Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1916)
- Date
- 1916-01-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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J U E DI SC H C RUNDSCHAU Seite 19 Nr. 3 aulkr Kultus• 11ml Schulsachen noch eint• ganze Menge;!mlcrwcitcr unendlich wichtiger Dinge in pra״c, wie Vereinsmul allgemeine Wohlfahrtsangrlcgrnhciteii, Beschaffung und Verteilung billiger l.clnnsmitlel, Volkshvgicm•, Verteilung und Hesjed- I,mg v<!n t.aiul, Anlage von Garten /um Anbau von (iernii'-r und dergl, Dies alles und noch inandies aiulcre i-t nölig, um die Lage der jüdischen Ile- Völkern״׳׳ ■;״ einer erträglichen zu madten, die Leute im |,autle MM/ulialtcn und sie kulturell zu lieben. Und ״var M< File not, wenn größtes Unlieil verludet werden -״II. W.1 Warschauer Zeitungen beriditen und Privatnaclinili'׳ n bestätigen, ist nicht allzu erfreulich. Wenn man de« < ledankeii au eine etwa mögliche Wietlerkebr der 1'-וווו!, die natürlich ein jiidisdtes Massengcmetzcl mit deii bringen würde, nicht ernstlich aufkouimcu liilit, ״י liiirt man doch vielfach die Ansicht, tlali es fpc/ii ll den dortigen Juden unter der russischen Herr- (<•11,111 ■ 1 tade in Polen wirtschaftlich eigentlich besser erg,in::(« sei <ds jetzt. In vielen Gegenden des Landes «•iu iiit t! die Zustiinde allerdings entsetzlich zu sein, insbesondere Verpflegung und Hygiene nahezu alles 7» iviinsciien übrig z.u lassen. In einzelnen Gegenden j«l die Kindersterblichkeit ungeheuer -־ Kinder unter (mit Jahren sieht mau kaum noch,!־'rauen und Kinder musstri uft 23 km weit zu Full gehen, um in der jüdischen Volksküche der nächsten Stadt eine warme Suppt zu erhalten. Zwar fehlt cs nicht an einem HiltcP'iiotee in Warschau, dem zur Linderung tler schlimm•ten Not bis jetzt etwa 11 Millionen Kübel (tler sogenannte Tatjana-Fonds) zur Verfügung stauden, die auch unter der Aufsicht des Erzbischofs von Warschau zur Verteilung gelangt sind. Obwohl aber etwa 2! . Millionen tlieses Betrages von jüdischer Seite aufgebracht wurden, befindet sich doch kein Jude im Koiiult■e, und nur 130 (HK) Rubel sind den Juden für 1111 l's/.wecke übergeben worden, was allgemein Erbitterung und Bestürzung erregt hat und auch kaum zu rechtfertigen ist in Anbetracht des Um- Standes, tlali )3 v. II. tler Gesamtbevölkerung Polens Juden sind. Das schlimmste von allem ist die Uu- Sicherheit der Lage im allgemeinen. Dies würde sich mit einem Schlage bessern, wenn die Regierung heute sclmii mit einem festen Programm für tlie Zukunft aiiftrclcn könnte, das mag jedoch ans politischen Oitinden noch nicht möglich sein und entzieht sich jeden(,dis der öffentlichen Besprechung. Wie die fTmge liegen, haben die Juden Furcht vor den Polen uml noch kein rechtes Vertrauen zur deutschen Regiertuig. Wie sollte auch dies seit Jahrhunderten (׳ukiiti'lili'tc und geschundene Volk Vertrauen haben! Man dar( nicht vergessen, dal! ein unerhört grausames Schicksal die polnischen Juden zu dem gemacht hat, was sie heute sind — eine geängstigte und gequälte Masse, in der das Ringen um die Existenz vielfach auch eine unerfreuliche moralische Verwilderung hervorgerufen hat. Ihn liier Wandel zu schaffen, um vor allem Vertrauen hcrzustcllcn, gibt es nur einen Weg. Man sollte nicht nur den Kreis der mit den