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Jüdische Rundschau · 1916-02-25 · Heft 8 (25.2.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 8 (25.2.1916)
Date
1916-02-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 66 JUEDISCHE RUNDSCHAU kommen lassen. Immerhin gab es auch in der letzten Zeit noch immer vereinzelte Maßnahmen lokaler Behörden, die dieser Beruhigung entgegenwirklcii, trotz.deiii die Besuche des Oberstkommandierenden der syrischen Armee, I>jemal Pasc bas. in jüdischen Kolonien und jüdischen Instituten bewiesen hatten, daß sich auch die oberste militärische Instanz des Landes der Bedeutung der jüdischen Arbeit nicht verschließe. Besondere Beunruhigung erregten wegen ihres symptomatischen Charakters zwei gegen bekannte Zionisten in Palästina angestrengte Prozesse, die längere Zeit hindurch zu keiner Erledigung kamen. Der eine Prozeß wurde gegen die Mitarbeiter des hebräischen Sammclbuchs Ben Hamzarim geführt, das von dem Redakteur der indessen eingestellten hebräischen Tageszeitung ״Haachduth“ aus den Manuskripteil seiner Zeitung zusammengestellt worden war. In diesem Prozeß war Dr. Beham einer der Angeklagten, der Leiter der jüdischen Abteilung am Internationalen Gesundheitsamt in Jerusalem, der sich• während der Kriegszeit besondere Verdienste 'um die sanitären Verhältnisse in Palästina erworben und für die erwähnte Publikation einen Aufsatz über die hygienischen Zustände Palästinas geschrieben hatte. In einem anderen Prozeß wurden Herr Dr. Arthur Ruppin, Dr. Jacob Thon, J. Feld mann, J. Ulitzky u. a. wegen des Verkaufs von Marken des Jüdischen Nationalfomls verwickelt. Obwohl die Grundlosigkeit dieser Anklage auf der Hand liegt, dauerte der Prozeß doch• einige Zeit, bis jetzt, auf Antrag des Staatsanwalts selbst, die Freisprechung erfolgte. Vorher war schon der Freispruch Dr. Bchams und Genossen erfolgt. Daß solche Prozesse aber überhaupt angestrengt wurden, mußte natürlich auf das Sicherheitsgefühl der jüdischen Bevölkerung einwirken. Daß in all diesen Maßnahmen und Vorgängen eine gewisse Tendenz liegt, ist nicht zu verkennen. Trotzdem konnte man die ganze Zeit über mit Recht daran fcsthalten, daß der türkischen Z e n t r a I r e g i e r 11 n g selbst eine durchaus wohlwollende Haltung der jiidisehin Bevölkerung gegenüber zugeschrieben werden dürfe. Und soweit jene in Palästina selbst vorgefallenen Ereignisse in Betracht kom- Inen, konnte auf die stets fortgesetzte Bemühung um eine bessere Information die Hoffnung gestellt werden, daß sich doch eint• ruhigere Beurteilung der Verhältnisse und Strömungen und im Zusammenhänge damit auch eine größere Sicherheit für die jüdische Bevölkerung werde herbei führen lassen. Ist es doch nicht schwer, immer wieder auf die T a t s a c h e 11 hinzuweisen, die mit überzeugender Klarheit für die Loyalität des palästinensischen Judentums sprechen und zeigen, von welch nicht zu unterschätzender Bedcutung cs für die Entwicklung des Landes und die Erhaltung und Stärkungseiner Kräfte ist. Diesen Argumenten gegenüber muß die Bedeutung unrichtiger und böswilliger Informationen über die Stellung und Bedeutung der Juden in Palästina auf die Dauer in den Hinter- » grund treten. Solche Informationen können im Zusammenhang mit Uebelwollen und IJnverstand besonders während der Kriegszeit zeitweise zu ernsten Beunruhigungen Anlaß geben. Aber gerade deshalb muß mit Deutlichkeit gesagt werden, daß kein Grund vorhanden ist, daran zu zweifeln, daß sich auf die Dauer der gute Wille durchsetzen wird. In dem Bestehenden, dessen Wert für das ganze Land so offensichtlich ist, liegt eine Kraft, an deren Durchsetzung gerade wir Zionisten niemals aufhören können zu glauben. Darum haben wir auch in der Zeit der Unruhe nicht die Besonnenheit des Urteils verlieren können, haben die nun eingetretene günstige Erledigung der schwebenden Prozesse erwartet und hoffen nun, daß sich, parallel mit der allgemeinen Beruhigung, auch in ökonomischer Hinsicht durch eine großzügige Hilfsaktion des gesamten Judentums über die schwerste Krisis hinaus erhalten läßt, was uns barte Pionierarbeit im Lande der Väter aufgebaut bat und was die Hoffnung und die Kraftquelle unseres Volkes ist. Nochmals Philippson Professor Alfred Philippson hat sich nicht eilthallen können, 1111 ,,Hcriiner