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Jüdische Rundschau · 1916-01-28 · Heft 4 (28.1.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 4 (28.1.1916)
Date
1916-01-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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J U EDI SCH E RUNDSCHAU Seite 29 JrJ ______________ 11. 0cr Bevollmächtigte des Pctcrsburffer Hilfskomitees für die Opfer des * Krieges, 8. September 1915, Seiner I Inchwolilgeborcn dein Herrn Polizeiehcf flspraw'iiik) der Stadt Pinsk. In Anbetracht dessen daß in der Stadt l.up grober Mangel an Lebensmitteln bcrrsel'L ‘'rs'K',״: icl’ E'v. Hochwohlgeboren, dem Vor/eiger dieses, den! Bürger von Smolensk, J״ eine Erlaubnis hn freien Aufenthalt, freie Ein- und Ausfahrt zu geben, damit er folgendes ankaufen kann: 50 Pud Mehl und 10 Fische. Kiickseite: Ich teile hiermit dem Bevollmiid'tigtvii des Pctrograder Hilfskomitees mit, daf! in Anbetracht des erlassenen Verbotes der Bevrcgitngs f reihe it für die J ti d c ״ obiges öesuch 11 i e b t berücksichtigt werden kann. Hl. Paks elii ei, Gouvernement Minsk. (Kollektiv-Bericht der Einwohner.) Von sämtlichen 5000 Einwohnern sind 1000 Juden. Die anderen sind hauptsächlich Weißnissen. Am 30. August hat die Polizei die ganze Bevölkerung, Männer und auch Frauen, zum Graben von Laufgräben geschickt. In jeder Familie wurde nur ein Mensel! rurückgelassen. Die Juden wurden sämtlich huf dem Platz aufgestellt, als der Sappeur-Offizier kam, schlug er sie alle, weil sic nicht richtig ständen. Vier Tage minie gearbeitet, und die Jude 11 wurden schwer geschlagen, hauptsächlich j, W. und F. -— Als ein Offizier einmal vorbeiging, beklagten sich die Mädchen über die Grausamkeit der Soldaten. F>iescr. antwortete ihnen ironisch, man dürfe nicht mit Stöcken sclilagen, aber mit Ruten. IV. Kopie eines Briefes an das Duma• rn i t g I i e d . . , 3. September 1015. Luser Unglück ist groll, helfen Sie uns. Die Juden 11 e r Station Kudcnskoi, 40 Werst von Minsk, sind he rau bl und ruiniert worden durch v o r b c i 111 a rs c h i c r e n de Soldaten. Die kleinen Kramläden wurden im Verlaufe einer halben Stunde ausgerauht, es war am Tage vo 11 Ros eh -11 n s ch ö!1 o 11. Nicht genug mit der Ausräubung der Läden und Wohnungen, sind unsere Soldaten in die Synagoge c i n g e d r u 11 - gen, wobei sie die Tnlcssim und die Thora rollen zerrissen. I lie Lage der Ausgeraübte» ist schrecklich. Ein Opfer ähnlicher Bcraubungeti 11ml Zerstörungen wimkn unsere Brüder, die längs der ganzen Eisen* bahulhür I ihnu-Roniny wohnen, V. Aus einem Privatbrief aus Reval, In Reval wurde die Frage der Ausweisung der Juden in Erwägung gezogen. In diesen Tagen machte von den Wäldern wiedertönt, die über den ״Bösen Hügel" nach Rußland hinein wachsen. Doch der Zug geht weiter durch Narnma, an allen Stätten der Zerstürm!״ vorbei sechsmal im Kreise hinter Rabbi Baruch ktr, der schweigend seine düstere Straße geht. Melim, der Bucklichte, ist zurückgeblieben. Er kld au(!lern Grabe seiner Hütte und cs flattert d« Tallith am Pfahl über seinem Haupte, welches seine knochigen Hände vergraben ist. Melim swlit sicli auf seine Hütte zu besinnen, welche vier Fenster hatte nach vorn, zvvei seitwärts 11ml drei Mdi hinten gegen den gepflasterten Gänschof zu. Tiirhatken war eine in Holz gefaßte alte Mesitse Reweseu. Durch das kleine Glasauge waren heilige ™ohsiabci! sichtbar. Er will im Schutt danach suchen. nach der Stimme Taubes suchen, welche in der Hütte und j״l ||0|zc der Türen geklungen hatte. 