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Jüdische Rundschau · 1916-04-07 · Heft 14 (7.4.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 14 (7.4.1916)
Date
1916-04-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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r Abonnements <t,f die wnclirnllich »m Freit»* ,difinrmlf ״JUdluche RuntUrhitu'1 1״•))»״ I’11!•׳er Expedition und bei »llrn IVelnmlrrn viertcljährlid! M. 1,75 Innerl 'll’ Dn1l»cld»ndi, in Oesterreich. I U״'»»״ M. 2■50י im Au,l"“d M, 8,- l: 1 1 I judlirlie Rundechan, c. m.b, H. | | BERLIN W. 15, SBchelache Strnfle 8, | | Telephon! Amt Uhltwd 845, 846. | PofiUrIrtckkontot Berlin Nr. 17391. I ח ח P I '■ \J . r I Anzeigen kneten IQr die ■echegnepatJUn• Fettb* •eil• oder deren Raum 40 PI.ן •*•I Angebote und •Geencbe sowie Vcrafe» Uitteilungen und «Klebe Anneifn■" O O O O nur SO pieonlf. O O O O Meanskrf pta werden, wenn Porto beiBefb ■tote ■urüdtfeasadt. RediMioMKfcMl Mithnxfc eormltUfn. Rodnktloa JBdl.efc• o—J~1- BERLIN 15 .זד, Siehst.(*,. StrnBnk. Telephon! Amt Uhlend 845, 846, Postsrhertkoete! BwUn Nr. 17«. Nummer 14 1 Berlin, den 7. April 1916 — 4. Nissan 5676 MG SyGBOSGMG XXI. Jahrgang. Das Argument der Tat Dali das Organ des ״Vereins zur Abwehr des Auiiscmitismus“ in seinen Beweisführungen ganz seltsame Wege geht, konnte man schon hiiiilig beobachten. Eine besondere Leistung «tollt aber der Aufsatz eines deutschen Juden dar, dt 1 die 0. Nummer der ״Mitteilungen“ vom 22. Mn/ erfüllt: ״Die Juden und die Gebildeten unserer läge“ von Dr. J. Simon. Der Vcrfass er fuhrt bewegte Klage darüber, daß auch der Krieg den antisemitischen Strömungen in Deutschland nicht Einhalt bieten!konnte. Mit einer Fülle \oh Argumenten sucht er zu beweisen, wie imgcrcdit cs von den gebildeten Schichten Deutschlands ist, trotz des Krieges und seiner Lehren, noch immer in den alten Vorurteilen 711 hcharmi, die im jüdischen Lager so viel Verstimmung hvrvorrtifen. Der deutsche Jude schlägt irgend ein Buch auf, /. B. einen Roman von Max Kretzer: ״Die Verkommenen“; und was findet er? Einen jüdischen Altkleiderhändler: schmutzig, habgierig, bliitsaiigeriscli; einen Bankier, der nicht bloß alle Weh betrügt, sondern auch die eigenen Vcrwamllen; den jüdischen Besitzer eines Konfektionshauses, der hartherzig seine Arbeiter um die sauer erworbenen Groschen prellt. Oder der deutsche Jude sitzt ruhig plaudernd in einer (lasi-tube in Gent; eine Zeitungsfrau geht umher 11 ml bietet deutsche Tagcsblätter aus. Da schall(;!löt/lieh weit und überlaut durch den Raum die Stimme eines Liauptinauncs: Judenblättcr lese ich nicht! ״Wohin man blicken mag — im ״U'entlicben Leben, in der Literatur, in den Gesprächen der gebildeten Kreise immer wieder wird der _|udc;geschildert nls der Niedrige, der Gemeine, der Betrüger . , Uiul die Kenntnis 5 011 indische 1' Art nehmen breite Schichten der nie 11tjüdischen Bevölkerung - nach Simon ־־ fast nur aus den Witzblättern. Und daß in diesen Witzen und all den anderen verzerrten Schilderungen von Juden häßliche Gestalten und die Namen Lcvy, Colin, Rosenbliith und Mandeldamin immer wiederkehren, kann der Verfasser 11,11 schwer ertragen. ״Gibt es nicht auch recht *»■sehnliche, hübsche Juden . . , und unzählige 1״h ganz deutschen Namen?