Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1916)
- Date
- 1916-01-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 3 . n 11 ic Los( rcmiiinK Palästinas vorn türkischen Dciclic i1»strelH־n, um einen jüdischen Staat zu bc- Lrdc״. Da sic11 die A״klaßc speziell gcgCn die Poaic7־i011 auf ein Konferenz-Protokoll der Partei , ' j,1hrt'! 'HO bi ruft, wurde in der Dokumentensammlii״« v״״ ir״el T;'ß1mß beschlossene Pro- ״ramm der Poale-Zion Palästinas ver- Äffenthelit. I'״r jede» europäisch denkenden Leser fallt cs bei 111׳r Lektüre dieses Schriftstückes auf, #.jf ,iiMiw'm mul grundlos die ganze Bcschitldigiiit!: ist• ״|j a - ן u d 1 s c h c P r o I e t a r i a t i 111 ,K a in p f e ״ ni li i e ״ a l i o 11 a I c E tu n n z i p a t i o ״“ heißt der Irt.lr Teil der Sammlung. Es enthält die Resolutionen der Jud. S<>/. I’arlei Poak-Ziim A m e 1׳ i k a s (Ende ]OH), des indischen Arbeiter-Kongresses in New-York vom September d. Js.; einer Konferenz der jüdischen Arbeiter I 11 g I a n d s •und der Vorstände 11er jüdischen Arbcitei-Vereine Warschaus. Sic formulieren die fordeim1:.׳ n de'r jüdischen Arbeitcrscli.'ift der verschied ,,,׳ 1 ־ 1י I änder angesichts der gewaltigen kriegefischen (ii schchiiissc mul zeigen, dal) alle Strümutigen du jüdischen Arbeiterbewegung in der Forderung du nationalen Oleichbcrcchtigung in allen kriegführende» 1.ändern einig sind, und daß sie sich in den letzter. Jahrzehnten von der assimilatorischen Ideologie weit entfernt haben. Die Denkschrift an die Arheiterinternationaie hat einen zweifachen Zweck. - Ohne ״eine Darstellung der Jmluifi.ige in ihrer Gesamtheit zu geben“, Will Sieder Internationale das Bestehen einer cinheitliehe״ Jude 11 frage in den kriegführenden,, sowie in ,dien Ländern jüdischer Siedlung zum BewiillBcin bringen. ״Ls bestellt ein tiefer Gegensatz iwiscliui den Dasci/isbedingimgeii der Jude,■; von Osteuropa bis Palästina .... und ihren Bedürfnissen okmiomi-eher und kultureller Entwicklung׳.“ Diese Widcrspruchc des jüdischen Lehens lasten vor allem auf den arbeitenden Massen. Mit Berufung, auf B a u c r und R e 1111 e r wird auf den sozialen Inhalt der Befreiungskampfe unterdrückter Nationen eindringlich liingi wicHii. Die sozial-wirlschaftliehen Folgen der territoriileii Zerrissenheit, ökonomischen Soiulerstcllung und kulturellen Gefährdung der Juden werden mehr{.;;1־! erwähnt. Daher die besondere Pflicht der Internationale, sich als Freund und Anwalt des jü- (fischen Volkes zu bestätigen. Die Denkschrift hat eben nicht blöd eine aufklärende, sondern eine greifbare politische Aufgabe. Sie fordert von der sozialistisclicn Internationale die ״A 11 f r o 11 u n g der jüdischen Frage im Rahmen der nationalen Fragen, deren Lösung durch den Krieg; unvermeidlich geworden ist.“ Die Internationale soll ״bei den Fricdcn-vcrliandhmgcn auch in der Judcnfrage das erlösende Wort des Rechtes und der Wahrheit“ sagen. Diese Wahrheit über die Judenfrage spricht die Denkschrift aus. Mit einer Fülle von Material wird der Beweis geführt, (lall die Judcnfrage k c i 11 c b 10 II e Frage bürgerlicher G I c i c h b e - r e c 11 i i g u n j׳ ist. Sie ist eine nationale Fr a g e und mir zu lösen, wenn man den Juden gegenüber diesi Ihm Grundsätze nationaler Selbsthe s t i in in u n g anwenden wird, wie bei allen unterjochten Volksstämmen. ״Dabei ist die Judenfrage nicht nur ein europäisches Problem, sie ist eine Vcltfragc, die in die ökonomischen und politisehen Interessen vieler Staaten tief eingreift.