Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1916)
- Date
- 1916-03-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 90 JUEDiSCHE RUNDSCHAU Nr. 1! verlässig seien, bittet das Polizeklepartcniciit trotzdem, angesichts iles Ernstes der Frage, den ihnen zuständigen Beamten davon Kenntnis zu (;eben‘ usw. Meine Herren! Eine ungeprüfte, niemanden bekannte Nachricht, eine absichtlich erfundene Lüf;e und Gemeinheit, ein Muster der Pogroiiililcratur, wird diesmal durch das Finanzministerium verbreitet! Meine Herren, solche Mittel können mir die aufrichtige Entrüstunp; aller derer hervorrtifen. die vor einer unverschämten Verwertung von Lügen Ekel empfindet. l>urrh unreine Mittel, meine I lerren, können keine gute Dinge entstehen. Solche Mittel werden nur daun gebraucht, wenn wir sonst nichts besitzen und wenn uns nichts anderes als zu lügen und 'zu ver- Icumdcn übrig bleibt“. Dem Abgeordneten S c h i 11 g a r e w erwiderte in seiner Rede vom 1<)./II. (3./III.) der Führer der äußersteil Rechten und Antisemit N. J. M a rkow׳ II. Er bedauerte, dal! die ״progressive russische!,resse dem jüdischen Kahal verkueehtet“ sei und daher die Rolle der jüdischen Kaiifleute bei der Teuerung der Nahrungsmittel unaufgeklärt blieb. Sogar die berühmte antisemitische Zeitung ״Nowoje Wremja“ und der erzi'caktiouäre ״Kolokol“ sind seines Wissens jüdisches Eigentum. Er halte es jetzt nicht an der Zeit, eine so ernste Frage wie die jüdische aufzurollen, er halte es aber für hinreichend, Auszüge aus einer Meldung eines österreichischen Kammerobersten Eimmel vorzulesen, in der gesagt wird, dal! ״die russischen Kriegsgefangenen auf den Straßen von der Bevölkerung, b e sonders v o n d e 11 Juden, mit Stöcken geschlagen wurden“. (Stimmen links: Das ist eine Provokation von der Tribüne der Reichsduma herab!) Kranken-Fürsorge unter den judäischen Arbeitern Der in Ja Ha vor kurzem erschienenen hebräischen Snmmelschrift ״Be s c 11 a ä - s 11“ (״In dieser Stunde“) entnehmen wir folgende Ausführungen über das Krankeiifürsorgcwcseii unter den jüdischen Arbeitern Judäas: Das Krankcnfiirsnrgewescn der judäischen Arbeiter hatte während der letzten vier Monate der Krisis (Ab-Kislew) schwere Aufgaben zu erfüllen. Die Krankheitsfälle unter den Arbeitern hatten infolge der schweren Existenzbedingungen eine außerordentliche Vermehrung und Steigerung erfahren. Die Existenzfrage der jüdischen Arbeiter nahm während dieser Zeit einen sehr ernsten Charakter an. 111 den Kolonien hatte die Arbeit infolge Mangcls an Mitteln fast ganz aufgcliört; Hunderte von Arbeitern blieben bcschäftigungs- und brotlos. Auch wenn der Arbeiter morgens irgend eine Tngesbc- Die unsterbliche Pomeranze Von S. Schncur I. Fahren zwei Kästchen Pomeranzen über das Waue Meer. Die Pomeranzen sind Algierer. Rund, saftig, schwer, mit glüheiulrotcr Schale, Das ist die Farbe der afrikanischen Morgen. Rühmen sich die Pomeranzen im ersten Kästchen : Wir gehen nach Warschau, der polnischen Hauptstadl. Ob, welche weiße Zähne werden uns aiiheißcu, welche aristokratische Münder werden uns schlürfen! Da schweigen die Pomeranzen im zwciicn Kästdien, schmiegen sich aneinander lind erröten vor Scham. Sie wissen, daß sie für irgend ein kleines Städtchen in Litauen bestimmt sind. Gott weiß, I in welche arme Hände sic fallen werden. Ach, cs hat sieh nicht gelohnt, die Strahlen der afrikauischeu Sonne, den kühlen Tau der algierischen Nächte, den