Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1916)
- Date
- 1916-02-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 38 J U EDI SCH E RUNDSCHAU schneller vor sich gellende Unruhe und Bewegung geraten ist, die die ungeheuren Massen östlicher Juden verpflanzt hat. Auf jeden Pall bitten wir Herrn Prof. Alfred Philippson, sich, bevor er wiederum Aufsätze schreibt, welche Auswandcrungsprubleine des Osljmlentums und 11» Zusammenhang damit den Zionismus behandeln, die hierfür vorhandene /.ionistischc Literatur nachzulesen und sich darüber zu informieren, in welchem Sinne von zionistischer Seite über diese Masscuwamieruug gesprochen wird. Hei dieser Gelegenheit wird sich Herr Prof. Alfred Philippson vielleicht auch darüber Auskunft holen können, daß die zionistische Arbeit nicht die Gründung eines Judenstaates bezweckt, dessen Proklamicrung ihm Angst bereiten müßte. Lieber die gegenwärtigen wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse in der Türkei sind wir mich nicht so wenig unterrichtet, wie Herr Prof. Philippson annimmt. Wir haben uns sogar schon klar zu machen gesucht, wie groß Palästina ist. Ja, auch das Problem, ob und wie die Juden zur Landwirtschaft geführt werden können, ist von uns nicht ganz übersehen worden. Daß wir trotzdem vor den Versuchen nicht znrückgcschrcckt sind, die Arbeit in Angriff zu nehmen, wird uns vielleicht in den Augen Prof. Philippsons schaden. Wir müssen aber zugeben, daß uns seine Warnungen auch früher nicht von solchen Versuchen abgehaiten hätten. Die Darlegungen Prof. Philippsons gehen im wesentlichen darauf hinaus, daß eine irgendwie nennenswerte wirtschaftliche und kulturelle Erscliließungsarbcit in der Türkei kaum geleistet werden kann. Auf diese Weise spricht Prof. Philippson auch all den Versuchen die Berechtigung ab, an die inan in der Türkei und von seiten der Freunde der Türkei denkt. Die Autorität Prof. Philippsons scheint uns wenigstens nicht hinreichend zu sein, um diesem Pessimismus für alle Zukunft zu verfallen. Es wird allerdings nicht leicht sein, aus dem alten und so vernachlässigten Boden des Orients neue Kulturwerte licrauszuholcn — aber cs kann gelingen. Hoffentlich werden auch die Juden mit dabei sein. L. H. Palästina als Siedlungsland Von Dr. Kurt Nawratzki Durch den Artikel des Herrn Professor Dr. Alfred Philippson im ״Berliner Tageblatt" vom 29. Januar 1916 sehe ich mich veranlaßt, zu diesen Ausführungen Stellung zu nehmen. Ich will mich im folgenden auf eine Reihe rein sachlicher Angaben beschränken. Es ist allerdings etwas merkwürdig, daß Professor Philippson diesen Artikel geschrieben hat, da er mir gegenüber nach cineml vor wenigen Wochen gehaltenen Vortrag in einer darauf folgenden kurzen Unterhaltung auf meine Einwände, daß die von ihm vorgetragene Ansicht von einem wirtschaftlich sehr geringen Wert Syriens in Fachkreisen durchaus nicht geteilt wird, erwiderte, daß er von landwirtschaftlichen Dingen nichts verstehe; für einen Wissenschaftler eine völlig korrekte Antwort, denn ein guter Geograph der Mittcimecr- Länder soll und muß nicht gleichzeitig ein ebenso guter Beurteiler technisch-agrarischer, Volkswirtschaftlieber oder etwa ethnologischer Verhältnisse sein, was ja auch infolge der großen Spezialisierung auf diesen Gebieten kaum möglich ist. Professor Philippson geht von; dem Problem der Lösung der Ostjudenfrage aus, ohne allerdings, und das sei sofort bemerkt, irgendwie eine positiv geartete Lösung vorzuschlagen. Dagegen wendet er sich gegen die zionistischen Bestrebungen der jüdisehen Kolonisation in Palästina. Sein erstes Argument ist, Palästina sei kein geeignetes