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Jüdische Rundschau · 1916-02-18 · Heft 7 (18.2.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 7 (18.2.1916)
Date
1916-02-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 56 JUEDISCHB RUNDSCHAU risten in Deutschland die nationalen Forderungen der polnischen Jiidcnlicit ahlehneii zu müssen glauben, cs hilft alles nicht. Der ״Bindestrichmaisch“ existiert und fordert seine Rechte, die man ihm für die Dauer nicht vorenthalten kann. Es scheint, als ob Während des Krieges diese Erkenntnis in vielen wach geworden ist, die ihm vordem verständnislos gcgcniibcrstamien. Gerade der Fall der Deutsch-Amerikaner hat hier in Deutschland das Verständnis für das ״Binde- Strichphänomen“ in weiten Kreisen erweckt, und mit Grund dürfen wir erwarten, daß man dieses Verständnis und diese Sympathie in Zukunft auch uns national-bewußten Juden nicht versagen wird, die wir einen gleichen, nur noch viel schwereren Kampf utn die Bewahrung unserer nationalen Traditionen kämpfen, die wir gleiche, durch unsere Situation noch erschwertem Treue unserem Volke wahren wollen. Wichtiger aber noch als dies Verständnis der anderen Völker ist, daß wir Juden selbst aus der neuen Ausdrucksform des ״Bindestrich- Phänomens“, die der Fall der Deutsch-Amerikancr darstellt, lernen; daß auch jenen Juden, denen das nationale jüdische Bewußtsein bisher gefehlt hat oder die sich gar mit Eifer gegen jede Anerkennung desselben wehrten, das Verhalten der Deutsch-Amerikaner einen Ansporn bilde, in Zukunft gleiche Treue ihrem jüdischen Volke zu halten und die Tatsache ihres ״Bindestrichtums“ nicht mehr gewaltsam leugnen und unterdrücken zu wollen, sondern sie offen und ehrlich zu erkennen und sich ihrer bewußt zu werden. Bisher ist von solcher Umkehr nicht viel zu merken. Im Gegenteil. Die führenden Männer der jüdischen Assimilationspartci in Amerika scheinen sich beeilen zu wollen, die Konsequenzen, die man aus dem Fall der ״Bindestridi-Amerikaner“ auch für die Juden der Voreinigten Staaten ziehen mag und logischerweise ziehen muß, schon jetzt zu leugnen und zu verwerfen. Herr Jakob Schiff, der maßgebende Repräsentant dieser Kreise, hat vor kurzem es für nötig befunden, in einer Rede die amerikanische Judenheit vor diesen Konsequenzen zu warnen und sie eindringlich zu ermahnen, nur amerikanische Juden, aber beileibe nicht Jüdisch- Amerikaner sein zu wollen. ״Gott behüte,“ rief Herr Schiff mit Emphase aus, ״daß wir einen Bindestrich zwischen ,Jude* und ,Amerika‘ gestatten. Gott behüte, daß gesagt wird, daß die Juden eine Gruppe für sich bilden.“ Man sieht, an Herrn Schiff und seinen Gesinnungsgenossen prallt alle Wucht der Tatsachen wirkungslos ab. Daß Tausende deutscher Amerikaner in diesen Monaten ihr deutsches Bewußtsein wiedergefunden haben und trotz aller Angriffe und Anfechtungen treu zu ihrer Heimat halten, auf Herrn Schiff macht solches keinen Eindruck. Aller Welt wurde das ״Bindcstrichphänomcn“ gerade in diesen Monaten offenbar und überall ist das Verständnis dafür jetzt neu geweckt worden, Herr Schiff aber hält die Angen krampfhalt geschlossen und ruft ״Gott behüte, daß wir einen Bindestrich zwischen ,Juden' und ,Amerika‘ gestatten.