Duft der blühenden französischen Bojaren so durstig einzusaugen. Braune, flinke Hände junger Mulattinnen batten sie von den Bäumen geschnitten, in Bambiiskörbe geworfen; hat sieb das alles gelohnt? Nun wollen wir aber sehen, wer es besser getroffen hat: die Pomeranzen die nach Warschau gingen oder die, die später in Schklow — einem versteckten Städtchen in Litauen — ankamen und wollen uns daraus eine Lehre ziehen. Kam die erste Partie Pomeranzen nach Warschau. Der Früchtchändlcr legte sic in etlichen kleinen Pyramiden in die Auslage. Sic leuchteten wie glühende Kugeln aus dem Fenster. Aber das dauerte nicht lange. Am selben Tag wurden sic verkauft. Die lärmende durstige Straße verschlang sie bald. Abgehetzte Menschen steckten sie in die Taschen, rissen ihre saftige, goldene Schale mit unreinen Fingern auf, und warfen sie auf die schmutzigen Trottoire. Im Gehen verschluckt, hündisch, ohne Segensspruch. Ihr duftiger Saft spritzte auf verstaubte Bärte. An ihrer Stelle liegen im Laden schon andere Früchte oder gar Gemüse. Hier gibt es keine Tradition. Nur ihre schönen Schalen trieben sich noch in der Straße umher wie verkühlte Strahlen fetzen einer fernen schäfiigiiug fand, konnte er infolge Nahrungsmangels die Arbeit nicht aiii'nchnien. Diese Verhältnisse hatten eine (Inncrndc Diiicrcinähi'img und Schwächung des Gesundheitszustandes der Arbeiter zur Folge, Die große Zahl der Erkrankten und die Art ihrer Krankheiten zeigen deutlich, dal! die Krankheitsfälle mit den schlecht 111 wirtschaftlichen Verhältnissen in Zusammenhang stehen. Au Orten, wo cs Arbeit gab uml die Arbeiter nicht zu hungern brauchten -- wie in Rccho hot, wo die Arbeiter als Entgelt für den Bewuchuiigsdieusl die Hälfte der nach der I leiisehrcckenkataslroplie ühriggchlicbciicn Traubenernte erhielten, wodurch sie einige Einnahmen erzielten, mul ebenso in den Farmen —- hatten auch die Krankheitsfälle einen harmloseren, weniger heftigen Charakter, Dasselbe gilt auch von den Arbeitergenossenschaften, die dadurch, daß ihre Lage viel besser war als die der einzelnen Arbeiter, auch weniger von Krankheiten befallen wurden. Immerhin hatten die letzten Monate der Krisis eine verhältnismäßig weit höhere Zahl von Krankheitsfiillen auf/nweisen, als die vorausgegangenen. Während die Zahl der Kranken in den ersten 11 Monaten der Krisis (Elul-Ah) sich auf üb•) belief, also auf ()I im Monat, betrug sie in diesen letzten 1׳ Monaten (Ah-Kislew) 110, also durchschnittlich! 110 pro Monat. Auch die Art und Erscheinungsform der Kranklu-ilsfällc weist deutlich auf die schwere Wirtschaftsläge und die großen Entbehrungen hin, Die Magenkränklichen hatten einen epidemischen Charakter angenommen. Sie traten in schärfster Form auf und iiiarhleii die grolle Mehrzahl der Krankheitsfälle aus. Den ersten Platz nahm die Dysenterie ein; in zweiter Reihe kamen die weniger ernsten lind gefährlichen Erkrankungen vor. Aerztlichc Hilfe wird infolge der grollen Sorglosigkeit der Arbeiter und der schwierigen Verkelirsvcrhältnissc nicht allzu häufig in Anspruch genommen. Wenn trotzdem die Zahl der Arbeiter, die nach J a f f a zum Zwecke ärztlicher Behandlung kamen, in diese״ -I Monaten 85 'betrug, gegenüber 69 in den vorausgegangenen 11 Moii,itcii so hängt das!offenbar mit der ernsteren und gefährlicheren Art der Erkrankungen zusammen. Nach den Mageiikraiiklieileu nehmen die Fülle von Typhiiserkraiikiingeu den bedeutendsten Platz