Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1916-03-24 · Heft 12 (24.3.1916) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 12 (24.3.1916)
Date
1916-03-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651974-2651987--10553-2667986
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 99 ___ ,,1f diese Probleme der Emigration alle ihre plane und I ioffnungvn gebaut. Daher konnten sie die jüdische PaUistinafrcige zu einer Frage des internationalen Lebens erheben, denn die jiidisclic Einiil'-d'oii berührt zugleich die Interessen einer ganzen Reihe von Oststaaten, aus denen jic Auswanderung flieltt, von Weststaaten, nach (jenen sie gerichtet ist, und von dazwischen liegenden I andern, die das Gebiet der Traiismi־ ״rafion dustellcn. Diese! Standpunkt wurde von Hcrzl bei seinen Verhandlungen mit den verschiedenen Regierungen vertreten. Er appellierte immer an die Interessen der Staaten und niemals an ihre Gefühle, sfiit/tc sich auf ihre realen Bedürfnisse und nicht auf ihre Sympathien. Zum Unterschied von Moses Heb und den Heiden der Schriften [)Israelis waren Pinskcr und Hcrzl nüchterne Realisten, die alle ihre Pläne stets und ausschließlich auf die innigsten Bedürfnisse und Wünsche der jüdischen Masse einerseits und auf die Interessen der Staaten andererseits hegriimleten, Inzwischen kamen Ereignisse, die das jiiditclie Einigratioiisproblem in den Hintergrund der politischen Interessen rückten. Die Völkerwauderung, ehe bereits während des Krieges vor sich ging, und die Umgruppierung, die nach Friede 1 isst11111־ ß unvermeidlich kommen •wird, einerseits, die Verluste der jüdischen Jugend auf den Schlachtfeldern und die Ucbcrsicdlung von grollen jüdischen Massen nach Zentralriißlaiui andererseits, nehmen dem Emigrationspiublnii seine Schärfe, sowohl in dem vom Krieg licimgcsiichtcn Europa, als auch in dem währeiul des Krieges wirtschaftlich hochkominenden Amerika. Dies bedeutet aber noch׳ nicht, daß auch der Zionismus bei den internationalen Vcrhandlungcn nicht auf die Tagesordnung kommen kann. Der Begriff Zionismus besieht im Unterschiede vom Territorialismus aus zwei Sinnmaiidcn: aus dem Volk, das seinen Boden sucht, und aus dem Land, das seiner Bearbeiter harrt. Und sollte gegenwärtig das Interesse der intcrnationalen Politik für das erstere geschwächt sein, so ist cs desto reger für das letztere, für Ercz-lsrael, das jetzt in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Völker gerückt ist. Schon Heß und Laharannc prophezeiten cs, daß mit der Eröffnung des Suezkanals die intcrnationale Bedeutung Palästinas steigen werde. Sic konnten damals noch nicht ahnen, welche große Bedeutung Aegypten und Palästina nach' M Jahren erhalten werden. Heute begegnen sich dort die wirtschaftlichen und politischen. Interessen der beiden europäischen Koalitionen. Nach׳ dem S1tczknn.nl und den in seiner Nähe hegenden Landern sind gegenwärtig die Blicke aller Welt gerichtet. Hier schneiden sich die Eisenbahnen und Wasserstraßen zwischen dem bereits aufgctciltcu Afrika und Vorderasien, zwischen Europa und Australien, Indien und China“. Der Verfasser geht nunmehr auf die vcrschicdcncn möglichen Lösungen der Palästinafrage ein und kommt dabei zu dem Schluß, daß ״wer auch׳ in diesem blutigen Wettstreit Sieger bleiben wird, jede Macht notwendigerweise Interesse daran haben wird, das Land schnell zu kolonisieren, die Wirtschaftlichen Kräfte zu entwickeln und mittels ihrer Mitwirkung bei der Fruchtbarmachung des Landes ihre Rechte auf das Land zu befestigen. Daher brachte uns schon die Tatsache selbst, daß' Palästina in den Mittelpunkt der Interessen der Mächte gerückt ist und in das Leben der Kulturwclt hineingezogen wird, der Verwirklichung unserer Hoffmmgen näher; denn vorläufig sind die Juden das einzige Element, auf das sich Kultur und Fortschritt im Lande stützen kann“. Trotzdem muß aber dafür gesorgt werden, daß ״auf dem Friedenskongreß die Bedeutung der palästinensischen Juden für die Zukunft des Landes festgesetzt und ihre Rechte vor jeder Zufälligkeit und Willkür gesichert werden“. ״Juden", sagt Bruzkus an einer späteren Stelle, ״suchen in Palästina keine Privilegien, wollen nicht andere Nationalitäten beherrschen, haben nicht die Absicht, jemand zu verdrängen; sie verlangen nur politische und wirtschaftliche Frei heit.