Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1916)
- Date
- 1916-01-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JUpDISCHE RUNDSCHAU ״Preußischen Jahrbüchern“ die ostjiidische Frage habe lösen wollen. Tatsächlich ist das Problem nicht einfach und wir verstehen sehr wohl die Empfindung des liberalen Deutschen, der die Verschluugenhcit des ostjüdischen Problems ahnt und dämm eine einfache Formel ablelmt. Wer aber das Problem kennt, kann auch in (loklmnnns Darstellung die offen gebliebenen Fragen herausfühlen. Aber Paul Harms holt sich als einen Kmn■ zeugen gegen Goldmann den liebenswürdigen Ghettosehikierer Karl Emil Franzos. Aus seinem ״Pojaz“ und seinen Geschichten von den ״Juden von Barnow“ hat Harms den Eindruck geschöpft, daß es sich im Ostjudentum allerdings ״um etwas wie einen nationalen Organismus handelt, dann aber um einen siechen, kiimmerliehen und verkümmernden Organismus“. 1111 übrigen aber vermutet der Redakteur des ״Bcrlincr Tageblatts“, die jetzt in Warschau und Lodz dem Ostjudentum nahegekommeneu IX’iitsehen hätten wohl diesen Eindruck gewonnen: ״Was Erstaunen, was geradezu Bewunderung erregt, ist die Lebenskraft der einzelnen, die sich inmitten der zerstörenden Einflüsse eines dem Tode verfallenen Organismus siegreich behauptet. Seihte nicht der nüchstlicgcndc Schluß daraus der sein, daß der unheilbar kranke Organismus sich erst noch völliger auflösen müsse, bevor auch hier auf Trümmern neues Leben erblühen kann.“ Paul Harms hat also nichts und niemals davon gehört, welche lebendigen nationalen Kräfte im Ostjudentum vorhanden sind. Ihm ist unbekannt, daß seit Karl Emil Franzos das Ostjudentum den starken Anfang einer nationalen Wiedergeburt beglückt, wenn auch unter schmerzliehen Wehen, erleben durfte. Daß eine neue hebräische, eine neue jidische Literatur, ein nationales Wollen und Arbeiten auf allen Gebieten des Gemeinschaftslebens zu Kräften gelangt sind, ist ihm nie zu Ohren gekommen. Darum spricht er von der N o t w c 11 d i g k e i t der völligeren Auflösung des unheilbar kranken Organismus. Noch aber, Herr Harms, ist das Ostjudentum nicht tot, noch lebt es und will leben. Wenn dies ein Dogma genannt wird, so wollen wir alle, die wir das Ostjudentum und seinen Willen zum nationalen Dasein kennen, uns gern als Dogmatiker verachten lassen. Paul Harms ist zu der Ansicht gekommen, daß die Assimilation jedenfalls cintrctcn werde. Denn er glaubt, auf Grund der Aeußcrungen des ״russischen Genossen“ im ״Vorwärts“ schließen zu dürfen, daß auch die nationale Sclbstbcfreiung, die dieser verlangt, nur eine Vorstufe zur nationalen Selbstentäußerung sei, wenn einmal die Gleichberechtigung gekommen wäre. Er übersieht leider nur, daß auch sein russischer Gewährsmann aus dem ״Vorwärts“ — dem letzten Ziele nach — eine besondere Abart der Assimilations-ldeologic verficht. Und von xlen den wirklichen Volkswillen repräsentierenden nationalen jüdischen Anschauungen hat Paul Flarms weder bei Karl Emil Franzos, noch in der letzten Woche des ״Vorwärts“ ein Zeugnis gefunden. Paul Harms glaubt also an die Lösung der Assimilation. Oder glaubt er vielleicht doch nicht an sic? ״Ungeduldige mögen sich also nur darauf gefaßt machen, daß in Polen --- selbst wenn es ganz und gar nach ihren Wünschen aufgebaut werden sollte, polnische und jüdischc Volksteile in 150 Jahren auch noch merklieh verschieden nebeneinander lagern. Das wird namentlich da der Fall sein, wo die Juden die Hälfte und auch mehr der Bevölkerung ausmachen.