Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 15-16 (14.4.1916)
- Date
- 1916-04-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 124 JUEPISCHE RUNDSCHAU Nr. 15/16 Staat konscqucnterwcise mit einer Bevölkerung!»- gruppe keine Ausnahme machen konnte, so bestand für die Juden, vor die Alternative gestellt: entweder als Nation ohne Bürgerrechte, oder als Bürger unter Preisgabe nationaler Eigenart fortzucxisticren aus NiHzIiclvkcitsgründcn keine andere Wald, als der zweite Weg. Breilieh war mit diesem formellen Akte der Emanzipation die Stellung der Juden im Staate erst recht schwankend geworden. Denn bis zu einem gewissen (iradc muhte die Emanzipation immer nur eine Formel bleiben, deren Geltung mit der zunehmenden politischen Reaktion gemiudeit oder von vornherein durch den organisierten Judcnhah in der (iesellschaft unwirksam gemacht wurde. Die wahre Konsequenz der Emanzipation, die vollkommene andere Vcrsolmung mit der Umwelt, war fast nur durch den Abfall zu erreichen, wie 11 ies in der Literatur Heine und Börne, in der Kunst Meyerbeer mul Mendelsohn, in der Politik Disraeli und Las,alle, in der Wissenschaft Marx und Ricardo bewiesen haben. Wenn so von den Ufern der Seine bis au die Ufer der Spree sich 11 as Dasein der Juden von ihrer nationalen Wesenheit los- Zusagen begann, dem Diktat des staatlichen Kulturdcspotisimis sieh beugte, die tollste religiöse Reformierend bis zur (iriüuhmg 11er fast vollständig kirchlichen Rcformgemeinde einreihen konnte, wenn selbst in Polen mul Rull-!and der zersetzende Reformgeist sich׳ in der Berliner Haskala, später in der polonisicrendcn mul russifizierciulcu Aufklärung sieh (ieltung zu schaffen suchte, so vermochte doch noch die Spannkraft des inneren Lebens den Druck jener kosmopolitischen Wcltenideologien leidlich auszuglcichcn. Die mehr instiiiktmällige als zielbvwubte Ab- Iclmuug des rcformcrischcn Radikalismus, welche ein Ludwig Philippso» in die Worte: ״Weder Reformnoch orthodoxer Jude, sondern deschichtende,״ kleidete, die wohl das jüdischnationale Prinzip ablehnenden, lediglich den religiüscn Standpunkt, allerdings in voller geschiehtlieber (ieltung betonenden P) Briefe über das Judentum des Ben-Usicl (S. R. Hirsch), die durch die dründung der ,,Alliance Israelite Universeile“ gekrönten Bestrebungen zur internationalen Vereinigung des Judentums, tlie von cchtuationalem (leiste durchtränkte, mit dem Hcrzblutc des Selbsterlebnisses geschriebene Geschichte Einen Brunnen haben wir gegraben Von M. Wilkanski (Aus den A u f z e i c h 1111 n g c!! eines j 1111 g e 11 Arbeit e r s) Die Sonne ging auf, schön, jung, freundlich. Sie stieg empor hoch zum Himmel, Lieht und Wärme über die ganze Well strahlend. Und während sic aufstieg, begann sie ihr Spiel mit dem Schatten der Berge, der Bäume, der Striiueher, ihr Spiel mit den Wanderern auf den Wegen , . . Sie verjüngte und erfreute auch uns. Fünfzehn Manu stark gingen wir daher, bewaffnet mit Spaten, Hämmern und Körben. Den Sandweg schritten vir. Der Weg war schwer, und wir gingen langsam,;,,.׳,ulet in SchwcilS. Etwa eine Stunde gingen wir, bis wir zu dem ganz mit Weiu und Mandeln bepflanzten Bergabliang gekommen waren; liier batten wir zu arbeiten. Herrliche Weinberge ziehen sieb weit, weit hin, bedecken das Tal und alle Höben — soweit das Auge mir reicht. Ein Eukalyptusliniu fesselt durch die Hölle seiner verzweigten Stämme den Bliek; es scheint, als wollten die Bäume die Sonne verdunkeln, sie werfen lange, lange Schatten , . . Hoch aufgeschosseue Palmhäume ragen liier und da mit gelieininisvollem Stolze zum I liiniiiel und wecken traurige, geheimnisvolle (iedanketi und eine unklare Selmsucht . . . Gen Osten — die Berge von Juda und ilire Felsen, die auf ihrem Rücken das Geheimnis der Urzeit tragen; hier und dort — Maulbeersträucher, Oelbauniliaine, Gemüsegärten, die in ihrem Schoße das Dunkel der Zukunft tragen . . . Und gen Westen — ein blauer Streifen, der sich am Horizont mit dem Himmel vereinigt — das Meer in seiner ganzen Herrlichkeit, Die Düfte berauschten mich, mein Auge hing an jedem Baum, jedem Strauch, jeder Blume, Tiefes Schweigen herrschte ringsum, und wir alle standen wortlos, verstummt vor