“ Aber Herr Schiff und seine Anhänger — auch diesseits des Ozeans — mögen sich wenigstens nicht der Illusion hingeben, daß weil sie ihn nicht sehen wollen, der Bindestrich nicht mehr existieren werde. Er existiert und gelangt der großen Masse des jüdischen Volkes zu immer stärkerem und klarerem Bewußtsein; nichts beweist dies besser als die eklatante Niederlage, die Herr Schiff und seine Richtung gerade in der Kongreßfrage erlitten haben. Das jüdische Volk in seiner großen Mehrheit ist eben licllsehender und aufrichtiger als Herr Schiff und seine Gesinnungsgenossen. Es erkennt immer mehr, daß es bei aller inneren Zugehörigkeit zu den Staaten, deren Bürger cs bildet, doch vor allem das jüdische Volk ist und bleibt, eine besondere Nation mit einer eigenen Vergaiigcnheit, einer eigenen Kultur und einer cigeneu Zukunft. Es erfaßt immer klarer die Tatsaelic seines ״Biuclestrichseins“ und zieht immer selbstbewußter die Konsequenzen daraus. Und in dieser Entwicklung wird es sich durch alle Mahnwortc seiner ״Notabein“, die es zur Blindheit und Unaufrichtigkeit beschwören wollen, nicht aufhalten lassen. Der Bindestrich existiert und die Erkenntnis seiner Existenz, wird in immer steigendem Maße 7.11m beherrschenden Faktor des jüdischen Lehens und Handelns. Na bum Go Id mann. Jüdisch-polnische Beziehungen Auf den Artikel des Horm Andr/.c) li י! 0 1 ס k i, •welchen die ״Jüdische Rundstlmu“ in Nimnner 40 des vorigen Jahrgangs aus der Zeitschrift ״Polen“ wiedergegeben hat, erschien im zweiten Heft der warschauer polnisch-jüdischen Sammeibücher (welche mangels einer Konzession jetzt die ״Opinja Zydowska“ vertreten) ein Aufsatz von S. Hirschhorn, den wir im fo'gondcii mit einigen Kürzungen aus dem Manuskript des Autors übersetzen. Die Stimme des Herrn Boieski, der den Juden in Polen nationale Rechte cingcriiumt sehen will, ist um so bedeutungsvoller, als sie im Organ des polnischen ״Obersten Nationalkontitee“ sich hören ließ. Die Zeitschrift ״Polen“ hat sich offensichtlich nicht leicht entschlossen, unter diesem Gesichtspunkt die Frage zu beleuchten. Der Vorsitzende des Komitees, Herr Javvorski, stellte sich anfiinglieh den Jüdin gegenüber auf den Standpunkt der Assimilation, obgleich er den Ruthvncn, Litauern tisw. « Buchbesprechungen Dr. CI1. Tschernowitz: Die Entstehung des Schülchnn-Aruch. Beitrag zur Festlegung der Halaclia, Bern 1915. Akademische Buchhandlung von Max Drechsel, Brosch. M. 2,10. Ls gilt vor allem hervorzuheben, was das Werk nicht ist. Es ist nicht apologetisch, es will nicht irgend etwas vor irgend jemandem rechtfertigen. Und cs ist n i c h t d o g in a t i s e h, es faßt den Schulchan-Arueh nicht als etwas Versteinertes auf, nicht als starren juristischen Stoff, der keiner Entwicklung unterlag. Vielmehr behandelt der Verfasscr das Thema nach seiner historisch-nationalen Perspektive. Er sicht alles im Werden und in der Entwicklung begriffen, immer von Ort und Zeit bcstimmt. Für ihn ist die gewaltige Schuichan-Arnch- Literatur nicht ein regelloser Büdicrlimifeii, sondern eine Bildergalerie von Persönlichkeiten, ein Kaleidoskop von Generationen. Und wen die fachgelehrte Einleitung über die Terminologie, sowie die unzähligen Druckfehler nicht abschreckcn, der wird audt als Laie — mit Nutzen und Genuß das Werk kosten. Der wird einsehen, daß gerade das Fehlen des Apologetischen und Dogmatischen dem Buche sehr zugute kommt. Wie einfach und beiläufig, und nicht einmal an die Adresse der ״Herren Antisemiten" gerichtet, wird ' z. B. die Frage beantwortet, ob und inwiefern der Schulchan-Arueh die