“ Mit großer Scfiärfe und auf Grund zahlreicher Tatsachen vcrtntt die Schrift den Gedanken, (lall ״Menschenrecht!“ für eine nationale Minderheit illusorisch werden, wenn keine nationalen Bürg sch afteil (lazukoinmen. Rußland zog die äullcrsie K01Kc1)t1cnz aus seinem Vorsatz, die J iiilcu national zu vernichten und ward das klassische Fand menschlicher Entrechtung. Die anderen NationalitäteiMa.iten üben den Juden gegenüber nationale L״t 1 cclitun g. Im Kapitel ״Polen und J u - den“ wird gezeigt, wie dieser unselige Assimilierungscntsehlull die Polen auf die schiefe Ebene der russiM-lien Reclitsbeschränkimgeii brachte. Die Denkschrill spricht mit großer Sympathie von den Leiden mul den Kampf der Polen um ihre Hclreiuiig. ״Nach wie vor betrachtet die Judenheit die Erfüllung der Sehnsucht von Generationen polnischer Freiheit*- kämpfer als ein Gebot der Gerechtigkeit und als Erfordernis der europäischen Demokratie.“ Um so schärfer ist die Sprache des Poale-Zion-Vcrhamlcs bei tll׳r Beurteilung der Stellung der polnischen Gesellschalt zur Judcnfrage. ״Die Geschichte kennt kaum «in zweites Beispiel dieser völligen Verständnislosig- Ecd eines selbst unterdrückten Volkes für den Existenzkampf einer gemarterten, um die letzte Ent- Scheidung ringenden Nation. Mit kalter Brutalität, ״"bekümmert um den Grundsatz, jeder Nation die freie Bestimmung über ihr Geschick zu überlassen, spricht die polnische Gesellschaft, von der Schlacht bis zur Sozialdemokratie, dem Judenvolke das Todesurteil, billigt ihm nur den einen Daseinszweck zu, durch sein Aufgehen im Polcntum diesem die Vorherrschaft in den national ״bedrohten“ Teilen Polens zu sichern.“ Die Durchsetzung des nationalen Ideals mit staatsrechtlichen Elementen und der Wirtschaftliehe Gegensatz des erstarkenden polnischen Bürgertimis /um jüdischen sind die Haupttriebkräfte dieser feindseligen Haltung zum jüdischen Volkstum. ״Es wäre aber die Aufgabe des polnischen Sozialismus, tfen Weg der nationalen Gleichwertigkeit und Gleichherechtigmij; mich den Juden gegenüber zu betreten. Nur ein ehrlicher nationaler Ausgleich mit dem jüdischen Volke kann die Gefahr beseitigen, daß (Ins um Freiheit ringende Polen in Widerspruch mit sich seihst geraten und den Ast absägen werde, auf den cs sieb stützt.“ i Die größte Schuld an der unwnhrliaftlgen Stellung; der Juden zu ihren Nachbarbe/.w, Wirtsvölkern 1 trägt die Assimilation. Die Schrift betont den | ])hitokratischen Klassencharakter dieser Tendenz, die : den Volksmassen fremd gcblielicn ist, sowie ״die noch ’ ungenügend beachtete Tatsache . . . daß sie allgcmeinen inneren Gesetzen folgt, die sic zu einem , einheitlichen Faktor des jüdischen Lebens machen“. Diese ״inneren Gesetze" der Assimilation werden j erörtert und der Schluß gezogen: ״Die Assimilaj tiou ist das furchtbarste Hemmnis des kulturdien,; ökonomischen und politischen Aufstiegs der jiidisdien Volksmassen geworden. Ihre Herrschaft bedeutet kulturelle Verelendung, Verhinderung ökonomischer Selbsthilfe und Produktivlerting, Erniedrigung der Juden zu einem Werkzeug politischer und nationaler t 'iitcrdrückuiig. Die assimilierte Pliitokratic lind Intelligenz vergiften die Beziehungen der Juden zu ihren Nachbarvölkern, ״!sehen die Ocffcnflichkcit durch das Totsagcn eines zu neuem Leben erwachenden Volkes, machen die gewaltsame Assimilicnmg der jüdischen Minderheiten zum Bestandteil der Politik fast aller Regierungen und herrschenden Schichten.