Verhältnissen uml der Eigenart der jüdischen Masse vertrauten Beamtin erweitern, sondern auch den unmittelbaren Verkehr mit dem Volk durch Anstellung von VertraueiiMiiiiiiiicrii auch in der Provinz, und auf dem Lande erleichtern. Dies dürfen natürlich keine Eingeborenen sein, sondern reichsdcutsChc Juden von zuverlässiger Gesinnung, die gleichzeitig aber auch gute IR Ziehungen im Lande haben und die Bedürfnisse und den Charakter der Leute kennen, demnach im- Stande sind, sich auch deren Vertrauen zu gewinnen. Aut diesem Wege, der hier mir angedeutet sein soll, wird e> gelingen, einerseits die Scheu vor der Behördc, das angeborene Milttrauea z.u überwinden, andererseits das lästige und zudringliche Ucbcrlnuftn der vielgeplagten Beamten mit kleinen Anfragen und allerhand 1 appalien zu verhüten und somit indischen würdige Zustände wenigstens anzubalmcn." An die Leser der Jüdischen Rundschau in Wien. Wir haben dem Verlag R• Löwlt» Wien, 1• Rotenturmstr. 22, den Einzelverkauf der Jüdischen Rundschau für Wien Obertragen. Der Preis der Nummer beträgt im Einzelvwkauf 25 11. Verla? der jüdischen Rundschau. Eine deutsche Stimme zur jüdischen Schulfrage in Polen (Aus einem Aufsatz von Schulrat Otto Eberhard) In der ״Pädagogischen Warte“ (I. Heft, Januar Hilft) veröffentlicht der bekannte Schulfachmann, Schulrat Otto Eberhard aus Greiz einen Aufsatz über ״Die jüdische Schul frage in l’o len.“ Wir bringen im folgenden markante Stellen aus diesem Aufsatz, die beweisen, wie nahe Schulrat Eberhards Ansichten den unsrigeu kommen: Die deutsche Staats- und Heeresleitung hat nicht nur für die eigenen Truppen Gelegenheiten zur Belehrung uml Unterhaltung geschaffen, sondern hat auch gegenüber der fremden Bevölkerung nationalkulturelle Aufgaben in Angriff genommen. Vor allein hat sic der Schn!frage in Ost und West ihre Aufmerksamkeit geschenkt. Wie schwierig diese Aufgaben oft sind, zeigte die jüdische Schulfrage in Polen. ״Der Oberbefehlshaber der deutschen Verwaltung Ost schrieb nach der Besetzung des Landes in einem bekannten Erlaß für Polen links der Weichsel, da die Verwaltung kein Interesse an der Unterdriiekung der nationalen Eigenart nimmt, für die polnischen Schulen die )Klinische Unterrichtssprache, für die deutschen und jüdischen Schulen die deutsche vor. I'.r war auch dem von dem Warschauer polnischen Ihirgerkomitee versuchten Unterfangen, die polnische Sprache den jüdischen Schulen aufzuz.wingcn oder mir für Schulen mit polnischer Unterrichtssprache die Deckung aus öffentlichen Mitteln bcreitzustcllen, cntgcgcngctretcn; nichtsdestoweniger aber sieht durch diese vorläufigen Verordnungen das nationale Ostjudentum seine Hoffinnigen nicht voll erfüllt. Es ist dankbar für die Abweisung aller Polonisicrungsvcrsuchc auf dem Gehiet des jüdischen Schulwesens, wie cs sich ja selber jahrzehntelang unter großen Opfern gegen die Rtissifizierungsbcstrebuiigcn gewehrt hatte, aber es erhofft nun ■eben von dem der polnischen Bevölkerung' für ihre Schule eiiigcräumten Recht auch seinerseits die Anerkennung des Sclbsthcstimmungsrcchts in seinen Schulen, d. 11. den Gebrauch der nationalen Sprache als Unterrichtssprache, und damit die Anerkenuung seiner Ansprüche auf die Pflege des jüdischen Geistes und die Erhaltung der nationalen Eigenart.