Absonderung der Juden von Nichtjudcii vorsdireibt. Man erfährt, daß; nicht ,überall die gleichen Vorschriften galten; daß in Mitteleuropa, wo im Mittelalter die Nichtjuden den Juden die Absonderung vorgeschriebe« haben, gerade die Rabbincn es waren, die die Kluft zu überbrücken suchten, da zuviel Absonderung Feindseligkeilen heitoiziinifeii drohte. Dagegen trafen die Rabbincn in den maurischen Ländern, wo die Juden manchen Kultntvcrkeltr mit Nichtjudcii pflegten, Absonderimgsmal’regeln, da sie eine Assimilation bcfürchten mußten. Dies nur als Stichprobe und Hinweis darauf, wie vorteilhaft sich solche Darstellungen von den üblichen Methoden der ״Abwehr" unterscheiden. Demi dem Verfasser kommt cs nicht darauf au, den Sduilchan-Anich in rosa oder schwarzen Farben zu malen, sondern einzig und allein darauf, die innere Entwicklung des neuzeitlichen Judentums zu verfolgen, die eine derartige Schulchan-Aruchliteratur erzeugt hat. Dem modernen Empfinden mag cs vielleicht befremdend sein, daß ein begabtes Volk alle seine geistigen Kräfte so einseitig verwendete. Der Verfasser aber würdigt eben die Einseitigkeit, die doch schon in der. babylonischen Talmudperiode ihr Gegenstück bat, ״Die polnischen Jesehibot erinnern an diejenigen zu Sura und Pumbeditha und die polnische Judcnautonomic an das Exilavchnt. Insbesondere zeichnete sich hier diese Periode durch ihre Originalität aus, mit ihrer eigentümlichen Verinnerlichung... Sic entbehrt die Abhängigkeit vom Hellenismus, die uns im jüdischen Mittelalter entgegentritt; vielmehr zeigt sic etwas eigenartig Jüdisches, das in der talinudisehcn Epoche seinen Ursprung hat und aus dem inneren Volksleben hcrauswuclis. Innerhalb des ungeordneten polnischen Reiches bildete sich ein jüdischer innenstaat mit Komitees und Kongressen, die streng das jüdische Gcmciudclchcn regelten.“ So kamt das Werk — obwohl der Verfasser das gar nicht beabsichtigt (da ja das Buch nur ein Teil von einer größeren, umfassenden Ocschichtc der Nr. 7 Kr nationale Rechte zucrkanntc. Aelinllche Stellung nah,, zu dieser Frage in derselben Zeitschrift der bekannt» polnische Schriftsteller und Politiker Herr W!adySjaw S t u d n i ck i. Die galizisclicn Assimilanten verfehltes ebenfalls nicht zu erklären, daß die polnischen Jude» keine nationalen Sonderrechte fordern, wobei das Journal ״Polen“ sich bemühte, die Sache so d.irzu. stellen, als ob dies nicht der Wille einer kleine! Gruppe, sondern der ganzen galizischcn Judiiischalt wäre. Und plötzlich erschallt in diesem Organ der erfahrenen Politiker, welche ohne eingehende Uebcrlegung nichts tun, eine Stimme, die die Forderung« der nationalen Juden unterstützt. Diese Tatsache veranlaßt uns, die Ausführungen des Verfassers 3U|. i merksam a n/ttliörcn und sic einer eingehenden Analyse zu untcraclicn. Im großen und ganzen stellt der Autor die polnisch-jüdische Frage richtig dar. Hingegen zeige« manche Einzelheiten seiner Erörterungen, daß er entweder keinen Mut hat, aus dem anerkannte« ' Prinzip alle Folgerungen zu ziehen, oder aber, daß eT bezüglich der Judenfrage in Kongreßpolen nicht genug unterrichtet ist. Diese unausgesprochene* Konsequenzen wollen wir hier ziehen und dies* 1 Ingenauigkeit richtigsteilen. Zunächst ist auffallend, daß Herr Boieski nicht genau bestimmt, unter welcher staatspolitischen Form er sich die polnisch-jüdischen Beziehungen in Zukunft vorstcllt. Wir