Tageblatt“ (vom 10. Ecbrnar 101(1) nochmals auf die Frage der jüdischen Kolonis.ilionsniöpliehkeilen im Orient zurüekziikommen. Ans dem Schlußwort seiner Ausführungen haben manche entnehmen wollen, daß er sich eigentlieh garnicht gegen die Zionisten, sondern gegen die Nossigschen Pläne wendet, in Wirklichkeit aber bestellt er darauf, die •zionistische Bewegung und die Nossigsche Organisation in Einem ahzntun, wie daraus ersichtlich ist, daß er wieder damit anfängt, den Zionisten den Judenstaat aufs Butterbrot zu tun. Das ist ungefähr so, wie wenn jemand in dieser Zeit des Burgfriedens sielt durchaus nicht enthalten wollte, der heutigen Sozialdemokratie die kleine Teilung und den grollen Kladderadatsch von anno Tohack vorznhaltcn. Wenn aus dieser nochmaligen höchst überflüssigen Betonung nicht eine besondere Absicht hcrvorgeheii soll, so versteht es der Herr Regierimgsrat jedenfalls sehr schlecht, seiner Ahsichlslosigkeit einen entsprechenden Ausdruck zu verleihen. In seiner Beantwortung von Professor Warlmrgs Einwendungen, gellt er sehr systematisch vor. Zunächst erklärt er cs für gleichgültig, ob Palästina heule 7(10 000 oder <)00 000 Einwohner hat. Wem die ganze Palästinafrage gleichgültig ist, der braucht sieh allerdings über diese Einzelheiten nicht aufzuregen. Daraufhin, daß es in der Türkei keine Volkszählung gibt, irgendwelche Zahlen gelten zu lassen, ist aber jedenfalls nicht sehr wissenseliafllieh. Philippson weist dann den Vergleich Palästinas mit Sizilien zurück, das eine ganz andere geologische Beschaffenheit haben soll. Zinn Glück für uns kümmert sieli Palästina seihst nicht um seine geologische Inferiorität, sondern bringt da, wo es nicht an intelligenter Arbeit fehlt, dieselben Produkte hervor wie Sizilien. Die Orangen Palästinas erzielen sogar einen sehr wesentlich höheren Preis als die sizih,mischen. Wenn das eine Eolge geologischer Minderwertigkeit ist, so würde ich mich mit dieser ah/iifimien wissen. Mir scheint die geologische Beurteilung Philippsons sehr an der Oberfläche zu haften. Wenn man aus der Fruchtbarkeit auf güustige geologische Bedingungen schließen wollte, so könnte mau das in Palästina in zahlreichen Fällen schon heute und in noch viel höherem Maße hei fortschreitendem Anbau tun, obwohl dadurch der geologische Aufbau des Landes doch kaum verändert wird. Trotz der guten geologischen Zensur, die Philippson der Insel Sizilien zubilligt, soll dort die Grenze der möglichen Bevölkerungsdichte längst überschritten sein. Daher - •nach Philippson das Elend der Bewohner und die starke Auswauderung. In Wirklichkeit haben Elend und Auswaudermig der Sizilianer bekanntlich ganz andere Gründe, und das Land ist nicht übervölkert, sondern durch l.atifuiidicnwirtscliaft ,,gesperrt“. Was den Anbau des steinigen Kalkgebirges von Palästina betrifft, so könnte Philippson an dem Beispiel Bethlehems und I lebrons sehen, was auch an anderen Stellen des jmläisclien Gebirges möglich ist. Aber es liegt so gar keine Veranlassung vor, gerade die ungeeignetsten Stellen des Landes in Angriff zu nehmen, bevor die geeigneteren ausreichend herangezogen sind. In der Küstenebene •mul in zahlreichen anderen Gebieten ist bei dem intensiven Gartenbau, der hier ohnehin die beste und praktischste Art der Bodenverwertimg (larstellt, eine Bevölkerimgsdichte von 500 und mehr auf den Quadratkilometer möglich. Die Auffassung, daß unsere bisherige Kolonisation ״mit 10 000 ausgesuchten Menschen an ausgesuchten Plätzen“ gemacht sei, ist so grotesk als denkbar. 111 Wirklichkeit verfügen unsere besten Kolonien über den allerschlechtcstcn Boden, den die Araber ihnen verkauft hatten,, und unser Kolonistenmaterial war ebenfalls von vornherein ungefähr so ungünstig als möglich. Jede spätere Kolonisation, die mit den bisherigen Erfahrungen rechnen kann, wird cs besser haben. Dabei läßt Professor Philippson •zunächst die industriellen Möglichkeiten außer acht, die allein schon dieses Land zu jeder europäischen Volksdichte befähigen würden. Philippson versteift sich darauf, daß eine Einwohnerzahl von 100 Millionen für die Türkei erst in Jahrhunderten möglich sei und redet in dieser Verbindung von Phaiitasinngorien. In Wirklichkeit ist die Frage dodi nur die, ob die Türkei mit ihren jetzt höchstens 23 Millionen Einwolmern vorwiegend