“ Das jüdische Schulwesen braucht nicht erst neu ins Lehen gerufen werden. ״Mag diese alte Judenschule, die mit der Zeit die Form des Clicders nun,iluu, gut oder schlecht, fortschrittlich oder rückständig sein - sie ist in dem Schul- und Bildmigswesen der Welt eine geschichtliche Erscheinung von unverkennbarer Eigenart; sie ist eine der ältesten Ein richturigen des jüdischen Volkes im allgemeinen, uml in ihr schlug auch in Rußland das Herz des nationalen und religiösen Lebens; eifersüchtig wachte darum die jüdische Gemeinde über jedem Entfrcmihmgsvcrsuch.“ 13״er ״Chedcr“ ist seinem Wesen nach durchaus eine hebräische Schule; in ihm werden ausschließlich tlie hebräisch-religiösen Lehrfächer, die ja zugleich die nalionaleii sind, unterrichtet. Die Unterrichtsspräche -- richtiger Uebersctzungssprachc, denn sic bildet mir ein Unterrichtsmittel, ist aber nicht selber Gegenstand tlcs Unterrichts — ist das Jüdische, jene eigentümliche Sprachmischung, die unter den nschkenasischen Juden Westeuropas bis in tlie Neuzeit gesprochen wurde, im Osten aber noch heute die allgemein gebräuchliche Umgangssprache ist und oft mehr als das Hebräische die Judcnhcit der ganzen Welt zu einer Gemeinschaft verbindet. Weder das Unterriehtsprogramm noch die sogenannten ״Melamdim" bieten also die Möglichkeit einer anderen Schiilsprndic, es wird auch hier heißen, wenn cs sich ernstlich um die Schaffung oder Erhaltung einer rein jüdischen Volksschule handelt: sint ut sunt, aut non sint." An unseren Hildungs- und Erzichungsansprüchcn gemessen, sind freilich diese Chcdcrschulcn im hochslen Grade reformbedürftig. ״. . . . daß ein gründlieber Wandel in diesem Schulwesen not tut, daß sonderlich die weltlichen Lehrgcgcnstiindc in den Unterricht cinbezogcn werden müssen, damit die sogenannte Rcligionsschulc zu einer Lebensscliulc, z.u einem Bildungsträger und zu einer Grundlage für die wirtschaftliche Daseinsmöglichkeit werde; daß ferner die einfachsten Forderungen der Schulgesundhcitslchre berücksichtigt und die Lehrpersonen für ihre Aufgabe methodisch vorgcbildct werden müssen, diese Einsicht hat sich auch in den ostjüdischen Krcisin durchzusctz.cn begonnen," ״Lange zwar hielten sich der geschichtliche Cheder in seinem jede natürliche Entwicklung des Leibe* und des Geistes hemmenden Zustand und der Kulturzustand des Ostjudentums das Gleichgewicht, während sich in Westeuropa diese alte Form der Judenschule unter dem Druck der beschleunigt fortschrciteriden Entwicklung im Anfang des vorigen Jahrhunderts auflöste. Aber die neue, vor der Jahrhundert wende auch im Ostjudentum ersetzende große national-kulturelle Bewegung, die sich, aus geschlechterlangem Schlafe erwachend, auf die geistigen Kräfte des Judentums besann und eine jüdischnationale Wiedergeburt anstrebte, fand natürlich auch auf dem Gebiete des .Schul- und Bildiingswescns ihren Ausdruck; ihre schöpferische Triebkraft fand vielfach gerade in den neuen pädagogischen Reformgedauken eine Wesensergänzung. So gingen in dem Geistesleben des Ostens n a t i 0 - na I e s und kulturelles Streben Hand in H a 11 d und wenn die breite Masse vielfach auch noch gar. zu zäh in dein alten Erschlaffungszustand weiter bcharrte, so waren doch die ״Rcnaissancc“-Gcdankcn da 1,lind wurden von begeisterten Aposteln in das Volk getragen und mit ihnen fanden sich die schöpferischen Kräfte und die nationalen BewußtseinsäuHcrungcn, die von Geist zu Geist und von Land zu Land übersprangen.