Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1916)
- Date
- 1916-02-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 8 Seite 67 f 1 t \ I . ן i I 1■ t des New-Yorker ״Ghettos“, dem ״East-Side“ in kleinen t!m! kleinsten Beträgen ziisainmcngchracht [)je NY« Yorker jüdische Gemeinde beteilige sich w der Hilfsaktion mit 10 00!) Dollar. Hine;mllerordentlielie Opferfreude habe״ die großen jüdischen 'fknifsverlkimle Ncw-Yorks mi den Tag pcleft. Den ״rollten Betrag /eiclmete der Bankier- und Maklerverbind DO 000 Dollar, nach ihnen die Zigarren- und Zi!־ iretlenhändlcr 80 000 Dollar, das Diamanlenmul Mhnmckfach 50 000 Dollar, der Verband der Krolle» Gesehiiflsinhaber •- •)0000 Dollar, die KurAvaienmul Manufakliirbranche 3000(1 Ikllar die Iniinohilien-Genossensrliaft 25 000 Dollar, die• OSridei( tbiiknulcn 25 000 Dollar, die Strumpf- (ahnk nut ii 25 (KH) Dollar, die Damcuwäsehe-Mamif.iMmisien 25 000 i )oll.tr, die kauchwarciihäinller '2סי»! י Dollar, Aullerdein eine ganze Reihe kleinerer Zci1׳h11!u1;:cM verschiedener Bcrnfszweige. Diese aiilteroideidliehe 141111ןו1ו010י^ der Berutsvcrhüudc wird jn du! BerieliHn der anierikaiiisch-jüdischen Blatter •ausilrin Mich auf die erfolgreiche Werbetätigkeit des hckannteii Zionisten Herrn Dr, Mannes zurück- ״cfuhrt, der in zahlreichen Versammlungen das Elend der ostjiulisehen Massen in den kriegführenden Ländem, namentlich in Ruliland, der Krollen amerikanischeu י KÖffentlichkeit vor Augen führte. In den anderen Städten Amerikas waren die Er;:vhm-se nicht so bedeutend, aber immerhin sehr erliihliih. So wurde in Cincinnati die Summe von 100 000 Dollar aufgebracht. In Pli i lade Ipliia 50 000 Dollar, in S a 11 - F r a n z i s k o 25(1 (Kilt Dollar, in Washington 50 000 Dollar, in Deiner 20 (K)0 Dollar, über rlie Resultate in dm andern Städten ist noch nichts bekannt geworden. Die jüdische Einwanderungsfrage in Amerika I na ausgedehnte ״Anti-l1nnügrations“-Rropag,11Hla macht sieh gegenwärtig in ganz Amerika Keilend. MissenPetitionen an Konkret! und Senat für eine grset/lirhe Beschränkung der Füiwauileruug tiaeh Amerika werden an allen Orten vorbereitet. Es wird mit mitii für amerikanische Verhältnisse imgewöhii- I licliem ״Nachdruck ‘ gearbeitet. Der geistige Vater und spiritus reotor der cinwandcriingsfcimiliclicn Ile- Strebungen tincl Bewegung ist das altbekannte Kongrvllmitglicd Mr. Burnett, der Vorsitzende des ״I1״ m i p rat i o 11 - C o in mit( e c“. Die ״Burnett- 1Immigration-Bill“ ist in den letzten Jahren zu einer stellenden Erscheinung im politischen lind parlamenta- 1 rietu-n l eben Nordamerikas geworden. Wer sind mm die eigentlichen Gegner einer freien l inwamlerimg in Amerika und die Initiatoren de! ״\mi-lnm1igra1ions“-l*ropagnmla> F.s wäre milbig, einzelne Namen zu nennen, l-'ür die I! a f e 11 s p e r r e 111 Amerika sind nicht weniger als 7 Millionen wohl- ״!”