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Jüdische Rundschau · 1915-12-31 · Heft 53 (31.12.1915) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 53 (31.12.1915)
Date
1915-12-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 436 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 53 rung von über 150 Dabei wurden im Winter 39, im Sommer 43 Kinder nicht aufgenommen, deren Alter mit ihren Kenntnissen in keiner Weise korrespondierte. Unter den Schülern befinden sich sehr viele Sefardiin, über 35 ׳!ץ. Die materielle Not unter den Schülern ist nach wie vor eine sehr große; auch mit Hilfe des amerikanischen 1 liifsloinls ist es bisher nicht möglich gewesen, allen Kindern ausreichende Ernährung zuteil werden zu lassen. Ebenso ist die Frage der Bekleidung sehr schwer. Was die Lehrfächer anbelrifft, so ist der Unterrieht in der hebräischen Sprache die natürliche üritndläge der Schule. Der Unterricht vermittelt fertigen Gebrauch der hebräischen Sprache in Wort tmd Schrift, sowie Kenntnis der leichteren Literatur. Die Bibel wird im Laufe der Schule dreimal durchgelesen, das erstemal ohne Koninietuare, später mit Rasehi und anderen Kommentaren. Ans dem Talmud werden die Birke Aboth (Sprüche der Väter) sowie einige andere Teile besprochen. Im Rechenunterrieht werden auch die Grundzüge der Algebra und darstellenden Geometrie behandelt. Von europäischen Sprachen werden Französisch und Deutsch betrieben, wobei auf das Deutsche vor allem in den Oberklassen der Hauptwert gelegt wird. Gelesen werden Wilhelm Teil, die Jungfrau von Orleans sowie Nathan der Weise. Auch das Arabische lernen die Schüler. Ferner wird in folgenden Fächern unterrichtet: Geschichte, Geographie, Naturkunde, Turnen, Singen, Zeichnen, endlich in Gartenarbeit, an der die Schüler ein lebhaftes Interesse zeigen und mit der sie sich in der schulfreien Zeit vielfach beschäftigen. lieber die Frequenz der Schule ist das Wesentliehe aus folgender Tabelle zu ersehen: I. Klasse 31 Schüler 11. יי 37 ff III. ff 33 יי IV. ff 42 ff V. ff 32 >f VI. ff 23 f> VII. ff 18 יי VIII. ff 12 J3 Beim Abgang von der Schule wurden bei der schriftlichen Prüfung folgende Aufgaben gestellt: Hebräisch: Das Gedicht Gordons ״Ben Schinne haarajoth“. Geschichte: 1. Entstehung der Amsterdamer Marrancn-Gemcindc; 2. R. Menasche b. Israel und seine Wirkung. Deutsch: Die Parabel von den 3 Ringen. Diese Aufgaben wurden von den Schülern in zufriedenstellender Weise gelöst, es bestanden alle Schüler die Schlußprüfungen. Ausflüge fanden mehrere Male in die nähere und weitere Umgebung Jerusalems statt. Besonders schön verlief eine Naclitwanderung bei Mondschein, bei der die Schüler am Morgen in Jericho ankamen. Elternversatninlungcn fanden mehrmals statt. Hierbei zeigte sich, daß die Eltern mit dem Lehrplan der Schule durchaus einverstanden waren. 111. D i e hebräische Kn a bens c h u I e in Ja ff a. Diese Schule bezweckt, den Zöglingen das Bildungsniveau einer höheren Knabenschule zu vermitteln. Sie hat 8 Klassen, deren Absolvierung den Schülern das nötige Maß von jüdischen und allgemeinen Kenntnissen garantieren soll. Die Schule unterrichtet Arabisch, Türkisch sowie als europäische Fremdsprache Deutsch. Sie ist von der türkischen Regierung als ottoinanische Anstatt anerkannt. Es fangen am Schlüsse jedes Schuljahres Prüfungen statt, von denen die erste die recht maiigelhaften Ergebnisse der 1 lilfsvereinserziehung zeigte, während die zweite, nachdem die Schüler bereits ein Jahr die hebräische Schule besucht