ein. Diese Krankheit namentlich hatte eine überaus schwere wirtschaftliche Schädigung und Belastung dos Krankcnfüisorgew'csciis der Arbeiter zur Folge, War die Durchschnittsdaucr der BeliandUuigszcit im Krankenhaus in den ersten Monaten auf 18 Tage berechnet woniei! das Minimum war 10, das Maximum ';5 Tage - so betrug in den letzten 4 Monaten die Diirclischnitlsdauer 22 Tage, in zahlreichen Fällen einen ganzen Monat, in manchen sogar ab (10 läge, glühenden Sonne. Keiner aber verstand, daß sich da (iriilk׳ aus fernen sonnigen Ländern, von ewigblauen Himmeln umlierwülzcn. Man trat sie mit den Füllen, Pferde überfuhren sic, bis der Portier mit dem Besen kam mul sic erbarmungslos in den Mistkaslen kehrte, l hu! aus ists mit den Pomeranzen! Zu Ende mit dem, was irgendwo zwischen duftigen Blättern bliilhe uml reifte mul unter heißem reichem Himmel in Bambuskörbe fiel . , , Kam das zweite Kästchen Pomeranzen einige Tage sp.iter nach Schklow׳. Sie hatten sich genug in Vnge Waggons pferchen und auf Lastwagen sclioekcln lassen, bis sic cs erlebten, daß man ihnen ihre neue Umgehung zeigte. Die Schklower (icvvtir/krämerin rief ihren Mann zu sich: Geh schon, du flinker Mensch du, öffne die Pomeranzen für ״Scliolach-mimcs“. Eie, der <icwüivkriimcr ist trotz der Ironie seines Weihs ein routinierter Warcnöfliier. Er arbeitet an dem verpackten Kästchen etwa zwei Stunden, Gelassen und vorsichtig bearbeitet er mit dem Stemm* eisen den Deckel, wie ein Goldarbeiter einen teuren Schmuck. Das Weib stellt dabei und erteilt Ratschlüge. Schließlich öffnet sich das Kästchen, und zwischen den blauen Papicrstrcifen erglühen die Poiuciau/eubäekehcu, und es haucht ein dichter, feicr״ tägiger Wohlgenich auf. Nach einer Weile sind die Pomeranzen schon im Ladenfenster misgelegt und schauen auf den schmutzigen Markt, auf den grauen niedrigen Himmel, auf die kleinen Schneehaufen an den Straßenrinnen, auf die in Pelz gehüllten w eiß - russischen Bauern mit ihren gelben, geflickten Jacken, Alles rings herum ist so fremd, nordisch, erstarrt, halbverfault. Und die Pomeranzen mit ihrem exotischen Duft und Aussehen sind so reich und fremd und neu jn einer solchen unbekannten armen Umgebung; wie ein kaiserliches Kleid in einer Bcttlerhcrberge . . . Da kommt Muhme Feige mit ihrem wollenen Sliawl über dem Kopf, den Marktkorb in der Hand, Sie erspähte die frisch ausgcpacktc Ware und kam herein, für Scliolacli-inunes zu kaufen. Und hier beginnt die Unsterblichkeit der Pomeranze! Arm Die Verbreitung dieser beiden Krankheiten - Dysenterie und Typhus war infolge ihres :ta. steckenden Charakters besonders groß. Auch dabei waren die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse mit Im Spiele. Die Wohnungsnot der kleinen Kolonie Beer-Jakob brachte cs z. B. mit Drli, daß hier mehr Typhusfälle vorkamen, als in an’- deren viel größeren Siedlungen. Daß auch das ״einheimische“ Fieber unter den ,allgemeinen Zeitvcrhältnissen eine günstige Verbrcitimgsmöglielikcit finden mußte, braucht nicht erst gesagt zu werden. Viel hatte der judüischc Arbeiter unter diesem seinen ״treuen“ Genossen ansnistehcn. Um so mehr, als C 11 i 11 i n m a n g c I im Lande herrscht. Die Zahl dieser Krankheitsfälle läßt sich infolge ihrer häufigen Wiederholung bei ein und derselben Person kaum ermitteln. Fs w.'iren außerdem auch verschiedene andere Krankheitsfälle zu verzeichnen, so Fälle von Rückenmarks-Erkältiingcn infolge