“ Der Schmerz ,aber übet die militärische Zurücksetzung der Juden und die Beschuldigung der jüdischen Drücke- **,rgerei übertönt alles andere. Wem! schon diese Klagen des Herrn Simon «m sonderbares Gemisch1 von Wichtigem und U״wicl1ti1;c111 darstellen, so wirkt sein Plaidoycr w eine gerechtere Behandlung der Juden ge- Tadvzii grotesk. Zunächst stellt Herr Simon fest, dal! die Juden den zugestandenermaßen häßlichen u״d niedrigen Charakter ״tuqpcher“ Glaubensgenossen seihst am meisten hassen. ״Sic werden, ,an״'f '׳erlaßt euch, von den Juden ebenso scharf, schärfer verhöhnt wie von den Christen.“ ™d;||,n sei die Meinung weiter intelligenter futscher Kreise, ״daß selbst unter gebildeten Juden das Mauscheln und das Knoblauchesscn 8a,'g und gäbc wäre,“ ein Irrtum, den cs auf- «״daren gelte. ״Wißt ihr nicht,“ ruft Simon, . ץ wollt ihr cs nicht wissen, daß in gebildeten '7;!*״ Kreisen Kunst und Wissenschaft, Musik literarischer Geschmack genau so gepflegt '™ wie bei den Christen?“ Daß die Juden ״Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlieh-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. vielfach schlechte Manieren haben und ein auffälliges Acußere, gesteht der edle Verteidiger gerne zu. Daß es da viel Unsympatisclies gibt, wird niemand mehr bestätigen und bedauern als die Juden, die etwas auf sich׳ halten“ — und Herr Simon ist ein Jude, der etwas auf sieb hält! ״Aber all die unzähligen Juden, die nichts Auffälliges im Typus, im Auftreten, im Namen haben — es gibt bekanntlich sogar einen sogenannten blonden Judentypus — ... alle die überseht ihr.“ Und schließlich solle die christliche Welt nicht vergessen, daß — und das scheint Herrn Simon mit besonderer Genugtuung zu erfüllen — cs liehen manchen Intelligenten und Erfolgreichen, ״auch Beschränkte und Dumme genug unter den Juden gibt.“ > Aber alle bizarren Argumente des jüdischeu Apolegetcn verschwinden'hinter der gewaltigen Heuchelei, die darin liegt, daß dieser ״konfessionslose“, liberale Jude von den Christen Respekt vor seiner Religion und Tradition fordert, während er selbst von diesen Dingen so gut wie nichts hält. Dieser selbe Anwalt der jüdischen Ehre, dev offen erklärt, daß er seine Kinder ״frei von jeder Konfcssionalität“ erzieht; der mit Stolz rühmt, daß ״das bißchen Hcbräiscb, in dem wir beten“, uns inncrlieli nichts sagt, und daß 9ü« 0 der deutschen Juden nicht den einfachsten hebräischen -Satz übersetzen können; der ernstlich die Lösung der Juden- I Die ״Jüdische Rundschau4*! M Es i in Russisch- Polen | 1 Die in Russisch-Polen und Litauen I bestehenden deutschen Postanstal- I ten in Bcndzin, Binlystock, Ciecha- 1 now,Czenstochau,Gostynin,Grodno, | Grodzisk, Grojec, Kalisch, Kolo, J Kanin, Kowno, Kutno, Lenczyca, i Libau, Lipno, Lodz, Lowicz, Mitau, 1 Mlawa, Pabianicc, Plock, Plonsk, jg Poniewicz,Przasnysz,Brzeziny,Rawa, i Rypin, Schaulen, Sieradz, Sicrpce, 1 Skiernicwicc, Sochaczew, Sosno- I wicc, Suwalki, Tomaszow (Kr. Brze- I ziny), Warschau, Wiclun, Wilna und 1 Wloclawek nehmen Bestellungen auf I die ״Jüdische Rundschau‘‘ zum I Abonnementspreis von 1 M. 1,75 vierteljährlich £5 ü S3 3 entgegen. Ebenso werden Be- Stellungen aus diesen Städten auch bei der Unterzeichneten Administra• tion entgegengenommen. Administration der Jfldlsclien Rundschau״ Berlin W. 15 Sächsisch• Str. 8. lllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllillllllllllllltllllllllllllllllllllllllllillllllllllllllllllllllllllH^ frage durch die Massentaiifc ins Auge faßt und sie nur deshalb von der Diskussion ausschaltet, weil sie ihm undurchführbar erscheint; der die jüdischen Namen der Juden ganz offen als ziemlieh widerlich empfindet — verlangt von der nichtjüdischen Bevölkerung, daß sie nicht über jüdische Namen spotte, daß sic nicht in den Staub ziehe, ״was anderen heilig und ein Gegenstand der Achtung sein muß.“ Wenn sonst kein Motiv für den Judenhaß vorläge, diese Scheinhciligkcit des jüdischen Staatsbürgers mosaischen Glaubens allein wäre imstande, uns eine ganze Welt von Feinden erstellen zu lassen! Fragen wir uns, ob diese Argumente geeignet sind, den erwünschten radikalen Umschwung in der Behandlung der Juden durch die nichtjüdisehe Bevölkerung Denlsclil.utds lierbcizufiilireti, so kommen wir zu dem Resultat, daß gerade diese Verteidigung viel Schür- und Zündstoff in sieb birgt, um die jiidcnleindliche Bewegung noch zu verstärken. Welcher geradsinnige, aufrechte Deutsche wird sich durch eine so fadensclicinigc, inncrlieli unwahre Apologie überzeugen lassen? Tritt niclrt vielmehr die würdelose Selbst- Verleugnung, das ängstliche Bemühen, nirgends Anstoll zu erregen, durch solche Verteidigungen noch viel mehr zu l äge, nl׳; e*־ stell ohnehin schon allenthalben auf Straßen und Märkten breit macht? Provoziert diese Argumentation des Herrn Simon durch ihre auf einen schwach entwickelten Charakter hinweisende Bescheidenheit nicht geradezu den Antisemitismus? Es ist der große Irrtum dieser Abwehrmctlunle, daß sie den stinken nichtjüdischen Antisemitismus durch einen etwas gemilderten jüdisollen Antisemitismus bekämpfen zu können glaubt. Diese höchst zweischneidige Abwehrkirnst ist nur ein logisches Spiel, mit dem man zwar periodische Zeitschriften füllen kann, das aber an der Tatsache der ringsum blühenden Judcnfcimlschaft nichts ändert. Uni eine wirksaute, von innen kommende Bekämpfung des Antisemitismus durchzufüliren, bedarf es einer posi t i v - j ti d isc hc n Arbeit. Nicht Aufklärung durch leere Worte, nicht nutzlose Versuche, mit einem Berg von Artikeln und Broschüren alte Vorurteile zu zerstreuen, vermögen uns die wahre Emanzipation zu erwerben, sondern das Argument des sielt selbst behauptenden Lebens, das Streben nach׳ Bewahrung und Entwicklung des jüdischen Wesens in uns. Nur die nach inneren Gesetzen vollzogene Emanzipierung lunserer jüdischen Seele vermag uns die äußere biirgerliehe und soziale Gleichberechtigung zu erobern. Und der Weg zur Emanzipation unseres Wesens ist die Schaffung einer jüdischen Oemeinsebaft, die voll und ganz jüdisch zu leben vermag. Nicht die tausend Geschäfte, die wir so gut für andere zu führen verstehen, sondern ein für uns geschaffenes jüdisches Lelxm rst das wirksamste zukünftige Argument für die jüdische Vollbcrcchtigung. Ein Leben, das wir durch eigene Kraft und gemäß unserem freiesten Willen aufgebaut haben, wird uns endlich das Argument an die Hand geben, dessen wir zur Erreichung unserer vollkommenen Glcichberechtigung bedürfen: das Argument der eindeutig jüdischen Tat. M. M,

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