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Jüdische Rundschau · 1916-04-07 · Heft 14 (7.4.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 14 (7.4.1916)
Date
1916-04-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 116 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 14 Die Hochmütigen’״) Von Max Brod. ״Der König Messias wird erst dann kommen, wenn die Hochmütigen in Israel nusgestorben sind.“ — Talmud. Auf die Gefahr hin, dali mau diesen meinen Aufsatz persönlich nimmt und auf bestimmte Mensehen deutet (welcher meiner Arbeiten wäre dieses Schicksal nicht widerfahren?), wage ich es, ihn zu schreiben und drucken zu lassen. Ich meine aber wirklich auch diesmal nicht einzclne bestimmte Menschen, sondern leider muß ich einen ganzen Typus, oder vielmehr mehrere Arten von jüdischen Typen unter meinen Begriff des ״Hoch-, mutigen“ fassen. Hochmütig sind auch die Prot/ciijuilen, die Assimilanten, die sich ihres Judentums schämen. Doch dieser Hochmut ist immer mit einer ganz gewaltigen Portion Dummheit gemischt. Und das versöhnt gewissermaltcn mit ihm. ״Man lacht“. Von dieser Spezies rede ich daher erst gar nicht weiter. Nein, ich meine heute den ehrenwerten Hochmut, den geistvollen klugen Hochmut, den edlen Hochmut, der unter Umstanden sogar (man sollte cs nicht für möglich halten) bescheidenen I loch- «mit, den Hochmut ohne (1,׳,11׳!uniform, im schlichten unauffälligen Strapazicrkleidchni. Ich meine den Hochunit, der unter linscrn lieben zionistischen ücsimiungsgeiiosscii auf unheimliche Weise sich zu entfalten beginnt und der aus dem, jungen Ideal unserer Bewegung genau das Gegenteil von dem zu machen droht, was ihr vorschwebt, statt einer großen Gemeinschaft sehe ich ein Bülmenweihfestspiel für Esoteriker hernufdümmern. ״Schließe dich nicht aus der Gemeinschaft aus“, mehrfach kehrt dieser Satz in den l’irke Aboth, den Sprüchen der Väter, wieder. Was soll mau nun dazu sagen, wenn gerade unsere Besten, die mit Aufopferung aller Kräfte schon viel geleistet haben und die man um ihrer Selbstlosigkeit und ihres heiligen Feuers willen liebt, wenn ge* rade diese Besten sich eines Tages für ״zu gut“ halten, mit anderen Zionisten zu verkehren und unter ihnen zu wirken? Man höre nun ihre Reden und Ausreden. ״Wir wollen ja wirken“, sagen sie, ״aber es kann uns nicht verargt werden, wenn wir unsere Kräfte nicht verschwenden wollen, wenn wir uns nicht unnütz, aufbrmichen, sondern unser Talent eben nur dort einsetzen wollen, wo ein unseren Fähigkeiten eiltsprechender Spielraum offen steht. Jeder muß seinen Fälligkeiten entsprechend wirken. Alles andere ist miökonomischc Kraftvergeudung“. O diese Fälligkeiten, o diese Oekonomie, wie ich sie hassen gelernt habe! ״Wir haben in dem oder jenem Bereich von Aufgaben nicht den liehtigen Wirkungskreis“, wie ich heute die U11moral dieser Redewendung «lurchschaue! Eben diese Art von scheinbar begründetem, von quasi gewissenha ft ein I loclnnut ist es, auf die ich aufmerksam machen muß. Denn er ist allgemach zu einer Ciefahr geworden,!Man überlege nur einmal unsere Situation, die im Kleinen ein Abbild der gesamtjiuligen Situation darstellt. Das Judentum ist in höchster Not! Abfall, Untergang, Entsittlichung, materielles und kulturcllcs Elend im Westen wie im Osten. Die Kon- Sequenz, die der Zionist aus dieser Lage zu ziehen hat, lautet: Diese und «liest■ Aufgaben sind die. dringendsten, sie müssen einfach getan werden. Nach den Aufgaben also, die zu leisten sind, muß der Arbeitsplan bestimmt werden. Nicht aber nach individuellcn Fähigkeiten. Natürlich ist es um so schöner und besser, wenn man einzelnen Begabungen solche Arbeiten zuweisen kann, die ihnen besonder!