“ Wir können uns lebhaft vorstellen, daß ob dieser ebenso langfristigen als Zuversichtliehen Prophezeiung die Ungeduldigen erschrecken werden. Sollte cs wirklich Assimilanten geben, die auf solche Zeit hinaus ihre Politik cimichten, ihre Hoffnungen cinstellen und von den Gegenwartstatsachen abstrahieren? Man hätte im Jahre 1705 in Deutschland und in manchen anderen Reichen dieses Erdballs mit nicht geringerer Berechtigung solche Wahrsagungen wagen können, über deren trügerischen Charakter das Jahr 1015 Aufschluß gegeben hätte. Herr Harms reicht den Assimilanten, die ihren Beweggründen, Zwecken und Wünschen nach stets sehr ungeduldig sind, eine sehr harte Nuß. D;es von Harms angeführte Beispiel, daß auch die Deutsch-Amerikaner nach 150 Jahren noch nicht amerikanisiert sind, macht das Problem für die Assimilntionslustigcn nicht schmackhafter, wobei noch zu bemerken ist, daß die Assimilation des Ostjudcutums mindestens zehnmal so sclnvierig sein dürfte, wie jene der Deutschen in Amerika — so daß wir, ohne unbescheiden zu sein, mit einem sehr viel längeren Zeitraum rechnen, können; Aber jedenfalls wird Paul Harms anerkennen müssen, daß dadurch auch den nationalen Kräfte Zeit gelassen ist, ihr Werk zu tun. Uml darauf kommt es ׳uns Lebenden an. Herr llarms fürchtet ja überhaupt für das Gelingen des Versehmelzungsprozcsses: ״Der Einfluß derer, die überhaupt nicht schmelzen wollen — die schlechtesten Metalle sind das bekanntlich nicht! -- kann da zu einer Gefahr für das Gelingen des Gusses werden“. Das hat Paul Hanns sehr richtig erkannt. Und man soll sich wirklich nicht darüber täuschen, daß tlie Millionen Ostjuden durchaus nicht den Wunsch haben, reine, ganz, entjudetc, ganz, im Slawentum eingeschmolzene Polen und Russen zu werden. Sic wehren sich dagegen mit einer in Jahrtausenden gehärteten Kraft und mit einem seit Karl Emil Franzos neu erwachten Willen. Das Kompliment aber macht dem deutschen Autor Ehre, weil cs zeigt, daß er doch nicht ganz, im Bann der jüdischen Nivellierungsfanatiker steht. Niemals und nirgends, im Judentum vor allem aber nicht, waren es die besseren, die guten Elemente eines Volkes, die ihr Volkstum freiwillig aufgeben 1und legieren wollten. Der Zwang nber hat keine Gewalt über edle Metalle. Wenn wir Paul Harms schließlich noch an die nicht ganz, unwichtige Tatsache erinnern, daß nicht einmal die Polen eine vollkommene Verschmelzung mit den jüdischen Massen wünsehen - sic verlangen nur deren Verzicht auf nationale Rechte und nationale Eigenart, wollen sic darum aber keineswegs als Polen aufnelunen; der ungeheure polnische Antisemitismus ist durchaus kein assimilationsförderndcr Faktor,׳ — so können wir aus der Auseinandersetzung mit Paul Harms eigentlich doch den Schluß ziehen, daß er, im Grunde genommen und richtig intcrpretiert, den jüdischen Nationalismus gesegnet hat, zu dessen Verfluchung er im Berliner Tageblatt ausritt. Es ist also manchmal ganz, nützlich, dem Werdegang einer deutschen Zeitungsdiskussion über die polnische Judenfrage zu folgen. Man entdeckt, daß selbst der beste Wille zur Negation des jüdischen Volkes nicht