agrarischer Beschäftigung für einen Zuwachs von einigen wenigen Mil- I io ne 11 an Industriebcvölkcrung Platz hat, Bei dieser einzig richtigen Formulierung der Frage würde wohl seihst Philippson zu keinem absprechenden Urteil kommen können. Aber auch die landwirtschaftlichen Möglichkeiten würden schon allein ausreiclicn, um einer sehr großen Einwanderung in kürzester Zeit Existenzmög¬ Nr. 8 lichkeit zu bieten, seihst wenn es sich dabei um der Landwirtschaft ungewohnte Elemente handelt. Zah|. reiche Versuche haben in den letzten Jahren an kleinen und an großen Beispielen gezeigt, ,ן,|ן( rationell augeleitete l.amlwirtschatt von Neulingen bessere Resultate zeitigt als die herkömmliche l.and• Wirtschaft in üblicher Weise bewährter bäuerlicher Elemente. In den Vereinigten Staaten erzielten (|,g Schulgärten, die von schwachen Kindern bearbeitet werden, Erträge von 3 Eres, für den Qiiadiatmeter (!) und die Zeit, die nötig ist, um halbwegs intelligenten!.eilten lohnende Landwirtschaft bciziibringui jsj nach den besten neueren Erfahrungen kürzer als bei den meisten anderen Berufen. Zum Schluß äußert sich Professor Philippson dahin, daß das dringende Osljudeiiprohlem duicli eine schnelle Massenauswandertmg der Lösung n.ilur ge• bracht werden kau״, diese aber darf nach PI1il1|>pa,ns Meinung nicht nach der Türkei geleitet, sondern nur a u f v e r s c h i e d e 11 c E ii n d e r i n k I c i 11 e 1 e n Gruppen verteilt werden, ״also Massenanswauderimg, aber nicht Mnsscncinwamlenmg!“. Sehr schon. Es fehlt nur die Hauptsache, iiauilieh, daß Professor Philippson uns wenigstens nlt p a a r Länder nennt, auf welche die Masscnauswamlcrung verteilt werden könnte. Es steht zu hefürchten, daß der Geheime Deutsche Regierungs• rat nur zwei Kategorien von Ländern namhaft machen könnte: ־ solche, nach denen die jüdische Ein- Wanderung zu leiten, dem deutschen Interesse wider• spräche, und solche, für die schon die kleinste nennenswerte Einwanderung eine Massen einwamlcrung bedeuten würde. Aber vielleicht überzeugt uns Professor Philippson durch die Aufzählung einer dritten Laiideigruppc, die ich mir allerdings nicht vorstcllcn kann, <l;!v11״, daß seine Lösung doch mehr war, als ein bloßes Schlagwort. D a v i s _T r i c 1 s e h Zum ״Judentag“ in Amerika l'k'r am 27. Januar veranstaltete ״J n d c 111 a g“ in Amerika gestaltete sich, wie wir den Berichten der New-Yorkcr jüdischen Zeitungen entnehmen, zu einer der großartigsten und imposantesten Kundgebungen des jüdischen Solidaritälsgefühls, die Amerika je erleb! hat. Außerordentlich glänzend und großzügig war die Organisation dieses umfassenden Milfswcrkcs. In New-York allein sollen, einem Bericht der ״Wahrheit“ zufolge, sieh etwa 50 000 ״Freiwillige“, darunter zahlreiche jüdische Soldaten der amerikanischen Armee, die für diesen Tag beurlaubt waren, an der öffentlichen Sammeltätigkeit beteiligt haben. Die ״Proklamation“ des Präsidenten Wilson hat im ganzen Laude, 10m atlantischen bis zum stillen Ozean, von New-York bis Cineiniinti und San-Eranzisko die lebhafteste Bcgcistc• rung limorgerufeu. Dementsprechend waren auch die Ergebnisse der Sammlungen und Zeichnungen. Das Gesamtergebnis wird auf :1 1 Millionen Dollar geschätzt. Davon entfallt auf New-York allein die (iesamtsiimme von ii b c r e ine Milli <> 11 Dollar. Interessant ist die Zusammensetzung dieser Summe: über 33 000 Dollar wurden auf den Straßen Die ״Jüdische Rundschau״ j in Russisch-Polen } Die in Russisch-Polen und Litauen § bestehenden deutschen Postanstal- 1 ten in Bcndzin, Bialystock, Ciecha- | now,Czenstochau,Gostynin,Grodno, ־§ Grodzisk, Grojec, Kalisch, Kolo, | Konin, Kowno, Kutno, Lenczyca, J Libau, Lipno, Lodz, Lowicz, Mitau, | Mlawa, Pabianice, Plock, Plonsk, I Ponicwicz,Przasnysz,Brzeziny,Rawa, | Rypin, Sehaulen, Sieradz, Sicrpce, S Skiernicwice, Sochaczcw, Sosno- § wice, Suwalki, Tomaszow (Kr. Brze- 1 ziny), Warschau, Wielun, Wilna und j Wloclawek nehmen Bestellungen auf I die ״]Udische Rundschau" zum g Abonnementspreis von I M. 1,75 vierteljährlich | ן --י entgegen. Ebenso werden Beg Steilungen aus diesen Städten auch I bei der Unterzeichneten Administra* | tion entgegengenommen. g Administration der Jüdischen Rundschau" I Berlin, W. 15 Sächsische Str. 8. g

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