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Jüdische Rundschau · 1916-01-21 · Heft 3 (21.1.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 3 (21.1.1916)
Date
1916-01-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 18 JUEDISCHE RUNDSCHAU ein anderer deutscher Seliulfachinann vor ihm auf den Kern der ostjiielisclien Sclmlfrage eingellt. Wir können uns dessen freuen, dal! seine Schlüsse sich mit den natürlichen Wünschen 11ml Forderungen des polnischen Judentums decken. Die Stimme dieses Fachmanns wird gehört werden; denn wenn sich die Forderungen des Pädagogen mit den Forderungen des Politikers, die des deutschen Fachmanns mit denen der wirkliehen Repräsentanz des nationalen Judentums vereinigen und zusammenschlielien, so gibt cs einen starken Klang, ein kräftiges Bündnis und eine überzeugende Beweisführung. Ebenso ertrculich ist der Aufsatz, den üouverneur von Putt kam in e r unter dem Titel ״Noch einiges zu in ()s t j 11 d e n p ro hlern“ im ״Tag“ vom 11. Januar, anknüpfend au einen im ״Tag“ vom 23. Dezember veröffentlichten Aufsatz, publiziert, üouverneur von Puttkanimer weist ohne Scheu und •Bemäntelung auf die ganz, außerordentlich schwierige Lage der Juden in dem von den Deutschen besetzten Gebiet hin. Er verkennt nicht, daß die allgemeine Lage der jüdischen Bevölkerung in Polen seit der Besetzung des Landes in mancher Hinsicht aus verschiedenen Gründen noch schwieriger und drückender geworden ist, als sie cs früher war. Er betont, daß das Schlimmste von allem die Unsicherheit der Lage im allgcmeinen ist. ״Wie die Dinge‘' liegen, haben die Juden Furcht vor den Polen und noch kein rechtes Vertrauen zur deutschen Regierung.“ Gouverneur von Puttkamnier bezeichnet auch einen Weg, auf dem sich das Vertrauen der jüdischen Bevölkerung erwerben lasse. Von jüdischer Seite veröffentlicht im ״B e r 1 i 11 e r T a g e b 1 a 11“ v. 17. Januar Dr. Paul Nathan einen Aufsatz über ״Polen und Juden“, der durch die Ausführungen von Paul Harms veranlaßt scheint. Während Paul Harms allzu vertrauensselig der Zeugenschaft der alten Ghettoschilderuiigen eines Karl Emil Franzos und gewissen aus demselben Geiste der Assimilationssehnsucht entsprungenen Arguiucnten sich• anvertraut hat, kennt natürlich Dr. Paul Nathan das ostjüdische Problem zu gut, 11111 gleichem Fehler zu erliegen. Er verwirft mit erfreulicher Bestimmtheit die Sucht und Gewöhnheit, die osteuropäische Judenfrage nach der Analogie der jüdischen Entwicklungsgeschichte in Westeuropa zu behandeln. Er weiß und sagt, daß sich für eine Bevölkerungsmnsse von 11 bis 7 Millionen Menschen die rein politischen Gesichtspunktc nicht ausschalten lassen, und daß aas jüdische Problem im Osten daher ganz wesentlich zugleich ein politisches Problem ist. Er charakterisiert die von der russisch e 11 Regierung den nichtrussischen Nationalitäten gegenüber befolgte U n t e r d r ü c k 1111 gs p 0,1 i tik,־ -sodaß er damit, lür den Wissenden deutlich genug, von Deutschland die Beriicksieho• gung und Achtung der jüdischen Nationalität erwartet und verlangt. Paul Nathan bezeichnet ebenfalls die jetzt in Polen herrschenden Zustände als sehr böse: ״Wahrend der Kämpfe haben die Juden furchtbar unter den I )cuuuziatioueu der polnischen Bevölkerung :(׳litten, die die Juden bald hei den Ihutschen,' bald >e1 den Russen, je niielulem der Krieg vorwärts