ausreicht, den prüfenden Gegenargumenten die Spitze zu bieten. Und in Wahrheit kommt es zum Glück nicht einmal auf das Argument, die These und die Hypothese an, sondern auf das Leben, den Willen und die Kraft Leo Herrmann. Deutsche Zionisten! Die Zionistische Vereinigung für Deutschland verlangt von ihren Mitgliedern den Kriegsbeitrag, damit sie arbeiten kann, wie es die Zeit und ihr Ziel von ihr verlangt. Die Aufgaben, die uns gestellt sind, sind groß. Die Zahl unserer Freunde, die der aktiven Mitarbeit in unseren Reihen augenblicklich nicht zur Verfügung stehen, ist immer mehr gewachsen. Alle Kräfte müssen wir anspannen, wenn wir erreichen sollen, was notwendig und was möglich ist. Darum richten wir nochmals an jeden Zionisten, der dieser seing Pflicht bisher noch nicht nachgekommcu ist, die Aufforderung, uns nicht im Stich zu lassen. Den Minimal-Bcitrag von 6 M. muß jedes Mitglied der Zionistischen Vcrcinigung für Deutschland entrichten. Wer cs kann, tue mehr! Der Geschäftsführende Ausschuß der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. _ Nr. l ״Die Juden im Kriege“ Wir veröffentlichen hier eine im wesxntliehen -- mit einigen Kürzungen - t|Cf ״Jüdischen Arbcitcrkorrespomlcuz“ uoininenc I 11 h a 11 s a n g;1 i> e eines R <!ז . buch es des Jüdischen Sozialistisch«״ Arhcitcrvcrhnmles l’oale Zion ״Die Juden im Krieg c“. Wir werden dcmmclist noch eine eigene Besprechung dieser an das I 111 e r 11 a t i o 11 a 1 e Sozialistische Bureau gerichteten Denkschrift heilige״ In diesen Tagen wurde dem International(.!; So• zialistischcn Bureau im Haag eine Schrift üheneicht die die größte Beachtung verdient. Das Bureau des• J 11 d i s ch c n So zia 1 ist i sch c n• A rbc i t er vcrb 11 11 d c s P ״ a 1 e - /. i o n hat der proletarischen luternationale eine S n 111 m 1 u 11 g von Doku n! c n t c n über die Lage der Juden in den kriegführenden l.;i״. dem mit einer begleitenden Denkschrift überreicht. Es ist die erste Sammlung dieser Art, wenn and! die Herausgeber im Vorwort bemerken, daß sic nicht lückenlos ist. Sic enthält wertvolle Dokumente und Kundgebungen, die in dieser Vollständigkeit und Uebcrsichllichkcit noch nicht vorlicgcn. Der erste Teil der Sammlung ist ״R u ß I a 11 d 1111 d die j u - d c n“ bezeichnet. Er enthält eine Reihe von Vcr• fügungen des großfürstlichen Generalissimus und seiner Unterführer, die den Zweck hatte, die (icvaintheit der Juden Rußlands uml Galiziens (zur Zeit der Okkupation) offiziell des organisierten Verrats an der russischen Armee zu beschuldigen. Die Legende sollte einerseits die jüdische Bevölkerung der Willkür der Soldateska preisgeben und die buchstäbliche Aus• rottung der Juden im Gebiete der Operations-Armee cinlcitcn, und zugleich die fortgesetzten Niederlagen des Heeres *rechtfertigen. Es folgen die dm bc• deutendsten Reden über das Martyrium der Juden Rußlands, die von der Tribüne der Rcidisduma gehalten wurden. Die großangclegtc Rede von Friedm a n n und die bemerkenswerten Ansprachen von T schelte i d s 1׳ und D s j u b i n s k y enthalten zwar nur einen Bruchteil der bekannt gewordenen Tat- Sachen, gelten aber eine erschütternde Bestätigung der in verschiedenen Formen an den Juden Rußlands geübten unmenschlichen Grausamkeiten. Erklärungen der Poalc-Zion-I’artei und des ״Bundes“ in Rnllland, sowie