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Jüdische Rundschau · 1916-03-31 · Heft 13 (31.3.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 13 (31.3.1916)
Date
1916-03-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 108 j U ש D1 S et: E KON DSCHAU Nr 13 Kondominiums in Russisch-Polen — soll liier nicht die Rede sein. Wie immer die Antwort der politischen Entwicklung auf Grnbowskys Vorschlage lauten wird, diese seine Forderung bleibt zu Recht bestehen: ״Die Sicherung der Juden wird Selbstvcrwaltungsrecht in solchen nationaljüdischen Angelegenheiten umfassen müssen, die wirklich rein jüdisch sind und das Polentum nicht berühren.“ Und: ״fn den Selbstvcrwaltungskörpern ... die die G e s a m t intcressen behandeln, und ebenso in anderen Körperschaften wird, wie schon erwähnt, die jüdische Nationalität gebiilirend zu berücksichtigen sein.“ ״Mißachtet man ihre Nationalität, so nimmt man ihnen die Musik ihrer Seele.“ Daß die Juden, so behandelt, sich am Aufbau der neuen staatlichen Gemeinschaft, in die die polnische Majorität mitsamt den nationalcn Minoritäten geraten wird, mit beteiligen werden, bedarf keiner mahnenden Aufforderung. Lasset dem jüdischen Volk festen Hoden unter den Füßen und Sicherheit vor der steten Hedrolmng seiner Gemeinschafts- und Persönlichkeitsreclvte! Darf inan Pogrom- und Hoykottopfern Mangel an Verantwortlichkeitsgefühl vorwerfen gegenüber dem Leben jener, die die Macht der Majorität bis zum letzten nützen? Die zweite Publikation stammt von Georg Gothein, M. d. R., und ist im ,.März.“ vom 25.März an leitender Stelle veröffentlicht. Gotheins Aufsatz hält sich ausschließlich au die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, IJcdingungcn und Beziehungen. Untersuchungen über das Wesen des Judentunis liegen ihm fern. Wo er doch zu Definiti011eu%über das Wesen des Judentums oder der Juden in Polen im besonderen sich entschließt, gibt es Dissonanzen. Grabowsky hat die Nationalität der Juden mit weniger Verklausulierungen bekannt. Gothein möchte sie davon ahleiten, daß sie nicht die polnische Sprache, sondern das Jidisehe sprechen, welches zwar ein deutscher Dialekt sei, aber doch eben erheblich von dem heutigen Hochdeutschen abweiche. Diese Einleitungen und Hegründungen sind, was man wieder einmal sagen soll, nicht das Wesentliche. Warum genügt es Herrn Gothein nicht, zu Sagen: ״Ihre große Mehrheit fühlt sieh als besonderes Volk, als Stamm, als Nationalität?“ Er sagt es doch selbst, weiß es also, und glaubt nur, dieses sichere Fühlen derer, die es am meisten angeht, durch Untersuchungen darüber stützen zu müssen, in welchem Verhältnis die Umgangs- und Mutterspräche der Juden in Polen zum Polnischen und zum Deutschen stehe, ln Wirklichkeit ist das Primäre das Volkstum und das Hekenntnis zu ihm und diese zwei Tatsachen können nicht davon berührt werden, welche Ergebnisse die Sprachenstatistik hat oder haben kann, wenn man diese oder jene Methode der Rubrizierung einführt. Die Nationalität der Juden im Osten hat jedenfalls in ihrem Wesentlichen nichts damit zu tun, daß sic sich mit Deutschen verständigen können und die polnische Sprache nicht sprechen. Solcher Begründungen bedarf es nicht. Wo cs sich darum handelt, die Tatsachen selbst zu sehen und fcst/ustellen, hat Gothein nicht weniger als Grabowsky die richtige Einsicht. Er sicht, daß die Juden eine Nation;(- lität mit eigenen nationaler., kulturellen und politischen Wünschen und Bedürfnissen sind. So liberal ist er nicht, diesen Wünschen in freier Vorurteilslosigkeit sich gegenüber zu stellen; er ist dazu doch zu liberal und sagt: ״Wäre der Gedanke des vollständigen Aufgehens der jüdisehen in der polnischen Bevölkerung, die Assimilation, aussichtsreich, so würde dieser Weg im Kufturintcresse vorzuziehen sein.