.iiiMcrtcr ,,Interessenten“, die alles daran setzen 'Verden, damit das ,,freie“ l.aml den Unglücklichen die I Iciinstättc verweigere. Ls sind dies vor allem die ״American Ledt rat io n of Lnbour“ mit 2 000 000 Mitgliedcrn; die ״Farmers Union“ und ״Farmers Alliance" mit 3000000 Mitgliedern; die ״Unit e tl M!n e Wurkirs" ntlt 500 000, ״) u 11 i o r 0 r d e 1 o! A m e r i e a ח M e e h a n i c s" mit 2י)כ(MM> .Mitgliedern und gewisse ״patriotische“ Olga- .nisntionen mit einer Gesaintinitglicderzahl von über ז«"• Million. Alle diese Organisationen finden ihren ZiKmimcnschliid in einer gemeinsamen rcpräsciitativ1׳n Koptcrsehaft, wodurch ihr enges Zusammenwirken ermöglicht wird. Worin besteht die gegenwärtige ״lintiiigratioiKfrage" und wodurch unterscheidet sie sieh ">״ dem in Amerika ja immer aktuellen himvamk׳• fmigsproblrm? Die gcgcmvär.ige pinwamleningsfragc , »t eigentlich kerne g e g e 11 w n r t i g e , sondern Z11 k 11 n f t s f ra gc. Denn gegenwärtig stockt du' LuiwaiHlerungsbewcgimg vollkommen. Und gerille jetzt wird über bestehende Iksehräukuugshe- Stimmungen einfach hiinvcggeschen. F.s werden jetzt 111111■ liineiiigelassen, die sonst schwerlich dem Schickder Rückbeförderung entronnen wären. Das Land tat jetzt dringend Menschen nötig. — Dieser Zustand wird durch die durch den Krieg geschaffenen Verhältnisse erklärt. Allein was wird יי יי eh iTcm Kriege geschehen? 1X1 rüber herrscht augcnblicklidi in der amerikani- «'um Oeffentlidikeit Meinungsverschiedenheit. Man- 'ta glauben, eine massenhafte Auswanderung aus «n kriegführenden Ländern würde kaum erfolgen; die betreffenden Staatsregicnmgen würden sich ihr widcrsctzcii, l;s werde aber auch Arbeit genug in 'len verwüsteten Gebieten geben. Andere aber sind der Ansicht, daß den am Kriege beteiligten ländern, naineiitlii'h den unterliegenden, eine Massctiauswanilerillig kaum erspart* bleiben dürfte. Die Gegner der Einwanderung vertreten natürlich letztere Ansicht. Und da bilden ihr Hauptargument — die Juden! Dr. I־. M. H a w, ״Kominissioncr of Immigration‘‘ des New-Yorkcr!Hafens, äiullcrtc sich dahin, daß die allgemeine Einwanderung nicht besonders groll sein werde. Allein er sei sicher, daß die Einwanderung von J 11 d e 11 ganz n u II e r o r d c n 11 i c 11 steigen werde. Diese Ansicht wird von weiten fachmännischen Kreisen durch,ans geteilt, Sic wird in der Ocffcntlichkeit folgendermaßen formuliert: Die allgemeine Einwanderung wird nicht groß sein, weil die Länder, die durch den Krieg gelitten haben, ihren Bürgern zuhilfe kommen werden. Die Juden aber, nanientlieh in Rußland, Pole n und Galizien, werden •schwerlich einen ausreichenden Rückhalt finden. Ihnen wird nur die Auswanderung übrig bleiben. Diese Ansicht scheint das richtige zu treffen. Die gegenwärtige ״Fimvnnderungsfragc“ ist eine jüdische Frage. Deutsche, Franzosen, Irländer und Italiener nehmen dieser ganzen Frage gegenüber eine durchaus indifferente Haltung ein, Rcpräscntauten dieser Volksgruppen in Amerika haben sogar ausdrücklich erklärt, sie würden cs begrüßen, wenn ihre Landsleute nicht hcrcingclassen würden, weil ihr eigenes Vaterland ihrer dringend bedarf. Mehr ״״eh: in diesen Kreisen machen sich starke Rück- Wanderungs-Bestrebungen bemerbar. Die Einwanderer, gegen die jetzt in Amerika so viel agitiert wird, sind einzig und allein — J u d e 11. Lin Führer der ״Anti-lmmigratiou‘‘-Beweg1mg, Mr. Robert Graue in Washington, ein überzeugter Einwandennigsgrgncr, erklärte jüngst öffentlich: ״Fs ist wahr, daß die Ein wänderung nach Beendigung des Krieges zu 75 <>/0 eine jüdische sein wird. Allein es wird dies eine Einwanderung sein, die die Einwanderung nach den russis c 11 e n Pogromen weit ü b c r s t 0 i g e n wird. Wir haben bereits drei M il I i o - neu Juden in Amerika. M e 11 r brauchen w i r nicht!