Land für eine Musscnciiiwandening von Millionen noch dazu!andwirtschaftlich nicht geschulter osteuropäischer Juden. Außerdem spricht er sieh gegen die Errichtung eines Judenstaates aus. Drittens behauptet er, daß nicht nur Palästina, sondern auch Syrien, wie die meisten übrigen Teile der Türkei für die Einwanderung osteuropäischer Juden ungeeignete Gebiete seien. Ich will mich hier nur* mit dem letzten Argument befassen und zeigen, wie unrichtig die Darstellung der wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten Syriens und Palästinas ist. Nach Philippsons Darstellungen ist dieses nur 30 000 וחיס große Gebiet, ״abgesehen von nur wenigen ziemlich eng begrenzten und auch nur zum Teil ahbaufähigen Ebenen, ein Hochland aus Kalkstein" usw., ״doch liegen immerhin zwischen den Fclsflächcn zerstreut kleinere Flecken anbaufähigen Bodens. Aber diese sind auch fast alle schon angebaut, ebenso wie der größte Teil der Ebenen usw." Professor Philippson vertritt nun die Anschauung, daß alle Mittelmccrgcbletc, die eine ähnliche geologische Formation aufzuweisen haben, nur «ine relativ dünne Bevölkerung, 30 bis höchstens 40 Einwohner pro Quadratkilometer haben können. Auf diese Darstellung will ich ausführlicher eingeht״׳, weil eine derartige Behauptung, die sachlich in keiner Weise begründet ist, auf das schärfste! zurückgewiesen werden muß. ' Palästina ist ja mir ein Teil Syriens und alles', was im folgenden gesagt!wird, bezieht sich im großen und ganzen auch auf ganz Syrien. Das ganze Gebiet ist ungefähr 200 000 qkm groß und besitzt bisher 3 3 1/2 Millionen Menschen. Es wird wohl von keiner Seile bestritten, daß die Bcvölkcrimgsdichte im Altertum außerordentlich viel größer war; sie wird für das eigentliche Syrien, bekanntlieh eine Kornkammer Roms, auf 22 Millionen gcscli.it/rt. Daß die Besiedlung wirklich außerordentlieh dicht war, geht aus den so überaus zahlreichen Ruinen von Städten, Bewässerungsanlagen und Terrassienmgen hervor. Die jetzige Bevölkerungsdichte ist, wie ja alle wissen, durch die unglücklichen politischen Verhältnissc der Vergangenheit hervorgerufen worden, die jahrhundertelang dauernden Verwüstungen dieses Gebietes haben die alten Kulturanlagcn vernichtet, die Bevölkerung ist verschwunden, die Städte verfallen, die Beduinenstämme drangen mit ihren Kamelhcrdcu bis über den Jordan und die entsprechenden Gebiete im Norden vor, und so wird z. B. das große Kulturland des östlichen Syriens heute inklusive der Städte nur noch von ca. 700 000 Seelen bewohnt. Alle landwirtschaftlichen Kenner dieser Gebiete stimmen aber darin überein, daß dieser große Teil Syriens genau wie in alter Zeit wieder kultiviert werden könne, da der Boden besonders an drei großen zusammenhängenden Flächen vorzüglicher Getreidebaden ist. Das von diesen Gebieten für Palästina in Frage kommende ist das Gebiet östlich des Tibcrinssccs bis zum Waurnn; außerdem das alte Mo.ah und Edom. Die i>1 Ostsyrien liegenden kleincren Bewässerimgsgcbicte lasse ich dabei nnbcrücksichtigt, da sie ja fast die einzigen bis jetzt bereits kultivierten Ländereien dnrstcllen. Die Anbaufähigkeit des genannten Gebietes wird, abgesehen von der Bodenbeschafieuheit, bestimmt durch die jährlich fallende Regenmenge, die nach Osten zu abnimmt, wo das Kulturland allmählich in die sogenannte arabisehe Wüste, oder richtiger gesagt Steppe, übergeht. Heute allerdings trägt fast das ganze unkultivierte Ostjordan* und entsprechende oslsyrischc Gebiet einen Steppencharakter, nicht etwa weil die klimatischen oder Anbaumöglichkeiten sich verändert haben, sondem weil die Beduincnstiimmc hier ihre Herden weiden und