« gut liegen.!111 Nolfalle aber (und «las ist der Kernpunkt meiner Ansicht) muß lieber ein Stück individuellcr Begabung als ein Stück notweiuliger Aufgäbe preisgegeben werden. Die Aufgabe muß unter allen Umständen durchgeführt werden. Daß aber jede Begabung sich in «len Grenzen ihrer höchstmöglichen Nutzentfaltmig auszuleben hat, das ist nur eine besonders raffinierte Form des seelischen Egoismus und durchaus kein unbedingtes Bedürfnis des jüdischen Volkes. Wohl dem Volke, das seine Begabungen voll auswirken kann! Wir sind aber noch nicht in dieser glücklichen Lage; unsere harte Pflicht ist es vielmehr, die Enkel in diese Lage zu bringen. Das heißt ja: sich aufopfern, daß man das leistet, was nottut, und nicht das, wozu man vielleicht mehr Lust und mehr Talent hätte. Was folgt daraus? — Zugegeben, daß unsere jüdischen Zeitschriften, unsere Vereine, unsere Vcr- Sammlungen, Ausflüge, intimen Diskussionen, Vorträge, unsere sozialen Versuche, Vorschläge, tasten- *) Wir entnehmen diese Ausführungen Max Brods, die einige Seiten des zionistischen Ocinein- *«haftsproblcms behandeln, der Prager ״Selbstwehr“ vom 31, März 1916. (D. R.) den Ansätze, daß alle Instrumente unserer Organisalion manches Mangelhafte, sogar Widerliche aufweisen. Ist es nun die Art eines rechten Zionisten, z. B. das Abonnement seiner Zeitschrift anfzngebcn, sicli allerorts abfällig über das ״Schundblatt״ auf* zuregen (statt selbst zur besseren Ausgestaltung unserer Presse bei/.utragen?) Tritt man aus Vereinen ans, in denen man Jahre lang tätig war, weil eine unsympathische neue Richtung in! Vcreinsltciin aufgctauclit ist? leb verkeime gewiß nicht «len Wert der Kritik, der Ironie und Schärfe, der Opposition. Aber es gibt einen Grad der Op|!osition, wo sie lähmt stait zu fördern. Das ist die Opposition a u s 11 o c h 111 u t, aus erhabenem Sichbesser- Dünken, 111111׳ gerade tliesc hat sieh bei uns einheimisch gemacht. Ihrer machen sich auch einzelne Ostjuden schuldig, die einfach ״«las Wcstjudcnlnni schon als hoffnungslos aufgegeben haben“. Ist es denn jüdische Art, irgend eine jüdische Sache für hoffnungslos zu liaHcii? Minder tadelnswerte, aber «loch verwerfliche Abarten dieses Stolzes möchte ich als ״antisoziale U 11 a rte 11“ charakterisieren. Antisoziale Unart ist es, rcgrhiiäßig in Veisaiumhmgeii zu spät kommen. Bei Verhandlungen demonstrativ und für alle sichtbar Zeichen zu gehen, daß man sieh unerhört langweilt und die Sache eigentlich komisch unwichtig findet. Antisoziale Unart ist es, den; Redner dailnreh' ׳zu sturen, und in Verwirrung zu setzen, «laß man bcslnmlig mit dein Nachbar flüstert oder Zetteleben schreibt und einem Fernsit/.emlcn durch Vermilk hing ebenso unsozialer Hände zureiclicn läßt. - Es sind nur Kleinigkeiten, wird man sagen. Man weiß eben iiield, wie sehr solche ״vornehme", hei uns leider moderne Kleinigkeiten «Jen Betroffenen zu kränken uml aus der Fassung zu bringen geeigne! sind. Im Allgemeinen kann man sagen, daß Symbole, «lurcli die Inan andeiitet, daß man zwar seine körperliche Anwesenheit, nicht aber seine intensivste I lerzensleilnalimc einer Sache ilarztibringen geruht, «lall solche Symbole unsittlich, ja gewissermaßen der Schadenfreude mul vollständiger Isolierung /iimindest «ler Intention nach verwandt sind. Auf eine besondere