oder zuruckllulete, wegen Verrats angcklagt haben. Vielfach glaubten die Polen, nur auf diese Weise sich selbst retten zu können. Hlutmteile• folgten, ganze jüdische Gemeinden wurden vertrieben, mul jetzt, nachdem unter deutscher oder österreichischer Ver- Wallung in de״ besetzten Gebieten Ruhe wieder eingekehrt ist, betätigt sieh der Antisemitismus in anderen Formell. Die Juden werden nach Möglichkeit von . dein Gcnul! der Spenden aus Woldtätigkeiismittcln ansgeschlossen; wenn Hunderte von Armen, Juden und Christen, vor dem Bureau stehen, wo Marken z.ur Erlangung von Leheiismitteln oder zur Krhugimg von I leiz.ninterial nusgegehen werden, so drängt man die Juden gewaltsam aus der Reihe heraus, bis sic den ungleiche״ Kampf autgehen. 111 Dutzenden von Städten werden die Juden in die Komitees nicht limeingelassen, die die Verfügung über die Mittel zur Linderung der allgemeinen Not haben, und die Wirkung ist, daß so allmählich die Masse der polnischen Bevölkerung — auch heute noch — den Antiscmitismus als eine legitime Betätigung polnischen Nationalgefiilils empfindet und daß die Juden in ihrer breiten Masse׳ in wachsende Verzweiflung hmciugctrichcn werden.“ Diese Darstellung ist sehr richtig, wenn sie auch nur einen Teil des Elends der polnischen in * Juden und mir die Symptome des polnischen Antisemitismus klannaelit. Zu welchen Schlüssen kommt Dr., Paul Nathan? ״Polen mul Juden müssen versuc Ire 11 m i t e i!1 a 11 d e r a 11 s 7. u ko in men, und wenn dieser Versuch nicht gelingt, so wird cs zum Unglück iles Landes sein.“ Pani Nathan weiß und sagt es, daß zwei bis zweieinhalb Millionen in diesen (von Deutschlancl besetzten) Gebieten eine Bcvölkerungsiuassc si nd, die nicht zum Verseil w i n d e 11 gebracht werden kann. Paul Nathan warnt davor, die Politik Dmowskis weiterzutreiben. Seine A 11 el e!111111 g verlegt die Wurzel des furchtbaren poluiseheu Antisemitismus in die 11 a t i o 11 a 1 e Unduldsamkeit, linier deren I lerrscliaft in einem iiationalcliauvinistisclien Polen neue schwere Konflikte entstellen müssen. Wenn auch Paul Nathan das nationale Dasein und Daseinsrcclit und die nationale Lehenskraft der jüdischen Masse in Polen mit ihrer ausgeprägten Eigenart nicht ausdrücklich licrVorliebt, sondern sieh nur gegen den überhitzten polnischen Antisemitismus wendet, so kann doch niemand übersehen, daß aus solchen Voraus- Setzungen - deren Betonung in diesem Fall doppolt erfreulich ist, da sie von Seite des ancrkannten politischen Führers des deutsch jüdischen Liberalismus erfolgt - ganz andere Schlüsse erwachsen als sie Paul Harms und Professor Martin P I! i 1 i p pso 1111 (in der Allgemeinen Zeitung des Judentums) gefielen, Professor Martin Philippsohn hat jetzt allerilings auch in der ״Allgemeinen Zeitung des Judentums“ seihst eine neue kräftige Antwort von dem Kölner I lochsdiuldozcnten, Dr. Julius Hirse 11, erfahren. Dozent Dr. I lirsclv kehrt sich gegen die von uns kürzlich wicdergcgchciien Behauptungen Professor Martin Philippsohns diesmal mit ganz besonderer Schärfe und Eindringlichkeit. Noch einmal sagt er: ״Die Assimilation der Ostjuden im westeuropäischen Sinne erscheint uns unmöglich. Sie ist es, weil die Juden dort eine in sich geschlossene Volksmasse darslelien, die sich• von der Umwelt seit sieben Jahrhunderten scharf scheidet nach Wohnwcise, Bcrtifsgruppiening, Kultur, Glauben, Sprache und selbst Kleidung.