dem herrlichen Anblick und gebannt von der ganzen Schönheit und Pracht. des jüdischen Volkes von Heinrich Grat/., Moses Heß’ ״Rom und Jerusalem“, die wunderbare Stimme eines Predigers in der Wüste, waren Symptome, dall der jüdische Volksgeist ttnniöglieh dem dürftigen Ideale der Assimilicrting erliegen und bald die Kraft zur Regeneration finden würde. Die wirtschaftliche Krisis im Beginn der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts, die Stärkung des nationalen Gedankens im Kampfe der Balkanvölker um ihre Freiheit, das Erwachen des Antisemitismus in Deutschland und Frankreich, die Pogrome in Rtillland heleiteten der Assimilationsbewegnng eine zerschmetternde Niederlage. Jetzt wurde es In Ost und West wieder lebendig, jetzt begannen die idealistisehen Bew egungen der ,,Ultibat Zion“ in Ruh- 1:1ml, Galizien, Westösterreich und Deutschland, jetzt wurden die neuen nationalen Vereinigungen gegründet, die hebräische Publizistik, geführt von Smolcnski, Ben Jcliuda mul den anderen Pionieren, feierten eine wahre nationale Re* naissanee, selbst die russisch-jüdische Pnblizistik stand unter dem Bann dieses Wandels, und die neue Richtung fand auch einen Theoretiker in Aeh.nl llaam. Neben der durch das Territorial-Prin/ip getragenen Idee tles palästinensischen Zionismus, von dem sich später der Ten um ..11.., ab/.weig;, liefen die Strömungen, v.cTl.o die Lö.mng der nationalen Trage auf ü v 111 i 1 י x 1C1 i Li v' 1 Ualutlilieimat suchten: Der von S. M. Dubnow formulierte Autonoinisnius, die Bestrebungen zur Erlangung nationaler Autonomic in Galizien und Bukowina, der urspriinglieh assimilatorische, seit 1001 nationalistisch!( Arbeitcrhmid in Polen und Litauen. So hat sielt allen Fährnissen zum Trotze bis auf den heutigen Lag die ganze jüdische Geschichte hindurch der nationale Gedanke sieghalt behauptet, mul selbst in den Tagen tiefster Demütigung den Drang nach freier Geltung in der Seele des Juden nicht zu ersticken vcrmoelit. Seine wunderbarste Auferstehung aber feierte er in unseren Tagen mit dem nationalen Prinzip, das mitten im Waffeitlärm , mehr denn je sein Anrecht behauptet. Wenn angesichts der furchtbaren hulleren Lage, in der ein grober Teil des jüdischen Volkes heute zu leben vcrurteilt ist, etwas Mut und Lebenslioffnttng einflöhen kann, dann ist es der heilige (Haube, dali der jüdische Nationalismus in diesem vielleicht letzten geschichtlichen Ringen mit allen Die Stimme des Hauern erweckte uns zu unserer Arbeit. Wir stellten unser Gerät zu Boden, streiften die Schuhe von den Füllen, legten die Kleider ab und blieben barfuß und im Hemd, gegenseitig uns belächelnd . . . Wir nahmen einen Pflock, schlugen ihn in den Boden ׳und befestigten an dem Pflock eine Stange; das gab einen großen Zirkel. Mit ihm zogen wir dann einen Kreis von der Größe eines Brunnenran des. Die Spaten wurden .׳ingesetzt. Schon der erste Hieb trai einige Reben; man rill sie aus und warf sie beiseite das Herz erzittert , . . A|lc diese licrrliehen Reben müssen mm sterben, Ilire Blüte, ihre Pracht, ihr Zauber, all das vermag nicht den Willen des Menschen zu hemmen. Sie erfreuen nicht mehr das Iler/, des Winzers, denn sie geben Wein und nicht Brot, da spricht er erbarmungslos das Todesurteil über sie - und linrtlicrzig vollstreckt er seinen Richtersprueli. Liner nach dem andern werden die wurzelreichen Strauche!• ausgelassen und sic liegen auf der Erde wie Dornen und Disteln . . . Ein Heißhunger, Plantagen zu gründen, hat alle erfaßt; es ist eine Ware, die jetzt viel Käufer findet und viel Geld einbringt. Alles Land, das sich für die Bc- Pflanzung eignet, steigt von Tag zu Tag im Preise, und jeder Besitzer eines solchen Stückes Land vcrkauft es streifenweise. Und wenn cs mit Wein bepflanzt ist, so wird er beseitigt . . . Und die Zahl der Plantagen wächst in der Nähe der Kolonie, Wer solchen Boden bat, der bohrt ein Loch in das Erdreich, immer tiefer, immer tiefer, bis die Grube sich mit Wasser füllt. Dann kehrt er *freudig heim, schreibt und überlegt, überlegt und rechnet — und eine neue Plantage wird augebaut. Aufgeworfene Sandhaufen sicht man hie und da — ein Reichen dafür, daß!Plantagen um die Gruben herum erstehen werden. Die