Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1916)
- Date
- 1916-02-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 46 JUEDISCHE RUNDSCHAU bringen. Ist aber die Industrie erst einigermaßen entwickelt, so ist die Annahme, daß auf jedem Quadratkilometer 100 Menschen leben können, sicher nicht tu optimistisch, Kommen doch in Deutschland schon 123, in Italien 124 Menschen auf das Quadratkilometer. Das würde aber bei Ausschluß von Arabien schon 130 Millionen Menschen für die Türkei ergeben. Machen wir aber wegen der syrischen Wüste, der Salzgebictc Anatoliens und der hohen Gebirge Armeniens selbst noch den sicher übertrieben hohen Abstrich von 30 Millionen, so wird sich immer noch die Bevölkerung der Türkei verfünffachen können. Hierbei haben wir noch gar nicht der bewiisserbaren Gebiete gedacht, die erfahrungsgemäß eine ganz andere Bevölkerungsdichte gestatten, wie z. B. Aegypten beweist, dessen Kulturfläche schon jetzt 362 Einwohner auf dem Quadratkilometer ernährt. Dabei handelt es sich durchaus nicht nur um das große Gebiet des Euphrat und Tigris, welches freilieh allein viele Millionen Menschen ernähren könnte, wie denn auch der Meteorologe I Jr. Eckardt in dieser Zeitung am 10. lX’zenibcr in seinem Artikel über ״Die Fruchtgiirtcn des Orients“ mit Recht bemerkt: ״Allen Zweiflern sei ein für allemal entgegengehalten, daß sich in Mesopotamien mit Hilfe unserer unvergleichlichen Technik heute wieder mindestens dieselben wirtschaftlichen Werte schaffen lassen, wie sie vor 6000 Jahren bereits vorhanden waren und Millionen Menschen zum Segen gereichten,“ Ich möchte das als Landvvirtschaftler und Bolanikcr noch dahin erweitern, daß ganz zweifellos, wie sich in Deutschland im letzten Jahrhundert der Ertrag pro Hektar bedeutend gesteigert hat und noch jährlich weiter steigert, so auch Züchtung, Düngung, rationelle Bodenbearbeitung und Benutzung des tiefer cindringenden biologischen Verständnisses auch den orientalischcn Boden in Zukunft ganz andere Mengen Nähr- und Industrierohstoffc entlocken werden als bisher. Schon ist ein kleines Bewässerungsunternehmen auf dem Hochlande Klcinasiens vollendet, welches den Wciz.cnbau jener Gegend bedeutend vermehrt hat, und wird erst das Bewiisscnmgsprojckt der Bagdadhahngescllschaft in der zilizisdicn Ebene mit Hilfe der Flüsse Pyramus, Sarus und Kydnus vollendet sein, wodurch 300 000 Hektar für den Baumwollbau gewonnen werden, so können wir auf eine Verdreifachung der schon jetzt nicht mehr unbedeutenden Baumwollkultur Ziliziens mit Bestimmtheit rechnen. Wie hier, so lassen sich noch äußerst zahlreiche Bewässerungen sowohl in Anatolien als auch in Syrien, hier z. B. am Orontcs und Jordan, durchführen, die zahlenmäßig jede mögliche Einwan* derung gestatten würden. Auch die klimatischen Bedenken Philippsons betreffs der Sommerhitze Mesopotamiens sind nicht allzu hoch zu bewerten, da die hauptsächlichen landwirtschaftlichen Arbeiten vor bezw. naclt den heißen Sommermonaten fallen. Daß man nordländische Juden im südlichen Mesopotamien ansiedeln sollte, wo noch so viel günstige Möglichkeiten in den Küstengebieten des Mittelländischen Meeres, z. B. Palästina, Syrien, Zilizicn, vorliegcn, dürfte doch so gut wie ausgeschlossen sein. Im I Orient akklimatisierte Juden werden sich aber gewiß schon nach wenigen Generationen ebenso gut nach Mesopotamien verpflanzen lassen, wie es im Allertum der Fall war, da sich ja das Klima seitdem nidit erheblich geändert hat. Soviel ist jedenfalls sicher, die