der jüdischen Arbeiterschaft Amerikas seitlichen den russischen Teil ab. Der zweite Teil ist der außerordentlich aktuellen Frage der Beziehungen der Polen und Juden gewidmet. Auszüge aus polnischen Schriften in detif• scher und französischer Sprache geben über den Standpunkt der Polen erschöpfende Auskunft. Sic bestätigen auch die nur zu gut bekannt gewordene Tatsache, daß die um nationale Freiheit kämpfenden Polen den Juden gegenüber keilten anderen Standpunkt einnelimcn, als den der Assimilit rung und nationalen Entäußerung. Die Polen, von der konservativen Sclilachta bis zu don revolutionären Sozialisten, können sielt mit dem Gedanken des Forthc-tandes eines jüdischen Dreimillionen - Volkes inmitten eines freien Polens absolut nicht befreunden und verlangen von den Juden die nationale l.iipmlation. Die hier,׳utf folgende Zusammenstellung von Ausziigeu a tt s der polnischen Presse bringt eine unanfechtbare Bestätigung der bekannten Anklage von Georg Brandes, daß die polnische Fresse und (־)Öffentlichkeit der Aufreizung zu Po.:r111״cn schuldig sind. Bei der Lektüre dieser polm-chcn Zcitungsglosscn beginnt inan in der Tat zu /"vdcln, wer der eigentliche Urheber der schrecklichen 1 ׳indes• vcrrats-Vcrlcumdung ist; oh die polnische!,resse int Freudentaumel über die großfürstlichen Wispree'umgen Bcweismaterial für die Judenhetze dt- < icncralstahs liebedienerisch zusnmmcntrug, oder ob nicht vielmehr die (Klinische Presse seihst die rnjiulle für den Kriegsplan des Generalstabschefs Jan tischke witsch gegen die Juden war. Wenn man int Anschluß an diese Ausschnitte einen Aiis/ii;: aus dem bekannten Artikel von Georg Brand« s best, hat man tlie Sicherheit, daß der berühmte Schi!ft-tollcr und Freund Polens auch in der Aufwallung seines gerechten Zornes nicht zuviel sagte. Dann folgen drei Erklärungen jüdischer Arbeiter- Organisationen der Jüdisch-Sozialistischen Partei l’oalc- Zion Oesterreichs, der bundistiscbeu Oigaiii-afi1’11•';' Polens und die Resolution, die im Mai von der jiidi* sehen Volksversammlung in New - York in Biantwortung: der Erklärungen eines Sendboten des Obersten polnischen Natioual-Komiters angenommen wurde. Der dritte Teil der Dokumentensammlung charakterisiert die Lage der Juden währe״« des Krieges in der Türkei, be/.w. in Palasti״*• Der Brief des Chachambascbi von Jerusalem, Mosche Franco, an den türkischen Gouvcmcu enthält einen Bericht über die gegen den kulturc. hochstehenden Teil der Judcnhcit Palästinas inszcnlcrtcn Verfolgungen. Auch liier spielt eine P0' lltischc Beschuldigung eine große Rolle, m|r ls> c nicht die der Spionage, sondern die gänzlich grU" lose Anklage, daß die Zionisten, speziell die Po* N Zion Reie grün Poal vom sannt g ra öffe״ fallt wie gtutg I u nt ( let.äe der J 19H) vom Arbci Arbci Fordschiei riscln mutig rimg führe den hiroli l einen der J sie di lieh sowie uiißt» zw i sei Ostcu ökonc drrsp; den a und f freiun hinge« terrik Jung ׳ mehrf Intern (lisch( eben . bare ) li-tiscl jtidi Frage gewor Fried« erlöse Diese sehrift Bewei bloß rech und n (liesell b e s t unter)« frage eine V selten großer vertritt rechte‘ ',,׳erdet t e n Kousec z tt v tnenscl teustaa E n t r < den“ entschl russisd schritt und de wie vo Sehnsu kämpfe Eriordt schärfe der Be Schaft . ein zw! kett ef Existcn selteid« »inbekül