11״״ nach Sorelc’s Stirnmehen, tief unter dem ahorithölzernen rische. Mclims ll-inde wirbeln im Schutt, zuerst gedl™ig und ergeben, dann erregt und schließlich "ütcud und verzweifelt. Blut trieft von seinen Fin- ^Crn, als der Zug der Juden von Narama zum S|wntcn Male seiner Hütte naht. Rabbi Baruch Elem voran, die Hände erhoben!!' dcr Gebärde Moses, als er sein Volk durch die G^te führte. Hinter ihm der Zug der Elenden, '‘wußten, der Müden und doch Unermüdlichen, Vorbei zieht das Volk von Narama, ächzend rd stöhnend unter der Last seiner tausendjährigen '>otn, Vorbei zieht es und der letzte seiner schwan* 'wen Schatten Verschwindet hinter den Mauern. . Melim aber ist erstarrt mitten ln seinem wütenden ״»,»'״*״d seine Augen treten furchtbar aus ihren Ei« SP hinter dem Anblick des ziehenden Volkes, j. ..v'1‘ Wll aus seinem Miunde, aber er erstickt h I'» «!(steigenden Geheul der Tiere des Feldes, steht er auf aus dem schwarzen Sdiutte, in sich in Reval der Mangel an Kleingeld bemerkbar, und die Esthen verbreiteten das Gerücht, die Juden hätten alles Kleingeld angcsammclt und in der Synagoge vergraben. Des Nachts wurde die Synagoge untersucht, aber cs wurde nichts gefunden. Einige unserer Intelligenten wurden vor den Polizcimcistcr geladen. Dieser teilte ihnen mit, daß der Kommandant eine jüdische Deputation zu sprechen wünsche und Geiseln verlange, worauf ihm geantwortet wurde, daß die Juden von Reval keine Geiseln stellen w ii r d c 11 und eher freiw illig die Stadt verlassen woßten. Galizische Geiseln in Rußland (JAK). Aus den russischen Zeitungen erfahren wir von Zeit zu Zeit über die sinnlos grausame Behandlung der bei «lern Rückzug der russischen Armee aus Galizien Mitgcschlcpptcn, Bekanntlich waren cs zumeist angesehene jüdische Bürger. So ging in den letzten Wochen durch die Zeitungen ein Bericht über 700 galizische Juden, die man, wie üblich, in versiegelten Waggons zunächst aus Kiew nach Sibirien beorderte. In Moskau wurde der Zug aufgeh,alten und nach Kiew •zurücktransportiert, worauf ein neuerlicher Befehl die Absciulung der Menschenladung nach Sibirien verfügte. Die letzten Nachrichten über die unglücklichen 700galiziscl1e!1 Juden kamen n1.־p Niscluii-Nowgorml, wo man den Zug unterwegs sah. Ein Teil der aus Galizien mitgcschlcpptcn Bevölkerung wurde gleich Verbrechern in dje Kerker gesteckt. So intervenierte der amerikanische Konsul in Moskau Anfang November und verlangte von dem Staatsanwalt in Tula die Befreiung der in dem dortigen Kerker verhafteten Galizier. Es stellte sich aber heraus, daß noch immer ein russisches ״General*Gou vernement Galizien“ besteht und der Staatsanwalt lehnte die Intervention mit der Begründung ab, daß er die Freilassung solange nicht verfügen könne, als ihm der Oeneralgouverncur Ga• liziens die Ursachen der Einkerkerung nicht mitteilc. Der amerikanische Konsul hat seine Vor- Stellungen mminehr an den russischen ״Gcneralgouverneur von Galizien“, den bekannten antisemitischen Grafen Bobrinsky, gerichtet. Von unseren Schulen V. Die Mädchenschule in J c r u 8 a I c 111, Die Jerusalemer Mädchenschule hat schwierige und lohnende Aufgabe gestellt, sich die die Jlidisehen Mädchen Palästinas nicht nur mit den notwciidi gen llieoretisehen und praktischen Kenntnissen zu verseilen, sondern sic für