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Jüdische Rundschau · 1916-01-07 · Heft 1 (7.1.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 1 (7.1.1916)
Date
1916-01-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Diskussion über das jüdisch-polnische Problem Vor einigen Monaten brach in der deutschen Publi/idik eine Erörterung der Frage los, ob man jm I'alle der Annektierung russischer l.andesteile niclitd(utsclic, insbesondere und eigentlich aber jiKliseti׳• Einwanderer ins Deutsche Reich einla-en dürfe. Unter den Deutschen gab es Ver- -1 ״er <irenzschlußfordcrung. Die Juden u(״;ltu!1 sieh fast ausnahmslos gegen das Verl.tm041׳ nach einer chinesischen Mauer um Alt-־ Deutschlands Gebiet — mit alleiniger Ausnahme übrigens der ״Allgemeinen Zeitung des Judentums“, deren Herausgeber, seit Jalitcn schon das enf.int terrible des jüdisch-deutschen l.iberalisimis. den dümmsten und inalllosesten Angriffen auf das Ostjudentfim Tor und Tür öffnete. Damals kamen sehliclllieh die verständigen Leute zu dem vernünftigen Schluß, mau solle auf deutscher Seite vor allem dafür sorgen, daß die jüdischen Massen in Dolen und Litauen, soweit das vom deutschen flinflull abhängt, in ihrem nationnlcn und bürgerlichen Dasein vor Vergewaltigiing rituell die Polen geschützt werden; dann wurde ׳man auch keine Masscncimvnmlerung nach Deutschland zu gewärtigen haben. Zu jener Zeit schrieb Nalunn (io Id man 11. Inder ״I rankfiirter Zeitung“ Nr. '2-11 einen Aufsatz, in dem er von dem jüdischen Volkstum sprach und für das jüdische Volk, das im ()steil lebt, das hilfsbereite Interesse und eine kluge Forderung durch die Deutschen aufrief. Sofort meldete sich in der Frankfurter Zeitung ein ״polnischer Jude“, 4der behauptete, die Juden in Polen hätten nur einen Wunsch und eine Aufgäbe: im Polentum aufzugehen. Im Novemberlieft der Preußischen Jahrbücher ließ sich eine Zeit spater ein Herr Bernard Lauer ״Zum polnisrli-imlischcn Problem" aus. Mit unbeirrter Unveitrorenheit verfocht er die Forderung der jüdischen Assimilation ins Polentum als die einzig mögliche Losung des Problems und leugnete die Lxistenz einer dascinsbcrcchtigtcn jüdischen nationalen Ligenart ab. Im Dezembcrlieft der ״Preußischen Jahrbücher“ gab ihm dann Nnlnim Gold man n eine Antwort, die uninformierte Leser des Lauerschen Aufsatzes über die Tat- Sachen besser unterrichten sollte. Sutlicr konnten die Vertreter der polnischjüdischen Assimilation in Deutschland wohl nicht /ur Ruhe kommen. Immer wieder hörten sie, daß klarblickende Deutsche, die nach dem Osten gekommen waren, ihre Augen der 'lat- Sache eines jüdischen Volkstums nicht verscliliclicn konnten ׳ und wollten. Dr. Adolf Grabowski schrieb einen bemerkenswerten Aufsatz :״ 1״Neuen Deutschland“, Dr. Alfons P a <| 11 e! sprach im Nachwort seiner in der Orientbüdtcrci erschienenen Schrift ״Die jüdischen Kolon>en Palästinas“ mit der Ucberzcugungskraft te unbestecliliehcn und wahrhaften Mannes über Dasein, Not und Sehnsucht des ostjüdisehen Volkes und kürzlich erst schrieb Oouvemetir '־ P'itikamer im roten ״Tag“ vom 23. De- *emher ou seiner langjährigen persönlichen Cr- ''"'rillig daß die Ostjuden, mit verschwindenden Ausnahmen, im Gegensatz zu ihren Stammcsgc- ״ossenim Westen Europas, Eigenart und Sprache וזז" crl;ilten haben, und daß sic in ihrer nati- ״ualen Eigenart durch eine national-kulturelle Autonemic zu schützen und zu erhalten wären. ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlieh-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. Das war zu viel des Outen für die betriebsnmc Schaar der polnisch-jüdischen Assimilnnten. Am 27. Dezember veröffentlichte das ״Zentralorg.tn der deutschen Sozialdemokratie“ an leitender Stelle einen Aufsatz ״Zur Judeniragc in Polen“ ״Von einem polnischen Genossen“. Daß ein ״polnischer Genosse“ einen so radikal-antidemokratischen, in der krassesten Assimilisations-Ulevlogic der jüdisch-polnischen ״Bourgcosic" befangenen Standpunkt verficht, wäre nicht verwunderlich, wenn auch jeder Kenner der Entwicklung die verwendeten Argumente als die oberflächlichsten Zitate aus längst überstandenen Diskussionsabenden charakterisieren kann. Daß der ״Vorwärts“ die Ausführungen des polnischen Genossen ernst nahm, ist verständlich, wenn man weiß, daß eine gewisse sozialdemokratische Schicht in allen Fragen des Nationalismus -- des jüdischen aber in erster Reihe — nichts gelernt und nichts vergessen hat. Der ״polnische Genosse“ tischte also am 27. Dezember 1915 die Entdeckung auf, daß auch im Osten die Juden keine ״Nation“ bilden, sondern nur eine von der übrigen Bevölkerung starr abgesonderte Gruppe. Diese Absonderung sei nur durch die verbohrteste Orthodoxie entstanden und aufrecht erhalten. Zuerst sei die