Türkei besitzt in hohem Maße die geographischen, klimatischen und agrikiilturcllen Möglichkeiten einer überaus starken Volksvcrmchrung und einer sich gewailig steigernden Produktion der wichtigsten Rohstoffe, wie Gctreide, Futter, Basem und Fette. Die heutige Bevölkerung ist viel zu gering, um in irgendwie abschbarer Zeit diese Gunst der Natur ausnutzen zu können; ob aber die Türkei die Anziehungskraft besitzt, wie Amerika eine größere Einwanderung schnell auf sich zu lenken, ist noch fraglich. Dies wird vor allem davon nbhängen, einerseits ob das schwergeprüfte Land jetzt endlich einmal in eine dauernde Ruheperiode gelangt, und andererseits, ob es verstehen wird, diese Ruhqicriodc zu den so dringend notwendigen einschneidenden Reformen in stetiger und zielbcwußter Arbeit auszunutzen. Ein mißglückter Versuch Als die deutsche Verwaltung in Russisch-Polen daran ging, das Schulwesen zu ordnen und den allgemeinen Schulzwang einzuführen, bestimmte sic bekanntlich, daß die Unterrichtssprache der pofnisehen Volkssehulen polnisch, die der jüdischen und deutschen Schulen deutsch sei. Damit hatte die deutsche Verwaltung ein für allemal den mehr oder weniger schüchternen Versuchen polnischer Kreise, in den jüdischen Schulen polnisch zu unterrichten, ein jähes Ende bereitet. Seit dem Erscheinen dieser Schulordnung scheinen sich die Polen von der Aussichtslosigkeit ihrer polonisierendcn Bestrebungen den Juden gegenüber überzeugt zu haben. Jedenfalls unlcrnahnicn sie nichts Offizielles mehr, 11111 ihre Wünsche der Erfüllung näher zu bringen. Und die deutsche Verwaltung, die bald cinsah, daß ihre Forderung der deutschen Unterrichtsspräche in den jüdischen Schulen, wörtlich in Ausführung gebracht, eine unnatürliche und fast unmögliche Maßnahme wäre, stellte sich unter dem überwältigenden Eindruck der tatsächlichen Verhältnissc auf den Standpunkt, daß Jidisch ein deutscher Dialekt sei und daher jene Bestimmung der Unterrichtssprachc in den jüdischen Schulen keine Aendcrimg zu erfahren braucht, wenn in diesen Schulen jidisch unterrichtet wird. Diese ,Handhabung in der jüdischen Scliulfrngc in Polen wurde im deutschen Reichstag vom Reichskanzler in der allgemeinen Formulierung bestätigt, daß in den Volksschulen der von Deutschland (okkupierten Gebiete in der M u 11 e rspräche der Schüler unterrichtet werde. Damit hatte die jüdische Schulfragc in Polen eine in Anbetracht der Zcitverhältnisse einigermaßen beruhigende provisorische Lösung gefunden. Jedenfalls berücksichtigte sie die tatsächlichen Verhältnisse und suchte den Wünschen der erdrücken-?-.S(:Hn.£ur! Unser Seide (Persönliche Eindrücke) Wir sind in der Lage, die Erinnerungen eines der hervorragendsten hebräischen Dichter, S. Schncur, an M c n d c I c Mochcr S f o r i m (S. J. Abramowitsch), der jetzt das Jubiläum seines nchtzigjährigen Geburtstages feiert, zu bringen, 1907 Als Knabe lernte ich im Jahre 1901 Mendcle in Odessa kennen; und sieben Jahre später besuchte ich ihn a'.s Jüngling in Genf, wo er nadi fünfundzwanzigjähriger Arbeit an der Odessacr Talmud-Tora und nach eien letzten Pogromeicignisscn (H.03) Ruhe suchte. Der Seide sah frischer, munterer und gcsunder aus als damals, vor sichen Jahren. Damals, entsinne ich mich, war er ein wenig bleich und pflegte in einen Sliawl eingehüllt in der Stube umherzugehen. Lange Stunden pflegte ich mit ihm außer der Stadt schönen Weingärten und Feldern entlang spazieren zu gehen und mit ihm nicht wenige Kilometer fast bis zum Salevc, südlich