“ In der proletarischen Bewegung wird das nicht hinreichend verstanden, ״inan hat .... vielfach die bürgerlich-liberale, assimilatorische Ideologie kritiklos übernommen". Das Vorgehen der polnischen Sozialassimilanien D i a in n n d und Liebermann wird als Beispiel angeführt 11ml eine deutliche Absage an die bisherige Methode der Behandlung der Judenfrage verlangt. Ist der größte Teil des Memorandums der Forderung der A u t o 11 o m i s i c r 11 n g des jü- (fischen Lehens gewidmet, so befaßt sicli der letzte mit dem zweiten Teil des poalezionistischcn, nationalen Programms — der Produktivierimg des J u d c 11 vol k c s. ״Die Lösung der Judcnfrage in ihrem vollen Umfange jedoch kann nur durch eine Umgestaltung der wirtschaftlichen Grundlagen der Volksexistenz herbeigeführt werden — durch innere Umschichtung, die Gewinnung der verlorenen agrarisehen Unterlage, auf der sich eine normal gegliederte Wirtschaftsgemeinschaft aufbant, in der den arbeilenden jüdischen Massen der Zutritt zu allen Zweigen I der Erzeugung und die ungehemmte Entfaltung der | Produktivkräfte gesichert sind.“ Dieser Prozeß wirt- 1 schaftlichcr Gesundung gelangt dort zur vollen Entfaltung, ״wo die jüdische Einwanderung mit der Besiedelung 11ml .... Erschließung eines!mentwickelten Gebietes verbunden ist." Darin bestellt die Bedeutung Palästinas für die jüd i s c 11 e 11 V o I k s g c s c 11 i c k c. I)ieses Streben nach einer jüdischen ״Kultur- und Arbeitsgenreinschaft“ auf historischem Boden stellt ״im Einklang mit den kolonisalorischcit Aufgaben des Sozialismus", Die Verfasser der Denkschrift erklären sich als entschiedene Gegner der K o I o n i a I p o I i t i k , bctonen;ilier den wesentlichen Unterschied zwischen dieser 11ml der K o I o 11 i s a t i o 11 s p o I i t i k. ״Die sozialistische Siedhmgspolitik ist ebenso notwendig, wie ilas Eingreifen des Proletariats in die industriellen Prodiiktioiisecrlfältnissc der Gesellschaft, sie ist ein Teil der Aufgabe des Sozialismus, die O r g 11111 - s i e r 11 n g der Welt und der W c 11 w i r t - schaft zu übernehmen. Aut dem Wege zu dieser höheren Entfaltung liegt auch die zionistische (palästinciisjscli-trrritorialc) Lösung der judcnfrage — die Verwurzelung der wandernden, arbeitenden Massen des Juden Volkes im alten Lande, durch seine Anglicdcrtmg an die Wirtschaftsgemeinschaft moderner Erzeugung und Kultur." Die .Denkschrift schildert den Kampf der Assimilatiou gegen ein jüdisches produktives Palästina und bezeichnet die Einflüsterungen der Assimilantcn verschicdciier Länder als die Ursache der Verfolgungen der nationalen Juden in Palästina durch die türkischen Behörden. Interessant ist der Hinweis, daß der nationale Föderalismus der Sozialisten keineswegs den Zerfall der Nationalitätenstaaten bedeutet. Diese Staatsgcbilde haben die für Sozialisten ״bedeutungsvolle historische Sendung, die Möglichkeit friedlichen Zusamincnlebcns verschiedener Volksstämtnc" zu beweisen. Die Türkei bat eine zweite Aufgabe — die vcrwahrlo- Rtcn Gebiete Vorderasiens der Einwanderung und modernen Kultur zu eröffnen. ״Jede Macht, welche diese Gebiete, die nach Menschen rufen, beherrscht, und ihre Aufgabe in einem engherzigen einwandcrungsfeindlichen Sinne auffaßt, stellt sieb nicht bloß der iiatinmileii Not der jüdischen Massen entgegen, sic handelt einem Kulturbedürfnis der Menschheit zuwider, setzt sich daher in Widerspruch zu den Grundlagen ihrer eigenen Existenz, und bringt Vorderasien in Gefahr, cm Ziel imperialistischer Einfluß- Sphärcn-Politik zu bleiben.