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Jüdische Rundschau · 1916-02-11 · Heft 6 (11.2.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 6 (11.2.1916)
Date
1916-02-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 47 JrJ___' .lcjncn um! gerade des unjüdischeren Teiles Leihen <l;1!־stellt, eine Eingabe machte, welche die Lrvicgcmle Majorität der Warschauer Juden nicht " r als befremdend, sondern geradezu als verräterisch Lrfjndcti muH. Der anmalJendcn jikiisch-poluisdu.■״ Jimihiti״״ ihr tuiverairtwortlidics Treiben umuöglidi a! machen, wird eine der vornehmsten und bedeutsam- ,|C״ M'inftsatiftfabcn des seiner eigenen Kraft bewußten jüdischen Volkes sein. nie deutschen Behörden wußten Glücklicherweise die IfcdeiilmiG dieser Gefährlichen Eingabe richtig einjuschiil/en. Aus ihrer Antwort geht unzweideutig hervor, daß sic mit den örtlichen Verhältnissen schon so weit vertraut sind, um ein Oesuch der jüdischen Ooiicindcrepräsentanz im Namen der Ganzen Warschauer Jude•nlieit als das hinzunehmen, was es darg!cIH: die numallGchlichen Wünsche eines nnbedeuteuden, seinem Volke entfremdeten BcvölkcriuiGselcnjciits, das die lächerliche Prätention hat, als jüdische VolksvertretmiG aufzutreten, in Wirklichkeit aber kein für jüdische FniGen irgendwie kompetentes Urteil besitzt■ Diese klare Feststellung, die in der Antwort des deutschen Polizeipräsidiums enthalten ist, ist das einzig Erfreuliche an diesem mißGlücklen Versuch, ein Ganzes Volk au eine ihm wesensfremde Kultur ״ verkaufen. M, M. Zweck und Mittel Seme fünfte KonGrcIlredc schloß Theodor II erzl mit den Worten: ״Wie schnell oder wie laiiGsam die von uns vorbereiteten WirkuiiGen eintreten werden, das können wir nicht bestimmen. Von uns hier hängt es nicht ab. Wir konnten nur die AuIugc bcrstcllcii. Die Kraft können wir nicht liefern. Die Krall muß vom jüdischen Volke gdiclert werden - wenn es will.“ Theodor llerzl hatte in dem unbeschränkten Oplimisunis des Anfalls die Zionistische Organisation als den Rahmen aufgefaßt, iii den das jüdische Volk, wenn er einmal Geschaffen war, von selbst die ihm innewohnende schaffende Kralt liineiustellen werde. Die Zionistische OrG«1nisation sollte der Ausdruck, die Waffe und das Werkzeug des die Zukunft schaffenden Volkswillens sein. Das jüdische Volk Wirde nicht so schnell gewonncri, wie cs Hcrzl’s fgenialc Phantasie Geräumt halte. Die großen Müssen des jüdischen Volkes verstanden nicht und konnten nicht erfassen, welche. Möglichkeit ihr die zionistische Organisation bot. Die zionistische OrGunisation blieb auf sich Gestellt und hatte mit den tausendfältigen Hindernissen des zerstreuten, entkräfteten und zum großen Aufschwung noch nicht reifen Volkes zu kämpfen. Die Erwartung erfüllte sich nicht, daß das ganze jüdische Volk von dem zionistischen Erncuerungsideal erfaßt, sich ihm willig, opferbereit und schaffensfreudig hingeben »erde. So verstrichen schwere Jahre, in denen die zionistische Organisation vergeblich darauf wartete, daß sich ihr das Ocsamtvolk eitiortlnen und anschließcn werde. Die Zionistische Organisation blieb nur ein Bruchteil des jüdischen Volkes und auch nur ein achtjährige Kinder verheiratete *), als man Chedcrknallen gewaltsam zur Taufe und zum schrecklichen ״nikolaisehen“ Sohlatcndicnst schleppte, als die jüdisehen ״l iinger“ wie Wölfe über die Straßen liefen und jüdische Kauftcute und Jeschibah-Boclicrim und ״Schwiegersöhne auf Kost“ abfaßten und die eigenen Broiler zum Militärdienst verkauften, wofür die Reichen gut zahlten, um damit