Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1916)
- Date
- 1916-01-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 JUEDISCHE RUNDSCHAU ehester, Ol a.s g 0 w , L: d i n b u r g h usw. fanden ähnliche Versammlungen statt. Diese Bewegung, die auch von einfhillreichen englischen Arbeiterführern Befördert wird, wird von der großen englischen Presse systematisch t o t g e s c h w i c g c n uml nur in einzelnen Arhcitcrorganen findet sie hie und da einen Wiederhall. Der Antisemitismus ist in l'njilaml infolge der russischen Lniflüsteruiigcn zusehends im Wachst'11 begriffen. Die russischen ABcuten suchen die führenden Kreise Englands (»•)aiihcii zu machen, daß die russischen Juden verkappte deutsche ״Spione" und ,111 allem Mißgeschick des russischen Heeres schuld seien, und da die Engländer mit seltenen Ausnahmen von russischen Dingen keine blasse Ahnung haben, findet diese Mär nicht wenipe Olim• bipe. Die Zensur, aber mehr noch der ״P a t r i o - ti smus“ der bürgerlichen Presse sorpen dafür, dali die Wahrheit über Rußland und die Lape der russiselten Juden nicht durchsickere, und während die Londoner ji di sehen Plätter täglich über die (1 r e tt e 11 a t e 11 der russischen S o I d a t c s k a und <1 e r russisch e n R e p i e ־ r u n p berichten, findet m a 11 d a v o 11 k e i 1! Wort in der euplischen Presse. Die Versuche von anpesehenen Persönlichkeiten wie Israel Za up will, in die russischen Zustände hineinzuleuchten, sind am Widerstand der Zensur uml — der Redaktionen pescheitert. Die ״Times“ ist so weit pestmken, daß sie sich selbst die ״No wo je W re in ja Londons" nennt, und ähnlichen Hetzorpanen pestattet, die Verratslepemle über die russiselten Juden zu verbreiten. (JAK). Die ״Times“ hetzt weiter Die Londoner ״Ti in cs", die sich immer dcutlieber als Orpan der russischen Rcpicrunp entpuppt, set/t die von ihr seit lanpem bei jeder Gelegenheit betriebene Juden hetze in tinpeseltwächtcr Weise fort. Letzteres müssen sopar die J 11 d e n S a I o 11 i k i s herhalten. In einer der letzten Ausgaben dieses Blattes ist ein Telepramtn ihres Korrespondenten aus Saloniki veröffentlicht, in welchem die Juden Salonikis samt und sonders der Spionape zugunsten der Zcntralmäclite beschuldipt werden. ״Die Juden — heißt cs im Bericht — bewachen jeden Schritt und jede Beweptinp der in Saloniki gelandeten verbündeten Armeen und erstatten den Deutschen über alles Bericht." Vom Amerikanisch-Jüdischen Hilfswerk Das allpcmcine Vcricihmgs-Koinitcc, das die drei amerikanisch-jüdischen Hilfskomitees umfaßt, und aus Vertretern des Amerikanisch - Jüdischen Hilfskomitees, des Zentral - 11 i 1 f s k o - rn i t e e s und dies V o I k s -11 i I f s k o 111 i t e e s bestellt, beschloß auf seiner letzten Sitz.unp, für die durch den Kriep betroffenen Juden eine weitere Rate von 229 001! Dollars bercitzustellen. l>ie Vcrtcilunp peschah in folpctidcr Weise: 80 000 Dollars für die Juden Rußlands, 70 000 Dollars für die Juden Polens in den von Deutschland okkupierten Gebieten; 50 000 Dollars für die Juden Galiziens; 2.1000 Dollars für die Juden Palästinas und 5000 Dollars für die Juden der Türkei. Ls sei hiimipcfüpt, daß von dem verteilten Gehle 40 000 Dollars vom Volks-Hilfskomitee zur Verfügung Bestellt worden waren, von einer