“ Im Endabschnitt richten die Poale-Zion einen Appell au die Arbcitcrinicrnatiniinle, zur Judcnfrage im Sinne nationalen Selbstbcstimmungsrcchtcs Stel- Umg zu nehmen und durch die Schaffung einer Jüdischen Sektion ihre Achtung vor der nationalen Individualität der Juden m bekunden. Es ist nicht möglich, in einer kurzen Anzeige den Inhalt der Schrift ״Die Juden im Kriege“ erschöpfend zu behandeln. Dies ist wohl ein Beweis für die Fülle der Anregungen, die sie bietet. Die Freunde der jüdischen Sache 1ind des jüdischen Sozialismus werden dem Vcrbamlsbiiro Poale-Zion dankbar sein für die erste Sammlung von Dokumenten über die Leiden der Judenheit im Kriege, sowie über die ehrlidie lind eindrucksvolle Auseinandersetzung über die Stellung der Juden zu den anderen Völkern. Die sozialistische Internationale weiß nunmehr, was die jüdische Arbeiterschaft von ihr erwartet. EHc Reihe ist jetzt an der Arl>citcrintcrnationale, ihren Willen durch die Tat kundzutun. Delegiertentag der holländischen Zionisten (Von unserem Berichterstatter). Am 2t), und 27. Dezember v. j. tagte in N y ni wegen der K). De legiert entag des Niederländischen Zionistenbundes (N. Z. B.) in Anwesenheit von etwa 120 Delegierten. Am Vorabend der Tagung fand eine Propaganda* Versammlung statt. Die Verhandlungen des Dclegiertciitagcs leitete eine Rede des Bundes* Vorsitzenden, Nehemin de Liemc (Haag), ein, der von dem Wunsche geleitet, Klarheit über die Situation zu verbreiten, in großen Zügen eine Ucbersicht über die seit Kriegsausbruch im Zionismus und besonders in Palästina ciiigetrctcnen Ereignisse gab. Die holländischen Zionisten konnten durch ihren ״Notfonds“ etwas zur Linderung der ökonomischen Krise beitragen, von der unsere nationale, auf jüdischer Arbeit beruhende Kolonisation in Palästina heimgesucht ist. Der Redner gab seiner festen Ueberzeugung Ausdruck, daß die zionistische Organisation alle durch die Kricgszcit und das Treiben ihrer Gegner venirsachten Schwierigkeiten überwinden werde. Es würde der Beweis geliefert werden, daß die Unterzeichnung des Baseler Programms keine sinnlose Handlung sei und nichts uns an der Erreichung unseres Zieles, der Renaissance des jiidisdien Volkes in Palästina, zu hindern vermöge. Die Lage der Judenheit im Ooltis habe sich während des Krieges ganz bedeutend verschlechtert und eine jüdische Massenwaiidcrung na dt dem Kriege sei nicht ausgeschlossen. Es sei deutlich geworden, daß die L ö s 11 n g der Jud e n ■ ן frage ein unabweisbares und dringendes Pro-• b 1 e m v o 11 internationaler Bede 11111 n g bilde. Von einer Garantie der Menschen-, Bürger- und nationalen Rechte der Juden in den Ländern der Dinspora sei eine Lösung der Judcnfrage nicht zu erwarten, sondern nur durch die Verwirklichung des zionistischen Programms. Wenn auch das bisher geschaffene zionistische Werk gering sei und vielleicht durch die jetzigen Verhältnisse noch vermindert werde, so bilde es doch den Orumdpfcilcr einer künftigen breiten Entwicklung, — Die Rede des Bundesvorsitzenden wurde von der Versammlung mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Aus dem vom Sekretär des N. Z. B״ Dr. van V ries fand (Rotterdam), erstatteten Jahresbericht sei angeführt, daß der Weltkrieg die zionistische Bewegung in Holland kaum beeinflußt hat. Der Ernst der Zeiten brachte es von selbst Zionisten! Zahlt den Kriegsbeitrag!