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Jüdische Rundschau · 1916-02-11 · Heft 6 (11.2.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 6 (11.2.1916)
Date
1916-02-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die Juden Rußlands und die Besiedelungsniöglichkcit der Türkei Von Professor Dr. Otto Warburg Wir 11,ilten cs für unsere Pflielit, die folgenden Ausführungen Professor Warbürg 8, die in der Abendausgabe des ״Berliner Tageblatts“ vom 8. Februar als Antwort auf den Artikel Prof. Philippso ns erschienen sind, den Lesern der Jüdiseben Rundschau“ zugänglich zu machen. In der Morgenausgabe des ״Berliner Tageblatts“ vom 29. Januar behandelt Professor l)r. Alfred Philippson die Frage der Auswanderung der polnisch-russischen Juden nach der Türkei vom geographischen Standpunkt, indem er zu zeigen versucht, (lall die asiatische Türkei aus klimatischen ('mindm und wegen ihrer Bodenverhältnisse weder geeignet imrli vorbereitet sei, grolle Massen Einwanderer aufzmiclmicn. Auf die osteuropäisch-jüdische Frage selbst geht er nur soweit ein, dal! er eine Massenauswaiideruiig sowohl für die osteuropäischen Juden als auch für die osteuropäischen Länder für wiinsehenswert hält, aber nur dann, wenn von den fünf Millionen russisch-polnischer Juden die grobe Meinzahl innerhalb eines nicht zu langen Zeitraums fortgeführt wird, da einige Zehn- oder Hunderttausende bei ihrer starken Vermehrung nichts verschlagen vümlen. Professor Philippson wendet sich nun gegen jene, die die Verpflanzung der osteuropäischen Juden nach dem osmanischcn Reich empfehlen, und meint mit Recht, dal! man die Verantwortung nicht auf sich nehmen könne, ״ein Volk von mehreren Millionen in Bewegung zu setzen.“ Es handelt sich hierbei natürlich nicht um einen allmählichen Prozeli, soudem um Schucllkolouisation im großen Stile. Haß aber ernste Kreise solchen Ideen huldigen, ist kaum anzinii׳■Innen, denn alle Kenner der Verhältnisse würden ihnen dringend von solchem Versuch abraten. Aber auch die Türken haben keineswegs Grund zu I!eiürcliltmgcn, daß der ottomanische Staatsgedanke durch eine Masscncinwandcrung von Juden leiden würde, da die Juden überall, wo sie volle Gleichbcrechtigung genießen, zu den energischsten Vcrfechtem des Staatsgedankens gehören. In Verbindüng hiermit sei nur kurz erwähnt, daß die Bemerkung l’hilippsons, daß ״bekanntlich die Zionisten die Gründüng eines selbständigen jüdischen Staates in Paläshna auf ihre Fahne geschrieben haben“, von völligem Verk innen dieser Bewegung zeugt. Es ist tatsächlich Lunu zu verstehen, wie ein in Deutschland lebender Gelehrter einer immerhin doch nicht unbedeutenden Organisation so fremd gegenüberstehen kann, daß cr dir eine Absicht zuschreibt, die zu ihrem Programm, sämtlichen Agitationsschriften, Broschüren und den doch öffentlichen und durch die gesamte Presse vcrbreiteten Kongrcßansprachcn in diametralem Gegen- Satz stellt. Stets und überall wird ausdrücklich die vollste Loyalität gegenüber dem ottomanischcn Staat betont und hervorgehoben, und auch das kurze l’rogr,11)1111׳ der zionistischen Organisation verlangt ausdrücklidi nur eine öffcntliHi-reditlich gesicherte Heim- Stätte in Palästina für das jüdische Volk; von der Bildung• ein״-׳ jüdischen Staates ist in keiner Kundk'ebuHg der zionistischen Organisation die Rede. Auch die Belehrung der Zionisten bezüglich der Serin ׳.n Größe Palästinas zeigt, daß Professor Philipp- *on s h mit der zionistischen Literatur wenig befaBt hat; er schätzt den Flächeninhalt Palästinas 1Vlf 30000 Quadratkilometer, ln dem von der Zio- "1«tische» Vereinigung für Deutschland herausgcpbenen, also