“ ״Und merkwürdig, gerade aus dem Land der Väter, jn dem bewußter jüdischer Wille alsbald den Spaten angesetzt hatte zur Bearbeitung der Scholle und zur Freilegung der alt jüdischen Geisteskräfte, kam in den ״Golus“ der Zerstreuung das erlösende Wort, das der Wiedergeburt des Volkes die fruchtbare Grundlage gab, ohne doch die Wurzeln zu berühren oder den Geist zu verschieben: zwei paläs t i n i s c h e Schul ni ii 1111 e r und Pioniere des Geistes, David Y eil in und Isaak Epstein, hatten die ״natürliche Methode“ im hebräischen Sprachunterrieht, die sogenannte ״Ibrith bc-lbrith“ geschaffen und in Zeitschriften und Lehrbüchern dargestellt. Und diese aus jüdischstem (ieist und Heimatluft geborenen Bestrebungen und Bildungsmittel fanden; nun im Ostjudentum Eingang, sie wirkten umwälzend 1 und wiesen den tastenden Bestrebungen Richtung und Ziel.“ Nach der neuen hebräischen Pädagogik erlernen die kleinen Kinder die hebräische Sprache nicht mittelst Dcbersetzimg, sondern mit Hilfe von Anschauungsbildern und Sprechübungen. Diese Methode des Unterrichts wurde auch nach Polen verpflanzt, wo die sic aiiiveiideiidcii Schulen ״Rcformchadarim" genannt werden. Der Lehrplan dieser Rcformschulen wurde dahin erweitert, daß zu den religiös-nationalen Fächern ein systematischer hebräischer Sprach- und Litcratiirnntcrrieht hiuznkam, und auch die nachbiblische nationale Geschichte bis hin zur Gegenwart weitgehende Berücksichtigung fand. Diesen Schulen wurden bald hebräische Kindergärten nach Fröbelsehen Gedanken ungegliedert. ״Diese Entwicklung folgte nach ״immanenten“ Gesetzen; sic brachten es mit sich, daß die Seele der Schule, der jüdische Geist und die nationalreligiöse Prägung von den Reformen bei aller Wandlung und Besserung tler sonstigen Verhältnisse nicht berührt wurden und auch weiterhin unberührt bleiben werden. I>cnn das Hebräische war und blieb der Herzschlag der jüdischen Schule, ünd eine jüdische Erziehung ohne die nationale Sprache — sei cs mm allein das Hebräische oder Hebräisch und Jütisch ist der Natur der Sache nach ein Unding. In detn Hebräischen liegen die starken Wurzeln der jiklisehen Kraft und des völkischen Bewußtseins, hier rauscht der Quell der nationalen Eigenart, der jüdisehen Moral und Wissenschaft. Das Wesen des alten echten jüdischen Geistes kann nur gespeist und erhalten werden durch eine Pflege des hebräisehen Schrifttums neben dem die übrigen Bildmigs- und Kultur,aufgaben in dem Rahmen der allgemeinen volkserziehlichen Veranstaltung einherzugehen hätten.“ Da kam der Krieg und die Besetzung Russisch- Polens durch die Deutschen. Nun wird es sich entscheiden, ob diese tief im jüdischen Volksleben wurzelnde Entwicklung rückgängig gemacht werden kann. ״Mir will es scheinen -- sagt Eberhard — als könnte ein Eingriff oder Machtspruch von außen das jüdische Schulwesen wohl hemmen, aber kaum sein Wachstum entwurzeln, noch weniger es erfolgreich auf einen andern Fruchtbaum einpfropfen. Diese Sclnilfrage erregt gegenwärtig lebhaft in Ost und West die Gemüter. Dabei gehen besonders die Anschauungen über Wert und Zukunft der j i d i s c h c n Sprache auseinander. Millionen von 4