Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1916)
- Date
- 1916-02-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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\ J U E DI SC H E RUNDSCHAU Seite 57 ״ytzen. Wenn man den Juden nationale Rechte ״״״״!, In-il't cs ״icht l«l1R,lich, daß inan ihnen er- L|1t linti״׳׳ ״־ sci"> Schulen, Museen, Bibliotheken ״,.' zu besitzen, sondern daß man ihnen eine 11*11 Ikniclle Repräsentanz in allen leitenden Organi- ״jinmn zusiehert. 111 der Praxis wird es so ausseheu, , ׳"ן, ןן Juden verlangen werden, eine entsprechende »n/,1111 v״n Mandaten und Aemtcrn in der Landesvfnvalt״«R bekleiden zu diirten. Was der Verfasser meint, wenn er sich gegen tinpriiclic der Juden ״auf ein Vorreclit im polnisch- ״lioiialcn I eben“ verwahrt, verstehen wir nicht recht, 11.11 \ccnn er es für unausdenkbar hält, ״daß sich 1r1״uhv0 ein Volk bereit fände, einem anderen 1 (iastmhi genießenden Volke das Recht des (׳,rtes /ii/n rkennen״. Was diese letztere Erklärung 1111,1111:1. s" 'd * 1 * 111's "'«nürlich hohe Zeit, dal! ernste Leids lle'reigründe aufgeben, die auf der politischen Boise keinen Wert mehr haben Besonders dürften cs Bit Polen nicht tun, die seihst oft ״Gäste" auf dem ^torischen Boden anderer ״Wirte" sind, und sich darüber 111-1■ : machen würden, wenn ihnen z. B. die BiiiIhmh ii, I itauer, Weißrussen kralt ihres ״Wirllums“ Beeilte verweigern wollten. Was aber das Wesen der ״Vorrechte‘‘ betrifft, die uii, der Autor verweigert, so können wir nicht annehmen, daß er das ganze öffentliche Leben des Landes als ״national-polnisch“ betrachten sollte und 10 dein Juden das Recht, an der Verwaltung usw, tcil/uiieliiiun, nbsprcchc. Ls wäre doch geradezu!)elterlich, unsere ״ganze Freiheit im Lande auf das Recht zu beschränken, ״nicht Pole sein zu brauchen“, im Privatleben jüdisch sprechen, oder schließlich für eigenes Ztilagegcld nationale Institutionen besitzen m dürfen. Dies verwehrt uns auch heute niemand. Schließlich erklärt der Verfasser, daß als Konsequenz dessen, daß man den Jude״ nationale Rechte piahren wird, man auch den Polen das Recht fflgesiclien muß, ihren Handel zu nationalisieren (lies: den Boykott durchzuführen), und wundert sich, daß sich die nationalen Juden gegen den Boykott bukt mit Entrüstung ausgesprochen hätten. E> unterliegt keinem Zweifel, daß die Polen berechtigI sind, ihren Handel zu nationalisieren*), aber bisher 11.1t die Boykoltbcwogung eine ganz andere Interlage gehabt. Die russische Regierung, welche Hirni in llnnd mit der polnischen Reaktion ging, lut die Juden von allen Stellungen ausgesperrt: ein Jude durfte nicht auf dem Lande (auf bäuerlichem Boden) wohnen, nicht staatlicher und städtischer Beamter werden (nicht einmal Hausdiener, Brief- Vager oder Tramführer) und wurde in den gebildeten Berufen beschränkt: wenn er nach vielen .Midien eine Hochschule beendet hatte, wurde er als W1is.111w.1lt, Ingenieur usw. zurückgesetzt. Selbst 1k Fabrik0rbeiter haben die polnischen Fabriken .Wen nicht 1a ufgeuommen. Es blieb daher den Juden mir der Handel übrig, wenn sic nicht Hungers sterben wollten. Und da erhoben die polnischen Antisemiten ein Geschrei, die Juden hätten sich des ') Ball wir mit dieser Anschauung des Verfassers *iciit einverstanden sind, bedarf wohl keines Hin- »esc*:. (I). Red.) W Erkl,innig, daß die in einem Volk wirkende kassenkrait zu Sprachabsondcrungen führen kann, trifft die Juden, die nirgends im Golus ein geschlossenes Territorium besaßen, nicht zu. Rassenminderheiten ^'Uen keine dialcktbildcnde Kraft, besonders wenn T|,sv Minderheit nicht bodenständig ist. Uebrigcns *prtchcn