“ So ist die ״Immigrationsirage“ eine ״jüdische Frage“ geworden. Das amerikanische Judentum aber muH für den bevorstehenden schweren Kampf gerüstet sein, l's gilt Tausenden lind Abertausende!! von unglücklichen Brüdern die letzte Möglichkeit der Rettung wir sicherem Untergang zu erhalten! F. R. Zum neuen russisch• "amerikanischen Handelsvertrag In der amerikanischen Öffentlichkeit machen sieh in der letzten Zeit Bestrebungen und Wünsche bemerkbar, die darauf hinnusgehen, den vor etwa vier Jahren aus bekanntem Aul,all aufgehobenen I laudi'lsvertiag zwischen Amerika und Rutiland wieder zu erneuern. Die amerikanisch-englischen Zeitungen vom 30. Januar wissen sogar aus sicherer (Quelle zu berichten, daß bereits offizielle Verhandlungen zwischen Amerika mul Rußland in dieser Richtung gepflogen werden, und daß der neue Handelsvertrag binnen 1 2 Monaten zu erwarten sei. Es wird dabei ausdrücklich liervorgchobcn, daß die Initiative diesmal von Rußland ausgelit, das infolge der besonderen Verhältnisse in gesteigertem Malle auf Amerika angewiesen ist. Demgegenüber wird auf jüdischer Sfiti• mit allem Nachdruck dahin gewirkt, daß der Handelsvertrag nicht eher erneuert werde, bis Rußland die ursprüngliche Forderung der amerikanischen Regierung bezüglich der Anerkennung der Pässe amerikanisclt jüdischer Bürger erfüllt hat. Diese Beinühimgcn von jütliscli-nmcriknnisclier Seite hatten nunmehr den Erfolg, daß das ״Chamber of Commerce“ des Staates New York, das am 3. Februar eine Resolution betreffs Abschlicßting von Handelsvcrträgen mit Rußland, N i c a r n g u a und Coltimb i a faßte, zugleich einen Beschluß bekanntgab demzufolge der Vertrag mit Rußland nicht eher abgeschlossen werden dürfe, bis Rußland die amerikanischen Juden in ihren Rechten den-anderen amerikanisehen Bürgern gleichgestellt habe. Brief aus Holland ״Ob es wollt die Wirkung mehrerer Jahrhunderte Kalvinismus sein mag, daß Holland in hervorragendem Maße ein Fand starrer Systeme, enger Formeln und rigoroser Dogmen ist?“ So beginnt ein Artikel de? Pariser ״Humanite“, der sich mit den überaus heftigen Angriffen beschäftigt, die gegen den bckannten belgischen Sozialistenführcr und Sekretär der Internationale, Camille Huysinans seitens der orthodoxen sozialistischen Partei Hollands gerichtet waren, weil er in einer Amsterdamer Rede die Bewilligung der belgischen Kriegskreditc verteidigte. Diese Benicrkung erinnert an das, was in einer Londoner jüdischen Zeitschrift vor einigen Wochen ein Mitarbeitcr über die theoretischen Anschauti n g c n der holländischen Zionisten berichtete. Unsere niederländischen Gesinnungsgenossen werden dort als eine Sorte der schlimmsten Theorctiker hingestellt, die einerseits auf ein enges palästincnsisch-zionistisehcs Dogma eingeschworen seien und andererseits den Gedanken und Sorgen der jiidisehen Volksmassen völlig fremd und teilnahmslos gegenüberstünden. Zu dieser Charakterisierung darf gesagt werden, daß sie, obschon ein Körnchen Wahrheit in ihr steckt, dem Wesen und Wirken des holländischen Zionismus nicht gerecht wird. Es ist wahr, daß man