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Jüdische Rundschau · 1915-12-31 · Heft 53 (31.12.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 53 (31.12.1915)
Date
1915-12-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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4 Nr. 53 JÜED1SCHE RUNDSCHAU Seite 435 Generation bleiben wird. Nicht durch Schwindeleien, sondern durch ehrliche Taten müssen sic sich das Recht erwerben, zu behaupten: wir vergießen unser Blut für das Vaterland. Das Vaterland wird es ihnen auch nicht vergessen. Die Offiziere müssen die jüdischen Soldaten energisch darüber aufklären, daß der Krieg schließlich mal ein Ende haben wird, und der russische Soldat nach Hause /urüekkehrt. Er wird dann seinen Landsleuten erzählen, mit welchen Mitteln und Kniffen die russischen Juden gearbeitet haben, um sich ungestraft der Verteidigung des Vaterlandes zu entziehen. Um! wem! dies kein (ielicirnnis mehr ist, nicht nur für Militärpersoncn, sondern auch für die Zivilisten, so wird die wachsende Volksempönmg einen Ausweg finden müssen, eine Gefahr, die viel schrecklicher ist als diejenige, in der sie sich befinden, wenn sie ehrlich ihre Militärpflicht erfüllen. Denn dann wird der Volkszorn umgreifen nicht nur sie allein, die sieh durch Taten zugunsten des Feindes befleckt haben, sondern auch ihre ganz unschuldigen Eltern und Kinder. Das oben Angeführte sollen die Offiziere vorlesen und der Mannschaft Weisung geben, wie man beim Militär zu dienen hat. Unterschrift: D e r B 1־ i g a <1 e k o m m a ndeu r. Generalleutnant S e h d a n o w i t s c It. ״Hazefirah“ Nach einer kurzen Unterbrechung begann vor einem Monat die Hazefirah, die älteste jüdische Tageszeitung, von neuem zu erscheinen. Wie wichtig es für uns ist, eine ernste um! verantwortungsvolle Presse gerade in dieser schweren Zeit in Warschau zu besitzen, in dieser größten jüdischen Gemeinde Europas, bedarf keiner Erörterung. Die neue politische Konstellation muß eine organisierte jüdische öffentliche Meinung finden, mit einer Presse an der Spitze, die dem Ernst der Zeit gewachsen ist. Mit Freude wurde deswegen von allen Freunden der jüdischen Sache vernommen, daß in dem gleichen Augenblick, in welchem das Leben in Warschau wieder ruhigere Formen angenommen hatte, auch die jüdische Presse ins Leben zurückkehrte. Nun ist auch die ,,Hazefirah“ wiedererstamlen, und jetzt liegen uns bereits die neuen 25 Nummern dieser Zeitung vor. jede von ihnen erzählt von Leidet! und Not, aber auch von Geistesarbeit und allmählich wiederkehrendein Kulturleben. Jedem, der mit den alten Zuständen vertraut ist, fällt die lange Kette von jüdischen öffentlichen Vorlesungen, Abendkursen und Vorträgen auf, die täglich von Gesellschaften und Vereinen über die verschiedensten literarischen, philosophischen, religiösen und wissenschaftlichen Fragen veranstaltet wurden. Man beginnt zu empfinden, welch reges jüdisches Kulturleben im polnischen Judentum hätte entstehen können, wenn man ihm nur Freiheit und Ruhe gegönnt hätte! Das Ziel einer Presse in so ernster Zeit ist aber nicht nur, über die Ereignisse zu informieren, solldern auch, die Vorgänge zu beeinflussen, nach innen die Leser zu belehren, nach außen ihre Interessen zu vertreten. Eine Zeitung, die die Verantwortung der Stunde empfindet, ist dazu berufen, die wahrhaften Bedürfnisse der Massen zu wecken, ihnen Ausdruck zu Verleihen und jene Einigkeit zu erzielen, die in dieser Zeit einzig und allein die jüdische Bevölkerung zu einer gesellschaftlichen Macht gestalten kamt. Schon die erste Nummer der ״Hazefirah“ der neue:! Periode veröifcntlicht eine Resolution, die in einer der schwierigsten und für das jüdische Volkstum zugleich wichtigsten Fragen ein geschlossenes Vorgehen zu erzielen suchte: in der Scliulfragc. Die Resolution ist von den Zionisten Warschaus beschlossen worden und den Lesern der ״Jüdischen Rundschau“ bereits bekannt. In bezug auf die konkreten Forderungen zeigt die Resolution, daß die Schulfrage nicht eine Sprach e 11 frage allein ist, sondern auch eine Frage der Lehrgegenstände. Sie fordert, daß in allen jüdischen Schulen die national-jüdischen Lehrgegenstände (Religion, Bibel, Hebräisch usvv.) vorgetragen werden müssen, und daß auch die polnische Sprache in jeder jüdischen Schule gelehrt werden muß. Die Sprache des Unterrichts in den jüdischen Schulen sei jidisch, mit Ausnahme derjenigen Schulen, in welchen die Unterrichtssprache hebräisch ist. *Man kann wohl verschiedener Meinung über die Motivierung und Formulierung der einzelnen Forderungen sein. Manche werden sogar behaupten, die Resolution leide stellenweise an innerer Inkonsequenz. Wenn man aber die Streitigkeiten, die innerhalb des Judentums gerade auf diesem Gebiete in den letzten Jahren mit solcher Leidenschaft wüteten, und die realen nationalen Aufgaben, die der Tag den Juden gestellt hat, überschaut, muß mau gestehen, daß im großen und ganzen die Forderungen der Resolution einen mehr oder weniger glücklichen Ausweg darstellen. Sie verhüten die Entfremdung der jüdischen Schule vom jüdischen Volk. Der nationale Charakter der Schule ist durch die hebräischen Lehrgegenstände und die jidisclic Unterrichtssprache gesichert. Den Polen gegenüber zeigt die Resolution, daß dem nationalcn Judentum jede Absicht fernliegt, irgendwie die Interessen des Landes zu stören, sondern lediglich das Positiv-Jüdische unter voller Berücksichtigung der Sprache des Landes zu schützen. Die ganze jüdische Presse hat diese Resolution gebracht und zumeist warm begrüßt. Die extremen Minderheiten in den beiden Lagern der Hebraisten und Jidischisten konnten sich wohl nicht mit allen Formulierungen der Resolution, insbesondere mit der ersten Hälfte, die die Motivierung der Forderungen enthält, zufrieden fühlen. Die gemäßigten Majoritäten aber, wie auch alle jene, welche die geschichtlichen Interessen des Volkes in diesem verhängnisvollen extremen Augenblick höher schätzten als den rein theoretischen Ausdruck des Prinzips, mußten anerkennen, daß eine andere Kombinierung der Forderungen, die zu gleicher Zeit die Wünsche der verschiedenen Strömungen im nationalen Judentum wesentlich besser zusammenfaßte und den Aufgaben des Momentes besser entspräche, kaum hätte gefunden werden können. Die Veröffentlichung einer Resolution genügt aber noch nicht, ihr Kraft zu verleihen, sie mul! vom gesamten Judentum des Landes verteidigt werden. Diesem Zweck hat jetzt die Presse zu dienen, wenn sie dem Ernst der Zeit gewachsen sein will. Diese Zeit verlangt Zusammenfassung aller nationalen Kräfte, wenn das allen gemeinsame nationale Ziel erreicht werden soll; dieses Ziel fordert eine nationale Disziplin, die nicht denkbar ist, wenn nicht der eine oder andere, der persönlich eine abweichende Meinung über die Zweckmäßigkeit oder Unerläßlichkeit der Lösttngsversuche hat, mit der Betonung seines Standpunktes zurückzustehen vermag. Jede Spaltung kann nur zur Schwächung des Ansehens der jüdischen Forderungen führen und Resultate Hervorrufen, die für alle Strömungen des natioualen Judentums gleich unerwünscht sind. Wie es in der Hebräischen Presse üblich ist, wird auch jetzt in der ״Hazefirah“ wissenschaftlichen Aufsätzen mul der schönen Literatur viel Raum gewidmet. Besonders wertvoll ist die häufige Mitarbeit des bekannten Gelehrten Rabb. Dr. Posnansky, der sich bisher noch nicht so stark publizistisch betätigt hatte. Mit ljj|eresse müssen auch die historischen Arbeiten Frcnks und die hebräischen Feuilletons des Dichters J. Katznelson gelesen werden, S. Deutsche Zionisten! Die Zionistische Vereinigung für Deutschland verlangt von ihren Mitgliedern den Kriegsbeitrag, damit sie arbeiten kann, wie es die Zeit und ihr Ziel von ihr verlangt. Die Aufgaben, die uns gestellt sind, sind groß. Die Zahl unserer Freunde, die der aktiven Mitarbeit in unseren Reihen augenblicklich nicht zur Verfügung stehen, ist immer mehr gewachsen. Alle Kräfte müssen wir anspannen, wenn wir erreichen sollen, was notwendig und was möglich ist. Darum richten wir nochmals an jeden Zionisten, der dieser seine Pflicht bisher noch nicht nachgekommen ist, die Aufforderung, uns nicht im Stich zu lassen. Den Minimal-Beitrag von 6 M. muß jedes Mitglied der Zionistischen Vereinigung für Deutschland entrichten. Wer es kann, tue mehr! Der Geschäftsführende Ausschuß der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Von