cs bis zum Bau der Hcdscliasbalin an jedem Schutz gegen die Beduinen fehlte. Es ist aber zu hoffen, daß durch den Bau der Hcdscliasbalin der Schutz des menschlichen Lebens und Eigentums in diesen Gebieten (ebenso wie durch den Bau der Bagdadbahn auch in Mesopotamien, das genau die gleichen Verhältnisse bezüglich der Beduinen aufzuweisen hat) soweit durchgefühtt! wird, daß der Ncukultiviemng dieser Gebiete keine Scliwierigkeiten eiitgegcnstelicn. Nur aus •diesen Gründen fiel also dieses für den Getreidebau besonders geeignete Gebiet in Palästina für die jüdische Kolonisation aus. Die darauffolgende Jordansenkung trennt das eben geschilderte östliche Gebiet von dem westliehen Palästina. Dieses Einbruchstal, das durch den Jordan, sein Quell- und Abflußgchict charakterlsiert wird und in der Luftlinie ca. 300 km Länge besitzt, senkt sicli von Norden nach Süden sehr stark und liegt zum größten Teil tiefer als das Mittels mecr, was in praxi einer Verschiebung um mehrere Breitengrade nach Süden gleiclikommt. Wie weit dieses Gebiet für eine jüdische Kolonisation in Frage kommt, hängt unter anderem auch von der Regulierung der bisherigen Bodenbesitzverhältnissc ab. Außerdem ist gerade dieser Teil ein typisches Bcwässcrungsgebiet, das infolge seiner hohen Temperaturen in der Lage wäre, hochwertigste Pflanzungsproduktc, Zuckerrohr, Baumwolle usw., zu produzieren. Ais Arbeitskräfte kämen allerdings in diesem südlichen Teil höchstens Juden in Frage, die aus Arabien und ähnlichen Gegenden, stammen. Da es sich nur um ein verhältnismäßig kleines Gebiet handelt, so würde dies keine unüberwindlichen Schwierigkeiten bereiten. Bisher smd ja nur Teile in der Gegend des Tiberiassccs und des Oberlaufs des Jordans von uns kolonisiert worden. Daß übrigens wissenschaftliche Autoritäten, die diese Länder gründlich kennen, wie z. B. Musil, dessen Spezialfach die Erforschung dieser Gebiete ist, ein ganz anderes Urteil haben wie Philippson, dafür eine kurze Stichprobe. Musil schreibt in seinem letzten Forschungsbericht im Jahre 1914 über das wenig bekannte Gebiet Al* Araba, das die südliche Fortsetzung des syrisehen Grabens bildet, folgendes: ״Oestlich von Negeb, in dem AI Araba gcnannten Teile des syrischen Grabens, ließe sich nördlfch von Akaba, dem berühmten Hafen Aelath am Roten Meere, eine Fläche von 100 km Länge und 15 km Breite jn einen einzigen Dattelpalmengartcn Nr. 5 leicht umwaiulelii, da man dort überall jn Tiefe reichlich Grundwasscr findet." geringer Wir kommen mm zum westlichen Teil Dalästin l־I1 liier lassen sich zwei Teile deutlich י*/״״ Audi scheiden. Das Gebirgsland fäl mählich gegen < von Norden nach Süden streidu׳n,1« It im Norden steiler, im Süden J las Mittelmeer ab und bildet besonder* in diesem Teile langgestreckte Küstern■ benen. י Durch die Jahrhunderte hindurch dauernde Ver Wüstung und Niclttkultivierung sind allcidmgs in dem Gcbirgsl.uid die alten Terrassierungen /ordert w״r. den und sicherlich viel Humuserde in die Kustcri und im Gebirge cingelagerteii Ebenen al> worden. Man muß jedoch eine machen. Wenn auch diese Gebiete für espült -um liränkunjr den Laitn mit ihren mcilcnwcitcn kahlen Hängen oft den Eindruck völliger Einöden erwecken, so sind in lichkcit diese Gebiete nicht endgültig f ü r die Wicdcrkultivierung verloren. IFurcIi die allmählich erfolgte, nicht sehr starke Verkiesung der Oberfläche wurde die gänzliche Ab- Spülung der lockeren Bodenschichten verhindert eine Tatsache, auf die bereits der bekannte Geologe Fraas und in neuerer Zeit wieder Hubert Auhagen besonders aufmerksam gemacht haben Das palästinensische Berglaml kann also, seine Kultivieroarkcit anbctriflt teilt werden: Ehe 11 eil wa» in drei Gruppen ge• 1. Die eingclagertcn Ebenen ebenso wie die Hochplateaus von Ober- und Untcrgaliläa eignen sich hauptsächlich für Getreide-, Futterbau und Sesamkultur. 