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Jüdische Rundschau · 1916-01-28 · Heft 4 (28.1.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 4 (28.1.1916)
Date
1916-01-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 28 J U EDI SC H E RUNDSCHAU t ן I m t Iicrabzmlrückeii. Er war wirklich nicht nur ein Vcrfasse!• von ״Gairescliriftai", der uns ״JiigaHlainmv runden" zu erzählen hatte; er war schon ein Dichter keiner von den größten, aber er war einert Und ich habe nun einmal den - meinetwegen Aberglauben, dali ein echter Dichter uns fremdes Land und fremde Leute rascher und gründlicher kennen lehrt, als die baudereichen Darlegungen von ״Interessenten“ an irgendeiner rassentheoretischen ״Frage“. Der eine Roman ״Kim״ von Kipling sagt uns über Indien mehr als unzählige gelehrte Abhandlungen, und hatten wir Deutschen unseren Max Eyth aufmerksamer gelesen, wir hätten an den Engländern nicht 80 manche unliebsame Ucbcrraschung erlebt I Vergessen wir auch nicht, daß der Artikel über das polnisch-jüdisdte Problem ausging von Nachnm Ooldnianus Behauptung, die ״ostdeutsche Judenheit“ bilde einen ״geschlossenen und volle ntwickelte n“ nationalen Organismus. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß dieser ostjüdische Nationalstaat eine Selbsttäuschung sei, geboren aus der Besorgnis, die Juden möchten — wie es die Zu- Schrift recht drastisch nusdrückt — ״zum Spielball, Aiisbcutungs- und Unterdrückungsobjekt einer polnisehen Majorität“ werden. Das wünscht in Deutsch- Iand kein Verständiger, das zij. verhindern liegt durchaus im deutschen Interesse. Sollte au unser üstgreuze ein polnisches Staatsgebiet' neu erstehen, so vviüisehen und erstreben wir selbstverständlich; daß die staatsbürgerliche Gleichberechtigung, die treic Aufwärtsentwieklung aller Volksteile dort so wenig ein leerer Wahn bleibe wie im Deutschen Reiche, (übt es dazu aber keinen anderen Weg, als die feierliche Anerkennung des ostjüdischen Nationalstaates? Wäre das überhaupt ein geeigneter Weg? Man kann cs sehr bezweifeln, ebenso wie mau es bezweifeln kann, ob der Jargon ״eine Sprache“, will sagen eine lebensfähige Kultursprache sei, die ohne künstliche Nach- Iiilfc überhaupt erhalten werden könnte. Polnisch ist eine solche Sprache, und Hebräisch ist auch eine, wenn auch eine sogenannte tote. Aber der Jargon —? Das ist ein mixtum compositum, aber kein orgaiiisehes, gewachsenes Lebewesen, worin sich die Seele eines Kulturvolkes ausspricht, wie in den Psalmen, im Hohenlied und in den Propheten. Die Zuschrift, die wir oben wiedergegeben haben, beruft sich auf Oesterreich, als auf das Muster eines Nationalitätenstaates. Sehr wohl, aber wo und wann hätten die österreichischen Juden verlangt, im Rahmen dieses Staatsweseiis als gesonderte und geschlosse ne Nation behandelt und anerkannt zu werden? Sie sind, sicher in der überwältigenden Mehrzahl, durchaus zufrieden, wenn sie die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung genießen, und verzichten gewiß gern darauf, die Zahl der deutschen, tschechischen, polnischen, slowenischen, italienischen Nationalitäten um eine weitere zu vermehren. Und täten sie’s nicht, so wäre es immer noch nicht Aufgäbe des verbündeten Deutschen Reiches, ihnen zur Verwirklichung gerade dieses Anspruchs zu verhelfen.