Körper- Schaft, die erst kürzlich orpanisiert wurde, und ihre Saminlimpcn ausschließlich bei den arbeitenden und gewerbetreibenden Klassen betreibt. Im ganzen wurden bisher in Amerika rund 1940 000 Dollars aufgebracht. * Das Zcntral-Koinitce der Argentinischen Zionisten in Buenos Aires überwies dem Aincrikaniseh-Jüdisehen Hilfskomitee eine weitere Rate von 48 000 Frcs. für die vom Kriege betroffenen Juden. , 20 "/״ wmrden für Palästina bestimmt, lnsgcsammt hat die vom Zentral-Komitee der Argentinischen Zionisten cingeleitctc Jüdische Hilfs-Aktion bisher den Betrag von 90 IKK) Lrcs. erreicht, außer einer Spezialsumme von 2000 Lrcs. für Palästina. Ein jüdisch-sozialistischer Wahlsieg in New York (JAK). Zum erstenmal betritt ein Sozialist das Parlament des Staates New York. Dies ist Herr Abraham S c h i p 1 a k o w , der Sekretär der Vereinigten jüdischen Gewerkschaften in New York, der kei den allgemeinen Provinzwahlen im 23. Assembly Distrikt mit großer Stimmenmehrheit seinen demokratischcn und republikanischen Gegner aus dem Feld geschlagen hat. Der erwähnte Distrikt besteht kus der New Yorker Vorstadt Bronsville, die meist von J 11 d e 11 bewohnt ist, unter denen das Arbcitcrclcmciii dominiert. Schiplakow, der Kandidat der sozialistischen Partei, wurde sowohl von den jüdischen als voll den nichtjiidiseheii Gewerkschalten aufs kräftigste unterstützt. Ls ist eine bedeutuiigsvollr Tatsache, daß, wie der einzige jüdische Abgeordnete im Washingtoner Kongreß, so auch der erste Abgeordnete in der Assembly des Staates New York zu Alban y ein Sozialist ist. Wenn dies von der einen Seile die politische Schwäche uml Unreife des amerikanischen Judentums l.emizcichnet, so beweist es von der anderen Seite die /.michinende Bedeutung und das wachsende Klassenbewiilllsein der jüdischen Arbeiterschaft Amerikas, Denn sowohl der Koiigrcßmanu A4 c y e r London, als Schiplakow verdanken ihre Wahl in erster Linie nicht etwa ihrer iiichtjiidisclicn Gefolgschaft, sondern den jüdischen Wii!dermassen. Die jüdischen Flüchtlinge in Zentralrußland Line der I laiiplaufgahen der jüdischen llilfsorganisation in Rußland war mm blich die Sorge, daß die Llüchlliiigc, die massenweise ihre Heimatstädte zu verlassen gezwungen waren, in den verschiedenen für die Juden iicu-cröfluctcn Städten gleichmäßig verteilt werden sollen, damit keine Stauungen entstehen. Die Aufnahmefähigkeit der zentralriissisehen Städte zu erforschen und danach die jüdische Wanderung zu regulieren, war Aufgabe des von der Konferenz gewählten Komitees. Aus dem Bericht dieses Komitees entnehmen wir, daß bis November d. J. sieb auf Veranlassung des Komitees insgesamt (15(124 ji'ulisehe Llüelitlinpe in 148 Städten niederließen. Darunter sind jetzt folgende bedeutende• neue Gemcimlcn, von denen jede mein׳ als I 000 Flüchtlinge aiifgeiioiimien bat: Pensa (5 50(1), Niscliui-Nowgorod (1 300), Charkow (2 117), Samara (2 000), Tambow (I W7), Astrachan (1518), Zarizin (1500), Woroncsch (1 100), Perm (I 250), Borisoglcbsk (I 093), Jaroslau (1030). Die Handwerker unter den Flüchtlingen haben fast überall in diesen Städten Beschäftitigung bekommen. Viele Flüchtlinge finden beim Komitee selbst Beschäftigung. So z. B. wurden die Kleidungsstücke, die das Komitee für die Llüelitlinpe bestellt hat, von den