Art, auf den resignierlen, gleichsam jifliehlmäßigen Hochmut weisen solche Symbole. Fs gibt Leute, die selbst sehr Erhebliches fiir Unser Ideal leisten, die sich in Arbeit für «las Judentum geradezu verzehren, die aber nur ironisch witzelnd über jede geleistete oder zu leistende Arbeit ab* urteilen uml einfach gar nichts gelten lassen, mich sich selbst nicht, ״Richtet euch nach meinen Talen und nicht nach meinen Worten!" so möchte man das Sprichwort auf diese Opfer eines nahezu tragisch e 11 I lochmutcs variieren. Die Psychologie «ler zionistischen Gesellschaft wäre zu schreiben. Neben erhabenen Figuren (״ihre Verdienste mögen uns beislehen, in dieser Welt midi in der anderen Welt“) bleibt die menschliche Kleinheit und Eitelkeit nicht aus. Sagen wir einander das deutlich ins Gesicht, damit wir an einander besser werden. Viel* Liebe tut not, um die gegenseitigcii Widerstände zu brechen. Mit einem Wort: Die Gemeinschaft liegt nicht auf dem Präsentierbrett, sie muß errungen werden. Man hat bisher geglaubt, daß mir die individuelle Seele ein interessantes Problem ist, uml ich glaube, gerade diese ״Intcressaiitheit“ hat so viele junge, schwärmerische, im Uebrigeu ganz uncgoislisch veranlagte Menschen dazu verlockt, sicli ausschließlich mit siel! selbst zu beschäftigen. Beginnt mail mm aber ein Leben in der t ieineinsehafl, «laim bemerkt man staunend, «laß diese Gemeinschaft zwar für den, der sie nicht kennt, . ein leeres phr.iseiiglciches Wort ist, .־in langweilige j Vereinsmeierei grenzend, für den jedoch, der in ihr j lebt, mit jedem Schritt neben dem sittlichen Wert auch noch nebstbei (sozusagen als Zugabe) eine l'tiile der interessantesten, ja staunenswertesten Ver- . Wicklungen und Schwierigkeiten birgt. Ich kenne erst einen einzigen Autor, den mutigen Gründer des Charlottenburger Sicdlungsheims Ernst Joel, der in seinen Essays einige Schritte in diese neu« Welt «ler Gcuiciuschaftspsyche getan hat. Es ist eine ,!!(jüdische Grundwahrheit, die man neu Propagandafonds der Zionistischen Vereinigung fiir Deutschland Wir bitten alle Gesinnungsgenossen, Ihren Beitrag zum Propogandufonds umgehend an uns abzuführen. Der Pro• pagandafonds ermöglicht uns die Fort- Setzung unserer Arbeit! Zahlungen sind auf das Postscheck• konto Berlin 8091 der Zionistischen Ver• eLdgung für Deutschland zu leisten Zionistische Vereinigung für Deutschland Berlin W 15, SKchaiache Str. 8. entdeckt, wenn man mit Joel gegen jetu■ y0r. geht, die innerhalb ihrer eigenen Person cjnc1 Vorbehalt, einen inneren Stand,1mm angelest bähen; die sich für ihre (oft großartigen) Leistungen und Opfer durch Lieblosigkeit und Hochmut den Mitkämpfern gegenüber bezahlt und mehr als bezahlt machen. Es ist der lierrliehe Satz unseres Propheten Hosen: ״liebe verlange ich von «lir, und nicht Opfer". Boykottagitation in Rußland 111 einem Artikel ״Es ist an der Zeit, an ütR Boykott zu denken“, führt ״R 11 s s k o j c Sun!;! j!<• wie folgt aus: ״Im Kampfe gegen das v<!haßte Judentum gebührt «len Polen die Pionicrchre der Organisation eines planmäßigen Kampfes geg« 11 die Jiuläer mittels tlcs Boykotts. Die Losung ״kein Vcrkehr mit dem verbrecherischen Volke“ wurde w! den Polen in vollem Maße «hirchgcfiihrt und erreichte in kurzer Zeit die günstigsten Resultate, was zur F.nt* Wicklung der'polnischen und zum Verfall der jüdische■ liulnslrie führte. Dank diesen Umstünden hat der gesunde Geist des Antisemitismus die breiten Sihirtiteil «ler (»ilniselieii Bevölkerung erlaßt mul ein