durch die Orthodoxie erzwungene Absonderung gewesen und nur sie täusche weiterhin das Bestehen eines nationsiilmlidien Gebildes vor. Diese Absonderung, dieses ״Ghettotum“ schädige vor allem das jüdische Proletariat, ohne sie sei die ״Erhaltung der jüdischen Nationalität undenkbar“. (Es gibt also andererseits doch wieder eine jüdische Nationalität?) Der polnische Genosse hat daher ein prachtvolles Heilmittel an der Hand, die Millionen Ostjuden zu erlösen: Man befreie die jüdischen Volksmassen von der Orthodoxie! Diese seltsame Parole zeigt eine so krasse Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse, daß sieh eine Auseinandersetzung mit ihr kaum lohnt. pUlllllllllllllllll« 1 Die ״Jüdische Rundschau" | in Russisch-Polen ן Die in Russisch-Polen bestehenden I deutschen Postanstalten in Bendzin, | Czenstochau, Kalisch, Kolo, Konin, 1 Lodz, Pabianicc, Sieradz, Sosnowice, 3 Warschau, Wielun und Wloclawck | nehmen Bestellungen auf die ״Jüj| dischc Rundschau“ zum Abonneü mentspreis von | M. 1,75 vierteljährlich fl entgegen. Ebenso werden Be- | Stellungen aus diesen Städten auch 1 bei der Unterzeichneten Administra- I tion entgegengenommen. | Administration der Jüdischen Rundschau" § Berlin W. 15 Sächsische Str. 8. liiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiitiiiiiiiniiinuuiiimiiniiiiiiiiiiiiiiiimiimitHiimiimiiiiiiiiiHtiiimiHiimiiiiii 3 te Zwei Tage später aber meldete sich im ״Vorwärts“ ein ״russischer Genosse“. Seine Beweisführung läßt vermuten, daß er etwa um fünf Jahre jünger und moderner ist, als sein slawischer Bruder. Er weist die Auffassung des polnischen ״A-ssimilators“ zurück, er verwirft seihst die ״wohlmeinendste Propaganda der nationalen Assimilation“ und betont, daß die breite Masse der jüdischen Bevölkerung des Ostens tatsächlieh in die Periode ihrer eigentlichen Volksvverilung eingetreten sei. Das wäre recht schön, aber aueli dieser Genosse macht seinen Kotau vor dem antinationalcn Gedanken: auch ihm ist die Bejahung des jüdischen Volkstums tmd die Bekämpfung der volksfeindlichen Assimilatinnspropaganda nicht Selbstnvcck, sondern nur eine Vorbedingung, um die breite Masse des Volkes zu gewinnen, zu organisieren und zu der wirtschaftlichen und bürgerlichen Gleichbcrechtigung zu bringen. Er hat erfahren, daß es mit Assimilation nicht geht, schließt also einen Kornproniill, bejaht mit sauersüßem Lächeln die jüdischc Nation und hofft nun auf die Lösung der Jude»(rage auf dem Wege des allgemeinen sozialistisclien Fortschritts. Mit diesem Autor müssen wir uns jetzt, sofern gegenwärtige praktisclic Forderungen in Betracht kommen, nicht streiten, wenn auch seine Theorie, wie man weiß, die jüdischen Massen im Osten immer wieder ins Dunkle und vom geraden Wege der nationalen Arbeit als Selbstzweck hinwegzuführen versucht hat. Nun erschien nochmals, am 1, Januar, im ״Vorwärts“ eine Erwiderung des ״polnischen“ Genossen, Diesmal leistete sieh der dogmatische Herr einige Feststellungen, die an Uebcrheblidtkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Ersclircibt: 1״. Jargon oder Sprache — das ist eine Frage, die die Sprachwissenschaft zu entscheiden hat, und sic hat entschieden. 2. Oh die Juden eine Nation sind — das ist eine Frage, die die Ethno-, graphir zu entscheiden hat, und sie hat entschieden.“ I Inter diesen Umständen hat cs der polnische Genosse leicht. Mit der Tatsache, ״daß ein paar Millionen Menschen keine andere Sprache (als den ״Jargon“, I). Red.) kennen, ״habe man sich nbzufiii 411*11, indem inan sich des Jargons bcdient“, ״um diese Menschen zu Sozialdemokraten zu erziehen. Den jüdischen Nationalismus haben die Sozialdemokraten genau so zu bekämpfen, wie den |>olnischen, russischen, deutschen usw.“ Auch diese stolzen Leitsätze verdienen nicht, daß wir uns mit ihnen eingehend befassen. Sie kamen eigentlich um einen Tag zu spät, tun noch rechtzeitig auf die Gedankengänge eines neuen Autors cinwirken zu können. Denn schon am 31. Dezember 1915 hatte sich das ״Berliner Tageblatt“ zu einem abschließenden Silvester- Sprüchlein über das jüdisch-polnische Problem aiifgesclnvungcn, das Herr Paul Harm» vorbrachte. Mit ihm müssen wir uns doch ein wenig eingehender befassen. Den guten Willen, das Problem zu erfassen, wollen wir Paul Hanns niebt ahsprechen, Und der Umstand, daß ihm außer eigener Kenntnis des ostjüdisehen Lebens anscheinend auch die Bekanntschaft mit den wich- ' tigsten literarischen Dokumenten über dieses Leben nbgeht, läßt die Hoffnung offen, daß sich der sicherlich sehr wohlmeinende Autor noch einmal veranlaßt sehen wird, diese Informationsquellen kennen zu lernen. Paul Harms gefällt nicht die Unfehlbarkeit, mit der angeblich Nahum Ookimann in den

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