ihre eigenen Söhne auszulösen. Sein ״Wunschfingerchcn“ **) und sein ״Bcimek habacha“**) pflegten dann mit frischen Farben und ganz neuen Bildern aufzuglühen. Man fühlte, daß tlicsc rohe Epoche im russisch-jüdischen Leben sich für ewig in seinem Herzen wie ein Stein festgesetzt und Wunden gerissen fiat — nichts wird sie vergessen machen. — Mir scheint, sagte einmal Mcndclc bei einem •olclicn Spaziergang zu mir, daß jeh der letzte Mohikaner dieser Erlebnisse bin, der letzte Mohi- {״"״! Alle meine Freunde aus jener Zeit sind da- *n ■ . . ausgestorben . . ja.- Mit rosig-violetten Abendfarben;brannte uns Bfgcnübcr der Schnee auf dem weiten und fremden Mont-Blanc. Mcndcle schaute ein wenig über seine ״Me und in Ocdankcn versunken seufzte er: ־־־ Der letzte Mohikaner . . . ja. 1914 der ״sechzehnten Station“ nadt Odessa, im Grün von Akazien ,und jungen Edeltannen, ־ und dort mit bleich-grünen Busdien wilder äume durchflochtcn sind, liegt des Scidcns ■Wohnung verborgen. ז kommen am Morgen beim Seiden an. Einer sie von einem 25jährigen Militärdienst *) Werte Mendelea. Teil des nationalen Judentums, wenn auch sein repräsentativster. Dann aber erkannte der Zionismus, daß es nicht seine Aufgabe sein könne, zu warten, bis die für das Werk noch nicht reifen Massen ihre Aufgabe erfaßt hätten. Da wurde in der Zionistischen Organisation der Gedanke und der Wille stark und übermächtig, daß cs nicht mehr an der Zeit sei, zu warten und zu hoffen, bis die anderen Teile des Volkes sich dem wartenden Zionismus an- Geschlossen hätten. Die Zionistische Organisation begann selbst zu arbeiten und ans Werk zu gehen. Aus diesen Ocdankcn heraus begann die praktische Palästina-Arbeit, Die Organisation war nicht mehr allein der Rahmen, ausGespannt für das Volk, das später mit der eigentlichen Arbeit beginnen werde, sie war und fühlte sich schon selbst als zum Schaffen berufen. Sie griff selbst das Werk an und begann die realen Positionen des neuen jüdischen Lebens in Palästina mifzubaucn und zu stärken. Dieser Um- Wandlung fügten sich die Mittel und Instrumente der Zionistischen Organisation. IHe praktische Palästina- Arbeit wurde in ihrer grundlegenden Bedeutung er- ... und setzte sich immer mehr durch, und von dieser Zeit an war wieder ein Aufschwung im zlonistischeii Leben zu verzeichnen. Jetzt erst wurde die Zionistische Organisation zum kräftigen Zentrum des an seiner eigenen Befreiung arbeitenden jüdischen Volkes. Die schon von Theodor Herz! geschaffenen lnslitutiosien der Zionistischen Organisationen begannen wirklich zu arbeiten, und die Arbeit setzte sich um in eine Erhöhung ihrer Kraftmitlcl und eine wachsende Leistung auf dem Gebiete der praktischen und politisehen Arbeit, Die Einsicht, daß die Zionistische Organisation alle ihr zur Verfügung stellenden Kräfte zusammenfassen müsse, um das grolle Erlösungswcrk zu beginnen, führte mich zur Gründung des Zionistischeu Z e 111 ra 1 f o n d s, 111 ihm erhielt erst die Zionistische Organisation das Mittel, die Aufgaben zu erfüllen, die Theodor Herz! dem jüdischen Volk vor Augen gestellt halte. Mil dem Zionistischen Zcti- Iralfonds begann die Leitung der Zionistischen Organisation, die Fülle der Arbeiten in Angriff zu nehmen, deren Ausführung ihr eine starke, reale Macht verleihen muß. Der Zionistische Zcntralfonds wurde in der Hand der zionistischen Leitung das Mittel zum politischen und kulturellen Schaffen. Daß die Zionistische Organisation selbst sich der Einsicht nicht mehr verschloß, wie unumgänglich notwendig die schaffende