Schneidern aus ihren eigenen Reihen augefertigt, Lbeiiso wurden auch die Bäcker, Schlächter unter ihnen zur Arbeit für die l lüelitlinpe lieranpezopcn. Viel schwieriger ist die Lape der Katifleute und kleinen I lamlkr. In Niselmi-Nowporod, Perm und Jckatcrineubmg sind vom Komitee jüdische Leih- und Sparkassen gegründet worden. Hätte das Komitee mir genügend Geld, um vorläufig die Wohuunps-, Kleider- und Nahruiigsfragen zu regeln uml den Händlern ein wenig Kredit zu gewähren, so Wäre berechtigte I loifming vorhanden, daß die arheitsfälügen Llcincntc in nächster Zukunft eine Existenzmoglichkeit erhielten. In allen diesen Städten sind auf Kosten des Komitees jüdische Schulen und Chadarim eröffnet, mancherorts auch Bibliotheken eingerichtet worden. Nochmals die Mission Vor kurzem wurde in den Zeitungen mitgcteilt, in London sei ein neues Komitee von angesehenen englischen Lords zur Unterstützung der kriegsnotleidenden Juden in Rußland gegründet worden. Tatsachlich kam später ein Delegierter dieses Komitees, Herr W i 1 k i 11 s o 11, nach Tambow und übergab dein dort bestellenden jüdischen Hilfskomitee*' 2100 Rubel, ging bald darauf nach Kaz. low und stellte dort 1100 Rubel zur Verfügung. Die jiidiselieu llilfskomitccs glaubten einen Abgesandten englischer Wohltäter vor sieh zu haben, welche die schreiende Not der russischen Juden zur Hilfeleistung newogen hat. Bald aber wurden die wirklichen Absichten dieser eigentümlichen ״Philanthropen" klar. Nach A4 a r s e 11 a 11 s k kam als Vertreter des Herrn Wilkinson ein gewisser Horodischtsch, dessen A4 i s s i o 11 s t ä t i g k e i t in Litauen schon lange bekannt ist. Lr zeigte sich tüchtiger als sein Vorgänger, indem er sofort Missionspredigten vor den jüdischen Flüchtlingen hielt, Missionsliteratur verbreitete usw. Nachdem das jüdische Hilfskomitee in Moskau die Tätigkeit dieser englischen Abgcsandten genau untersucht hatte, beschloß cs, von nun an von diesen Herren keine Geldspenden anzunehmen und die bis jetzt angenommenen Gelder zurückzugebcn. An einen Erfolg dieser ״Scclenfiingcr" glaubt wohl. Im Ernst kein Jude. Jüdische Männer, die aus ihren verlassenen Städtchen von all ihrem Hab und Gut nur die Thora-Rollen aus den Synagogen _Nr. 2 retteten und mit sich ins Exil nahmen, werden von den Reden eines A4issionärs, mag er nach so \Vn!1!. tätig sein und noch so schöne Reden halten, nicht boeinflullt werden können. Großes Wohltätigkeitskonzert der Berliner Zionistischen Vereinigung zugunsten des Hilfskomitees derZ.V.f.D, Am 0. Leimt,11׳ findet im Klinilworth-Sdiarwenka-Saal, Liit/.owstr. 76, ein großes Wohltäfigkeitskonzert zugtmsten des I lilfskomitees der Zionistischen Vereinigung für Deutschland statt, bei welchem namhafte Künstler mituirken werden. Billetts zu 4, 3, 2, 1 Mark sind zu haben bei Bote IV Bock, a!1 der Theaterkasse von Tietz und im Bureau der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Berlin \V. 15, Sächsische Str. 8. J. Stark A41t dem Gefühle tiefen Schmerzes und Tiauer bringen wir die Nachricht vom Ableben des jungen Malers uml Zeichners J. Stark, des einstmaligen Schülers uml späteren Lehrers unserer Kiuistgcwcrbeschule ״Bezalel“ zu Jerusalem. In einem Briefe aus Jerusalcm vom II. Nov. 1915 teilt der palästinische Arzt Dr. Arjeli Feigenbaum