“ ״Jedes Hundert in Palästina wohnender und dort Werte schaffender Juden wird uns in den Augen der Diplomaten viel mehr Rechte auf Palästina geben, als Tausende Kämpfer, die auf der einen oder anderen Seite mitstreiten. Jede jüdische Kolonie, jede lebensfähige jüdische Anstalt in Palästina wird mehr Bedeutung haben, als die glühendsten Sympathien“. Wir müssen also danach streben, bis zum Ende des Krieges unsere friedlichen Positionen im Lande aufrecht zu erhalten. ״Die Hauptaufgabe des Judentums ist daher, die palästinensischen Juden in dieser Schicksalsstuude zu unterstützen und es ihnen zu ermöglichen, im Lande zu bleiben und die großen Kiillurwerte, die wir dort geschaffen haben, aufrecht zu erhalten. Nicht umsonst haben die Juden in der letzten Zeit vor dem Kriege im Laude gearbeitet; sie haben die ökonomischen Regen die Riclitningslosigkeit der Volkstriebe. Eine besondere Intensität und Fruchtbarkeit hat dieser Kampf im alten Judentum. Aus dem Er-!ri'iiis der inneren Entzweiung und aus der immaneuten Forderung der Entscheidung, das heißt des Einswcrdens der Seele, ergab sich das Auseinandei fallen des Volkes in zwei geistige Klassen, die der Wählenden, der sich Entscheidcmlen, der zur Unbedingtheit Durchdringenden, der ans Ziel Hingegebenen, und die der Gesclielicnlasscudcn, der Entscheidungslosen, der *üific in der Bedingtheit Verharrenden, der z'veckhalt Selbstsüchtigen und Selbstzufriedenen; biblisch gesprochen, die der Diener Jahwes und die der Diener Baals, wobei zu beachten ist, daß diese sich keineswegs etwa für Baal und |cR:e11 Jahwe entschieden, sondern nach dein Wort Elijas ״auf beiden Seiten hinkten“. Im Kampf gegen sie entzündet sich allezeit die spemische Genialität der Propheten u||d Lehrer srucls; sic ist eine kämpferische Genialität, und di« jüdische Fruchtbarkeit ist eine kämpferische ruchtbarkeit. Im Gegensatz zu der des Abend- ״ndes, die auf das Werk geht und an ihm ihre 9fenze hat, hat die jüdische Produktivität Form, a°er Keine Grenze; sie hat, darf man wohl *aßen, die Form des Unendlichen, denn sie hat 1e Form des Gcisteskampfcs. Mit der Zerstörung des jüdischen Gemeinwens wurde die Fruchtbarkeit des Geistesa1״pfes geschwächt. Die geistige Kraft Samel‘e sich nunmehr auf die Erhaltung des Volks- ״!ms gegen die äußeren Einflüsse, auf die strenge ™«atinung des eigenen Bereiches, um das Einnn8«n fremder Tendenzen zu verhüten, auf die Kodifizicning der Werte, um aller Verschiebung vorzubeugen, auf die unmißverständliche, unumdeutbare, also konsequent rationale Formuliertmg der Religion. An die Stelle des gotterfülltcn, fordernden, schöpferischen Elements trat immer mehr das starre, nur erhaltende, nur fortsetzende, nur abwelirendc Element des offiziellen Judenttims; ja, cs richtete sich immer mehr gegen das Schöpferische, das ihm durch seine Kühnheit und Freiheit den Bestand des Volkstums* * zu gefährden schien, cs wurde verketzernd und lebensfeindlich. In der sterilen Atmosphäre dieses Kampfes entwickelte sich eine abgclöstc Geistigkeit, eine von dem Wurzclgrund des natürlichen Lebens und von den Funktionen des echten Gcisteskampfcs abgelöste Geistigkeit, neutral, substanzlos, dialektisch, die sich an alle Gegenstände, auch an die indifferentesten, hingeben konnte, um sie begrifflich zu zergliedern oder in Beziehung zueinander zu setzen, ohne auch nur einem wirklich schauend-triebhaft anzugehören. Die gebrochene, des!Zusammenhangs beraubte schöpferische Kraft, die Kraft der Unbedingtheit lebte nur noch fort in Ketzern, die zumeist machtlos und gestaltlos blieben und im Dunkel untergingen, zuweilen, wie der große Spinoza, die Umzäunung durchbrachen und die Welt anredeten, daß sie stille wurde, um ihnen zu lausehen; in mcssianischcn Bewegungen, die in ungeheuren Wirbeln gläubiger Begeisterung aufstiegen und zusammenfielcn; und in der tiefen Welt der jüdischen Mystik, welche das heilige Feuer der alten Oottverbundenheit