Schuhmangels und Nervenkrankheiten. So gestaltete sich die Tätigkeit des Krankenfiirsorgewesens der judäischen Arbeiter in der letzte« Zeit zu einem schweren, andauernden Kampf gegt* eine Reihe von hartnäckigen Krankheiten. Durch hingebungsvolle Tätigkeit hat sich diese Institution die ungeteilte Sympathie und Wertschätzung der gesamten Arbeitcrbcvülkcrmig erworben. Fast samtliehe jüdischen Arbeiter in der judäischen Kolonie zählen jetzt zu ihren Freunden; und auch das städtische Arbciterelcmcnl zeigt immer größeres Interesse für diese Krankcnfiirsorge. Dieses wachsende Vertrauen findet seinen sichtbaren Au*• druck in der steigenden Opfcrfreudigkeit der Arbeiter zugunsten der Krankcnfiirsorge. Die Einnahmen bestanden während dieser Zeit aus Arbeiterbeiträgen - - 850,50 Fr., aus gelegt ntliehen Zuwendungen von Arbeitern -- 68,23 Fr. und sonstigen Beiträgen. Insgesamt 051,96 Fr. Dal! die Ausgaben die Einnahmen weit überstieg(״, braucht nicht erst gesagt zu werden. Besonders schwierig gestaltete sieb die Krankenfürsorgetätigkeit für die an entlegenen Orten hei öffentlichen Arbeiten beschäftigten jüdische« Arbeiter. Von einer guten Krankcnfiirsorge und günstigen Wolimmgs- und Eriüihrtiiigsvcrhältiüsscn aber hängt cs im wesentlichen ab, oh an diesen Orten jüdische Arbeiter zu den öffentlichen Arbeite« in größerer Zahl als bisher hcrangezogen werde« können. Als die Krise aushrach, stand es bei allen Beteiligten fest; Die Krankenfiirsorgc der jüdische« Arbeiter muß weiter bestehen! Und sic besteht und setzt ihr überaus segensreiches Wirken in immer steigendem Maße fort. und grau ist das litauische Leben; und das billclu■ Naturreichtum, das sich einmal dorthin verirrt, wird stückchcmvcisc mit Verstand und allen fünf Sinne■ ausgeniitzt. Es gebt kein Tropfen von der schönen, verirrten Frucht verloren. Nein, wenn die Pomeranze nichts anderes als eine sündhafte wandernde Seele gewesen wäre, so wäre sic in Muhme Feiges Stube auch erlöst w’ordeu. II. Um acht Kopeken wollt Ihr auch nicht? Adiu׳! Die Gewüizkräinerin weil! recht gut, daß Muhme Feige nicht anderswo kaufen kann, trotzdem zieht sie sie an dem Sliawl zurück: — Einen solchen guten Purim allen Juden, v .!s für goldene Ware ich Euch verkauf... Es ist nur wegen des guten Anfangs! - Es ist nur wegen des guten Anfangs! wiederholt Eie, der Gewiirzkrämer, der geübte Ocffncr von Ponieranzciikästclicn. Taler auf, Taler ah, Muhme Feige such! die schönste schwerste Pomeranze aus, wickelt sie ein und läßt sie m ihr Körbchen herab, zwischen Eiern, Purimleckereien und Gemüse. Wie Muhme Feige heimkommt, fällt eine kleine Kinderscliar über sic her, angefangen mit dein elfjährigen ״Gmorc-!Locher" bis herunter zu den kleinen Schuljungen, die am Vorabend des Feiertags vom Chcdcr frei haben, und mau macht sich bald daran, Mutter« Marktkorb zu durchstöbern: — Manie, was hast du gebracht, was hast du gebracht? Da beruhigt sie Muhme Feige. Dem gibt sic eine Ohrfeige zu Ehren des Feiertags, jenem einen Puff, den dritten zieht sic am Ohr. — Weh mir, wie die Heuschrecken sind sic doch über mich licrgefallcn! Trotzdem zeigt sic ihnem was sie gebracht hat. — Na, seht, Gesindel, Taugenichtse! ״ Aus den kleinstädtischen litauischen ״Leckereien‘ leuchtet, wie eine frohe Botschaft von Reichtum und Glück, die Pomeranze auf. Die Kinder erstaunen. Vom vorjährigen Purim ist ihnen noch eine Eri11״<> rung geblieben, eine Ahnung von dem Geschmack