offiziellen ״Zionistischen Merkblatt“ hont der erste Satz, der Palästina behandelt, Haupt- *aP>W Hl ״Das Und Ercz Israel Größe 27 000 Qua- ״ratkilometcr“. ln dem bekannten Palästinahandbuch י-י zionistischen Orientkenners und Schriftstellers Trietsch (3. Auflage 1912, Seite 28) wird diese ^*י *°e»r geam begründet, mit der erst neuerdings ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer ßffentlieh-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina." Baseler Programm. ltinziigekommenen Ka/.a Bcrscbn sind es 30 500 qkm, mit dem ägyptischen Gebiet östlich von W,1־di-El-Arisch )5 500 qkm. Audi die Bevölkerungszahl wird hier ausfiilirlicli besprochen und mit 700000 angegeben. Wenn Philippson 000000 anführt, so kann cs, wenn es kein Druckfehler ist, nur darauf beruhen, daß er Teile des Wilajets Surija oder Beirut hinznnimmt, die nicht zu Palästina gehören, z. B. würde das Wilajct Beirut zusammen tuit dem Mutcssariflik Jerusalem diese Zahl ergeben. Wenn also Palästina, wie Philippson meint, 1 200 000 Menschen fassen könnte, so bliebe immer noch die Möglichkeit für eine halbe Million Juden, dort einzuwamleru, also der vierte oder fünfte Teil der gesamten Juden des von den Deutschen okkupierten Gebietes. Wenn sidi diese Wanderung innerhalb zehn Jahren ermöglichen ließe, so 'würde es den Hoffmuigen der Zionisten völlig genügen. So viel über den zionistischen Teil der Frage. Widdig ist aber auch die rein ottomauisdie Frage der Aufnahmefähigkeit Palästinas und der ganzen Türkei. Auch hier kann ich den pessimistischen Ansichten Professor Philippsons keineswegs bcipflichtcn. Meine SrhatziUigcn der Aufnahmefähigkeit des vorderen Orients weichen vielmehr durchaus von denen Philippsons ah. Vor allem ist kein Orund vorhanden, nicht aimmehtncn, daß die Türkei im allgemeinen und Palästina im besonderen schon alsbald das mehrfache ihrer jetzigen Bevölkerung ernähren könnten, wenn sicli eine so große Einwandcniiig ermöglichen ließe. Professor Philippson vergleicht Palästina in bezug auf Größe mit Pommern; viel näher liegt aber der Vergleich mit Sizilien, wegen des ähnlichen Klimas des glcidifails gebirgigen Landes, der Eignung der Küsienchenen für intensive Garten- und Obstkultur, der Geringfügigkeit der 1 Die ״Jüdische Rundschau* j | in Russisch-Polen j 1 Die in Russisch-Polen und Litauen I 1| bestehenden deutschen Postanstalf I ten in Bendzin, Bialastock, Ciechagj 1 now,Czenstochau,Gostynin,Grodno, f§ H Grodzisk, Grojec, Kalisch, Kolo, jg I Konin, Kowno, Kutno, Lenczyca, I | Libau, Lipno, Lodz, Lowicz, Mitau, | §§ Mlawa, Pabianice, Plock, Plonsk, 1 1 Ponicwicz,Przanysz,Przeziny, Rawa, | § Rypin, Schaulen, Sier&dz, Sierpe, I 1 Skierniowice, Sochaczew, Sosnoi I wice, Suwalki, Tomoszow (Kr, Brzej I ziny), Warschau, Wielun, Wilna und g 1 WlocUwek nehmen Bestellungen auf j | die ״Jüdische Rundschau“ zum 1 § Abonnementspreis von §j | M. 1,75 vierteljährlich 1 1 entgegen. Ebenso werden Bei ff Stellungen aus diesen Städten auch § | bei der Unterzeichneten Administra- § | tion entgegengenommen. 1 I Administration der JQdlsclien Rundschau“ | §§ Berlin W. 15 Sächsische Str. 8. | 1111uuu1niu111u111ttW1Niuu1ng1MM1MBmmniHPM1HwgM₪i Industrie usw. Diese Insel ist erheblich kleiner als , Palästina, nämlich nur 23 842 Quadratkilometer groß, und hatte deini'uli am' I. Januar 1011 schon 3 713 000 Einwohner, also 157 auf einem Quadratkilometer; die in zionistischen Kreisen gewöhnlich als Maximum! für Palästina angenommene Einwohnerschaft von drei Millionen Einwohnern oder HO pro Quadratkilometer würde also von dem ziemlich gleichwertigen Sizilien schon jetzt fast um die