begreifen, daß diese Form noch nicht bekannt ist, aber um ein reales Bild zu gehen, muß man zu einer Hypothese Zuflucht nehmen; den« anders werden sich die polnisch-jüdischen Beziehungen in einem unabhängigen Polenstaat gestalten, und anders bei irgendwelcher Abhängigkeit des Polenlande« von den Zcntralmächten, selbst wenn cs eine weitgehende Autonomie erhalten sollte. Da der Autor seine Ausführungen an die Broschüre» von Fritz und Birnbaum knüpft, so scheint darauf ' zu folgen, daß er nur mit einem autonomen (aber nicht selbständigen) Polen rechnet. Bei dieser Vor• aussetzung muß aber sein Begriff von der künftige« AssjmüaLon eine ernstliche Berichtigung erfahren. Herr Bolcski spricht von der Assimilation als vo« etwas Einheitlichem, in Wirklichkeit alter nntcilicgt es keinem Zweifel, daß liier die Assimilation nicht nur in Form von l’olouisation, sondern auch vo» Ocrmauisation auftreten wird. Sollte dabei die letztere Form größere Dimensionen annehmen, so würde die Assimilation den Polen mindestens keinen Nutzen bringen. Ucbcrdics überschätzt der Verfasser überhaupt die Assimilation. Allerdings weiß er etwas davon, was ״Halbpolen" sind, er scheint alter nicht zu wissen, daß bei uns in Kongrcßpoli 11, wo auf die Assimilr,nteii verschiedene Nationen eine Wüktmg ausgeülit haben, die ״assimilierte“ jüdische Intelligenz tatsächlich nur c 111 n a t i o n a I i s i e r t ist; sie ist kosmojxtlilisch und ihr Zusammenhang mit dem Polentum beschränkt sich beinahe darauf, daß sie die polnische Sprache gebraucht. Ob in der Ziikimlt sich bei den Juden das Polentum stärken wird, ist mehr als zweifelhaft. Der Autor berücksichtigt gar nicht, daß die Nationalität nicht nur zur Verteidigung der Kultur dient, sondern auch ein Atittel ist, die Bürgern eitle Kodifikation der Halacha ist) auch als imlirikte Antwort gelten auf die jetzt in manchen Kreisen üblich gewordene Art der Beurteilung der polm-clijüdischen Kultur?,ähigkeit. Ehen Polen war der Schau• platz der Scluilelian-Aruch-Kämpfe. Und hier sprüht so viel Geist, sowohl schaffender als routinierter, die beide auf eine hohe Kultur hindcutcn, daß es wirk• lieh nicht angeht, sich in besondere Auseinander- Setzungen über das ״Kulturniveau“ cinzu’asscn. Fant dem Gesetz der Energicerhaltung wird sich der Geist der genialen Einseitigkeit bei anderen Verhältnissen in eine geistvolle Vielseitigkeit Umsetzern Ansätze dazu sehen wir schon heute. B. K r u p n i ck. Matthias Mieses! Die Entstehungsurs,׳ich« d c r j ü d i s c 1t c n Dialekte. Wien 1915. Ver■ lag R. Löwit. Bröselt. M. 3,—. Die Juden sprachen bis auf die Assimilation*• periode der Neuzeit immer und überall die Sprachen der Länder, in denen sie lebten, anders als die sic mn• gebende Bevölkerung. Sie sprachen stets einen Jargon. Die Erklärung dieser seltsamen Erscheinung wurde bisher auf die mannigfachsten Gründe zurückgeführt. Die meisten suchen das sie befremdende Phänomen der jüdischen Dialekte als Folge politischer und bürgerlicher Entrechtung darzustellen. Diese Hypo• tltese ist nach Anschauung des Verfassers falsch, weil erstens die Juden auch in Ländern und zu Zeiten, wo sic keineswegs unterdrückt und verfolgt waren, im Jargon sprachen, und zweitens nirgends die poh• tische und bürgerliche Entrechtung SpracluJiEerettzi«״ rangen hervorruft. Auch die für andere Völker rieh- 1' G

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