alle die Aufgaben zu befähigen, die ilircr später in Familie, Gesellschaft und Volksgemeinschaft harren. In regelmäßigen Konteren zen wurden die Erfahrungen der Lehrer und Lehrerinnen misgetauscht und so bestellt die feste Hoffnung, auf Grund dieser. Erfahrungen bald ein feste» Schulprogramm aufstclten zu können. Durch den Krieg wurde die Schule Verhältnismäßig wenig betroffen. Am Schluß des vorigen Schuljahrs betrug die Anzahl der Schülerinnen 224. Trotz einiger Abgange (teilweise durch Absolvieren der Schule, teilweise durch andere Umstände veranlaßt) stieg diese Ziffer bis jetzt auf 280, wobei noch zu beachten ist, daß eine ganze Reihe von Schülern (ungefähr 40) wegen zu geringer Kenntnisse in der hebräischen Sprache nicht aufgcnomincn werden konnte. Von den Schülerinnen sind 55 <y<! asdikcnasisch, 33 0/0 sefardisch, während der Rest aus grusinischen, jemenitischcn und persischen judenfamilien stammt. Die Beziehungen der Kinder dieser verschiedenen Gruppen werden durch den gemeinsamen Schulbesuch sehr günstig im Sinne einer Annäherung beeinflußt, wenngleich Freundschaften nocli selten zwischen Kindern verschiedener Gruppen geschlossen werden. Der Gesundheitszustand der Kinder war hervorragend gut. Materiell hatten freilich die Schülerinnen sehr unter der allgemeinen Krise zu leiden. Wir haben an 130 Kindern die Gelegenheit verschaffen müssen, wenigstens einmal täglich eine warme Mahlzeit zu sich zu nehmen. Da es die Schulleitung für unbedingt erforderlich hält, daß die Mädchen im Hauswesen tätig sind, fällt am Freitag jeder Unterricht fort, weil ja in jüdischen Häusern an diesem Tage besonders viel vorzubereiteri ist. Der Mangel an Geld macht sich vielfach 1m-!angenehm fühlbar: wir konnten die vorgesehenen Ausflüge nicht durchführen und waren nicht imstande, unsere kleine Schülerbibliothek, die mit größtem Eifer von den Schülerinnen benutzt wird, zu vergrößern. Uebcr die Unterrichtsfächer sei im einzelnen folgendes bemerkt: Im Hebräischen wird in der untersten Klasse an der Hand des auch in Deutschland bekannten Buches ״Sfnt Jdadim“ Lesen und Schreiben gelehrt; im zweiten Halbjahr werden schon kleine Erzählungen gelesen und frei nachcrzählt. In der II. Klasse wird bereits mit kleinen Aufsätzen begonneu, wobei über aktuelle Themen, wie die Heuschrecken, den Durchmarsch des Heeres u. a. geschrieben wird. Daneben werden Diktate versucht und die Leseübmigcn fortgesetzt. Die Schülerinnen lernten eine Reihe von Geschichten. In ähnlicher Weise wird der Unterricht in der III. Klasse weiter■ geführt, nur daß jetzt iitTvcn aktuellen auch vielfach biblische Themen lx׳i den Aufsätzen Verwendung finden. Eine Klasse weiter beginnt daun der grammatische Unterricht. Daudien wird in dieser und der folgenden Klasse auf »las Lesen größerer Gedichte viel Wert gelegt. In Klasse VII wird die Bcschäftigung mit der hebräischen Literatur eingehend aufgenommen, insbesondere werden Abrninowitsch, Steinberg, Pcrez, Erisclunami, von Prosaikern und von Dichtern besonders Bialik, Tschcruichmvski und dem er wie ein toller Spürhund gegraben und von seinen Fingern sinkt cs herab in schweren Tropfen, welche purpurrot durch die Nacht lcuditcn. Melim, der Bucklielite, ist aufgestanejen und größer geworden; größer als sein Buckel, der vormals seinen Kopf überragte, größer als der Pfahl, an dem die Fahne Tallith bleich durch die Nacht weht und es erfüllt ihn eine Kraft