hatten, bedeutend erfreulichere Ergebnisse aufwies. Den Prüfungen wohnten Vertreter anderer hebräischer Schulen sowie auch einiger Allianceschulen bei. Von den Schulabsolveilten traten einige ins hebräische Lehrerseminar in Jerusalem, andere in das hebräische Gymnasium in Jaffa ein. Einer besucht die landwirtschaftliche Mittelschule in Petacli Tikwali, während die übrigen im Beruf des Vaters arbeiten. Das Jaffacr Gvmtiasium nahm diese Absolventen ohne Aufnahmeprüfung auf, ein Beweis für den Zusammenhang und das Vertrauen zwischen den einzelnen hebräischen Anstalten im Lande. Der Krieg hat der Anstalt einige Lehrer genommen, deren Ersatz nicht leicht war. Auch der Heuschreckeneinfall störte den regelmäßigen Fortgang des Unterrichts, da die Schüler sich an der Bekämpfung der Insekten in Mikveli Israel und Petach Tikwali beteiligten. Dennoch haben diese Störungen die regelmäßige Arbeit nicht auf die Dauer beeinträchtigt. Die Schule kann mit dem abgelaufenen Schuljahre recht zufrieden sein. Aus Palästina Die ökonomische Lage der jüdischen landwirtschaftlichcn Arbeiter im Lande hat sich in den letzten Monaten bedeutend verschlimmert. 111 Galiläa bcträgt die Zahl der beschäftigungslosen Arbeiter 181. Um der Arbeitslosigkeit in den galiläischen Kolonien entgegenzutreten, werden Notslandsarbeiten organisiert. Zu diesem Zwecke wurde die Assanierung von Merchuwja und Kinereth-Dagania in Aussicht genommen.. In Merchawja sind die Arbeiten, soweit sie bereits vor Eintreffen lies Regens vorgenommen werden konnten, in Angriff genommen und zum Teil bereits ausgeführt worden. Die anderen Arbeiten sollen im Laufe der nächsten;Monate allmählich ausgeführt werden. In Judäa ist die wirtschaftliche Lage der jiidisdien Arbeiter noch schwieriger als in Galiläa. In Galiläa nämlich setzen sich die Arbeiter in unseren Farmen für ihre arbeitslosen Kollegen nach Möglichkcit ein. In Judäa hingegen ist der größte Teil der Arbeiter auf Privatkolonisten angewiesen, von denen ein großer Teil jetzt selbst ohne Arbeit ist. Zurzeit gibt es in Judäa, mit Ausnahme der Farmen ßenschemen, Hulda, Kfar, Urie, Ruehama, der Arbeitergruppe in Fin-Chai und einigen wenigen Arbeitern, die in den kleineren judäisclien Kolonien beschäftigt sind, 997 Arbeiter (einschließlich Jemeniten), die sich auf fo!־c.1״!e einzelnen Kolonien verteilen: Petach-Tikwah 730, Rechoboth 145, Rischonle-Zion 80, א es Ziona 33, Beer Jakob 7. Diese Arbeiter repräsentieren mit ihren Familien eine Bevölkerung von 1500 Seelen. Die Lage der Arbeiter ist äußerst kritisch. Selbst diejenigen unter ihnen, die regelmäßig Arbeit haben, werden nicht regelmäßig bezahlt. Barzahlung erhalten die Arbeiter fast nur in solchen Fällen, in denen die Kolonisten aus dem amerikanischen Hilfsfonds oder von anderer Seite besondere Darlehen zur Beschäftigung jüdischer Arbeiter erhalten haben, ln der Regel sind die Arbeiter gezwungen, die Schuldzettel, die ihnen der Arbeitgeber an Stelle des Barlohnes übergibt, mit großem Verlust in den Geschäften gegen die allernotwendigsten Nahrungsmittel einzutauschen. Da7.11 kommt noch, daß die Lebensmittel von Tag zu Tag steigen, wahrend die Arbeitslöhne gleichzeitig sinken. Es ist fast zur Regel geworden, daß die Arbeiter ein oder zwei Tage in der Woche hungern. ♦ Da der Obcrkominandicrcndc in Syrien, D je mal Pascha, die Leitung des Palästinaamtes in Jaffa in die Hände eines ottomanischen Staatsangehörigen gelegt wissen wollte, hat Herr Dr. Arthur R u p p i n die Leitung des /Amts Kfxrn Dr. Jakob