der verkörperte Sozialismus!“ riefen mehrere zu gleicher Zeit. Sein Körper ist diüin und aiisgcincrgelt. seine Gestalt klein, die Hantle und Lulle bewegt er in einer eigenartigen Weise, sein Mund ist eine uuerschöpf liehe Uiuclle, seine Sprache ist kurz und nbgehackt, seine Augen sind klein und funkeln wie glühende Kohlen , . . Er war in Rußland Lehrer, er gehörte zu denen, die in der Jeselmva aufrührerisch wurden. Er wurde Zionist, daun, durch den Strom fortgerissen, Poale- Zionist und erprobter Wandcrredricr, und die Zahl der Haart' an! seinem Kopf ist die Zald der Vereine, die er gvgnbvdet hat. Von morgens bis abends und von abends bis morgens lief er nm ciiicni Verein zum andern und verteilte Broschüren und Flugschriften 111 Menge . . , Und in der Tat, er war sehr leicht- Ilißig. F.r teilte uns mit, er sei nicht liergekomincn, um zu blcibun, sondern nur lur kurze Zeit; er wolle einige Vereine gründen und übeihaupt sehen, inwieweit das I and dazu geeignet ist, die Proletarierfrage zu lo-cn. Wie er vor uns stellt, ist er nieht Palästinenser ans irgendwelchen romantischen Gefühlen heraus, sondern nur aus reinem historischen Materialismus, Es gab freilich eine Zeit, da er Aehad-t la.imist war. Und eigentlich verehrt er diesen Bourgeois auch jetzt noch, aller das [.eben, das Leben hat diesen Cliowcw- Zion widerlegt, Nur ein System gibt es, eins das ganze Letzen erschöpft; kurz, gefaßt lautet es: Das jüdische Proletariat leidet doppelt: durch die jüdische Bourgeoisie und durch das russische Proletariat, Die jüdische Bourgeoisie selbst hat auch zu leiden, für sie gibf es nur tlas eine Heil — ein eigenes Territorium. Es braucht natürlich nicht gerade Palästina zu sein, aber da die Bourgeoisie durchaus Palästina haben will, so mag es dabei hlcibe«. Sic wird also nach Palästina kommen und sich hier nach dem Gesetz, der geschichtlichen Notwendigkeit niedcrlassen, und dann wird das Proletariat

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