Genf, zurückzu• legen. Der Seide wurde niemals müde, aber der ״Enkel" suchte oft eine Bank, um ein Weilchen auszunthen. . . . Passanten blieben oftmals stehen und betrachteten . . . den ״Seiden." Der silberweiße Bart und der schlanke Rücken, die dünnen sarkastischen Lippen und der Blick ein wenig über die Brille hinweg, fesselten stets neugierige Augen. Ich dachte damals an fclic ״jungen“ Schriftsteller in Wilna, Warschau, Odessa usw., ich stellte mir ihre dürren Sdliultern vor und ihre eingefallenen Augen, ihre dekadenten Schlipse und ihre faltigen, kleinstädtischen Stirnen und war stolz darauf, daß wir wenigstens einen unter ihnen haben, der so leicht auf seinen Schultern seine siebzig und etliche Jahre trägt, eine ganze ״Kapuljc“*), Verfolgungen auf die ״I laskalah“**), persönliche und jüdische Kümmernisse, eine Menge Wissenschaft, durch Jahrhunderte anstrengender Arbeit erworben, und — still! — die Augen klar, der Rücken kerzengerade, die Stirne voll Schaffenskraft, das Wort scharfsinnig. Mit einem Wort; Mendcle I Während des Spazierengehens ließ Mcndelc nichts unbemerkt. Ein Baum; aha! so wächst er, so blüht er! . . Ein Vogel fliegt vorbei: aha! das ist er, so lebt er, solch ein Nest haut er . . , Ein Käfer kriecht im Gras; ein Käfer? Hebel Schau, schau, wer da kommt! Ein Gast! Von wannen? Und bald, den Hals gepreßt, die Finger zappelnd —■ und Mendcle wird ein Käfer, ein richtiger Käfer. Nur in großem Format! Mcndelc pflegte alle Tiere und Vögel und Insekten, die er gesehen oder — bei der Bearbeitung seiner hcbracischcn Naturgeschichte (״Toldoth Hatcba“) — erforscht hatte, merkwürdig gut zu kopieren. Will er — so wird ein Löwe mit funkelnden Augen, der unruhig und majestätisch im Käfig hin- und hcrirrt; ein Adler mit krummem Schnabel und cingckrampftcn Krallen; eine Brillenschlange, eine Ente, ein Storch auf einem Fuß, der langnasig und tiefsinnig ins Wasser blickt. Mcndelc braucht nur über ein Geschöpf sprechen, so bekommt seine Stimme von selbst einen besonders angepaßten Ton, seine Bewegungen und sein .Gesicht schaffen das Bild ganz von selbst . . . ) Mendclcs Vaterstadt, die er oft in seine Werken beschreibt. ”) Aufklärung. Die ״Maskilim" wurden von di Orthodoxie vielfach verfolgt. Nr. 6 den Majorität der jüdischen Massen gcredit zu werden. Jener an Zahl und Bedeutung kaum ins Gewicht fallenden jüdischen Oberschicht aber, die sich an die polnische Kultur bereits so weit ange'lchnt hat, daß sic Polnisch als ihre Muttersprache proklamiert, machte die deutsche Verwaltung eine Kon- Zession, indem sie erlaubte, daß die des Jidischcn nicht mächtigen Schüler die polnische Volksschule besuchen dürfen. Damit hatte die Behörde mich der jüdischen Assimilation in Polen Rechnung getragen. Dieses Entgegenkommen der deutschen Verwaltung scheint aber den ״Polen mosaischer Konfession" nicht gcniigt zu haben. In diesen Tagen geht durch die deutsche Blättcrwclt eine Notiz, aus der hervorgeht daß die jüdische Gemeindeverwaltung in Warschau an die dortige deutsche Zivilvcrwaltung eine Eingäbe gerichtet hat, in welcher sic die Einführung ties Polnischen als Vortragssprachc in den jüdischen Schulen fordert. Die Vcrbcschcidung dieser Eingabe durch das Warschauer Polizei-Präsidium hat folgenden Wortlaut: 13 §״ der Schulordnung bestimmt, daß in den jüdischen Schulen Deutsch die Vortragssprache ist. In Anbetracht dessen, daß unter der jüdischen Be• völkerung des Okkupationsgebietes lebhafter Streit darüber herrscht, welche Sprache die