“ Diesen Schlußbcmcrkiingcn des Herrn Paul Harms im Berliner Tageblatt sollen wenigstens hier einige Sätze der Feststellung folgen: Den ״Aberglauben“ des Herrn Paul Harms wollen wir nicht zerstören, denn auch wir glauben daran, daß ein echter Dichter dem Fernstehenden manchen Die Juden von Narama Narama liegt in einer sandigen Grube hart am Russischen. Aus der Vogelschau midi cs anzuschen sein, wie ein paar sclnvarzvcrrauchtc Steinehen in einer flachen Mulde, denen eine Unzahl Pünktchen von Südwesten her zustreben, wie eine Schar winziger Ameisen. Und jedes einzelne von diesen Pünktchen ist eine Art Pinkeijude, keuchend, schwergebeugt Inder Sack find Pack und doch mit einem Sehnen im Herzen, daß es vergehen möchte im Anblick der elenden Trümmer, welche der Feind aus den heimatlichen Stätten ,geschlagen hat. Dreimal ist er dagewesen, der wüste Gast, dreimal bat er den roten Halm auf den Dächern von Narama krähen lassen und zum dritten Male ist er jetzt hinter die Hügel zurückgewichen, welche ehemals die russische Grenze waren. ״Der böse Flügel‘‘ heißt die Kuppe nordostwärts Narama, hinter der es noch aus tausend feurigen Schlünden tobt und weißgcballte Wolken knapp über der Kammlinie schweben läßt. Und noch raucht cs hie und da aus den zerschossenen Grundmauern von Narama. Die Fetzen einer ledergebundenen Bibel glimmen unter den zerschmetterten 1 eilen eines geschnitzten Bücherschrankes von altersdunklem Holze; in einem zerschlagenen Füßchen trocknet die Neige von altem Palästinawein; er gebar den Rausch, welcher den sicbenarmigcn Leuchter aus rotem Marmor in Stücke schlug. Und auf dem Prellstein des Judentempcls sitzt Rabbi Baruch Elcms hagere Gestalt, steinern, als wäre auch sie ein Rest der gesprengten Mauern. Um ihn herum steht in weitem Kreise, was bisher den Heimweg nach Narama gefunden hat. Scliaje und sein Weib, der bucklige Schwager Melim, drei elternlose Kinder, ein Junghng mit stierem Blick und drei oder vier andere die nicht wissen, was sie tun sollen. Allmählich tiefen Finblick verschaffen kann, wo eigene Anschaumig fehlt und ״händereiche Darlegungen“ allzu mühselige Studien bedeuten, Manche Leute haben allerdings auch schon die Wahrheit ausgesprochen, daß man, einen Dichter zu verstehen, in Dichters Lande gehen müsse, Aber weder mit dieser noch mit jener ״Wahrheit“ wird dem vollkommen Fernstellenden so weit geholfen, daß er zu einem kompee teilten Urteil durelulriiigen kann. Und Herr Paul Harms hat sieh trotz, seiner neuerlichen Berufung auf Karl Emil Franzos bei diesem die Kompetenz, lies Urteils über jüdisches Eeheu und jüdische Ent- Wicklung nicht erworben; daß er von allen. Dichlern und , Sehildercru des ostjüdischen Lehens 11 ti r Karl Emil l'ian/os kennt, ist eine Erklärung, aber keine Entschuldigung. 1111 übrigen aber möchten wir 1101111־ Paul I larms, der die These verficht, daß im Völkerlehen sechzig Jahre eine so kurze Spanne Zeit seien, daß sich in ihr das Antlitz einer Gemeinschaft kaum von Grund auf ändern könnte, bitten, diese These auf Völker und Zeiten anzuwenden, in denen cs Revolutionen, Reformationen, eine Rcnaissancc gab. Sieht er nicht ein, wie sinnlos sic sein kann? 1111 Leben des Ostjudentums aber handelt cs sich bei der von Franzxis vertretenen Zeit und Richtung überhaupt nur um eine episodenhafte Erscheinung, in der nur vollständige Naivität die e n 11 gültig c und eigentliche I)arstcllung der jüdischen Volksentwiekbing finden kann. Im zweiten Absatz .seiner Bemerkungen rennt Paul Hanns leider wiederum gegen eine Windmühle. Die vom Berliner Tageblatt veröffentlichte Zuschrift halte keineswegs und nirgends von einem ״ostjiidisehen Nationalstaat“ gesprochen, sondern eben nur beliaujiiet, daß der Miiioritütenselmtz nichts zu tun habe mit dem Begriff des ״Staats im Staate“, der Paul Harms ins Boxhoru jagt. Die Berechtigung des jüdischen Anspruchs auf einen Minoritäteiisclnitz für die eigene Art kann auch Paul Harms durch nichts erschüttern, seine Bemerkung über den Jargon trifft ganz daneben, weil cs nicht zur Debatte steht, ob das Jidisehe wirklich für