Arbeit am Werke des Zionismus ist, bewies vor zwei Jahren die Einmütigkeit, mit der sie in einer kritischen Zeit der Leitung in kurzem die Mittel zur Verfügung stellte, um das Hcbräisehe Schul werk in Palästina zu gründen und damit die Verfügung über das nationale Erzichungswerk in Palästina in eigene Fländc zu nehmen. Als dieser Krieg kam, •war sich die Zionistische Organisation über den ihr vorgezeichneten Weg so klar, daß sic ohne zu schwanken, ihren Willen bekündete, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln das geschaffene Werk als die Orundlngc aller weiteren großen Arbeit zu erhalten, von uns ruft: ״Seide, cs kommen Oästc!“ — Eine Minute später erscheint Mcndclc auf der Veranda, auf einem grünen Banner von Sträuchen und Lianenblättern. Er ist schlank wie ehedem, seine Hautfärbe frisch.־ Die hohe schneeweiße Mähne nach hinten gekämmt, Geht der Seide herunter in die Sonne, blendet sein weißes Haar ,die Augen — eine selten bläulich-wcißc Farbe. Ei, ei, was für weiße Haare Ihr habt, Seide, blinzle ich. Weiß? spricht der Seide ,mit Stolz, man sagt allerdings, sic würden täglich schwärzer . . . Ich sehe mir Scidcns Mälmc an. Wirklich! Die schneeweißen Haare sind mit schwarzen, t intenschwarzen Fäden durch webt. Vielleicht sicht deshalb das Weiße so bläulich aus, Eine verborgene Lebenskraft hat Mcndclc in sich. Trifft man ihn an einem nebeligen Wintertag, sieht man ihn in seiner großen Bibliothek in seiner Stadtwohming umhergehen, so ist er in einen Sliawl cingchüllt. Die winterlichem Ncbcltnge behagen ihm nicht. Er wird irgendwie magerer vor dem Winter. Kommt der Sommer, füllt er sich mit Säften an und blüht auf wie eine alte Eiche, Da gibt cs kein Bcttlicgen und kein Oängcsparcn I Er geht auf allen Wegen und Stegen ,umher, läßt sich in der Sonne von der Hitze verbrennen — regungslos. Gut und ruhig fühlt man sich! ständig neben dem Seiden. Wie im Schatten eines alten starken Baumes. Er beruhigt die Mervcn durch sein Aussehen, durch seine Stimme. Wozu sidt soviel aufregen? Wozu so seine Leber verzehren? Ich habe soviel und soviel erlebt 1und bin ruhig I — Mit seinem alten, antiken, knorrigen und unten genagelten Stock, die Brust man, In seinem einfachen, sauberen grauen Sommeranzug geht Mendete Ins Nach 19 Monaten des Krieges richtet jetzt die Leitung der Zionistischen Organisation einen neuen Appell an alle Freunde und Mitarbeiter, ihr eben durch den zionistischen Zcntralfonds wieder die Mittel und die Möglichkeit in die Hand zu geben, ihrem Programm getreu in der kriscnreiclisten Zeit das Geschaffene durclizuhaltcn. Müssen wir heute den Zionisten sagen, daß es nichts wichtigeres geben kann, als die Arbeitsfähigkeit des Zionismus zu erhalten? Für Palästina sind schwere Zeiten angebrochen. Von Monat zu Monat wird cs schwerer, die Gefahren zu bannen, die dem zionistischen Werke drehen. Schwer ist cs, aus allen Teilen der Zionistischen Organisation die finanzielten Leistungen hcratis/uholcn, ohne die eine Weiterarbeit unmöglich sein muß. Aber wir alle wissen, daß diese Arbeit restlos erfüllt werden muß. Das Hebräische Schulwerk ist einer der stärksten Faktoren, die heute und in naher Zukunft ausschlaggebend sind. Und mehr als jemals erwartet jeder Zionist, daß die Zionistische Organisation im gegebenen Augenblick bereit und fällig sein wird, der Anwalt für die Sicherung und den Ausbau des neuen jüdischen Lebens in Palästina zu sein. Wenn wir den Zionistischen Zcntralfonds nicht hätten, wäre die Zionistische Organisation außerstände, weiter zu arbeiten