Spaten werden gehoben und gesenkt, gesenkt und gehoben. Zerbröckelnd )liegt das Erdroidi nach allen Selten. Gegenströmungen triuniplvicren muß. War das 10. Jahrhundert für das. Judentum das Jal]r. hundert des religiösen Kampfes, so wird jm 20. Jahrhundert die nationale Frage zum Austrag kommen müssen. Das Judentum ist vor die Alternative gestellt: Entweder nationale Liquidation und Vegetieren als Religioiiswesen In spiritueller Heseiiaiilichkeit oder Wicderer• Stellung als Nation, die tlnreh die Berührung mit der Muttererde gleich׳ jenem Riesen Anthäos immer neue Lebenskräfte gewinnt. Für tuis die wir heute tief in der Seele die Geschichte und das Symlxil des Peßachfestes begreifen und die da glauben, daß die Geschieht!־ nicht aus (j״cr Zusammenfassung von Zufällen, sondern nach Sinn und Zweck wird, kann über den Ausgang dieses Kampfes kein Zweifel bestehen. Dr. Josef Mcisl. Zweisprachige Einheitskultur Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie unzulänglich das jüdische Lehen der Diaspora ist, die ostjiidischc Scluilfragc, die seit einigen Jahren in Rußland und Galizien Gegenstand ernster Beratungen und Pläne ist, hatte allein genügt, um zu zeigen, wie wenig das Lehen im Lxil seihst dort, wo es am intensivsten blüht, aus sich heraus wirklich fruchtbar zu sein vermag. Die Schule ist vielleicht der bedeutendste Mafistab lür die in einem Volke schlummernden produktiven Kräfte. Hier kann es alle seine inneren Werte nach außen proji/ieren. Und daß das jüdische Volk, unter giinstigeren Verhältnissen, imstande ist, eine seinem Geiste entsprechende Schule zu schaffen, zeigt deutlich das hebräische Sehtilwerk Palästinas, das, seit 15 Jahren bestehend, eine innere Festigkeit bewies, die die Widerstandskraft der alten Gliederschulen Rußlands und Galiziens um ein Vielfacltes iibertrifft. Der ostjüdischen SelmIfrage aber haften die charakteristischen Merkmale an, die unser ganzes Diasporaleben beherrschen: die niederziehenden Mächte der äußeren und inneren Zerrissenheit. Es ist eine der betrübenden Erscheinungeti der Diaspora, daß die Sehnlfrage, die die erzieherischen Kräfte des Volkes hatte entfesseln und gmßzichcn können, zusammengeschrumpft und verdorrt ist. zu einer mageren Der Kreis wird an seiner Peripherie ausgeliohh, die Spaten schlagen hart auf den felsigen Boden Wir sind Arbeiter geworden! Wir graben einen Brunnen! Wir tun dasselbe, was unser Ahn Abraham, was Isaak getan hat — und in demselben Land(. Wir werken Wasser im Land unserer Liebe Lin Brennen mehr und noch ein Brunnen mehr, und bald und es im ganzen Lande Israel keinen Umkreis gehen, der nicht eine Anzahl Brunnen hätte! Wir bohren die schwarze Erde, den barten Fels, immer tiefer, immer tiefer, bis ein ,Strom Wasser cmporquillt, lebendiges Wasser! Und Stücke aus der Bibel, aus den Propheten umschweben dielt und klingen aus eigener Kraft. Deine Phantasie webt das All ringsum zu Bildern . . Abraham .und Sarah — Isaak und seine Gespielin, vor Neugier sielt bergend — Abimelecli, Pinthol, die Philister — der Streit um die Brunnen — ך Und die Hände, die noch nie Werkzeug Im-Iten, lieben sieh und senken sieh in starken, trotzigen Bewegungen, und die aufrechten Gestalten hingen sich in der Arbeit, und die Begeisterung׳ timi die Arbeitsfremligkeit wächst von Minute zu Minute, als schaufelten wir nach Schätzen für uns — ־־ Der Bauer sitzt dabei und blickt in die (!ruhe. Scitic Stirn faltet sich, seine Augen suchen tief!יי die. Erde dringen und ergründen zu wollen, vader Boden ist, ob Kalk, Stein, Lehm oder gar S.uhD• Und die Arbeiter treuen sich nicht gerade '-dir. dall dieser Mann an ihrer heiligen Freudigkeit vordienen will . . . doch die Arbeit geht schnell vorwärts — alle möchten noch heute zum Wasser gelangen , . . Alle Augenblicke mißt man aus, wiene schon gegraben ist, berechnet man, wieviel noch gcblieben ist. Mit inniger Begeisterung wird die Arlx! getan. Drei, vier Mann graben und füllen die Körbe• sic• gehen von Hand zu Hand, immer höher 1'״3י״ zur Erde, bis sic von den Korbtragern oben gclec und wieder in die Grube gesenkt werden. Aller Arbeit wird eins. Diese kommen, jene gebe ׳ Man trifft sich und pufft sich, achtet nicht auf ״