in holländisch-zionistischen Kreisen (vielleicht infolge des Milieus) zum Thcorctisic reu sehr geneigt ist, wahrscheinlidi mehr als in den meisten anderen Landsmannschaften. An und für sieh Ist diese Vorliebe für Theorien gewiß kein Felder und es läge vielleicht sehr im Interesse unserer Sache, wenn die vielfältigen Probleme unserer Bewcgintg es sei nur auf die zweckmäßige Ge- Stallung unserer palästinensischen Siedlungspolitik hingewiesen künftig mehr als früher theoretisch durchdacht würden eine dankbare Aufgabe für unsere Akademiker und intelligenten Kaufleute. Auf die theoretische Streitfrage der ״Gegenwertsarbeit“ (Golusarbcit) im Gegensätze zu der rein palästinensisch orientierten zionistischen Tätigkeit ist hier schon gelegentlich aufmerksam gemacht worden. Mein heutiger Bericht zeigt, daß dies«' Prinzipien selbst bei anscheinend fernab liegenden Entscheidungen {״Mischehe-Antrag“) in Betracht gezogen werden. Wie verhält es sieh aber mit dem Mitdenken und Mitfiihien für die jüdische Volksmasse, das angeblicli den holländischen Zionisten fehlen soll? 111 früheren Jahren ist es dem Sdireiber dieser Zeilen häufig begegnet, daß er in zionistischen Ortsgmp|H1t Deutschlands enthusiastisch veranlagte, junge Gesinnungsgenossen aus Ruliland, zumeist Studenten, antraf, die über die mangelnde Gefülilswärme der deutschen Zionisten gegenüber dem Schicksal der jüdischen Volksmasse im Osten bewegliehe Klagen führten und gleichzeitig den westeuropäischen, Ih׳av, deutschen Gesinnungsgenossen, deren organisatorische Fälligkeiten inan anerkannte, Lauheit und Gleichgültigkeit in bezug auf die Her- Stellung eines innigeren Kontaktes zu den Gedanken, Sorgen und Wünschen der östlichen Jmlcnhcit zum Vorwurf machten. Ganz unberechtigt erschienen mir damals diese Anklagen nicht, aber die Ursache der erwähnten Erscheinungen lag mm einmal zum großen Teil in den besonderen Daseinsbetlingamgeii des deutschen Judentums begründet. Vielleicht bewirkt der Krieg auch hier eine gegenseitige Annäherung. Aelmlieh wie den vorerwähnten zionistischen Studenten aus Rußland ergeht cs wohl deutschen oder österreichischen Gesinnungsgenossen, die nach Holland kommen. Das zeigt sich, wenn man beispielsweise die ans Antwerpen gekommenen, meist aus Galizien stammenden Mitglieder des Vereines ״Haschachar“ in Schcvcningcn mit den holländischen Zionisten vergleicht. Auf der einen Seite dominieren jüdisches Temperament und Weitherzigkeit der natiotialcn Betätigung, etwa im Sinne des Wortes: ״Der Zionismus ist das jüdische Volk unterwegs“, was ja auch bedeutet: der Zionismus hat sich um alle Angelegenheiten des jüdischen Volkes zu bekümmern. Auf der anderen holländischen Seite ist mehr Organisationstalent als ursprüngliche Begeisterung anzutreffen, und gelegentlich wird verkündet, daß wir Zionisten keinen Anlaß haben, für die nationalkulturelle Autonomie der polnischen Juden einzutreten, daß zionistische Gemeinde,irheit oder nationaljüdische Turn- und Sportvereine überflüssig oder sogar schädlich seien usw. Später allerdings erfährt man, daß in der Praxis den theoretischen Grundsatzen nicht immer Folge geleistet wird. So sitzen Zionisten (als Privatleute!) in dem vergangenes Jahr begründeten ״Internationalen Jüdischen Emigration«-