und ein Sehnen und eine Madit, wie nie, zuvor in seinem Volke gewesen. Er stürzt vorwärts, dem Zuge nach, der zum siebenten Male um Narama zieht. Seine schlottrigen Beine peitschten den Sand hinter sich bis zu Nachims Hause, wo die Quelle aus dunklem Trichter murmelt. Da kommt ein vielfacher Sdirei hinter den Ziehenden 11er, daß sie auf ihrem Wege wurzeln bleiben vor *Entsetzen: cs ist ein Schrei so schrill, daß er die Worte verschlingt, die er auf seinem Rücken trägt, und so well, daß das ferne Geheul der Tiere auf dem dürren Felde verstummt, daß die Wälder rings aufbrüllcn und nicht mehr schweigen wollen. Rabbi Baruch Elcms Hände sind vom Rücken gesunken und greifen nach dem Kopfe. ,Wer schreit“ fragt er mit seiner Stimme, welche wie die tiefste Saite der Harfe tönt. ״Wer schrie?“ Ruhe rings. Nur der kühle Wind flötet durch die dächcrlos ragenden Ruinen. Blasen steigen aus dem Trichter in Melims Hause und aus den!Wäldern kommt im Rauschen Mclims letzter Schrei zurück wie das Acchzen tausender Jahre: liden, Jiden, wohin ziehen!wir . . . .? Walter Kaudcrs. Lehrbuch der hebräischen Sprache für Schul- und Selbstunterricht von M, Rath. Selbstverlag. Wien I, Rotcnturmstr. Preis M. 4,— (K. 5,20). Ein Lehrbudt, das nach kurzer Zelt In 2. Auflage erscheint, spricht selbst sehr viel für sich. Dies gilt ganz besonders von einem hebräischen Lehrbuch, zumal in ״eiserner Zeit", die erfüllt ist von Waffengeklirr uml in der schon im allgemeinen die Musen m schweigen pflegen. Mußte aber in der ersten Zeit des Wiederauflebens der hebräischen Sprache und ihres Studiums, da man daran ging, die heilige Sprache zur Sprache des Alltags zu machen, jedes hebräische Lehrbuch, das auf dem Markte erschien, begrüßt werden, so muß man sich jetzt, nachdem wir bereits eine recht hübsche Auswahl haben, eine gewisse Reserve aufcrlegen. Der Vorzug des vorliegenden Lehrbuches besteht darin, daß es sich nicht nur, wie die meisten bisher erschienenen Lehrbücher, für die zarte Jugend cignctj sondern hauptsächlich auch den Ansprüchen der Erwachsenen und Reifen Genüge leistet und sich gut zum Selbstunterrichte eignet. Und das gibt dem Buche eine ganz, besondere Bedeutung: auch die recht zahlreichen Freunde der hebräischen Sprache, die nicht die Gelegenheit und Möglichkeit naben, an einem Unterrichtskursus tcilzuiiefiincu, können jetzt das Hebräische erlernen. Das Lehrbuch von Rath, welches aus 3 Teilen bestellt, enthält im ersten Teile Konversationsübungen, Beschreibungen, Erzählungen, Gedichte und Prot>cn aus der hebräischen Literatur. Einem jeden Uebungsstiieke schließt sich eine Reihe von Fragen zwecks Wiederholung und Einübung des durchgenommenen Stoffes an. Der 2. Teil enthält deutsche Uebungsstücke zum Uebersctzen ins Hebräische und die hierzu erforderlichen Vokabeln. Der 3. Teil ist — hauptsächlich für selbstlernende Schüler — ein ״Schlüssel“ und bringt die hebräische Ucbcrsetzung zu den deutschen Ucbungen des 2. Teiles. — Hcrvorgehobc« zu werden verdient, daß das Buch im Anschluß an die einzelnen Ucbungsstücke grammatische Regeln enthält. Der 2. Teil ist auch in polnischer Ausgabe erschienen. Es ist heute sehr leicht, diesem Buche gegenüber die Pflicht einer Besprechung zu erfüllen, denn das Leben hat inzwisdicn das kräftigste Urteil gesprochen. Das Buch entspricht einem längst empfundenen Be* dürfniue. Eh. H. O,

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