alle Zukunft erhalten bleiben kann. Daß Paul Harms ans eigenem Antrieb davon spricht, daß sielt nur in der ״sogenannten toten“ Sprache des Hebräischen die Seele eines Kullitnoikes aussprcdien kann, wie in den Psalmen, im 1 loheulied und in den Propheten, ist sehr freund* lieh, zumal hin/ugefügt werden kann, daß die Seele des jüdischen Volkes heute wieder u 111 im hebräischeu Wort und in der hebräischen Schöpfung ihren Ausdruck findet. Da aber sowohl jene, die im Jidisehen, als jene, die im I lebräisehen den Ausdruck jüdischer Seele und jüdischen Lebens finden, gegen Paul I larms zeugen, k.11111 auch in diesem Punkte Paul Hanns auf seine Argumentation nicht stolz sein. Zum Schluß verdient auch der letzte I’nssus des llanus’sclu'n Nachwortes eine Randglosse. Die Zusebrift des Berliner Tageblattes halte sielt auf das österreichisch-ungarische Beispiel eines Nationalitäten- Staates berufen, um damit dem Schlngwortschreck lies ״Staats im Staate“ eutgegeuzuwirken. Das Argu* werden es mehr. Die große Heerstraße, welche ostwärts Narama vorbciz.ielit, gibt mit jeder Kolonne etwas an die l'ahrwegU"ab, welche durch den aufgewühlten Grund nach dem IXirfc führen. Und als die Sonne sinkt und der Kanonendonner immer ferner klingt, stellt eilte kleine Volksmenge beisammelt, so eng, als suchte jeder die Wärme seines Nächsten. .Geduldig stehen sic um Baruch Eiern, der steinern mit der Dunkelheit zu verwachsen scheint. Sie murmeln leise und cs klingt zuweilen wie das halblaute Beten im Tempel vor der Zerstörung. Sie wissen, daß Rabbi Baruch Eiern den Verstand verloren bat ob lies Jammers, der über Narama gekommen ist. Niemand bat ilm aus dem Dorfe gehen selieu, zurzeit 'der letzten I Icimsucliiiug von Narama, Aber man weiß es: da um die zwölfte Nachtstunde die letzten Dächer stürzten, Brandbomben die Keller aufrissen lind die nackte Erde, als sollte eine Rotte Koracli verschlungen werden, saß Rabbi Baruch Elan auf seinem Prellstein, so wie er jetzt dasitzt, steinern inmitten der 'krachenden Balken, der leise dahinjammernden Kugeln, im Aufblitzcn der zerreißenden Granaten und zuletzt im dunkclrotcn Brandschein seines bmsinkcndcii Narama. Rabbi Baruch bat den Verstand verloren. Auf seinem Hiiitcrkopf stellt eine große rote Wunde. Als sein eigenes steingewordenes Grabmal ohne Gnade sitzt sein Körper da. Der Donner der Geschütze ist In die Ferne gezogen und vertropft langsam in völligem Schweigen. Nur hie und da löst sich noch der Ausfeuersebuß eines geladenen Rohres. Der erste Stern blinkt über dem ״Bösen Hügel." Flimmert so zart und schüchtern wie nur je in der grünlichblauen Himmelzonc zwischen Tag und Nacht. Die Leute murmeln leise. Ja, nun beten sic wirklich, wie im Tempel vor der Zerstörung. Ihre lastenreichen Rücken scheinen die Pein der Jahrtausende zu tragen, indem sie sich bücken vor ihrem Gotte. Die Ange* ____ Nr. 4 ment bat Paul llarms anscheinend über/nigt cr /in♦ sieb mm aber auf einen neuen und k1/!׳c״ gruiid zurück, indem cr die erstaunte FragtsLu" wo dam in Oesterreich die Juden 11 Anspruch erhoben hätten, als geschlossene Nation heli.-lndeh und anerkannt zu werden. Audi in dieser t linsiclit zeigt Paul Harms, daß er schlecht uiilorriclitct ist Wold haben große Teile der österreichischen Jude״ den Anspruch erhoben, als Nation betrachtet und anerkannt zu werden. In das erste österreichische Parlament des allgemeinen gleichen und gcl1cjmen Wahlrechtes entsandten sie die vier Abgeordneten Adolf Stand, Heinrich Gabel, Benno Straiieher und Arthur Mahler, die dieses nationale Programm vertrafen. Daß dieses Programm nicht noch mehr Stimmen eihielt als jene 133 000, die die vier jüdfechnationalen Rcichsratsabgcordnctcn