völligem Verdrängen «ler Juden aus «len politischen und *>. zialcii Organisationen nach sich gezogen,“ Nim für, dert «las Blatt die Ghristcn auf, dem Beispiel der Pule■ zu folgen. Wir fordern Euch zur Rache :111(! Die« Rache aber soll sich nicht in Vergewaltigung« 11 und Pogroms äußern. I>cn ״Schidis“ kann man nur durch den Boykott beikommi'ii. Kauft also nicht i* jüdischen Geschäften, meidet jüdische Aerzt« und Apotheker, unterhaltet keine Bekanntschaften mit den ״Schidis", verbietet die Freundschaft zwischen Furt■ Kindern und denjenigen, die Christus verkauft.liabei. In Euren Händen befindet sieh die glücklichere Zu■! kimft Rußlands und wir hoffen, «laß Ihr mit alle■ Kräften dieser Zukunft dienen werdet, imlcm Ihr die Juden boykottiert . , . Ihr werilet dann nach der Vor-, sclirift des allvvcltlichcn Kirchenkongresses zu fmk» liandelrt, die wir an der Spitze unserer Zeitung veröffentlichen.“ Diese Vorschrift des ft, nllwcltliclicn Kirdicnkoiigrcsses zu Truka wird seit Februar taglieh an der Spitze der ״kusskoje Snainja" mit große* Buchstaben gebracht. Sic lautet: ״Niemand, der der Geistlichkeit augcliört, aber auch niemand aus «lern Laienstande darf das jüdische Osterbrot essen; min ווו and soll mit Juden Freundschaft schließen, niein.ind ärztliche Hilfe von Juden in Anspruch nehmen; meinand in Badeanstalten mit Juden Zusammensein. Sollte jemand wagen, gegen dieses Verbot zu hamlehi, *0 wird der Geistliche ausgestoßen; «len Laien wird Her kirchliche Bann treffen." Inszenierung eines Blutmärchens Mit dem Näherrücken des Poßaclifeste« «M«׳h«1׳t in Rußland auch die Schatten «ler schreckliche« ׳ Peßachlegendc aufs neue und irgend eine geheime Kraft webt im Stillen tingestört Teufclsplünr, um unter Benutzung «ler hinlänglich bekannten! ifhliierten Mittel den unvergeßlichen Alp jener böigen Tage des Beilis - Prozesses wieder aiiflcbeu zu lassen. Von einem solchen Versuch auf einem der Marktplätze Petersburgs teilten wir in der letzte« Nummer mit. Die ״Retscli“ vom 13. (211.) Mäiz er* zählt von einer neuen von langer Hand vorbereiü't«'■ Inszenierung dieses cnlset/lichcn Vcrleumdungsmärcliens. Ein christliches Dienstmädchen in Pitei-lmiJ namens Stcpnnida Tkntschewa gab ihr 0 Mmiatf altes Kind Kostja an eine Bauernfrau Seinj« ,mw» in Luga zur Erziehung. Nach einem Monat «!hielt Tkatscliewa von der Bauernfrau einen Brief, da8 das Kind gefährlich krank sei. Am 8. ITbruai Lim Tkatscliewa nach Luga und fand bei «ler Scinjoimw־» ihr Kind nicht wieeier. Scmjonow,1 erklärte zuerst, das Kind sei im Krankcuhniisc gestorben. Da aber Tkatscliewa im Krankenhaus nichts über das Find erfuhr, erzählte später die Semjoimwa, da* Kind sei bei ihr zuhause gestorben und auf «k® Stadtfriedhof begraben. Tkatscliewa fand aber ihr Kind mich in den Friodhofsbi'ichdrii nicht vcr/eicänet. Scmjonow,״ דgestand" du ״ ווווoffenherzig', sic halie das Kind «lein jüdischen Kau! 1« ■״ 11י Kopilow in dem benachbarten Dorf Nowoscljc verkauft, Kopilow habe jhr dafür 100 Rubel ange* boten, halie aber nur 5 Rubel mit dem Verspreche* gegeben, das übrige Geld später zu zahlen. AI* sic aller später das Geld habe holen wollen, **' das Kind schon tot gewesen. Die Frau des Jude* Kopilow habe dann das tot«: Kind in einen Tepp® gehüllt, cs in Begleitung der Semjonowa drei vters jenseits des Dorfes getragen und es im Walde tie• graben. Am 9. 'Februar kam ein Pristaw mit _cl״ Polizeitrupp, begleitet von den beiden Frau N

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