seinen Freunden aus der Leinberger ״Judäa" 11. a. auch folgendes mit: ״. . . Soeben hin ich mit der Redaktion und der I )nieklegmig des hebräischen Berichtes über unsere Trachom-Konferenz im Jahre 1911 fertig geworden. Der Bericht i,t ein schweres Stück Arbeit, wenn man bedenkt, daß es wohl das erste oder eines der ersten itiedizini- .seiten hebräischen Bücher für Aerzte ist. Dem Bcrichte, ca. 110 Seiten stark, sollen auch einige Zeiclrmmgcii heigefügt werden; ich habe sie in Leipzig drucken lassen. Wenn sie hier cintreffen, geben wir das Buch heraus. Ja, diese Zeichnungen, sie erinnern mich immer an ein tragisches Schicksal. Sie sind die letzte, vielleicht die allerletzte Arbeit unseres J. Stark, der vor tum 2 Atonalen ganz plötzlich erkrankte und nach welligen Tagen im Alter um 29 Jahren verschied. Lr war ein cnllitisiiistischcr, talentierter, strebsamer, bescheidener und seltsamer Mensch. Mau sagt, er habe in letzter /eit 111.1 nriell sehr gelitten; von ihm selbst hat es niemand c>;.׳ihren, er war zu stolz dazu. Das gcsiiiniiiigstüclitige < ializieit, wo er geboren ist und seine Jugend \erhrael1tc, wirei ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Lr hat eine völlig mittellose junge Frau und Kunl Imilcrlassen. Vielleicht ließe sieh etwas für diese beiden tun . . Erschütternd sind die letzten Worte. Bas ist ein tragisches Schicksal. Ein jüdischer Maler stirbt in Not. Seine großen künstlerischen Leistungen zu würdigen, wird Aufgabe eines seiner Kollegen sein, wir möchten nur erinnern an die lieriliehen Schöpfungen seines Talentes, welche wir ,׳!ui so vielen Ausstellungen des ״Bczalel" in Gali/ien und anderswo während de, Kongresse bewundern k׳mn• len; unsere Kinder au das symbolische Titelblatt, der Hafbiiionalsschrift für Kinder ״I lasch,uliar", (einer an das des Vierteljahrbuchcs ״Palästina", hei.uisgegeben von der akademischen Verbindung ״Judaa‘‘ m Lemberg lind des ״Almanaclis" der ״Ikir-Koclibn", — die galizisclien Juden an die kunstvollen Dekorati.msy Zeichnungen, Initialen und eins überaus geistige Judengesicht am Kopfe des Lcmbcrger ״Jüdischen Intercssantcn Blattes,“ Von hier hat Stark an sein! Oesinmiiigsgeiiossen gesprochen und Verständnis für jüdische Kunst im Volke geweckt. Jüdische Kunst im jüdischen Lande, das war des uns so früh Entrissenen Lebenszweck. Wir haben andere jüdische A4alcr, die vorübergehend in Palästina sich aufgehalten und sich eiort jüdische Motiv« für ihre Schöpfungen geholt haben. II i rs zc n bcrß hat seine letzten Jahre in Palästina zugebracht. Aber Stark war der erste unter den Jungen, die zu ihrem Meister Boris Schatz nach Jerusalem gegangen sind, um dort eine neue Epoche in der Geschichte der jüdischen Kunst anzubahnen. Einen großen Teil dieses Fundamentes hat Stark in seinem jungen, an großen Entbehrungen reichen Leben geschaffen• Wird das jüdische Volk seine Dankbarkeit und Verchrung für den Verschiedenen seinen nächsten Hinter״ blicbcncn bekunden? Andere Völker spenden ihr«“ Künstlern Nationalgescbcnkc, wir haben die P1״cj1, unseren besonderen Dank dem Idealisten, dein Op!« seiner Palästinaanhänglichkeit, dem schaffenden jum• sehen Geist des verstorbenen großen Jung-Judcn zollen und seine Hinterlassencn als unsere Kmac zu lieben. Wien, im Januar 1916. Dr. Heinrich Fast -