auch die abcssinischen Falaschas, die der Wsv nach gleich ihren christlichen Landsleuten jbessinisclicr Abstammung sind, einen eigenen Dialekt, «lüg wurde die Geldwirtschalt und der internationale wndcl für ,!io Entstehung der jüdischen Dialekte jcrant\vortlivl1 gemacht. Auch diese Ansicht widerder Verfasser. Die lingua franca der Levantiner fl zwar eine solche ״Hamlelssprachc“, die jüdischen ';nickte werden aber gar nicht zu Großhandels- und 1M.indigiings/wcekeu, sondern im Gegenteil auf der jüdischen Gasse und in der Familie gesprochen. Jü- Jargone existieren auch da, wo von Handel 111 ciroth-n! S|j)e überhaupt keine Rede ist. Mischsprachen entstehen nicht immer durch Handels- ׳icliunpcii u-rscliiedenspracliiger Völker. Die 20 «/o ”‘״wisch des .lidischcn z. B. sind gewiß nicht durch ”5״dclsbeziclmngen ins Jidische eingedrungen. Die I!.ן * slawischer Bestandteile des ״Jargons“ sind nicht j" a״{ Grund der Handelsbeziehungen, sondern I? gemeinschaftlichen Milieulebcns überhaupt zu er- ,arc1'■ Eine weitverbreitete Meinung war es lange nicht '1,1״ lias Jid'sehc eine Gchcimsprachc, wenn l k'ar eine Gaunersprache sei, speziell zu dem xfc Beschaffen, Nichtjuden zu betrügen und vor hält" Ue,'ci|״״issc zu bewahren. In Wirklichkeit verq. sicl1 aller umgekehrt: die nicht jüdischen n u״d Schwindler machten sich eine Vcrstiindis*sPraelie zurecht und entlehnten zu diesem polnischen. Handels ״bemächtigt״ und verschwiegen dabei völlig, daß die Nichtjuden sich aller anderen Gewerbe ״bemächtigt“ haben. In Zukunft, wenn zunächst das Monopol der Russen auf die öffentlichen Aenitcr aufgehört hat, wenn ferner andere öffentliche I ״steil Personen ohne Unterschied des Glaubens werden bekleiden dürfen, wenn das jüdische Proletariat in den Fabriken Zutritt haben wird, wenn die gebildeten Juden ungehindert sich in allen anderen Gewerben betätigen können, werden sie den Handel von seihst teilweise räumen. Fine in den Grenzen der gesellschaftlichen Ltliik gehaltene Nationalisierung des Handels würden wir nicht verdammen. Nelienbci gesagt ist cs aber höchst zweifelhaft, ob diese «len Polen zum Guten ausschlagen wird. Unter der Larve von Vaterlandsrettern sind verschiedene Hautschinder und Gauner aufgctrelcn, welche im Namen des Patriotismus die polnische Kundschaft ausbeuteten, indem sie ihre (uota bene bei Juden gekaufte) Ware zu teueren Preisen verkauften, den polnischen Kleinkapitalistcn unsaubere (icscliäfte aufzwangeu, welche diesen letzten Endes die Tasche tüchtig leerten. Auf ökonomischem Gebiet gibt cs keinen Patriotismus; jeder wird dort kaufen, wo er preiswertere Ware bekommt. Diese Tatsache bezieht sich sowohl auf die Polen wie auf die Juden. Harden iiuflcrt sicli sogar, daß nach »lern Kriege auch in Luxus- Sachen eine Bevorzugung der einheimischen minder eleganten Erzeugnisse nicht möglich sein werde. Herr lioleski vergißt auch, daß außer den Juden und den Polen noch andere Nationalitäten auf demselben Territorium leben, zunächst Deutsche, ferner Litauer, Riitbeiicn usw. Die Politik des gegciiscitigcn Boykotts könnte daher nur dem Sprichwort recht geben: ״Wo zwei sieh streiten, freut sich der dritte.