Vortragssprache bilden soll, liegt kein Grund zur Abänderung jener Bestimmung vor. Um den Kindern derjenigen jüdischcn Familien, bei denen zu Hause nicht im Jargon, sondern polnisch gesprochen wird, den Unterricht in ihrer Muttersprache zu ermöglichen, wird weiter der Gebrauch der polnischen Unterrichtssprache in denjenigen jüdischen Schulen gestattet, in denen noch vor Verlautbarung der erwähnten Verordnung Pol• nisch eingeführt war. Das Verlangen nach Volks• schulen für die polnisch sprechenden jüdischen Kinder ist jedoch durch die schon bestehenden jüdischen Schulen mit polnischer Unterrichtssprache in hohem Maße befriedigt. Andererseits mangelt cs stark an jüdischen Schulen überhaupt. Die Schulverwaltung wird dafür sorgen, daß die städtische Verwaltung eine große Anzahl jüdisdicr Schulen mit Jargon, folg, lieh deutschen Dialekten, als Unterrichtssprache er• öffne. Das ist unumgänglich nötig, da die Mutterspräche der Mehrheit der jüdischen Kinder der Jargon ist. Dadurch wird die Verwaltung den Wunsch der breitesten Schichten des jüdischen Volkes berück• sichtißt haben.“ Die jüdische Gcmcindcrcpräscntanz in Warschau ist eine von knapp 5000 wohlhabenden jüdischen Bürgern gewählte Körperschaft. Nach dem unhaU• baren jüdischen Gemcindcstatut sind die großen jüdisehen Volksmassen von einer Anteilnahme an den Gcmcindewahlcn und daher von irgend einem Ein• fitiß auf die Verwaltung der jüdischen Gemeinde ganzlieh ausgcsdialtct. In Warschau übertraf die Zahl der jüdischen RcichsdtimaWähler um ein Vierfaches die Zahl der bei den jüdischen Gcmcindewahlcn Stimmberechtigten! Diese geradezu empörende Erscheinung erklärt cs auch, daß die jüdische Gcrncimlercpräscn• tanz, die in Wirklichkeit nidit die Repräsentanz der gesamten Warschauer Gemeinde, sondern nur eines Und seine Liebe zu allem, was wächst und blüht! Ihr braucht nur vor seinen Augen ein frisches Zweiglein abzureißen, eine Blume zu pflücken, er wird es euch nicht verzeihen. — Hm ... Ihr seid auch einer von denen, die die Natur ins Knopfloch stecken? fragt er euch so von der Seite und schaut über die Brille, daß ihr euch schämen müßt. Einmal sage ich zu ihm: Idt denke, Seide, die Pflanzen haben mich so was wie ein Gefühl von Schmerz, wenn man sie abschncidct oder abbricht. Nur können wir Leilenden dieses Gefühl nicht begreifen. Um so etwas zu begreifen, müssen wir erst ächzen, Krämpfe haben, Blut sehen . . — Was heißt das, cntgegiietc mir Mendcle in einem Tone, als hätte ich ihm eine so neue und tiefe Wahrheit offenbart wie die, «laß Schnee weiß und Wasser naß ist. — Pflanzen sind doch organische Geschöpfe, die aus organischen Zellen bestehen — unsere organischen Gcsdnvister. Dabei drückte Men• dcles Gesicht so etwas aus, als ob in seine Adern ein klarer kühler Saft geronnen wäre und auf seinem alten, ebenmäßigen und greis-grauen Haupt jung* Zweige mit rauschenden Blättern gewachsen wären. Auf den Spaziergängen blätterte er gerne in einem jüdischen Geschichtsbuch, in der Bibel, חזו Talmud, in der Grammatik, und wies dabei stets auf so glänzende und neue Zusammenhänge un Gedanken hin, daß man ihn unwillkürlich bei der Hand nehmen mußte: .. — Seide, warum schreibt Ihr das nidit au Warum druckt Ihr das nicht? . — Wer kann das alles aufschreiben? nntwy Mendcle und lächelt etwas sarkastisch in die Lut Man muß überhaupt nicht soviel schreiben! Er erzählte auch gerne von seinem ehenuj'jp Kapulje; von den jüdischen Schnorrern und "1יי * ' thropen; von der Schrcckcnszcit, als man ke