unterirdisch hütete, und cs nur einmal, ein einziges spätes Mal ins Volk aufflammen ließ׳: in der großen Kräfte gefördert, die Landwirtschaft vcrvollkomm net, Palästina an den internationalen Verkehr «!!geschlossen, die ersten Schulen und die nötigsten Institutionen geschaffen. Sie allein sind imstande, in der nächsten Zukunft einen neuen Zufluß von Einwanderern zu gewährleisten, die die schlummernden Kräfte des Landes erwecken. Vor Ausbruch des Krieges gab weder Deutschland, noclv England und Frankreich ein Einwanderungseiement für die Kolonisation Paiästinas ab. Um wieviel weniger wird cs jetzt geschehen, nachdem der vernichtende Krieg diese Länder heimgcsucht hat. Nur im Ostjudentum sind noch immer genügend Menschen vorhanden, die einen Platz für ihre Kräfte suchen und auf die Palästina eine besondere Anziehungskraft ausübt". Bruzkus behandelt nun die Frage, welche bedeutsame Aufgabe die Juden der neutralen Länder heute für die Judenschaft Palästinas erfüllen könnten. Er sagt: ״Außer der negativen Aufgabe — der Be- Währung der Neutralität —, die den Juden Amerikas und des neutralen Europas jede poiitisehe Tätigkeit erleichtert, steht eine wichtige positive Aufgabe vor ihnen: die ökonomische Unterstützung der palästinensischen Juden. Die Freunde Belgiens könnten uns als Beispiel dienen: Nicht mir ungeheure Geldmittel speicherten sic auf, um die sechs Millionen Belgier zu ernähren, sic haben auch bei den kämpfenden Mächten — bei England und Deutschland — die Einfuhrcrlaubnis von Lebensmitteln erreicht und eine regelmäßige Sendung von monatlich siebzig Schiffen mit Nahrungsmitteln organisiert. Sollte es denn in der Tat so schwierig sein, dieselbe Erlaubnis auch für die palästinensischen Juden zu erreichen, unter denen nicht blos deutsche, österreichische, englische und russische Untertanen, sondern auch׳ mehrere Bürger der neutralen Staaten vorhanden sind?“ Wenn diese Hilfe organisiert wird, ״sind wir auch überzeugt, daß die lebendigen Elemente des Landes, wenn sie nur vor Hunger und Leiden einigermaßen geschützt sind, in Palästina bleiben werden, weil jeder cs fühlt, daß das Wohnen und Arbeiten im Lande allein dem Volke den größten Dienst bedeutet und das Verlassen des Landes in diesem kritischen Augenblick schlimmer ist, als Verrat. Bis heute haben die palästinensischen Juden fest auf ihrem ehrenvollen Posten ausgchnltcn und mit einer unsäglichen Anstrengung unsere Positionen gehalten“. religiösen Erhebung des Chassidismus, die im achtzehnten Jahrhundert die polnische Judcnhcit erfaßte; er offenbarte noch einmal die s c I! r a n - ke 11 lose Gewalt des orientalischen Mensehen aus den entbrannten Seelen, aber im Bann der Aengstc um die Wahrung der Art befangen, wagte er die Umzäunung nicht ,anzutasten und vermochte sich daher die Funktionen des echten Gcisteskampfcs nicht anzueignen. So konnte es geschehen, daß im neunzehnten Jahrhundert, als die Emanzipation das Judentum auf einen hohen Berg führte und ihm die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit zeigte, die Umzäunung durchbrochen und niedergetreten wurde nicht von einer elementaren, zu neuer Schöpfung drängenden Kraft, sondern von blassen, schwächliehen Reformversuchen, die ihre Gedanken und Formen den Musterbüchern des europäischen Aufklärertunis und der sogenannten fortgeschrittenen Religionen entnahmen. Wir leben in der problematischen Situation, die auf diese Versuche gefolgt ist: in der im Judentum der letzte alte Aufbau des orientalischen Geistes erschüttert und einem neuen kein Grund gelegt scheint. Und doch bestellt dieser Grund, besteht unerschüttert fort. Dieser Grund ist die Seele de« Juden selbst. Denn der Jude ist Orientale geblieben. Er ist aus seinem Lande getrieben und über die Länder des Abendlands geworfen worden; er hat unter einem Himmel wohnen müssen, den er nicht kannte, und auf einem Boden, den er nicht bebaute; er hat das Martyrium erduldet und, was schlimmer ist als Martyrium, das Leben in der Erniedrigung; die Sitten der Völker, bei denen er wohnte, haben ihn angerührt, und er 1;

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.