“ Ucberhaupt wird die Kapitalisation des Handels und der Industrie und deren Auftreten in Form von anonymen Gesellschaften, Warenhäusern usw., bei welchen der Käufer gar niclit wissen kann, woher die Ware stammt, den Boykott fast unmöglich machen. Sollte daher der Verfasser die Absicht hallen — wie er vorsichtig, aber unmißverständlich zu erkennen gibt — die Juden durch Androhung eines künftigen Boykotts von der Forderung nationaler Rechte abzuschrecken, so hat seine Drohung ihren Zweck völlig verfehlt. Es ist Zeit, mit Vorurteilen autzuräumen, und zu verstehen, daß iljic Jmlcnfrage in Polen nicht viel komplizierter ist, als überhaupt die Nationalitätenfrage in einem Lande, wo mehrere Völker nebeneinander Iclicn. Man muß sich mit der Tatsache abfimlen, daß in dem gegenwärtig von den Zentralmachten okkupierten Gebiet, wo einige Nationalitäten nebeneinander leben, ein modus vivendi nur auf der Grundlage möglich ist, daß jeder Nationalität ihre national-kulturellen Rechte zuerkannt werden. Eine gegenseitige Assimilation wird sich freilich in bestimmten Grenzen vollziehen; das politische Dasein der Völker kann jedoch auf sic nicht gestützt werden. Die Assimilation ist eine Ausnahme, welche nur die nationale Regel bestätigt. Zweck Wörter und Ausdrücke aus dem Jidisclieu bzw. Hebräischen, Analogien dieser Erscheinung sind iiielirfarh vorhanden, so z, B, verdankt die spanische Gaunersprache, die charakteristischcrwcisc ״Germania“ heißt, einen Teil ihres Wortschatzes dem auf der iberischen Halbinsel wenig bekannten Deutsch der Landsknechte. Die jüdischen Wanderungen als Ursnehe für die jüdischen Dialektbildungcn anzusehen, ■ ist ebenfalls unzulänglich. Demi auch ohne Wandcrimgen bildeten sich diese Dialekte. Es ist falsch, zu glauben, daß der von der mittelhochdeutschen Sprache ziemlich verschiedene Dialekt des Jidischcn erst in Polen unter nichtdculsclicr Umgehung entstanden sei. Vielmehr haben die Juden, die nach Polen eimvmidcrtcn, bereits das Jidische besessen und bevor sic noch nach Deutschland rückwanderten, gab es unter den einheimischen Juden Deutschlands einen besonderen deutsch-jüdischen Dialekt. Nach dieser Widerlegung der bisherigen Erklärtingsvcrsuchc beginnt der positive Teil der Miesessehen Arbeit, Mit allen Mitteln wissenschaftlicher Beweisführung, insbesondere auf Grund zahlreicher Hinweise auf analoge Erscheinungen im Orient, im Europa des Altertums, Mittelalters und der Neuzeit versucht der Verfasser die Meinung zu begründen, daß die Entstehungsursache der jüdisdhen Dialekte im jüdischen Konfcssionalismus zu suchen sei. Um seiner These besonderes Gewicht zu gehen, versucht Mieses zu beweisen, daß die konfessionellen Gemeinschaften im allgemeinen dialcktbildcnde Kraft besitzen. Ja, er geht noch weiter, indem er das Schicksal dieser ״konfessionellen Dialekte“ geradezu abhängig von dem Schicksal der entsprechenden Konfessionen selbst dar¬ Jagd auf Juden in Moskau Wie in den Tageszeitungen bereits mitgetcilt, fand in den Hauptstraßen Moskaus am 21. Januar eine regelrechte Jagd auf Juden statt, die kein Wohnrecht in Moskau besitzen. Die jetzt eingclaufcnen jüdischen Zeitschriften aus Moskau berichten über die Einzelheiten dieser höchst eigenartigen Form der Ausweisung, wie auch über die verhängnisvollen Resultate, die dieses Schauspiel für die jüdische Bevölkerung hatte. Am hellen Tage wurden samtliehe Straßen der llinka - des Handelszentrums Moskaus von großen Scharen der Polizei und Geheimpolizei gesperrt. Von dem sich zufällig in der Nähe des Börsenplatzes befindenden 1‘ubhkum wurden Ausweise verlangt. Personen, die nach ihrem Aussehen Juden zu sein schienen, wurden festgenommen. Haussuchungen in den Hotels und Restaurants dauerten den ganzen Tag. Alle jene, auf die der Verdacht fiel, daß sic Juden seien, wurden unter strengster Ikwaelumg ins Polizeirevier abgeführt. Insgesamt wurden ea. 800 Personen festgenommen, von denen 318 gegen Abend freigelassen wurden. Die anderen, die interniert blieben - 412 Personen — sind Juden, die ihr Wohnrecht in Moskau nicht genügend nachwciscn konnten. Von jüdischen Flüehtlingen, die