unseren Schulen I. H e b r ä i s c h e s L 111 ׳ r e r s 1׳ in i 11 a r und H andclssc 11 ule in j e r u s a 1 c!11. Direktor: David Je Hin. Der Krieg hat die Entwicklung des Lehrerseminars zwar verzögert, aber er war nicht imstande, den Betrieb zu stören, der vielmehr in alter Ordnung weitergeführt wird. Die Schule bezieht jetzt ein im Zentrum der jüdischen Siedlung gelegenes Haus, das Raum für sämtliche Klassen, Lehrerzimmer, die physikalischen und naturwissenschaftlichen Sainnilungen usw. bietet. Der anliegende Garten dient dem Turn- und dem botanischen Unterricht. Außerdem sind in dem Gebäude 2 große Säle, von denen der eine bei schlechtem Wetter für Turnen bestimmt ist, während der obere als Aula für Schulversammlungen und Feiern aller Art Verwendung findet. In diesem Gebäude finden auch die Sitzungen des Waad Halaschon statt. Die Anstalt ist im Besitz einer bisher noch kleinen Bibliothek, deren Vergrößerung sich während des Kriege« als unmöglich herausgestellt hat. lieber die Frequenz der Schule unterrichtet folgende Tabelle: Sommersemester Zahl in ganzen Abga Summa 1914 . . . . 93 14 ’) — 81 W intersemeste 26 neue 1914/15 . 81 Schüler 107 Sommersemester 8 neue; 1915 . . . . 107 (־25 Schüler 90 Davon 13 Absolventen. 2} Aus verschiedenen Schalen. Von den Absolventen des Lehrerseminars haben alle bis auf 2 Anstellungen als Lehrer in Palästina gefunden, während von den Absolventen der Handelsschule einige ebenfalls als Lehrer tätig sind und einer beiin Amerikanisch-Jüdischen Hilfscomite angestellt ist. Die materielle Lage der Schüler war infolge deT Unterbrechung des Verkehrs mit Rußland vielfach sehr bedenklich. Durch die amerikanischen Hilfsgelder und durch eine von der Schule gegründete Volksküche suchte man der Not heizukommen. Der Gesundheitszustand der Schüler war hervorragend gut, es ist nur ein einziger Fall einer schweren Erkrankung (Schwarzwasserfieber) zu nennen. Die Schüler haben verschiedene Vereinigungen zwecks gegenseitiger materieller und geistiger Unter- Stützung gebildet. Sie veranstalteten auch Abendkurse für Mütter, die hebräisch lernen wollten, um mit ihren die Kindergärten besuchenden Kindern hebräisch sprechen zu können. Was die Lehrer anbetrifft, so mußten bei Beginn des Krieges mehrere Lehrer abreisen, um ihrer Dienstpflicht zu genügen; es gelang aber, an ihre Stelle andere geeignete Kräfte zu berufen. Materiell mußten sich alle sehr einschränken, da sie nur 75 <>״, teilweise nur 60 »ö ihres Gehaltes erhielten und die Lebensmittelpreise ziemlich hohe waren. Sie haben aber in bewundernswertem Opfermut sich ganz diesen Beschränkungen unterworfen. lieber die Unterrichtsfächer und ihre Verteilung sei folgendes bemerkt: Es werden im Seminar die ganze Bibel sowie ausgewählte Stellen aus dem Talmud besprochen und dabei auch alte jüdische und orientalische Geschichte sowie die Geographie Palästinas genau behandelt. Ferner werden Mathematik, Physik, Chemie, Naturkunde, Geschichte und Geographie durcligenommeit. Als Fremdsprache wird Deutsch unterrichtet. In den obersten Klassen lernen die Schüler ferner Türkisch, während Arabisch in allen Klassen betrieben wird. Hierbei sind alle Schüler in 3 Kategorien eingeteilt: Schüler, die seit ihrer Kindheit arabisch sprechen, Schüler, die zwar in Palästina seit langer Zeit leben, aber noch nicht richtig Aarabisch gelernt haben, und ausländische Schüler, die noch gar kein Arabisch können. Ferner wird Pädagogik unterrichtet. Daneben geht die Unterweisung in den technischen Fächern : Singen, Turnen und Zeichnen. 11. Die hebräische Knabenschule in J erusale tn. Wie die anderen hebräischen Schulen, so hat auch die Jerusalemer' Knabenschule durch den Krieg keine wesentliche Störung ihres Betriebes erfahren, obwohl sich die Schwierigkeiten nicht leicht überwinden ließen. Das Vertrauen der Einwohner Jerusalems zur hebräischen Knabenschule, das von vornherein sehr groß war, ist im ständigen Wachstum begriffen. Das beweist die Tatsache, daß die Zahl unserer Schüler von 79, die wir im Sommer 5674 hatten, auf 205 gestiegen ist, also binnen 2 Semestern eine Vermeil-

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