Thon übertragen. Herr Dr. T11011 hat auch der! Vorsitz des V'ertcilungskoinitees des amerikanisch-jüdischen Hilfsfonds übernommen. Ein lebender Leichnam Merkwürdige Dinge kommen jetzt in Rußland vor. Es war doch auch bisher nichts Ungewöhnliches, daß Zeitungen verboten wurden, besonders im Kriege und ganz besonders jüdische. Das waren aber immer — fast hätte ich gesagt: ״selbstverständlich“ - erscheinende Zeitungen. Nun erfahren wir, daß unter den jüdischen Preßorganen Petersburgs, die neulich samt und sonders verboten wurden, sich auch ״Hamelitz“ befindet, eine Zeitung, die seit Januar 1903, also schon mehr als zwölf Jahre, nicht mehr erscheint. Ein Schreibfehler liegt hier nicht vor. Verordnungen gegen Juden werden in der Regel am peinlichsten vorbereitet. Wohl aber haben wir es hier mit einem Kuriosum zu tun, das formell und svinboliseh nicht uninteressant ist. Als ״Hamelitz“ sich seinerzeit ausgelebt batte und frischeren Kräften den Platz räumen mußte, wollte der Redakteur doch nicht die Hoffnung aufgeben, sein Organ mal wieder erscheinen lassen zu können. Um aber eine Zeitung in Rußland neu zu gründen oder auch wiederherzustellen, war vor 1903 nicht bloß die literarische Konjunktur aussehlaggebenil: man mußte eben vor allen Dingen wegen einer Konzession besorgt sein, die nur ausnahmsweise zu erhalten war. Nun war der Ex- Redakteur des ״Hatnelitz“ vorsichtig genug, die Kon- Zession nicht verfallen zu lassen. Dazu benutzte er einen Paragraphen des Preßgeset/es, wonach eine Zeitung als existierend betrachtet wird, wenn sie mindestens einmal jährlich erscheint. So hat der Redakteur jedes Jahr, an irgendeinem Ta,ge, eine Nummer drucken •lassen, natürlich in einer ausreichenden Aufläge, nämlich je eines für die kaiserliche Bibliothek, für die Zensur und — hoffentlich auch •— für die eigene Mappe und die Naiionalbib'iothek in Jerusalem. Neugierige Leser, die gerne wissen wollen, welchen Inhalts eine derartige ״So!uier“-N11mmer war, Verweise ich. auf die lokale jüdische Druckerei: es kam nämlich darauf an, was man an jenem großen Tag gerade iin Satz hatte. An diesem einen Tag waltete der Setzer unbeschränkt, das joch des Korrektors war abgeschüttelt, es war eitel Freude in der Druckerei. Ich kann aber versichern, daß auch diese Nummer nicht ganz ohne Redakteur war. Mußte man doch dafür sorgen, daß der Inhalt zensurein wand frei sei. Es war mir vergönnt, eine solche Nummer zu sehen: unter dem Titel einer täglichen Zeitung waren Auszüge aus alten Talmudkonimeutaren oder lange Telegramme der offiziösen Agenturen über irgendeineHofzcrcmonie gedruckt. Hauptsache war doch nur, die paar Seiten zu füllen, die Zensur zu passieren und — zu existieren. So war es auch nach 1005. Noch heute wird die vorschriftsmäßige Erlaubnis /um Herausgeben einer nichtrussisehen Zeitung erst 2 Monate nach Einreiclmug des Gesuchs gewährt. Um stets ״mobil“ machen zu können, erlaubte sich der ״Hamelitz“ auch jetzt noch den Luxus, einmal jährlich zu leben. Dieses Zensur- und Museuinsleben, wovon man in der öefferitlielikeit nichts wußte, nicht mal soviel, um darüber lachen zu können, — dieses Scheinleben eines Zeitungslcichnams war scheinbar für den russisehen Staat ebenso gefährlich, wie die lebendige jüdische Presse, die wegen ״Verdacht des Verrats“ verboten wurde. Daß ״Hamelitz“ mit verboten ist, zeigt den ״Sinn‘• und Unsinn der ganzen Maßnahme. Z c d a d i. Die jüdische Sprach- und Kulturgemeinschaft in Polen*) Eine statistische Studie Von Wlad. W. Kaplun-Kogan (Berlin) Die Blicke der ganzen judenheit sind gen Osten gerichtet. Denn man ist sich in der jüdischen Welt wohl bewußt, daß das Schicksal der östlichen Juden, das dort unter unsäglichen Leiden seiner Erfüllung entgegenreift, in einem recht erheblichen Maße auf die Entwicklung'aller anderen jüdischen Zentren, einwirken wird. Mag man die östlichen Juden beurteilen wie man will und ihren Einfluß auf die übrige Judenheit mehr oder weniger hoch einschätzen; mag inan die Frage, ob ihre Ucbersiedlung nach Deutschland erwünscht oder gleich verhängnisvoll für Juden und Deutsche sein wird, verschieden beantworten; darüber aber ist man sich gewiß überall einig, daß zu allererst eine gerechte und großzügige Regelung der Verhältnisse In Kongreß-Polen selbst nötig ist. Nur wenn dort, im Osten Europas, gesunde Lebensbedingungen für die Juden geschaffen werden, wird die Ostjudenfrage an Schärte verlieren. Denn eine Besserung der Judenverhältnisse in den alten jüdischen Wohnplätzeii wird gleichzeitig eine wirtschaftliche und kulturelle Hebung der Bevölkerung bedeuten und sicher und schnell einen Ausgleich herbeiführen. Es ist deshalb das Gebot des ‘ Tages, daß man das Problem an der Wurzel faßt und es in einer, die gesamte östliche Judenheit befriedigenden Weise, mutig zu lösen versucht. Auf welche Art man aber auch die jüdische Sprach- und Kulturgemeinschaft in Polen einer besseren Zukunft zuführen 'möchte: eine genaue Kenntnis der inneren Struktur der jüdischen Bevölkerung ist und bleibt eine der unerläßlichen Vorbedingungen jeder reformatorischen Arbeit. So soll im folgenden zunächst eine statistische Erfassurig der Judenheit Polens gegeben werden. Das Land Kongreß-Polen umfaßt einen Flächeninhalt von 123 326 qkm, ist also etwa so groß wie Bayern, Württemberg, Sachsen und Baden zusammen und bildet den 38. Teil vom europäischen Rußland. Für die Entwicklung des Landes ist es bezeichnend, daß z. B. die Zahl der Städte von 10 000--50 000 Einwohner sich in den 16 Jahren (1897—1913) um 41 vergrößert hat. Für die Juden Polens hatte dieser Umstand eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Es wohnten in Kongreß-Polen im Jahre 1831) 530 197 Juden 11,46derGesamlbevölktnmg 12,59%= ״ 875 590. 1860 .. ״/"13.53 . 33> 813 1870 ,"׳14.05 ״ 00! 3/1 1897 I ״ 14,59% ״ 064 710 1 1908 und 1913 1 957 000 .. 15,0%, . ln den 27 Jahren, vom Jahre 1870 bis zum Jahre 1897, hat sich die jüdische Bevölkerung Polens um rund 506 000 Seelen vermehrt; ihr Anteil an der üesaintbevölkerung wurde uin 0,6 <>ä> größer. Während die Gesaintbevölkerung sich in diesem Zeitraum nur um 56 <>0 vermehrt hat (absolut um 3 376 000 Personen), wuchs die jüdische Bevölkerung um rund 62 »0. ln der Zeit 1897—1913 hat sich die jüdische Bevölkerung im Verhältnis zu dem Bevölkerungsstände vom Jahre 1897 um 48 °.'o (absolut um 636 000 Personen), die Gesamtbevölkerung hingegen nur um 38,8 0,״ (absolut um 3 656 000 Personen) vergrößert. Es ist natürlich ausgeschlossen, daß dieser Zuwachs der jüdischen Bevölkerung nur der natürlichen Zunähme zu verdanken ist, die im Jahre 1906 23 100 Personen betrug. Wenn wir diese Ziffer für die in Be- *) Unter diesem Titel erscheint in der nächsten Nummer der ״Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden“, Berlin, eine längere Abhandlung, von der der Verfasser mit Genehmigung des Verlags hier nur einen kurzen und zusaininemassenden Auszug über die Bevöikeiungslehre, Konfession und Sprachveihältnisse gibt.

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