kein Recht hatten, in Moskau zu weilen, waren darunter blaß 50 (10, die bald darauf per Etappe aus Moskau weggebracht wurden. Um diese merkwürdige, auch für die russischjüdischen Verhältnisse ziemlich ungewöhnliche Maßregcl berechtigt erscheinen zu lassen, versuchte die Regicnmgsprcsse die Legende zu verbreiten, die Polizei beabsichtige damit nicht, die Judcnrcchtc zu revidieren, sondern die Teuerung der Lebensmittel und die unehrliche Spekulation zu bekämpfen. Für jeden Unbefangenen ist es wohl klar, wie wenig stichhaltig diese Begründung ist. Aber selbst der Moskauer Statthalter, General K I i in o w i t s c 11, und der Verwalter der Geheimpolizei K. P. Marschalk erklärten später den Vertretern der Moskauer großen Zeitungen, daß diese Untersuchung einzig und allein die Ausweisung der nicht wohnbcrcchtigtcn Juden im Auge hatte. Daher seien auch die Revidierungen im Börsen viertel vorgenommen worden, da ״die Juden als I landelsclcmcnt hauptsächlich dort zu treffen sind“. Der Vorsitzende der Fleisch-Börse erklärte später öffentlich, daß diese Untersuchung nicht die leiseste Beziehung zum Kampf gegen die Spekulation habe, da ״alle dort tätigen Juden höchst anständige Kaufieute sind.“ Trotzdem fand «loch die von den Antisemiten zur Erklänmg dieser Vorgänge erfundene Legende, die Juden seien die Urheber der Spekulation und die Hauptschuldigen an der Nnhnmgsmittcltcucrung, einen günstigen Boden und wird von der ganzen ״schwarzen“ Presse vielfach wiederholt, was nicht ohne Einfluß auf weite Kreise der Bevölkerung bleiben kann. Wie die ״Ru ss ko je Slowo“ mitteilt, fand am 1. Februar von neuem eine Untersuchung auf der Brot-Börse statt, bei der ״besonders atifinerksam die Ausweise der jüdischen Börscnbc• s 11 c 11 e r geprüft wurden.“ Seitdem wurden die Haussuchungen in Moskau zu einer systematisch wiederholten, fast alltäglichen Erscheinung und die stellt. Der Untergang der konfessionellen Gemeinsehaft bedeutet — nach Mieses zugleich den Untergang «les von ihr gesprochenen Dialektes. Je vollkommener dieser Untergang der Konfession ist, desto vollkommener ist auch das Verschwinden des entsprechenden Dialektes. Die logische Konsequenz ist daher, daß die westeuropäischen Juden mit der Lockerung des religiösen Bandes ihren jüdischen Dialekt zugunsten der europäischen Sprachen verloron. Die notwendige Folgerung wäre aber auch, daß die osteuropäische Judcnhcit bei Eintritt eines religiösen ludiffcreiitismus ihr Jidisch aufgäbe. Dies nun will Mieses nicht zugeben. Nach seiner Meinung hat sich der frühere konfessionelle jüdische Dialekt zu einer nationalen Sprache entwickelt, die auch beim Verschwinden der jüdischen Konfc.%sionalität fortbestehen würde. Mit dieser überraschenden Wendung seiner Beweisführung ist aber der Verfasser zu einer ganz neuen Voraussetzung gekommen, die eigentlich seine Arbeit teilweise au flicht. Denn in dem Augenblick, in dem Jidisch als Sprache anerkannt wird, hat cs keinen rechten Sinn mehr, das heutige Jidisch in eine Untersuchung über die ״Entstchungsursachcn der jüdischen Dialekte“ cinzubezichen. Uebrigens gibt der Verfasser - allerdings erst nachträglich — zu, daß das Frcmdscin «ler Juden in ihrer Umgebung und ihre internationalen Beziehungen als akzidcntielle Faktoren bei der Entstehung der jüdischen Dialekte In Betracht kommen. Was Im Schlußkapitcl über die Emanzipation der jüdischen ״Jargons“ gesagt ist, klingt angesichts der durch die Ereignisse des Krieges bewirkten raschen Entwicklung dieser Frage etwas veraltet. N. N. 1 וי I (; 1 11■ 1 r >:< r׳> V• r 1 t: M h!■ו; * h * i יו IV 1 t I I ן ,i I i * i 1 '1׳ 11 i1 I; t t 1 '1 I , . י 1