I lälfte übertroffen sein. Dahei ist die Bcvölkcrungszahl der Insel trotz ihres agrarischen Charakters noch in beständiger Zunahme begriffen, wobei zu betonen ist, daß ihre Landwirt- Schaft infolge der Latifundien nur zum kleinen Teil intensive Bebauung gestattet. Wenn das Hcrgland Palästinas steinig ist, so zeigen doch die neuen praktischen Erfahrungen, die zum Teil im Auftrag der deutschen Regierung von Auhagen zusammengestellt und veröffentlicht sind, durchaus, daß auch das Bergland bei genügender Bodenkultur, Entfernung der Steine, Terrassierung usw. zum weitaus größten Teil sehr wohl bebaubar ist und von der alten Fruchtharkeit nichts eingebüßt hat. Der beste Beweis ist aber das benachbarte, gleichfalls sehr gebirgige und steinige, auch geologisch gleichwertige Libanongcbict, das schon jetzt dank seiner politischen Ausnahmcstclhing als autonomes Gebiet 133 Menschen auf das( Quadratkilometer zählt, gegen nur 26 in Palästina. Palästina ist nach dem Urteil aller Sachverständigen im großen und ganzen ein Land von hervorragender Fruchtbarkeit, das, einmal in genügender Weise amelioriert und besiedelt, ein Gartenland für Oclbäume, Mandeln, Orangen, Zitronen, Wein, Feigen und Aprikosen usw. darstellen wird, mit dem sich im Mittelmccrgcbict kaum ein anderes wird vergleichen lassen. Was dieses Land mich für die Türkei bedeuten kann, ist dadurch zu beweisen, daß die Ertragsabgabe (Oscher) von 12 jüdischen Kolonien (Dörfern) daseihst in den Jahren 1904 bis 1913 von 36 000 M. auf 257 000 M. gestiegen ist, daß allein das Dorf Petacli-Tikwnh bei seiner Anlage durch die rumänisehen Juden 60 M., jetzt nach Verlauf von noch' nicht 10 Jahren (18 000 M. Steuern gezahlt, während ein anderes Dorf, Rischon-Ie-Zion, 1883 8 M., 1909 bereits 10 000 M. Steuern dem türkischen Staat erbrachte. Demgemäß stieg auch der Boden, der z, B. in der ,Ebene Snroria 1871 erst 160 M. pro Hektar kostete, auf 3000 bis 4000 M. Wenn dies schon durch eine Besiedlung von knapp 10 000 jiidischeu Bauern in ganz Palästina bewirkt ist, so kann man sich vorstellen, was cs für die ökonomische Stärkung der Türkei bedeuten wird, wenn diese Zahl erst zehn- oder zwan/igmal so groß geworden sein wird, geschweige denn, wenn Palästina erst wieder, wie zur Zeit von Joscphus, ein blühender Garten sein wird, in dem sich Dorf an Dorf, Pflanzung an Pflanzung reiht. Natürlich gilt nicht das gleiche für die ganze Türkei. Die großen Flächen der syrischen Wüste werden in absehbarer Zeit — wer würde nach den Erfahrungen der letzten Jahre noch wagen, das Wort ״auf ewig“ zu gebrauchen? — kaum unter Kultur gebracht werden können. Wohl aber wird sieh infolge des Trockenfarmsystems die Grenze der Kulturfälligkeit am Rande der die Wüste umgehenden Steppe stark erweitern lassen. Außerdem darf man auch von der Einschränkung des teuren Futterbaucs in* folge des Ersatzes der Arbeitstiere durch Motorpflüge (Ford-Pflug?) eine bedeutend stärkere Produktion und daher auch Besiedlung erwarten. Aber auch die Industrie wird sich zweifellos in der Türkei entwickeln, wenn man ihr nur die Möglichkcit dazu verschafft. In einem Lande, welches Musselin (von Mossul), Baldachin (von Bagdad) und Damast (von Damaskus) deti Namen gegeben hat, und in dem schon bald Petroleum die teuren Kohfen wird ersetzen können, sind die Grundlagen für Indu- Strien gegeben und diese zu entwickeln, wird gerade eine ehrenvolle Aufgabe der dort einwandernden östliehen Juden sein. Was sie in neuester Zeit ln New-York, Chicago usw. geleistet und auch wiederum gelernt haben, werden aie im Orient auch fertig

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