erwählt halten ist ausschließlich auf jenen gali/iscli-polniselicn Wahlterror ztirückzufüliren, von dem seinerzeit selbst im Berliner Tageblatt gesprochen werden durfte, ln der Bukowina, diesem Klein-( )Österreich, bestehen zwei jüdisch-nationale Klubs im Landtag und die anderen Nationalitäten der Provinz denken gar nicht daran, die Juden als etwas anderes zu betrachten, denn als eine Nationalität, Und im ganzen Gebiet von Oesterreich-Ungarn wirkt und arbeitet ein ״Jüdis c h c r N a t i o 11 a I v e r e i 11“, der durch jeden seiner Aufrufe und Programmscliriftai Herrn Paul I larms die Ueberzciigung Beibringen könnte, daß die osterrcichischen Juden dem Gedanken der jüdischen Nationalität nicht gar so fremd gcgenübcrstelien. L. H. Russisches Material Von der holländischen Grenze erhalten wir wieder authentisches Material, das die den Juden in Rußland gegenüber angewendeten Methoden kennzeichnet. Wir bringen einen Teil zur Veröffentlichung. Die in den Briefen abgekürzten Namen sind von uni gekürzt. .1 ־ Bericht aus Minsk an das 1• e t e r s b 11 r - gcr Hilfskomitee. Luniniec, I. September 1013. Es sind Unruhen ausgchrochcn, die drei Tage lang gedauert haben, und kaum am vierten zu Ende gingen. Während dieser drei Tage wurden alle jüdischen Geschäfte zerstört, mit Ausnähme des Geschäftes von G., das in demselben Gebäude wie die Pos! ist. Während der Zerstörung blieben die B c 11 ö r d c 11 g a 11 z. untätig, und berieten sich auf ihre angebliche Machtlosigkeit. Nicht nur, daß sie nicht die Unruhen verhinderten, sondern der Gehilfe des P o I i z e i c 11 e f s sagte sogar tlcr jüdischen IXpiitation, die zu ihm um Hilfe kam, cs könne ihnen doch gleich sein, wer sie aiisr.uibc, ob ihre eigenen Landsleute oder die Deutschen. BL■־ Jl—■*■■■ ——- —— . _ ' 1— .Bg sichte sind zur Erde gewandt und werden sieh erst erlichen, wenn das Gebet zu Ende ist. Da es geschieht, stellt Rabbi Baruch Elan lang und hager unter ihnen. Unter seinen dichten Brauen starren die Augen hervor, diese Augen des großen Hüters der (ic• nicindc, welche segnen können und verdammen, warnen und trösten, strafen und bclohna!. Sie blicken durch die gedrängte Schar der Zuriiekgekehrten, lileiben an jedem Einzelnen haften, als setzten sie seinen Namen auf eine Liste. Und immer langsanier wandern diese scbwar/umramleteu Augen von Manu zu Weib, von Weib zu Kind, scheinen tiefer in ihren Höhlen zu versinken und mit einem Male, hiitwcgsehctul über alles was da ist, in un-agbarc Zeiteufcrnc zu starren. Die hageren Hände Rabbi Bamehs krampten sich zusammen hinter seinem Rücken und er schreitet mitten durch seine Gemeinde, die ihm ehrfurchtsvoll eine Gasse bahnt. Weiter schreitet cr, die Dorfstraße entlang und ein formloser Zug von Menschen folgt ihm, die so müde ausschcn, wie sie cs sind: gehetzt durch die Jahrtausende. Schweigend gellt der schwarze Zug durch Narama, vorbei an der Stelle, wo Eliescr Mclims Hütte st.111« und an verkohltem Pfahl im Abendwind der Fetzen eines Tallith flattert. Vorbei an Scliajc's Haus, voll dem nur die Stirnwand geblieben ist und ein Kamin, der sie überragt. Wo durch ausgebrannte Fenster* löcher die erwachenden Sterne flimmern, dieselben Sterne, welche einst so ruhig über Narama gestanden sind. Das Haus Nacliims ist von der Erde getilgt. Sein Keller w׳ar noch zu wenig tief. Etwas Unbegreiflichcs hat ihn doppelt tief in die Erde hinan• geschlagen und von unten her gurgelt und perlt das Orundwasscr einer unbekannten Quelle. "0• fernher tönt abwechselnd der Schrei einer einsamen Katze und das WimmsBWtincs Hundes. Mitunter wird es ein doppelstimmiges Oeheul, welches Ici*e

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