“ Es ist beschämend — nicht für uns Juden —, noch immer solche Wünsche hören zu müssen. Und dabei muß vorsichtshalber fcstgcstellt werden, daß Gothein nicht etwa meint, durch diese Assimilation kämen die Juden auf ein höheres Bildungsniveau. Er spricht im Gegenteil von dem besonders großen Tiefstand der durch das polnische Schulwesen vermittelten Bildungshöhe. Er trägt eben, weil er sich so schwer von der Überalen Ideologie frei machen kann, die Juden und ihren Daseinswillen zwar als eine unabänderliehe, aber trotzdem nicht sehr erwünschte Not- Wendigkeit. Um!so wichtiger ist es, daß er sich mit dieser Notwendigkeit endgültig abgefunden zu haben scheint. Und er vertritt die Forderungen der Gerechtigkeit, die sich aus dieser Notwendigkeil ergeben. Zwei Wege scheinen ihm vorhandcii״/» sein, das Eigenrecht des jüdischen Volkes zu wahren: die kulturelle Autonomic und die durch nationale Wahlm a t r i k c 1 (Wahlkurie ׳und Verhältniswahlen) zu erstrebende Sicherung gegen nationale Vergewaltigung. Gothein glaubt, daß die erste Forderung einer kulturellen Aut o ״ o m i c speziell von den Assi mi lauten verfochten werde, die immerhin keine irgendwie geartete z.wangsmäßige politische Assimilation wollen und daher der Forderung eines verfassungsmäßig und gesctzlich garantierten obersten jüdischen Kulturrat es grundsätzlich /ustinuneu. Wir glauben nicht, 'daß Gothein das Wollen der polnischjüdischen Ass.g erkannt und gekenuzeichnu n.n. w!, ״■״neu uns nicht darüber täuschen, daß die Assimilation in ihrer konsequenten Ausprägung nicht etwa nur die politische Vertretung der Juden nicht will, sondem auch gegen die Forderungen und Entwickluugsinöglichkeiten eigener jüdischer Kultur steht. Die polnischen Assimilaiiten sind eben an der Entwicklung nicht unbeteiligt und darum schwcrer zu der Einsicht z.11 bringen, die sich der liberale Deutsche im Osten doch nueigneii muß. Sie stemmen sieh mit allen Kräften gegen alles, was der vollständigen Polonisierung im Wege ist, und würden schon, allein gelassen, den Weg finden, um den Zwang anzuwenden, den sic jetzt angeblich verabscheuen. Für die Beurteihing ihrer Wünsche und ihrer Richtung kommt allerdings weniger in Betracht, was einzelne ihrer Vertreter in einer augenblicklichen Situation und zu einem bestimmten Zweck erklären. Wir wollen uns jedenfalls nicht darüber täuschen lassen, daß wir die polnischen Assimilatorcn nicht als Hüter der kulturellen Autonomie betrachten dürfen. Sie wäre dort in sehr uuzuverlässigen 1 iäuden. Damit hängen die Forderungen zusammen, die von Seilen des nationalen Judentums erhoben werden. Gothein sagt hierzu: ״Sieht man sich aber schon der anderen Nationalität wegen doch zu nationalen Wahlmatrikcln genötigt, so ist nicht recht eiii/usehen, warum sie den Juden voreuthalten werden soll. Den Assiinilatoren würdees so wie so freistehen, sich in die national-polnischen Wahhnalrikcl einzutragen. Gerade die Erfahrungen in der Bukowina wie in Ostgalizien lassen cs als nötig erscheinen, auch für die Juden eine Wahlkurie zu schaffen“. 1 Die ״Jüdische Rundschau1 ״ ו in Russisch-'Polen 1 Die in Riissiscli-Polcn und Litauen bestehenden deutschen Postanstalten in Bcndzin, Bialystock, Cieehanow,C7.cnstochau,Goslynin,Grodno, Grodzi.sk, Grojec, Kalisrh, Kolo, Konin, Kowno, Kutno, Lenczyca, Libau, Lipiio, Lodz, Lowicz, Mitau, MIawa, i'abianicc, Plock, Plonsk, Ponicwicz,Przasnysz,Brzeziny,Rawa, Rypin, Schaden, Sicradz, Sierpcc, Skiernicwice, Sochaczcw, Sosnowice. Suwalki, Toinaszow (Kr. Brzcziny), Warschau, Wielun, Wilna und Wloclnwek nehmen Bestellungen auf >lic ״Jüdische Rundschau“ zum Abonnementspreis von ׳M. 1,75 vierteljährlich Lntgcgen. Ebenso werden Be- Stellungen aus diesen Städten auch bei der Unterzeichneten Administration entgegengenommen, Administration der Jüdischen Rundschau" Berlin W. 15 Sächsische Str. 8. Wir wollen auch hier nicht in eine weiter( Erörtcrimg darüber cintretcn, wie widerwillig Gothein den Juden zugesteht, was zuzugestehen er für ein Gebot der Klugheit wie der Qcrcclitigkeit hält. Vielleicht steigt im politischen Leben der Wert eines Zugeständnisses manchmal, wenn man erkennt, daß cs nicht aus dein freie! Herzen kommt, sondern von der harten Not- Wendigkeit der!»litischen Realität erzwungen ist Unter diesem Gesichtswinkel ist uns der Aufsatz von Gothein besonders wertvoll, f ür uns selbst ist es interessant zu bemerken, daß der konservative Grabowsky um so viel \\cnl״vr Selbstüberwindung braucht als der liberale c״>t- Itein, wo es gilt, sich mit den Forderungen abzufinden, die aus der Tatsache des jüdischen Volkstums fließen. 