“ Philippsohn hatte behauptet, daß ״die Polen sein׳ wohl imstande seien, mit der jüdischen Minderheit gründlich aiifztiräumeii“ und hatte daraus den den Zionisten von ihren Gegnern her so wohlbekannten Schluß gezogen, daß diese jüdische Minorität von vornherein aus praktischen Zwcckniäßigkcitsgründcn auf ihre Art mul ihr Dasein verzichten müsse. Dozent Dr. Hirsch belehrt nun Herrn Professor Philippsohn darüber, daß es mit dem ״Aufräumen“ gegenüber konipaktcu Minderheiten seine eigenen Schwierigkeiten hat und daß der gute Wille vier Polen zur Verdrängung■ der Juden, der assiliiiiierleu wie der nicht assimilierten, schon an der Macht der wirtschaftlichen Notwendigkeiten scheitern müsse, die den Juden zum Träger der kaufmännischen Euuktionen in Polen gemacht und ihn darin trotz. Boykott enialten haben, und damit als wesentlichen Träger wesentlicher Kultur. Ob dieses ״der Wahrheit geradewegs ziiwiderlaufcndeu Satzes“ ist Professor Philippsollt) bekanntlich ״die Schamröte ins Gesicht gestiegen,“ Hirsch läßt die ״Schamröte nicht als vollgültigen wissenschaftlichen Beweisgrund“ gelten und weist die Behauptung scharf zurück, daß die polnischen Juden den Goj als ihren natürücheu l'eiud betrachten, den aiiszubcutcn ihre Pflicht wäre. Mit Recht betont Hirsch, daß fliese Behauptung Philippsohns aus dem antisemitischen Sprachschätze der Eisenmenger, Aliiwardi, llrulin und Pritsche stammt. Und ebenso richtig׳ ist I lirsch’s Gegenüberstellung der ״jüdischen Polen“ und ,polnischen Juden“:- ״Jüdische Polen sind nicht polnische Juden. Jüdische Polen, das sind die Glieder jener ganz, d ii 11 11 cii O b e r s c!1 i c 111, >:le sieh in Sprache, Sitte, Kleidung und oft genug auch im Glauben los• ge>agt hat von vier großen Masse der polnischen Juden, Die keine Veränderung der politischen Gestaltung \vfluschen, weil sie bisher zu ihren, der Reichen, Gunsten die anderen an den Westen fesselte, während ihnen kraft ihres Geldes das ganze weite Reich offen stand . , , Seit Jahrhunderten bewahrt die große Masse der polnischen Juden inmitten des l’oleittums treu ihre Eigenart und ____ Nr 3 Sprache. Nicht durch polnische Gewalt vor (|(m Kriege und nicht dnrcli süße Worte und Bittere Taten vier ״jüdischen Polen" im Kriege hat s,c Mtil um einen Fingerbreit davon abtrenucu lassen . . . |)jc polnischen I)lohimgeu, vlie wir nach Philip|K1|״ns Zeitungsausschnitten ״lernen“ sollen, sind ja vor <|tm Kriege tausendfach ausgestoßen worden, um| im״ur wieder wird — seihst in einem jener Ausschnitte _ die volle Assimilation, auch im Glauben, gefordert Eben diese aber verweigert vlie jüdische Masse ,\ht Stolz hält sie an ihrer Eigenart test in einem I ,nU|t. Uns ohnehin von mehreren Sprachen und Knlturl gcmeinscliaftcn durchsetzt ist und in dem keine hoherwertige slawische Kultur sie verlocken kann,!!! <|cr Erhaltung ihrer Sonrtcrwerte iiaclizulnssen.“ Eine eigene Untersuchung widmet Dozent Hirsch den Ursachen der a 11 g e 11 b I i c k I i c 11 c n Not der Ostjtidcn und kommt nach Unser Untersuchung zu folgender Kritik an der von Professor Philippsohn in der Allgemeinen Zeitung des Judentums den Ostjuden gegenüber angewendeten Betrachtungsweise: ״Wer aller um dieser ans tiefster Not, einer viel krasseren Not als bei allen Polen, erwachsenen Erscheinung willen den Juden einen besonderen Makel anheften will, noch dazu in einer jüdischen ange• seltenen Zeitschrift, dem fehlt das Verhältnis für die ungeheuerliche Notlage jüdischer Massen, bei vielten Not, Masscnerkrankrtng und Massen• sterben fast überall eingetreten sind.