2. Die Hänge in erster Linie für Olivenpflanzungcn, außerdem für Feigen, Weinstöcke und ver• schiedenc Holzarten, Tamariske, Steineiche usw. Selbstverständlich erfordert die Anlage der pflan- Zungen, die Wiederherstellung der alten Terrassie• rungcii eine sorgfältige Pflege und Arbeit während vieler Jahre bis zur Fruchttragung (Schutz vor Ziegen, Abgabciifreihcit usw.). Vor allem sehr hohe Aufwendungen an Kapital, die sicli außerdem erst nach Verlauf von fünf bis zehn Jahren anfangeu bezahlt zu machen. 3. Es befinden sich im Bcrgland tatsächlich auch völlig unkultivierbare Flächen, die cs übrigens auch schon in älterer Zeit waren, z. B. die Wüste Juda. Ich glaube aber nicht, daß die gesamte, überhaupt nichtkiiltivierbare Flüche Palästinas mehr als 20 «,1 heträgt, so daß anzunchmcn ist, daß also 89 des Bodens teils für Pflanzungen, teils für Ackerbau und für intensivste Bcwässcrungskulturen geeignet sind. Bisher aber sind nur ca. 7 0,״ und noch dazu erst extensiv landwirtschaftlich bestellt. Zu den Gebieten intensivster Bewässerungskiiltur gehören vor allen Dingen die bisher nicht erwähnten Kiistencbcncn, wie die Ebene Jcsrcel, die vorläufig nocli zum weitaus größten Teil, meiner Schätzung nach zu über 90 % extensiv bewirtschaftet werden und überall dort, wo /der Grundwasserspiegel nur 5 -30 m beträgt, was wohl im größten Teil der Küstenebene der Fall ist, nur dann rationell nusgenutzt werden, wenn er für intensivste Bcwässcrungskulturen verwendet wird. Aus der bisherigen Darstellung ist zu ersehen, daß Palästina ,infolge der großen Verschiedenheit seiner einzelnen Teile trotz seiner Kleinheit eine* der eigenartigsten Gebiete ist, dessen Beurteilung in wirtschaftlicher Hinsicht außerordentlich schwer' ist. Ucbrigciis beträgt die jährliche Regenmenge für West-Palästina ca. 600—700 min w ie in B. rl n. Die summarische Berechnung der Einwohnerzahl pro qkm, wie sie Professor Philippson vormmmt, und wodurch er zu so ungünstigen Ergebnissen für eine dichtere Bcsiedlungsmöglichkeit kommt, kann man weder in Palästina noch in den sonstigen Gebiete» der Türkei auweuden, wie ja aus dem oben Augeführten hervorgeht. Bcwässcmngsgcbictc — in, Palästina sind e» fQr die Zukunft besonders die Küstencbencn und die gesamte Jordansenkung — vertragen resp. erfordern sogar, falls ihre Rentabilität erst wirklich zmn Au* druck kommen soll, eine in Europa gänzlich un• bekannte dichte Besiedlung. Das einzige größere ücwässcrungsgcbict, das in bc/ug auf Sicdltmgsniöglichkcitcn bei bewässerten Kulturen entsprechende Schlüsse gestattet, ist Aegypten, welches bei 30 00” qkm Kulturflächc (also gerade so groß wie die Oe* samtflächc Palästinas) 12 Millionen Menschen lanuwirtschaftlich ernährt, also• 4 pro ha resp. 400 P™ Quadratkilometer. Diese so außerordentlich dichte Besiedlung kommt für die Zukunft in den obenge• nannten kleineren Teilen Palästinas bei weiterer En־ Wicklung der Wirtschaft durchaus in Frage. Das einzige kleinere Gebiet, das von jüdisc Seite bereits wirtschaftlich intensiv kuiti'icfrt wre* ist die Kolonie Pctach-Tikwah mit allein 2600 tJ ־ wohnern. Außerordentlich extensiv dagegen we die eigentlichen Ackerbau- und Viclizuchtsdistri Palästinas, die Ebenen und Hochfläche» in> V. birge, wie da« -״transjordanische Ocbiet ' schäftet werden müssen. Auch hier ist a״c™' »־ infolge der dauernden Steigerung der Ffn,j pro Hektar infolge besserer Kultivierung ״״י*