und vorzubaucn. Er allein ist cs, durch den die Leitung in die Lage gesetzt ist, ihren realpolitisehen Aufgaben gerecht zu werden. Die Zionistische Organisation ist heute die einzige Oesamt-Organisation des jüdischen Volkes, der die Stürme des Weltkrieges nichts nnhaben konnten. Ihr Rahmen und Ihr Gefüge konnten durch kein Ereignis gesprengt werden. Der in ihr zum Ausdruck gekommene nationale Ocsamtwille ist ungeschwächt und ungebrochen. Jedem Teil der Zionistischcn Organisation ist es klar, daß nur in der Einheit und Einheitlichkeit des Zionismus die Kraft zu aller weiteren Arbeit ruht. Und klar ist cs jedem einzelnen Zionisten, daß die Schlagfertigkcit des Zionismus um jeden Preis erhalten werden muß. Nicht einmal die Gegner der zionistischen Bewegung können verkennen, w׳clch unermeßlichen Wert für das Judentum durch die uuzerstörte einheitliche zionistische Organisation repräsentiert wird. Die Zionisten aber haben die hohe und Verantwortung»- volle Aufgabe, aus eigener Kraft die Zionistische Organisation und ihr geschaffenes Werk zu erhalten. Darum wird der Appell der zionistischen Leitung ein waches Verständnis und eine tatbcrcitc Aufnahme in 'den zionistischen Reihen finden. Die Zionisten können und werden ihre Leitung nicht im Stiche lassen, da sic jetzt aufgefordert werden, ihr die unumgänglich notwendigen Mittel bereit zu stellen. Das Zionistische Actions-Comite muß im Zionistischen Zcntralfonds die Mittel erhalten, das ihr übertragene Werk zu tun. Es gilt heute mehr als jemals, schaffctulc und vorbereitende Arbeit zu leisten und für die Zeit neuer, vielleicht sehr schwerwiegender Ent- Scheidungen gerüstet zu sein. .. .... ...'.יי . I —.. mm.1. _S Freie. Wir gehen zum Meer hinunter. Ein schmaler Pfad, einen gelben Saiulhügcl durciischncidend, führt hinter des Seiden Sommerwohnung zum Wasser. Der Weg ist nicht gerade sehr betpicm. Schmal, gcschlängelt und holperig. Der Seide macht es aber so leicht mit wie war Jungen. Den altmodischen Stock in seiner Hand benutzt er kaum ... Der Seide errät natürlich sofort, was wir denken. Seht ihr, sagt Mcndclc, wenn dieser selbe knorrige Slock ein Mensch wäre, könnte er schon Urenkel haben. Ich habe ihn lieb. Ich und er, wir kennen uns schon von Jugend auf, er hat bereits, scheint mir, eine Seele. Er macht mir ein böses Gesicht, wenn ich ihn einige Zeit nicht in der Hand halte. Steht im Winkel und ist beleidigt. Da nehme ich ihn und streichle ihm das Köpfchen: Still, sei mir nicht böse. Ich beruhige ihn. Einmal träumte ich, ich hätte ihn verloren. Mein Stock nicht mehr da! . . Da riß ich midi aus dem Schlaf, verweint. Ich lief zu ihm und taste nach ihm im Winkel. Ha-ha? Er ist da! Gott sei dank er ist da! Dabei zeigte mir der Seide, wie er ihn damals streichelte. — Im Gespräch erinnere idi ihn an rines der tiefsten und gelungensten Bilder in seinem Sdilojmc Reh Chaims (״Bajamim hahem“), nämlich wie Schlojmele als kleines Kind im Hemdchen im Regen läuft und plötzlich wie ein Blitz das erste Bewußtsein in seinem Ochirnchen aufdämmert. Ha? Wo bin ich da auf der Welt? Und der kleine Oedankenapparat beginnt seitdem zu arbeiten. Da erklärt mir Mcndcle seine Ocdankcn über Sein und Nichtsein, Bewußtsein und Unbewußtheit: — Mir scheint, sagt er, daß das Ocfühl des ersten Sidisctbstcrkenncns, der erste Gedanke des ״Da-Sclns“ sehr Ähnlich dem letzten Gefühl ist, dem Gefühl vom Aufhören des Seins, wenn das Bewußtsein erlischt. Das gleiche Gefühl 1 Nur daß es dort kommt

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