“ Dozent Hirsch, war im Gegensatz zu Profcssor Martin Philippsohn selbst im Osten. ״Eine .wunderbare Welt erschloß sieb uns neu. In der Judenfragc lehrt hier ein Tag Anblick mit offenen Augen mehr, als zehn Tage Hertimfragen im Westen, Mögen recht viele von uns von dieser nun gefahrlosen Möglichkeit (iebranch machen. Ich׳ bin gewiß, daß der packende, erschütternde Eindruck blitzartig auch die dicksten Vorurteile durchschlägt.“ Es wäre ein schöner Gewinn dieser Zeit, wenn möglichst viele Westjtideu den Weg zu ihrem Volke fänden. Deutsche und Westjuvlen — beide können int Ostjudcntum etwas keimen lernen, was im Schatz menschheitlicher Kultur ein unersetzbar köstliches Besitztum darstcllt. Sie müssen nur den Mut zur Einsicht haben. L. H Eine deutsche Stimme zur Ostjudenfrage (Ein Aufsatz von Gouverneur von Puttkammer) In der Nummer vom 23, Dezember des roten ״Tag“ äußerte sieh Gouverneur v. P 1111 k ,1 111 m c r, vier bei einem längeren Aufenthalt im Witebsker Gmivernement auch mit den russischen Juden in eiigi Be• rührung gekommen ist, über vlie Ost juvl e n f r;1 g e. Obwohl er rigeutümliclicrwoise die ji 11 De he Sprache für nicht entwicklungsfähig hält uml dir den Untergang in der deutschen prophezeit, erkennt er doch den Juden volles S e I b s t v 0 1 u 11 ־ tungs recht auch in Schuluml Sprachangel׳.׳:c■11• beiten zu uml tritt für die Einrichtung von Mainkrln für alle nationalen Minderheiten nach Analog!( der vom Rcielisratsnbgv'ordiieteii Renner für יי••-icr• reich in Vorschlag gebrachten Konsulatsmatriki I ein. Diese Ausführungen, vlie - - mit Ausnahme de-׳ unbegründeten Oualitätsurtcils über die jidisdic Sprache - verständnisvoll und wohlwollend sind, ergänzt Pultkanum r nunmehr im ״Tag“ vom! t. Januar in י mein ״N o e 11 einiges zum () s t j u d e 11 p r o h D in'1 betitelten Aulsatze. Diese nvueriielie Aeußerim: 1>t wichtig genug, um sie ungekürzt der pul! (den Oeffentlichkeit zugänglich zu machen: ״In einem früheren Aufsatz habe ich bvrei!■ auf die große Bedeutung der Ostjudenlrage :1;!;ewiesen. Auf <iruml zahlreicher mir zugegan :! uer Zuschriften komme ich nochmals auf die Angik d'־ heit zurück. Nachrichten, die aus Polen zu uns licniberdi m-.י*י bestätigen immer mehr, wie wichtig es ist, in den a011 uns besetzten und verwalteten Gebieten schon j> geeignete Maßregeln zum Schutz, der dort lebe.׳den nationalen Minoritäten zu treffen. Maßregeln, "1 lebe geeignet sind, die praktische Durchführung dir bcnbsiclitigteu und durch die künftige Verfassung 11'si־ zusetzenden Sicherungen zu ermöglichen. I )er ):rohen Bedeutung dieser besonders im Hinblick am BK jüdische Bevölkerung überaus schwierigen Frage lud die Rcichsrcgierung dadurch Rechnung getragen, d-iß sic bereits vor längerer Zeit einem bekannten jüdiseiion Rcichstngsabgcordnctcn das Referat über jüdische Kultus- und Schulaiigclegeiiheitcn beim General• gouvernement Warschau anvertraut hat. Es sehe!״ aber dies noch nicht zu genügen; einmal übersteig die mit der Aufgabe verbundene Arbeit entschieden die Kräfte eines einzelnen: sodann ober kommen

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