11 K wiatlÜtüUmmtUtttttUUUUlUUmiUttHtUltHimHlHUttUHtttlUmttttllllHUHiSHlIHHHlHniHHtHmHnt» Von der jüdischen Kongreßbewegung in Amerika Eine Verständigung zwischen dem jüdische! K o n g r c ß k o 111 i t e e. und dein American- Jcwish Committee scheiterte bekanntlich .1! der Frage des EinbcrtduiigsU rmiiis des Kongressen. Das ״Amcrican-Jcwish Committee“, dein die national, demokratische Idee des Kongresses nicht ganz s\mpnthisch war und das schon seit Beginn des Krieges stalt eines Kongresses der gesamten Jmlenlicit Amerikas eine bescheidene Konferenz von Vertretern der bestehenden großen Organisationen vorwliliig, wollte die Wirkung der Kongreßbewcguii;; dadurch schwächen, daß cs forderte, den geplanten Kongreß erst nach Beendigung des Krieges einzuberufen. Diese Forderung wurde auch zur Streitfrage innerhalb des Nationalen A rbe i t e r v c r ha n d es. Der unter dem Einfluß der kosmopolitisch-sozialistischen Tageszeitung ״Vorwärts“ stehende halbassimilatorische Teil des Arheiterverhandcs, der selion anfangs nicht zugeben wollte, daß die Tagesordnung des Kongresses de# besonderen Punkt über Palästina enthalten soll, schloß sich der erwähnten Forderung des American Jcwish Committee an. Die nationalen Kreise der Arbeiterschaft mußten aus dem Verband .itidn tco und ein National-Sozialistisches Arheilerkomitee gründen, das aus den Vertretern der ״Poalc-Zinn“, der Minorität des ״Arbeiterverbandes“, der ״Seimisten“, des nationalen Arbeiterrings elc. bestellt. Die fmlsclici- (hing über die Frage des Zeitpunktes wie auch der Tagesordnung des Kongresses wurde daher vom Kongreßkomitee den Konferenzen in den einzelnen Städten der Vereinigten Staaten überb'- m die ihre Wahlmänner zur allgemeinen Organi-1t1׳n1s11״״- feienz entsenden, die am 20. März in l’hibdelphia stattfinden und über diese Fragen endgülii: Beschluß fassen soll. In ungefähr 75 Städten wurden bereit» solche Konferenzen aller in der Stadt be-tehcurteil jüdischen Körperschaften abgehaltcn. Am 22. Februar fand die New Yorker K o 11 f e r e 11 z statt. Ft war zu erwarten, daß liier, im Herzen aller Vcrhamllungeii und Reibungen, die Konferenz einen sltirmischen Verlauf nehmen werde. Für Kenner der Vcrhältnisse war es auch klar, daß die Beschliissi New Noiks für die amerikanische Provinz richUmg: Mund sein werden. An der Konferenz, auf der nur M inhat tan vertreten war — für Brooklyn und B:c1 willc werden demnächst besondere Koiifcicnzen e ייח rufen werden -- beteiligten sich 6S7 Delegierte von! 1■ jü• (fischen Köqierschaften. Darunter befanden;di 4 große Föderationen (die polnische, beßarahi-ene, נ׳- li/isehc und rumänische), 20 Kongregationen, 0׳ I l״dsmaunschaften, 25 zionistische Vereine, 2 1 almmi-1־<•)״ (k'scllseliafU'ti, 10 professionelle Arbeitersen i:׳.׳• und 100 Logen verschiedener Orden. Den Vorsitz märt« der Großmeister des Ordens ürith Abraham 110 ׳n Sanders, und die I Inuptrcdiicr waren K ‘idimer Stephan 1). Wisc, der Vorsitzende des Ordenbnw Zion Joseph Baron des, und der Vertreter dii Arbcitervcrhamles und Fültrer der Poalc-Zio1\ ״m.nkas Dr. N. S i r k i n. Die mit einer überwiegenden Mehrheit beschlossenen Resolutionen enthielten unter anderem folgende Punkte: Die Konferenz uim-y 1t, daß das vorläufige Tätigkcitsprogramm des k|!n־ gresscs die Frage der bürgerlichen, ־ 1111 0 ון sehen und nationalen Rechte der Jude» '״ den Ländern, in denen sic dieser Rechte her•»1 sind, und die Frage der jüdischen 11 c i m s t n 1 in Palästina enthält. Die Konferenz winiscm, daß der Kongreß sobald wie möglich tmhcruicn wird, ohne Rücksicht darauf, ob der europaisc Krieg schon beendet sei oder nicht. Der Punkt u Palästina erregte, den Berichten aller Zeitungen 1 - folge, den enthusiastischen Beifall der K׳״״cfc Sämtliche Delegierten erhoben sich von ihren P und ein minutenlang anhaltender Sturm der Hepei» rung unterbrach die Verhandlungen, liier und erscholl die ״Hatikwah“. Es war eine deutliche wort an die Assimilantcn von rechts und ״nks׳ 1 Ni ייזי4 2 ■ %: * -r «SC m ce T 52

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